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Deutsche Übersetzung: DreiKaeseHoch, epoillac
The State is Counter Revolutionary ist ursprünglich ein vierteiliger Video-Essay auf Daniel Baryons YouTube-Kanal „Anark“.
Zusätzlich lud er das Skript dieses Video-Essays in leicht abgewandelter Form auf der Anarchist Library hoch. Dieses Skript dient als Grundlage für die Übersetzung.
In den vorangegangenen Teilen dieses Essays haben wir uns ausführlich mit der Geschichte auseinandergesetzt und eine Sammlung von theoretischen sowie empirischen Argumenten angelegt, die darlegen, warum Staaten Kräfte der antisozialistischen Selbstsabotage sind. Wir haben zwei Beispiele analysiert, in denen der staatliche Ansatz jeweils auf komplett unterschiedliche Art und Weise verwendet wurde, sodass wir ihre Ergebnisse vergleichen und gegenüberstellen konnten.
Sollte es für den Staat möglich sein, ein anderes Ergebnis als erzwungene Unterwerfung der Massen und Sabotage der Arbeiterkontrolle zu erzielen, dann hätten wir erkennen können, dass sich China und die Sowjetunion in diesem Punkt unterschieden. Allerdings schlugen beide Länder einen ähnlichen Weg ein, obwohl die materiellen Gegebenheiten und ideologischen Ansätze verschiedener nicht hätten sein können. Warum? Und was führt dazu, dass manche Menschen trotz der Tatsache, dass diese Projekte zum heutigen Zeitpunkt auf jeden Fall kapitalistische Eigentumsverhältnisse erreicht haben, diese weiterhin unterstützen? Das sind die zwei Fragen, die wir in diesem vierten und letzten Teil dieses Essays untersuchen werden.
Bevor wir beginnen möchte ich klarstellen, dass man einer:einem Sozialist:in, die vor den Misserfolgen des 20. Jahrhunderts gelebt hat, schlecht Vorwürfe für den Glauben an einen möglichen Erfolg eines Übergangsstaates machen kann. Trotz der theoretischen Begründungen und historischen Beispiele, die die Anarchist:innen jener Zeit anführten, um ihre Zweifel zu äußern, war die Frage, inwiefern ein Staat den Interessen des Proletariats dienen könne, noch eine offene, deren finale Beantwortung noch Experimente benötigte. Immerhin hatten alle bürgerlichen Revolutionen den Staat als Mittel zum Sturz der Monarchie genutzt. Vielleicht dachten sie sich, dass die Anarchist:innen eventuell einfach nur Purist:innen und Zyniker:innen seien. Nun befinden wir uns aber nicht mehr in dieser Zeit und können auf eine Riege an Versuchen zurückblicken, die den Staat als Mittel zur Erreichung des Sozialismus verwendet haben und können diese historisch analysieren. Heutzutage ist es eine Tatsache, dass der Staat das Projekt der Arbeiterbefreiung genau auf die von Anarchist:innen vorhergesagte Weise sabotiert hat. Die Anarchist:innen waren also im Nachhinein betrachtet weder Purist:innen noch Zyniker:innen; sie waren Realist:innen. Viele Varianten des Staatssozialismus wurden ausprobiert und alle entwickelten sich zurück zu Kapitalismus, Staatskapitalismus und im besten Falle noch Sozialdemokratie. Der Ausgang all dieser Projekte unterstreicht wieder und wieder die Worte Bakunins, dass
[…] eine Diktatur kein anderes Ziel haben kann, als nur das eine, sich zu verewigen, und daß sie in dem Volk, das sie erträgt, nur Sklaverei zeugen und nähren kann; Freiheit kann nur durch Freiheit geschaffen werden […]. (1)
Da wir jetzt dieses Thema in Angriff nehmen, lasst uns noch kurz festhalten, was die gemeinsamen Ziele aller sozialistischer Revolutionär:innen sind: (1) Den Massen die uneingeschränkte Kontrolle über ihre Arbeitsplätze zu verschaffen. (2) Absicherung gegen Reaktion und Sabotage während der Übergangsphase zu bieten.
Wie also rechtfertigen autoritäre Sozialist:innen ihre Weltanschauung, wenn es doch eine Tatsache ist, dass ihre Praxis unausweichlich den Sozialismus im Keim erstickt und stattdessen kapitalistische Verhältnisse reproduziert? Wie wir in Teil 1 feststellen konnten, lässt sie sich nicht über irgendeine Form theoretischer Stringenz rechtfertigen. Teil 2 und 3 zeigten, dass sie ebenfalls nicht die beste Erfolgsgeschichte in Sachen Arbeiterkontrolle aufweist. Wir werden sehen, dass der Hauptgrund für solch eine Rhetorik darin liegt, dass die Staatsbefürworter:innen eine Mythologie erschaffen haben, in der sie sich selbst als wahre Utilitarist:innen der politischen Linken ansehen. Sie glauben, dass sie die notwendigen Opfer für die Errichtung des Sozialismus erbringen. Dabei ist es ihnen egal, ob sie als Schurk:in angesehen werden und sich mit Blut beschmieren, da sie der Überzeugung sind, eines Tages als Helden gefeiert zu werden. In anderen Worten: sie glauben, dass der Zweck die Mittel heiligt, haben dabei aber keinen blassen Schimmer davon, wie der Zweck fundamental mit den Mitteln verflochten ist. Ein Großteil der Basis dieser Utilitarismus-Mythologie wurde von Lenin selbst geschaffen, wurde aber stetig durch eine Riege an Apologist:innen und Heiligenforscher:innen erweitert. Viele von ihnen setzten ihr großes Wissen und ihre Intelligenz dafür ein, möglichst viele Entschuldigungen dafür zu finden, dass staatskapitalistische Projekte auf der gesamten Welt keine Arbeiterkontrolle erreichten, anstatt den Weg der Befreiung wiederzuentdecken. Im Verlangen, diese politischen Systeme als erfolgreiche Beispiele darzustellen, nannten sie diese arroganterweise „realexistierender Sozialismus“, was suggerieren soll, dass alle anderen Formen sozialistischer Praxis nicht durchführbar, idealistisch oder realitätsfern seien. Die wichtigsten Beispiele für den „realexistierenden Sozialismus“ sind die UdSSR und das maoistische China, was ein Grund für unsere Behandlung der beiden Projekte in Teil 2 und 3 war, es gibt aber noch etliche weitere Beispiele, die wir aus zeitlichen Gründen ausgelassen haben.
Eines der wichtigsten Argumente, was immer wieder zur Verteidigung des Linksautoritarismus genutzt wird, ist die Behauptung, die Projekte seien als eine Reaktion auf die globale kapitalistische Hegemonie konzipiert. In dieser Aussage liegt jedoch eine weitere, unausgesprochene Behauptung: Sozialismus ist zu schwach, um sich selbst zu verteidigen. Diese Behauptung ist die Grundlage dafür, dass überhaupt der Begriff „sozialistischer Staat“ genutzt wird: die Arbeitenden sind zu leichtsinnig und unkonzentriert, um sich selbst im Kampf gegen den Kapitalismus anzuführen. Der Staat stellt als Organ für die Verwaltung der ignoranten Massen im Kampf gegen andere Hierarchien ein notwendiges Übel dar. Selbst wenn man die entschärfteste Version dieser Behauptung nutzen würde, also nicht den Sozialismus als zu schwach, sondern den Kapitalismus nur als übermäßig stark darzustellen, bleibt die Aussage gleichermaßen konterrevolutionär: Herrschaft ist effizienter als Selbstverwaltung!
Das wiederum stützt Argumente rund um den „Produktivismus“, die behaupten, dass solche Projekte zuerst eine Phase des Kapitalismus durchlaufen müssten, um die Produktionskapazitäten des jeweiligen Landes zu erhöhen und weiterzuentwickeln. In anderen Worten: Linksautoritäre glauben, dass Kapitalismus effektiver Infrastruktur und Produktionskapazitäten entwickelt als Sozialismus. Wir können also erkennen, dass auch dieses Argument selbst in seiner entschärftesten Form grundlegend antisozialistisch ist.
Wenn also Arbeiterkontrolle angeblich so anfällig für Sabotage ist und so schlecht darin, die eigene Infrastruktur aufzubauen, wann würde in der staatssozialistischen Praxis das goldene Zeitalter erreicht, in dem alle Gegner:innen der Arbeiterkontrolle besiegt und die Infrastruktur ausreichend ausgebaut wurde? Sollen wir uns eine komplett realitätsferne Welt vorstellen, in der eine einzige internationale staatskapitalistische Wirtschaft den gesamten Planeten umfasst und die höchste Kaderebene, die den Arbeitenden über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte ihre Macht abgegraben hat und so zur Weltherrschaft gelangt ist, wohlwollend ihre Macht an das Volk abgibt? Selbst wenn man das annähme, stellt sich immer noch eine Frage: wie sollen die zukünftigen Herrscher:innen überhaupt wissen, wann die Produktionskapazitäten ausreichend für den Übergang zur Arbeiterkontrolle sind?
Diese Fragen bleiben unbeantwortet, weil sie einer Zukunftsfantasie entstammen. Von uns wird erwartet, dass wir die Befreiung der Menschheit einer kleinen Gruppe an Herrschenden anvertrauen und dass wir darauf hoffen, dass diese irgendwann ihre Macht freiwillig abgeben. Diese Art, die Massen zu ködern, ist keinesfalls einzigartig. Ganz im Gegenteil erzählt sie die Geschichte, wie die Massen ihre eigene Autonomie und Würde in jeder Epoche geopfert haben.
In „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (2) und „Die historische Rolle des Staates“ (3) liefert Kropotkin eine auch noch heutzutage sehr überzeugende Analyse, wie wohl die frühen Spuren der Herrschaft in den Dorfgemeinschaften Europas entstanden. In dieser Zeit wurden Gesellschaftsformen, die seit Jahrtausenden auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und des Volksrechts beruhten, von kriegführenden Stämmen angegriffen. Das führte allerdings nicht zu einem „Krieg aller gegen alle“ nach Hobbes. Die Dorfgemeinschaften zogen den Frieden vor. Aus diesem Grund waren sie einfach dazu zu bewegen, einen bestimmten Teil an Land und Ernte gegen von militärischen Bruderschaften gewährte Sicherheit einzutauschen. Gleichzeitig begannen die bäuerlich lebenden Menschen, die jahrhundertelang die Speicher für das Volksrecht waren, dieses Wissen und seine Anwendung Spezialist:innen anzuvertrauen. Ergebnis dieser Opfer war laut Kropotkin, dass sich
[…] Schritt für Schritt [...] die erste „Machtkonzentration", die erste wechselseitige Herrschaftsversicherung [bildete], jene zwischen dem Richter und dem Kriegsobersten, und kehrte ihre Spitze gegen die Dorfgemeinde. Ein und derselbe Mann bekleidet diese beiden Funktionen. Er umgibt sich mit Bewaffneten, die seine Richt[]spriiche zur Ausführung bringen; er verschanzt sich in seinem Turm; er häuft in seiner Familie die Reichtümer jenes Zeitalters an: Brot, Vieh, Eisen, und nach und nach unterwirft er die umwohnenden Bauern seiner Herrschaft (3)
Auf diese Art und Weise wurde – wenn auch nicht komplett – die Grundlage für die gottgegebene Ordnung geschaffen. Durch das Abgeben der Macht an eine kleine Gruppe, machten die Bäuer:innen einen Kuhhandel mit ihrer eigenen Autonomie, tatsächlich sogar noch einen größeren, als die Staatssozialist:innen von uns fordern, da sie den Bruderschaften zuerst gar keine diktatorische Autorität einräumten. Da sie jedoch die Samen der Herrschaft akzeptiert hatten, ernteten sie spätestens im 11. und 12 Jahrhundert die Wurzeln der Beherrschung und realisierten, welchen Deal sie sich da vor so langer Zeit angelacht hatten.
An den Orten, an denen die Dorfgemeinschaften rebellierten und das Joch ihrer Herren abwarfen, entstanden die ummauerten freien Städte des Mittelalters. Diese waren die einzigen Orte, an denen das kommunale Zusammenleben, die bedarfsgerechte Verteilung, die reichhaltige Kunst und Architektur sowie der wissenschaftlicher Fortschritt über Jahrhunderte hinweg erblühte. Wo auch immer hingegen die Dorfgemeinschaften den adligen Herren nachgaben – sei es durch fehlgeschlagenen Widerstand oder durch Unterwerfung – wurde der kommunale Lebensstil zerstört und durch die kulturelle Vorherrschaft dieser kleinen Könige und ihrer Ideologie des Machterhalts für viele Jahrhunderte verdrängt. Wie alle Herrschenden in der Menschheitsgeschichte versuchen auch moderne Staaten uns von einer fundamentalen Lüge zu überzeugen: dass unsere eigene Unterordnung unter die derzeitigen Herrschenden das einzige ist, was zwischen uns und einer noch brutaleren Unterordnung unter neue Herrschende steht. Kein Staat kann so gestaltet werden, dass er wirklich als ein Werkzeug zur Befreiung der Menschen fungiert. Diese Vorstellung ist eine Illusion, die immer dann relevant wird, wenn eine Herrschergruppe einer anderen weicht oder wenn sich Widerstand gegen solch einen Herrschaftswechsel regt. Staaten interessieren sich ausschließlich für die Kontrolle der Massen. Indem wir ihre fundamentale Lüge glauben und aus Angst vor äußeren und inneren Feinden handeln, akzeptieren wir eine allgegenwärtige, tägliche Herrschaft durch den Staat. Kurz gesagt verinnerlichen wir, dass wir es verdienen, beherrscht zu werden. Wir beugen uns einer riesigen Sicherheits-Abzocke.
Es wird letztendlich immer spürbare Feinde des Fortschritts geben, sowohl im Inneren als auch von außen. Wenn wir also daran glauben, dass Sozialismus inhärent fragil ist, wie es von autoritären Sozialist:innen gefordert wird, dann wird der Sozialismus für alle Ewigkeit anfällig für ebendiese Form der Sabotage sein. Was wird jemanden davon abhalten, eine kapitalistische Konterrevolution zu starten, wenn doch Zentralisation und Hierarchie so effiziente Mittel zur Machtergreifung sind? Was wird sie davon abhalten, uns erneut in den Rücken zu fallen und unsere filigranen sozialen Beziehungen zu zerschlagen? Ist eine sozialistische Gesellschaft laut dieser Vorstellung also eine, die stets kurz davor ist, zurück in die Staatsherrschaft zu rutschen? Auf diese Weise stellt die staatssozialistische Linie eine mächtige Form des konterrevolutionären Nihilismus dar, da sie annimmt, dass der Sozialismus es als Gesellschaftsform nicht mit dem Kapitalismus aufnehmen kann. Der autoritäre Sozialismus ist eine schwache Antithese, die sich selbst stützt, indem sie die Machtstrukturen der vorangegangenen Epoche nachahmt und die nicht einmal dazu fähig ist, Kapitalismus mit einem sozialistischen Wirtschafts- und Regierungsprogramm zu synthetisieren.
Wenn wir nun mit all diesem Wissen im Hinterkopf auf die Zukunft blicken, wird eine Sache klar: wenn der Staat herrschen darf, wird er immer darauf beharren, weiter zu herrschen, um unsere angeblich schwachen Projekte der Arbeiterkontrolle vor der unendlichen Flut an Gefahren zu schützen. Jede noch so kleine Form des Widerstands gegen die Staatsgewalt, jeder noch so kleine Sabotageakt wird zu einer existenziellen Bedrohung hochstilisiert, vor der uns nur der Staat beschützen kann. Dies ist keineswegs ein neuer Trick; es ist die fundamentale Lüge des Staates in Aktion.
Die Autoritären, die so verbissen für die bevormundende Herrschaft des Staates argumentieren, haben sich dadurch ideologisch infantilisiert und eine hyperreduktive geopolitische Sichtweise entwickelt, und zwar genau jene, von der ein Staat gerne hätte, dass sie diese haben. „Sozialistisch“ wird krankhaft mit „sich kapitalistischen Staaten widersetzend“ beziehungsweise „sich gegen die USA und seine Vasallen widersetzend“ verwechselt. Sie versuchen, die Kämpfe des gesamten Planeten so krass zu simplifizieren, dass die Parteien in einen von zwei Blöcken hineinpassen: den „bösen imperialistischen Staaten“ und den „guten antiimperialistischen Staaten“. Dadurch wird die Frage nach der Arbeiterbefreiung in eine einzige Frage heruntergebrochen: „unterstützt ihr die imperialistischen oder die antiimperialistischen Mächte?“ Und wehe denen, die die sich ihrer reduktiven Ansichten nicht beugen wollen. Diejenigen Staatsbefürworter:innen, die diese Position vertreten, können überhaupt nicht verstehen, wie ein „antiimperialistisches“ Gesellschaftskonstrukt aussehen könnte. Stattdessen befürworten sie im Kampf der verschiedenen Machtzentren einfach nur einen imperialistischen Block mehr als einen anderen. Obwohl in den Monarchien der vergangenen Zeiten die Monarch:innen mal mehr und mal weniger Macht innehatten und die Gilden und Zünfte sowie Arbeiterkontrolle mal eine größere und mal eine kleinere Rolle spielten, verkörperten diese geopolitischen Monarchie-Blöcke noch nicht den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Sie verkörperten ganz im Gegenteil nur Varianten des Feudalismus mit variierendem Freiheitsgrad. Diese schwarz-weiß-gedachte campistische Weltsicht der Staatssozialist:innen ist also nicht viel anders, als das feudale Frankreich dem feudalen Vereinigten Königreich vorzuziehen.
All das ist der Grund, warum es höchst fragwürdig ist, autoritäre Projekte als antiimperialistisch zu bezeichnen. Wenn ein Staat durch die Zentralisierung von Kontrolle mächtig genug wird, das Vorgänger-Imperium zu stürzen, dann hat er alle nötigen Werkzeuge, um selbst das nächste Imperium zu werden. Alle Staaten sind Machtanhäufungs-Maschinen, die ab einer ausreichenden Größe und Stärke zwangsläufig all ihre angehäufte Macht nutzen werden, um die Macht einer jeden Gruppe zu brechen, die eine Gefahr für die zukünftige staatliche Herrschaft darstellt. So zwingen sie alle Projekte in ihrem Einflussbereich, sich wieder der staatlichen Gewalt unterzuordnen. Dies ist also keine Frage der moralischen Stärke der Herrschenden, es ist eine Frage der mechanischen Gewissheit und der Zeit. Ein Staatsapparat wird abseits dessen, dass er selbst ein imperialistisches Konstrukt ist, das ausschließlich Herrschaft und Machtanhäufung anstrebt, nur ihm unterwürfige Vasallen tolerieren. Seine Staatsleute wissen dabei ganz intuitiv, dass keine Gruppe an Menschen, die sich dem Staat verweigert haben, sich dem Willen des Staates beugen werden. Deshalb können Staatssozialist:innen ausschließlich andere zentralisierte und staatlich organisierte Projekte dulden, die die gleiche sozialistische Ästhetik haben. Die bloße Existenz von basisdemokratischer Verwaltung, egal ob fragil oder robust, deckt die Lüge nach der Notwendigkeit eines Staates auf. Immerhin wird sich die blinde Anhäufung an Staatsmacht als gefährliche Zeitverschwendung offenbaren, wenn der Sozialismus in dieser Welt existieren kann und sich als Möglichkeit herausstellt, den Kapitalismus abzulösen. Eine Zeitverschwendung, die in ihrem verblendeten Festhalten an einer konterrevolutionären Praxis die zugrundeliegende Idee betrogen hat und deren Propaganda dann wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde.
Imperialismus ist also nicht nur das Endstadium des Kapitalismus, er ist das Endstadium aller Machtkonzentration, der es erlaubt wird, ihre Ziele zu verfolgen. Kotoku Shusui, ein japanischer Anarchist, der rund um 1900 lebte, schrieb in seinem Werk „Imperialismus: Monster des zwanzigsten Jahrhunderts“, dass Imperialismus als eine Seuche anzusehen ist und in der
[...]Patriotismus der Erreger ist, der die Seuche verursacht und Militarismus das Mittel ist, mit Hilfe dessen er übertragen wird (4)
Solche patriotische Propaganda wird zwangsläufig jeder Staat produzieren. Der Staat, der sein Existenzrecht über die Notwendigkeit zur Abwehr innerer und äußerer Gefahren definiert, besteht darauf, selbst der Speicher einer anerkannten nationalen Identität zu sein. Er ist der Erhalter der Staatsgrenzen und kontrolliert die Authentizität der nationalen Vision. Einen seichten Patriotismus aufrechtzuerhalten liegt also im Fundament eines jeden Staates.
Auch wenn eine zentrale Avantgarde vielleicht der Befreiung eines Volkes von einer:einem vorangegangenen Despot:in dienlich sein kann und sich dabei mit beinahe absoluter Sicherheit als einzige Kraft zur Abwehr von externen Sabotageversuchen darstellen wird, wird diese Avantgarde, wenn sie expandieren darf, zu einer neuen despotischen Klasse an Herrschenden heranreifen, genau so, wie es bei den militärischen Bruderschaften in den Dorfgemeinschaften der Fall war. Die autoritärsozialistische Praxis ist also keine wirklich antiimperialistische Kraft, da sie selbst den Imperialismus als Konstrukt nie beseitigen kann. Im besten Fall ist sie eine Ideologie der imperialen Absicherung und, falls man sie ihre Mittel zur Machtanhäufung nutzen lässt, eine Ideologie des imperialen Wettbewerbs. Der wahre Gegensatz zum Imperialismus ist die Zerstörung all der Strukturen, die Imperien entstehen lassen. Das einzige Konstrukt, was solch einer Sache gewachsen ist, ist eine staatslose, direkte Kontrolle durch die Massen.
Wenn diese Umstände angeführt werden, werden einige autoritäre Linke einen Rückzieher machen und stattdessen ein komplett anderes Argument vortragen. Sie argumentieren, staatliche Projekte sind erfolgreiche sozialistische Transformationen, weil die wirtschaftlichen Bedingungen den vorangegangenen überlegen sind, indem sie auf einen höheren Lebensstandard als einzig relevanten und diskussionswürdigen Parameter verweisen. Dies ist erkennbar in den oft zitierten Worten Michael Parentis: „Die Revolution, die ihre Kinder ernähren kann, genießt meine Unterstützung“. Solch ein Argument klingt zunächst einmal gut, bis man länger darüber nachdenkt. Das Argument ist insofern stimmig, als dass eine Revolution, die die Schreckensherrschaft eines imperialistischen Aggressors abwendet und die Lebensqualität des Volkes verbessert, durchaus als eine erfolgreiche Revolution bezeichnet werden kann und wir sollten hier besonders klar machen, dass wir kein Zurückfallen der staatskapitalistischen Gesellschaften in vergangene Formen wollen, es heißt aber noch lang nicht, dass diese auch erfolgreiche sozialistische Revolutionen waren. Tatsächlich können diese Revolutionen viel mehr als erfolgreiche bürgerliche Revolutionen verstanden werden, ganz ähnlich denen, die Europa aus dem Feudalismus in den Kapitalismus befördert haben. Indem sie sich unter der Ästhetik des Sozialismus verbargen, haben diese staatskapitalistischen Projekte einen verdrehten rechtfertigenden Ethos geschaffen, um kapitalistische Eigentumsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Wie Marx in seiner „Kritik des Gothaer Programms“ sagte:
Die kapitalistische Produktionsweise […] beruht darauf, daß die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist. Sind die Elemente der Produktion derart verteilt, so ergibt sich von selbst die heutige Verteilung der Konsumtionsmittel. Sind die sachlichen Produktionsbedingungen genossenschaftliches Eigentum der Arbeiter selbst, so ergibt sich ebenso eine von der heutigen verschiedne Verteilung der Konsumtionsmittel. Der Vulgärsozialismus […] hat es von den bürgerlichen Ökonomen übernommen, die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen. (5)
Wenn diese Tatsache angeführt wurde, weichen Staatssozialist:innen manchmal auf ein weiteres Argument aus. Sie werden sinngemäß folgendes sagen: „Okay, die Arbeitenden besitzen also nicht die Produktionsmittel. Aber Sozialismus entsteht nicht von heute auf morgen! Am besten wird Sozialismus als Übergangsphase zwischen Kapitalismus und Kommunismus verstanden. Deswegen ist das, was diese Projekte praktizieren, Sozialismus.“ Während dieses Argument zunächst plausibel klingt, ist es nur eine weitere von Lenins Erfindungen, eine bedeutungslose Tautologie und sogar ein Stück beschwichtigender antisozialistischer Propaganda. Solch eine Beschreibung liefert keinerlei Anhaltspunkte, an denen man festmachen könnte, wann ein Wirtschafts- oder Gesellschaftssystem sozialistisch ist. Es fordert implizit den Fortschritt in der Arbeiterkontrolle als Hauptmetrik des Sozialismus durch reine Ästhetik und leere Versprechungen zu ersetzen. Wenn Sozialismus nur „der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus“ ist, ohne begleitende Anhaltspunkte, die es ermöglichen, eine Gesellschaft anhand dieser zu beurteilen, dann ist das einzige, was benötigt wird, eine Regierung, die behauptet, dass sie eines Tages den Kommunismus einführen wird. Das ist eine Definition, die eine Zeitmaschine zur Überprüfung braucht und eine Einladung zur Herrschaft von Scharlatan:innen.
Wenn ein Staat der Überzeugung ist, dass er sich selbst nur sozialistisch nennen müsste, um als sozialistisch zu gelten, hat er keinerlei Verpflichtung, die kapitalistischen Bedingungen zu überwinden. Anstatt einen Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus darzustellen, sind diese Projekte viel mehr Programme zum Ausbau kapitalistischer Infrastruktur, nur wird diese eben durch den Staat und nicht durch den Markt an Privatkapitalist:innen kontrolliert, was Autoritäre auch manchmal durch ihr Produktionskapazitäts-Entwicklungs-Argument zugeben. Traurigerweise geht die Marktkontrolle in den meisten Fällen sowieso wieder zu den Privatkapitalist:innen über.
Das einzige, was ein politisches oder wirtschaftliches System sinnvoll definiert, ist eine mechanische Beschreibung seiner Institutionen und eine Analyse der Machtstrukturen. Ein System kann nur anhand seiner tatsächlichen materiellen Struktur wirklich verstanden werden. Und glaubt ja nicht, das sei nur das Verständnis von Anarchist:innen. Das war das Verständnis aller radikalen Sozialist:innen vor den Niederlagen des 20. Jahrhunderts. Selbst Engels, der oft als autoritärer als Marx angesehen wird, schrieb in seinem Werk „Anti-Dühring“:
Staatseigentum [] hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte [nicht] auf. […] Je mehr Produktivkräfte [der Staat] in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. (6)
Marx pflichtet Engels in „Das Kapital“ wie folgt bei:
Die Gestalt […] des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht. (7)
Angesichts dieser Argumente ist das einzige was bleibt eine ästhetische Hülle der sozialistischen und kommunistischen Projekte, für die einst so viele gekämpft hatten. Alles, was im Namen des Kommunismus getan wird, alles was seine Schirmherrschaft in Anspruch nimmt, alles was sich seine Symbolik aneignet oder seine Rhetorik imitiert, wird als Sozialismus bezeichnet, solange es verspricht, eines Tages in ein Projekt der Arbeiterkontrolle überzugehen. Die modernen autoritären Sozialist:innen, die auch den letzten Funken Arbeiterbefreiung geopfert haben, sind zu Ästhet:innen verkommen. Da sie kein vielversprechendes Beispiel für ein zukünftiges sozialistisches Wirtschaftsmodell parat haben, beschäftigen sie sich mehr mit Ästhetik und ideologischer Treue als mit der tatsächlichen materiellen Neuordnung der Gesellschaft in die Hände der Arbeitenden.
Leider bringen diese Umstände autoritäre Linke an den Punkt, an dem sie sich der Verteidigung staatskapitalistischer Projekte verschreiben, anstatt durch die Arbeiter:innen kontrollierte Ökonomien zu unterstützen, wenn diese auftreten. Da sie sich an bürgerliche Revolutionen klammern, verleumden sie alle, die sich dem staatlichen Block entgegenstellen. Sogar überzeugte Sozialist:innen werden als Reaktionär:innen, Konterrevolutionär:innen oder Antikommunist:innen und so weiter abgestempelt. Wenn also ein durch die Arbeitenden kontrolliertes und konföderal verwaltetes Projekt im Kampf entsteht, werden der zentralisierte Staatsapparat und seine Anhänger:innen nicht nur die Misserfolge dieses Projektes in die weite Welt verbreiten. Oftmals werden sie das Projekt sogar aktiv von außen unterwandern, wie es im Fall der CNT-FAI im spanischen Bürgerkrieg, den freien ukrainischen Territorien, dem sozialistischen Jugoslawien oder der Shinmin-Kommune in Korea passiert ist.
Auf diesem Berg an Widersprüchen und haufenweise nachgewiesener antisozialistischer Maßnahmen sitzend, erlauben die Autoritären keinen einzigen Makel in horizontalen, durch die Arbeitenden kontrollierten Projekten. Ebenfalls ist es nicht vorgesehen, dass diese Gesellschaften der Arbeiterkontrolle, die in ihrem Kampf für einen tatsächlichen materiellen Gegenentwurf ihr bestes geben, irgendeine Form materieller Unterstützung erhalten. Für autoritäre Linke wäre das ein konterrevolutionärer Kompromiss für sich und selbstzerstörerischer Purismus für die anderen. Utilitarist:innen sind sie also ziemlich sicher nicht. Sie sind stattdessen vielmehr Ästhet:innen, die den Staatsschrein anbeten.
James C. Scott erarbeitet in seinem Buch „Wie ein Staat sehen“ (8) eine robuste Theorie darüber, warum und wie die Katastrophen des Staates geschehen. Die Hauptthese seines Buches kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Zuerst einmal gibt es Scotts vielleicht wichtigste Idee, die er „Verständlichkeit“ (eng. „legibility“) nennt. Er behauptet, dass Informationen, um von einer gewissen Einheit – Gemeinschaft oder Individuum – verarbeitet zu werden, diese für besagte Einheit verständlich sein muss. In anderen Worten: die Informationen müssen in die Struktur der jeweiligen Einheit passen und müssen so weit komprimiert werden, dass sie letztendlich auch angenommen und verarbeitet werden können.
Der Staat ist eine inhärent zentralisierte Einheit und besteht aus einer kleinen Gruppe an Menschen, trotzdem macht er Vorschriften, die die gesamte Bevölkerung betreffen, über die er herrscht. Weil jedoch die Bevölkerung sowohl als Gruppe als auch als einzelne Individuen ihre eigenen Bedürfnisse hat und es gleichzeitig physikalische Grenzen in den Köpfen der wenigen Menschen innerhalb des Staatsapparats gibt, die es ihnen nicht ermöglichen, die komplexe Welt um sie herum vollständig zu verstehen, nötigt der Staat die Informationen dazu, für ihn verständlich zu werden. Diese Vereinfachung kann jedoch niemals der Vielfalt und Tiefe der tatsächlichen Informationslage an der Basis gerecht werden und will das oft auch gar nicht. Stattdessen hat der Staat die Tendenz, diejenigen Informationsstückchen herauszupicken, die für ihn am nützlichsten sind, indem er diese Komplexität der Informationslage für sich verständlich macht.
Dieses Herunterbrechen von Informationen aufgrund der Notwendigkeit zur Verständlichkeit nennt Scott „die synoptische Sichtweise“. Die für den Staat verständliche Information wird zu einer Synopse, einer Zusammenfassung der echten Welt. Dadurch, dass er den Inhalt dieser Zusammenfassung selbst wählt und gleichzeitig Entscheidungen auf Basis dieser fällt, setzt der Staat seine Herrschaft zyklisch durch. Zuerst durch die Entscheidung, welche Daten er erhebt und dann in seinem Handeln, wenn er gemäß seiner Bedürfnisse wieder auf Gesellschaft und Ökosysteme einwirkt. Der Staat, der „Ordnung“ als „Einhalten der staatlichen Maximen“ begreift, erstickt somit die robuste Vielfalt der realen Welt. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass es keine metaphysische Umwandlung des Staates gibt. Keine ideologische Rückübersetzung der Absichten der herrschenden Einheit kann letztendlich irgendwann zum Erreichen der Arbeiterkontrolle führen. Die Struktur des Staates steht im fundamentalen Kontrast zu dem Bedürfnis der Massen nach Selbstbestimmung.
Rudolf Rocker vertritt in „Nationalismus und Kultur“ eine ganz ähnliche These. Sein Fokus liegt jedoch darauf, wie die synoptische Sichtweise des Staates eine kreative und kulturelle Stagnation der Menschheit hervorruft. Schon am Beginn seines Werkes fasst er das gut zusammen:
Politische Herrschaft strebt immer nach Uniformität. In ihrer blöden Sucht, alles gesellschaftliche Geschehen nach bestimmten Grundsätzen ordnen und lenken zu wollen, ist sie stets darauf erpicht, alle Gebiete menschlicher Betätigung einer einheitlichen Schablone zu unterwerfen. Damit gerät sie in einen unlösbaren Gegensatz mit allen schöpferischen Kräften des höheren Kulturgeschehens, das stets neuen Formen und Gestaltungen Ausschau hält, infolgedessen an das Mannigfaltige und Vielseitige des menschlichen Strebens ebenso gebunden ist wie die politische Macht an die Schablone und die starre Form. Zwischen den politischen und wirtschaftlichen Machtbestrebungen privilegierter Minderheiten in der Gesellschaft und der kulturellen Betätigung des Volkes geht immer ein innerer Kampf vor sich, da beide nach verschiedenen Richtungen drängen, die sich freiwillig nie verschmelzen lassen und nur durch äußeren Zwang und geistige Vergewaltigung zu einer scheinbaren Harmonie zusammengefügt werden können. (9)
Die synoptische Sichtweise ist kein vernachlässigbarer Fehler, kein Problemchen, um dass sich gekümmert werden kann, wenn Macht bereits angehäuft wurde. Sie ist eine ewig währende Tatsache darüber, wie sich Gesellschaften ordnen, wenn Engstellen in der Volkskontrolle eingebaut werden. Je uneingeschränkter zentralisierte Machtstrukturen in die Leben der Menschen eingreifen, desto mehr zwingen sie die Menschen in steife, störrische Schemata, die die robuste Diversität der realen Welt einengen und so Elend über die Menschen und komplexe Ökosysteme zum kollabieren bringen.
Der Ökosystem-Kollaps-Aspekt wird zwar von James C. Scott in „Wie ein Staat sehen“ beleuchtet, allerdings behandelt ihn der Umweltschützer Murray Bookchin in seinem Lebenswerk noch gründlicher. In seinem Werk „Ökologie und die revolutionäre Idee“ führt er diesen Punkt sehr gut aus:
… die Menschen machen die organische Evolution rückgängig. Indem sie ausgedehnte urbane Anhäufungen von Beton, Metall und Glas erschaffen, indem sie die subtil organisierten Ökosysteme, die die lokalen Unterschiede der natürlichen Welt ausmachen, überschreiben und unterwandern – kurzum, indem sie die hochkomplexe natürliche Umgebung durch eine vereinfachte, unnatürliche Umgebung ersetzen – reißen die Menschen die biotische Pyramide ein, die sie über unzählige Jahrtausende versorgt hat. Im Zuge der Ersetzung der komplexen ökologischen Beziehungen, auf denen alles höher entwickelte Leben aufbaut mit rudimentäreren Beziehungen, stellen die Menschen langsam aber stetig eine Form der Biosphäre wieder her, die nur einfachere Lebensformen ernähren und versorgen kann. Wenn dieser Rückbau der Evolution weiter voranschreitet, ist es keineswegs abwegig anzunehmen, dass die Lebensgrundlage für höher entwickeltes Leben irreparabel zerstört werden und die Erde nicht mehr fähig sein wird, die Menschheit zu beheimaten. (10)
Zentralisierung und Machthierarchien erwürgen nicht nur die menschliche Kreativität und drängen Gesellschaften in die moderne Sklaverei. Sie sind der Grund dafür, dass wir daran scheitern, uns um die Umwelt zu kümmern. Oder in den Worten Bookchins im selben Werk:
Das Ungleichgewicht, was die Menschen in der Natur verursachen, rührt von dem Ungleichgewicht her, das die Menschen in der sozialen Welt verursachen. (10)
Wir können die vor uns liegenden Probleme nicht mal ansatzweise lösen, solange wir uns weigern, uns allen Schemata der Vereinfachung und Zentralisierung zu widersetzen. Diese Pläne für die Weiterentwicklung der Menschen sind nicht nur der Feind von sozialistischen Revolutionen, sie sind der Feind von allen zukünftigen Bedingungen für Leben auf der Erde. Die Erkenntnis, die letztendlich gebraucht wird, wenn wir also die revolutionäre Energie des frühen 20. Jahrhunderts zurückgewinnen wollen, ist folgende: Wir haben die letzte Weltrevolution nicht gewonnen. Wir haben verloren. Kuba, China, Venezuela, die Volksrepublik Korea und all die anderen sind keine sozialistischen Erfolge. Vielleicht sind sie Verbesserungen gegenüber der Vorgänger-Paradigmen, sie sind schlussendlich aber die Vereinnahmung einer Befreiungsbewegung, die durch den konterrevolutionären Staat hingerichtet wurde. Wir müssen uns erneute Kämpfe planen und wir müssen diese Kämpfe gegenteilig zu den Misserfolgen der Autoritären planen. Sie hatten ihre Chance und ihre Praxis hat all die Millionen Menschen betrogen, die ihr Blut für die Errichtung der Arbeiterkontrolle gegeben haben. Überall auf dem Planeten existieren Projekte, die Hoffnung machen, manche kleiner, manche größer, außer dort, wo früher einmal die staatlichen Revolutionen vonstatten gingen. All diese Projekte sind nun gefangen in einem Kreislauf von Revanchismus und bürgerlicher Vormundschaft. Oder wie Guy Debord es in seinem „Gesellschaft des Spektakels“ formulierte: „[…] die Bourgeoisie [ist] die einzige revolutionäre Klasse [], die jemals gesiegt hat“(11).
Sei also gewiss: der einzige Weg vorwärts bei der Befreiung der Menschen ist die Zusammenkunft aller unterdrückten Völker, um die Machtgierigen zu stürzen und all die Mechanismen zu zerstören, die Machtanhäufung ermöglichen. Das gilt für Staat und Kapital, aber auch für die Ideologie der weißen Vorherrschaft, Kolonialismus, Imperialismus, Transfeindlichkeit, Sexismus, Ableismus und alle anderen Formen des Fanatismus. Die Weltanschauung, die vielleicht diese verschiedenen Kämpfe mitsamt ihren strukturellen Eigenheiten zusammenführen könnte, ist der Anarchismus, der libertäre Sozialismus, egal wie er genannt wird oder welche Menschen ihn praktizieren. Befreiung kann nur aus der Feindschaft gegenüber allen Macht- und Privilegienhierarchien entstehen. Der Staat ist nur eine Form der menschlichen Herrschaft, allerdings eine so weit verbreitete, dass er sogar andere Sozialist:innen von seiner Notwendigkeit überzeugt hat. Indem sie jedoch diesem Mythos zum Opfer fallen, werden sie zu Knechten einer Maschine. Sie sind überzeugt von den großen Anführer:innen und davon, dass diese diesen Platz am Steuer verdient haben. Indem sie sich bei dieser Maschine einschleimen, stellen sie sich den Zielen derjenigen Menschen entgegen, die Befreiung suchen.
Sie sind des Weiteren davon überzeugt, dass ihre großen Anführer:innen und ihre Parteien die Kräfte hinter dem revolutionären Wandel sind. Sie verwandeln Diktator:innen und Führer:innen in religiöse Figuren, sie verunglimpfen die Bedürfnisse der Massen als kurzsichtig, sie ersuchen die Weisheit ihrer gescheiterten Kader. Diese Staatsverfechter:innen, die verzweifelt versuchen, mit den antisozialistischen Ergebnissen ihrer Experimente klarzukommen, haben vergessen, dass es die Massen sind, die die Transformation der Gesellschaft vorantreiben und dass jegliche Unterdrückung der direkten Befreiung der Menschen inakzeptabel ist. Nur wo das Volk herrscht, haben wir das Zeitalter des Kapitalismus hinter uns gelassen. Die Revolution der Massen wartet nicht auf eine Erlaubnis. Sie ist kein Werk von Staaten und Machthungrigen. Die sozialistische Revolution ist ein Akt der Massenemanzipation und kann deshalb auch nur von den Massen selbst durchgeführt werden. All diejenigen, die das vergessen haben, sind nun die Konservativen der politischen Linken; Konterrevolutionär:innen, die darauf warten, Befreiungsbewegungen zu vereinnahmen, nur um diese dann erneut in die Sackgasse der Staatsgewalt zu führen.
Ich will diesen Essay mit einem Zitat aus Leo Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ beenden:
In ruhigen, nicht stürmischen Zeiten glaubt jeder Verwaltungsbeamte, daß er alle Schritte der Bevölkerung seines Bezirkes nur seinen eignen Anregungen zu danken habe, und empfindet dieses Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit als den Hauptlohn für seine Mühe und Arbeit. Man kann verstehen, daß, solange das Meer der Weltgeschichte ruhig daliegt, der steuernde Verwaltungsbeamte, der sich von seinem lecken [= undichten] Boot aus mit einer Stange gegen das Schiff des Volkes lehnt und dadurch mitgetrieben wird, die Vorstellung haben muß, das Schiff, gegen das er sich lehnt, werde durch seine Anstrengungen fortbewegt. Aber es braucht sich nur ein Sturm zu erheben, das Meer in Aufruhr zu geraten und das Schiff sich allein zu bewegen, und dieser Irrtum ist nicht mehr möglich. Das Schiff schwimmt unabhängig und mit Riesenkraft dahin, die Stange reicht nicht mehr bis zu ihm heran und der vermeintliche Lenker und Leiter sieht sich auf einmal aus der Rolle eines Machthabers, die die Quelle seiner Kraft war, in die eines nichtigen, unnützen und ohnmächtigen Menschen versetzt. (12)
(1) Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie (Direktes Zitat aus der deutschen Übersetzung) | https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/20-bakunin-staatlichkeit-und-anarchie-kernstellen (2) Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt | https://anarchistischebibliothek.org/library/peter-kropotkin-gegenseitige-hilfe-in-der-tier-und-menschenwelt (3) Pjotr Kropotkin: Die historische Rolle des Staates (Direktes Zitat aus der deutschen Übersetzung) | https://archive.org/details/DieHistorischeRolleDesStaates (4) Kotoko Shusui: Imperialism – Monster of the Twentieth Century (Zitat aus der englischen Übersetzung von R.T. Tierney auf deutsch übersetzt vom Übersetzer des Textes) | https://files.libcom.org/files/Monster%20of%20the%20Twentieth%20Century,%20Kotoku%20Shusui%20and%20Japan%E2%80%99s%20First%20Anti-Imperialist%20Movement%20-%20Robert%20Thomas%20Tierney.pdf (5) Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms (Zitat aus dem deutschen Original) | https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/kritik/randglos.htm (6) Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring) (Zitat aus dem deutschen Original) | https://marx-wirklich-studieren.net/wp-content/uploads/2013/07/engels-anti-d.pdf (7) Karl Marx: Das Kapital – Band 1 (Zitat aus dem deutschen Original) | http://www.karl-marx.name/pdf/karl-marx-das-kapital-buch-1.pdf (8) James C. Scott: Seeing Like a State | https://files.libcom.org/files/Seeing%20Like%20a%20State%20-%20James%20C.%20Scott.pdf (9) Rudolf Rocker: Nationalismus und Kultur (Zitat aus dem deutschen Original) | https://anarchistischebibliothek.org/library/rudolf-rocker-nationalismus-und-kultur (10) Murray Bookchin: Ecology and Revolutionary Thought (Zitat aus dem englischen Original auf deutsch Übersetzt durch den Übersetzer des Textes) | https://theanarchistlibrary.org/library/lewis-herber-murray-bookchin-ecology-and-revolutionary-thought (11) Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (Direktes Zitat aus der deutschen Übersetzung) | https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/interart/media/dokumente/oberseminar/debord_guy_die_gesellschaft_des_spektakels.pdf (12) Leo Tolstoi: Krieg und Frieden (Direktes Zitat aus der deutschen Übersetzung) | https://predanie.clients-cdnnow.ru/download/uploads/ftp/tolstoy-lev-nikolaev/krieg-und-frieden-voyna-i-mir/kriegfrieden.pdf