WAS TUN? Anarchistische Perspektiven für die Spätzwanziger


ankom*a
Plattformismus Was Tun?

→ Aus der Zeitschrift „100 Jahre Plattform“. Worterklärungen & Anmerkungen in den Endnoten.

Es wird zunehmend ungemütlich in der Welt, das lässt sich kaum leugnen. Eine Krise nach der anderen zieht tiefe Risse durch die Fassaden dieser Gesellschaft. Für die meisten von uns bedeutet das ein schlechteres Leben – etwa Geldsorgen, Angst vor Krieg oder Klimakatastrophen. All das scheint oft übermächtig, unvermeidbar schrecklich. Wir werden ausgebeutet, verheizt und herumkommandiert. Unsere Körper die Schlachtfelder, auf denen Kapitalfraktionen und Staaten ihre Konkurrenz austragen. Zu Milliarden halten wir Tag für Tag dieses globale Ungetüm am Laufen: Wir produzieren, transportieren, konsumieren, reproduzieren. Die absolute Mehrheit verliert in dieser Welt. In der Erkenntnis steckt aber auch Hoffnung: Die absolute Mehrheit hat ein Interesse an der Überwindung dieser Welt. Um das zu erreichen, müssen wir zuerst unserer Ohnmacht entkommen. Wie das geht? Wir verschaffen uns einen Überblick über das Chaos und schmieden einen Plan. Die Frage ist also: Was sind die zentralen politischen Dynamiken und was sind greifbare Strategien zum Umgang damit? Dieser Text richtet sich an alle, die wie wir mit dieser Welt brechen und eine bessere schaffen wollen. Er soll vor allem jenen nutzen, die wie wir glauben, dass Freiheit nicht verordnet, sondern gemacht wird. Er möge uns mit denen verbinden, die wie wir nach greifbaren Antworten auf schier unbegreifliche Probleme suchen.

Im ersten Teil geht es um einen Blick auf die Weltlage (Stand Juli 2026) und ihre lokalen Auswirkungen. Die These ist: momentan überlappen sich mehrere Krisen, die sich gegenseitig zuspitzen. Wir haben deshalb keine Zeit zu verlieren, aber mehr denn je eine Welt zu gewinnen. Im zweiten Teil versuchen wir die Grundzüge einer sinnvollen revolutionären Praxis zu umreißen: diese darf nicht in subkultureller Selbstinszenierung enden, sondern muss es schaffen, einerseits breit in der Gesellschaft zu wirken, ohne andererseits ihre inhaltliche Schärfe zu verlieren. Wir wollen konkret darlegen, wie man diesen doppelten Aufbau überall und sofort beginnen kann.

DAS JAHRZEHNT DER KRISEN

Spätestens die Corona-Pandemie 2020 läutete das Ende einer global relativ stabilen Vorperiode ein. Eine 'regelbasierte Weltordnung' schien etabliert und der Neoliberalismus (1) immer weiter auf dem Vormarsch. Diese Sicherheiten sind seitdem verschwunden, vor allem drei große Krisen prägen dieses Jahrzehnt.

Die Krise des Kapitalismus (2)

...ist eigentlich nichts neues. Vom Profitzwang getrieben, gehören Krise und Crash gewissermaßen zur DNA dieser Wirtschaftsordnung. Überproduktion trifft auf Unterbezahlung - Waren können nicht mehr profitabel verkauft werden und die Krise entfaltet sich. Während sich die Weltwirtschaft schon nach der Krise 2008 schwer tat, sind die Wachstumseinbrüche seit 2020 umso deutlicher. Auf jede kurze Erholung folgt ein weiteres Tief. Lebensunterhalt wird teurer, Reallöhne sinken und soziale Absicherungen werden gekürzt. Länder wie Indien und China stehen vergleichsweise gut da, vor allem der industrialisierte Westen schwächelt. Sein Kapital tut sich schwer, neue Märkte zu erschließen, ohne die es nicht weiter wachsen kann. Verzweifelt klammert man sich an einen Markt, den es so noch garnicht gibt: Das Produkt 'Künstliche Intelligenz' soll die Rettung sein. Es wird in alles von Suchmaschine bis hin zu Waffensystemen beinahe zwanghaft eingebaut, damit der Kapitalismus weiter wachsen kann (3). In Wirklichkeit ist das jedoch ein milliardenschweres Pokerspiel, das keinen Profit, sondern bloß eine zum bersten volle Investitionsblase erzeugt. Vielleicht platzt diese Blase, vielleicht wird die Technologie erfolgreich zur Rationalisierung, Überwachung und Aufrüstung genutzt – in jedem Fall werden die Effekte auf dem Rücken der arbeitenden Klasse (4) ausgetragen. Noch zentraler für die Instabilität ist aber eine andere Dynamik:

Die Krise der Nationalstaaten

...entfaltet sich spätestens seit dem Russland-Ukraine-Krieg offen vor unseren Augen. Die etablierte, "regelbasierte" Nachkriegsordnung gilt nicht mehr. Die USA setzte ihre Weltmachtstellung der letzten Jahrzehnte vor allem mit 'Soft Power' (also nicht direkt militärisch) durch. Nun, da China zu einem immer stärkeren Gegenspieler heranwächst, fährt die amerikanische Regierung einen offensiveren Kurs. Die globale Ära des Neoliberalismus ist zu Ende, an seine Stelle treten Protektionismus (5), Aufrüstung und militärische Interventionen. Freihandel wird eingeschränkt, zentrale staatliche Planung greift zunehmend in die Wirtschaft ein. Strategisch wichtige Ressourcen wie Öl und Erdgas, Handelsrouten, usw. werden militärisch unter Kontrolle gebracht. In Venezuela wurden die größten Ölreserven der Welt gesichert, der Krieg gegen den Iran soll den größten Zulieferer von Energieträgern an China lähmen und parallel die regionale Macht Israels im Sinne amerikanischer Interventionen im Nahen Osten stärken. Der Irankrieg wütet seit Feber 2026, schon nach wenigen Wochen wurde er als Auslöser der größten Ölkrise der Weltgeschichte gewertet. Denn rund 20% der Ölversorgung und 30% der Düngerversorgung hängen weltweit vom Export über die Straße von Hormus ab, die seit Kriegsbeginn fast durchgehend blockiert wird. Im Zuge dieses Alleingangs hat die USA immer weniger Interesse, den teuren Krieg gegen Russland zu führen. Das wiederum will der Rest der NATO-Staaten nicht akzeptieren, die nun aber ohne amerikanische Unterstützung militärisch alleine dastehen. Eine massive Aufrüstungswelle, materiell und ideologisch, zieht seither über Europa - wenn die USA die Drecksarbeit nicht mehr für einen machen, muss man sie selber erledigen können. In der allgemeinen Staatenkonkurrenz liegt es auch im Interesse der USA, die EU zu schwächen, Österreich soll laut US-Strategiepapieren explizit Teil davon sein (6). Ein Bruderkampf zwischen österreichischem und EU-Nationalismus steht somit im Raum. All diese internationale Instabilität bekommt Österreich stark zu spüren. Die hiesige Wirtschaft ist zum Großteil von Exporten abhängig - Zölle, Unsicherheiten und blockierte Handelswege drücken somit stark auf das nationale Wachstum. Die schon mageren 1% erwarteten Wachstums 2026 mussten laut EU-, OECD- und WIFO-Prognosen auf rund 0,5% nach unten korrigiert werden. Für die breiten Massen wird das vor allem Sozialkürzung und Teuerung bedeuten. Neben all diesen Unsicherheiten vergisst man schnell ein besonders grundlegendes Thema:

Die Krise der Natur

...nimmt seit der Industrialisierung an Fahrt auf. Viel eher müsste man von einer beginnenden Klimakatastrophe sprechen - Klimaerwärmung, Artensterben, Zerstörung ganzer Ökosysteme stehen an der Tagesordnung. Die große Klimabewegung der späten 10er Jahre ist heute quasi non- existent. Die Klimakrise ist längst Realität und hat sich von einer zukünftigen Prognose zu einer globalen Notlage entwickelt. Die Erwärmung von 1,5°C wurde 2024 überschritten, was mehrere klimatische Kipppunkte triggert, die jetzt oder bald unwiderruflich eintreten: Warmwasser-Korallenriffe sind womöglich schon gekippt, ihr Verschwinden bedeutet auch die bedrohte Nahrungsversorgung einer halben Milliarde Menschen. Arktische Eisschilde schmelzen, Permafrostböden tauen und setzen riesige Mengen Methan frei, aus dem amazonischen Regenwald droht eine Savanne zu werden (7). Die wirtschaftlichen und staatlichen Krisen lenken von diesem Sterben unserer Lebensgrundlagen ab und befeuern sie zugleich. Diese Verhältnisse müssen sich rechtfertigen und werden vermehrt auf falsche Ideologien zur Stabilisierung setzen:

Nationalismus, Hetero-Patriarchat und Autoritarismus (8) ...werden die zentralen ideologischen Waffen zur Durchsetzung von staatlicher und kapitalistischer Herrschaft sein. Sie sollen Nachwuchs, Gefolgschaft und Opferungsbereitschaft sichern. Zugleich spalten sie die beherrschten Massen entlang erfundener Linien ethnischer und kultureller Zugehörigkeit. So soll die unvermeidbar wachsende Wut der Bevölkerung gegen Menschen mit ähnlichen Schicksalen gelenkt werden. Verschont bleiben die herrschenden Klassen von Bonzen und Bürokratie, zerstückelt wird die eigentlich unaufhaltsame Macht der wütenden Massen. Rechtsradikale Parteien werden weiter Zulauf bekommen, in Österreich ist 2029 mit einem noch stärkeren Wahlsieg der FPÖ (aktuell stärkste Fraktion mit 29%, lt. Umfragen jetzt bei 37%) zu rechnen. Unabhängig von diesen Wahlen wird eine patriarchale, nationalistische und allgemein rechte Politik bei Ausbleiben einer starken Antwort der arbeitenden Klasse vorerst wohl zunehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir uns in einem Jahrzehnt der Krisen befinden. Diese Erkenntnis kann überwältigend sein, zumindest das Recherchieren und Schreiben dieses Teils fühlten sich oft so an. Aus dieser Überwältigung wollten wir ja ursprünglich ausbrechen, und das halten wir für möglich. Erstmal ist es wichtig, den Tatsachen ins Auge zu schauen. Wir befinden uns im Beginn einer neuen Periode des globalen Klassenkampfes. Überwachung, Unterdrückung und Ausbeutung finden heute mit anderen Mitteln zu anderen Zwecken statt. Wirtschaftliche Knappheit und Verarmung werden sich stark ausbreiten. Die Militarisierung der Gesellschaft wird weiter fort- schreiten, rechtsradikale Ideologien werden vorerst zunehmen und wir müssen uns nicht mehr fragen, wie wir den Klimawandel verhindern, sondern wie wir in der Klimakrise leben wollen. Wenn wir das erkannt haben, können wir endlich zum positiven Teil fortschreiten: Was sollen wir tun?

STRATEGIEN FÜR EINEN FREIEN SOZIALISMUS

Wir glauben, dass diese Krisen nicht das eigentliche Problem sind. Sie sind zwar die höchste Zuspitzung des Elends, Grund dafür ist aber ein anderer: die herrschaftliche Organisierung der Gesellschaft. Wo wir auch hinblicken, wird unser Leben fremddiktiert. Die Eigentumsordnung schließt die Mehrheit der Menschen vom Zugang zu vorhandenen Lebensmitteln aus. Um sie zu 'verdienen' müssen sie ihre Lebenszeit an die besitzende Klasse verkaufen. Der Staat schützt diese Ausbeutung mit Gesetzen und Gewalt. Wenn er will, sind wir seine Spielfiguren, er verpflichtet zu Arbeit und Krieg. Frauen, sexuelle und ethnische Minderheiten, behinderte Menschen usw. werden zusätzlich diskriminiert, um sie gefügig, billiger, oder zum Sündenbock zu machen. Ja, diese Welt ist frei, gleich und solidarisch, doch das sind zynische Werte: Wir sind wirtschaftlich frei von Eigentum, frei, uns ausbeuten zu lassen und frei zu konsumieren, was wir uns leisten können. Die Gleichheit vor dem Gesetz sorgt dafür, dass jeder das Eigentum der anderen achten muss, auch wenn man selbst keines hat. Und zur nationalen Solidarität, nämlich das Land über unser Eigeninteresse zu stellen, werden wir täglich aufgerufen.

Rätesozialismus

Wir halten diese bürgerlichen Werte für eine Farce, glauben aber, dass in dem Schlachtruf der französischen Revolution mehr steckt. Wir wollen einen Sozialismus, also eine Gesellschaft, die mit den alten Logiken der Herrschaft bricht und das schrittweise Schaffen einer wirklich freien, gleichen und solidarischen Welt ermöglicht. Das heißt politische Freiheit von jeder künstlichen Autorität, und zur vollen Entfaltung unserer Existenz, wirtschaftliche Gleichheit, also die Kollektivierung und demokratische Verwaltung der Produktion und echte, internationale Solidarität aller ausgebeuteten und unterdrückten Menschen dieser Welt.

Doch wie sieht so ein Sozialismus aus? Wir glauben, dass Befreiung von den bewussten Massen selbst gemacht werden muss. Herrschaft ist das Bündeln gesellschaftlicher Macht in wenigen Händen, Befreiung ist also das Zurückholen dieser Macht, die uns gestohlen wurde. Mit einem Staat lässt sich das nicht machen, denn der ist per Definition das Bündeln von Macht zur Herrschaft über die Massen. Anstatt also mit Wahlkampf oder Putsch den Staat zu übernehmen und Sozialismus von oben zu diktieren, streben wir einen Rätesozialismus an. Menschen sollen die Verwaltung ihrer Leben selbst in die Hand nehmen und dafür in Räten zusammenkommen. Fragen, die nicht lokal geklärt werden können, delegieren diese Räte in Föderationen (Zusammenschlüsse von Räten). Anders als Regierungen bestehen diese nicht aus freien Repräsentant:innen, können also nach der Wahl nicht frei über die Basis entscheiden, sondern bleiben an die Entscheidungen ihrer Basis gebunden und sind jederzeit abwählbar. So wird überregionale Verwaltung möglich, ohne neue Herrschaftsstrukturen zu etablieren. Unter anderem in der frühen russischen Sowjetunion, der Ukraine 1917-21, Spanien 1936 oder den selbstverwalteten Regionen Rojava (Nord-Ost-Syrien seit 2010) und Chiapas (Süd-Mexiko seit 1995) konnten solche Strukturen unter widrigsten Bedingungen erprobt und weiterentwickelt werden. Ein Rätesozialismus wäre sicher nicht der Himmel auf Erden - patriarchale, rassistische oder kapitalistische Ideologien wären immer noch in den Köpfen vieler Menschen und müssten aktiv verlernt und bekämpft werden. Abseits davon wäre er, solange er nur in einzelnen Ländern existiert, einer dauernden Belagerung kapitalistischer Staaten ausgesetzt. Wir halten ihn aber für die beste Perspektive zur kollektiven Befreiung und Weiterentwicklung.

Gegenmacht

Der Weg zu so einem freien Sozialismus führt über den Aufbau von Gegenmacht. Das bedeutet, sich gemeinsam zu holen, was uns schon immer zustand: die Handlungsmacht über unser Leben. Überall, wo wir fremdbestimmt sind, können wir Selbstbestimmung erkämpfen. Am Arbeitsplatz, in Schulen, in der Nachbarschaft oder der Kultur können wir uns als Beherrschte zusammenschließen und die Machtverhältnisse durch Streiks, Besetzungen, Bildung, Sabotagen usw. zu unseren Gunsten wenden. In Wahlkämpfe kann man Unmengen von Ressourcen stecken, wenn man verliert, steht man mit nichts da, wenn man gewinnt, ist man ein neuer Herrscher. Der Aufbau von Basisstrukturen ist hingegen die stärkste und vor allem nachhaltigste Form des Kampfes, denn nicht nur machen sie uns unabhängig von jeder Führungsperson, sie bilden auch den Grundstein eines späteren Rätesozialismus. Jede selbstverwaltete Initiative mit revolutionärem Anspruch bringt uns einen Schritt näher zum Ziel, jeder dieser Schritte bedeutet realen Machtausbau, denn je mehr und stärker wir sind, desto mehr können wir unsere Leben selbst lenken. Das heißt unsere konkreten Umstände verbessern, selbstverwaltetes, kollektives Kämpfen lernen und uns auf den Bruch mit jeder Herrschaft vorbereiten. Die meisten politischen Bewegungen scheinen weit davon entfernt, solche Strukturen hervorzubringen. Die Vorstellung, das Fehlende als revolutionäre Minderheit aufzubauen, scheint unmöglich. Doch dabei darf man nicht vergessen: In den beherrschten Massen steckt unvorstellbare Kraft und Spontanität, die sich, einmal entfesselt, oft von dem größten Polizeiapparat nicht aufhalten lässt. Unzählige soziale Bewegungen formierten sich allein seit 2020 und zeigten beeindruckende Entschlossenheit. Einen Anfang machten die Black Lives Matter Bewegung und ein vorerst letztes Aufbäumen der Klimabewegung. Ab 2023 entwickelten globale Proteste gegen Israels Genozid in Palästina beeindruckende Größe. 2025 war geprägt von primär jungen Protesten, die Regierungen in Nepal, Madagaskar, Bangladesh, Mongolei, Sri Lanka und Bulgarien stürzten. Auch in Serbien konnten Proteste gegen die korrupte Regierung selbstverwaltete Rätestrukturen etablieren und für konstanten Druck auf der Straße sorgen.

Soziale Einmischung

Wir sehen also, dass es keinesfalls so ist, dass wir jeden einzelnen Menschen für die Revolution agitieren müssen, weil er sonst nichts machen würde. Im Gegenteil wissen die Leute meist sehr wohl, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen. Solche Revolten sind unkontrollierte Lauffeuer, die sich nach Jahren von Schikane oft an scheinbaren Kleinigkeiten entzünden. Ihr Beginn ist so wenig vorhersehbar wie ihr Ausgang. Als Revolutionär:innen muss es unsere Aufgabe sein, auf diese Unruhen vorbereitet zu sein. Wenn die Mehrheit ihrem Ärger Luft machen will, müssen wir Strukturen, Analysen und Strategien anbieten können, die ihn nicht einfach verpuffen lassen. Genau das beschreibt das Konzept der Sozialen Einmischung: Wo Massenbewegungen entstehen, nimmt man Teil, wo sie fehlen, baut man sie auf - immer mit dem Ziel, sie zu bewusster Selbstverwaltung und revolutionärem Mut anzuspornen. Anarchist:innen sollten sich schon heute aktiv an solchen sozialen Fronten einbringen, am Arbeitsplatz, in Schulen, Unis oder der Nachbarschaft die alltäglichen Kämpfe führen und als verlässlicher, standfester Teil der Gemeinschaft auftreten. Dabei geht es eben nicht darum, die hundertste Szene-Demo zu organisieren, sondern für die stetige Ausweitung von handfester Gegenmacht zu sorgen. Auf der Massen-Ebene organisieren wir uns nicht nach Ideen (wer denkt wie wir), sondern nach Interessen. Wenn gestreikt wird, soll auch die FPÖ-Wählerin mitmachen. In den Massenbewegungen müssen wir viele Kompromisse eingehen, doch nur hier ist der Ort echter Politik, nur hieraus kann reale kollektive Befreiung entstehen.

Spezifische Organisation

Diese Ideen sind nicht neu. Anarchist:innen waren oft zentrale Figuren großer Bewegungen, von Anfang an war die Notwendigkeit zum Arbeiten mit der breiten Bevölkerung klar. Oft jedoch verloren sich diese Ambitionen in den Widersprüchen der Praxis - man will die Revolution, soll aber tagespolitische Forderungen stellen, man will das Lohnsystem abschaffen, fordert zugleich aber mehr Lohn, man hält die Strategien anderer Gruppen für falsch und muss trotzdem Bündnisse eingehen. Um bei alldem eine klare, revolutionäre Linie bewahren zu können, braucht es eine Spezifische Organisation von Anarcha-Kommunist:innen. Diese Struktur hat explizit keinen Massenanspruch, strebt da für aber einen Maximalkonsens über Analyse, Ziel und Strategie an. Hier kann man sich besonders intensiv austauschen und vernetzen, Gelerntes aus den Bewegungen zusammentragen und neue Perspektiven daraus entwickeln. Mit dem revolutionären Programm mischt man sich mit vereinten Kräften in die Kämpfe der Massen ein, versucht zu überzeugen und prüft seine Richtigkeit an der Realität. Das Verhältnis zwischen Massenbewegung und Spezifischer Organisation ist ein wechselseitiges, beide können die Schwächen der anderen ergänzen, voneinander lernen und sich gegenseitig beeinflussen. Egal wie richtig unsere Ideen sind, nur wenn die Menschen sich bewusst dafür entscheiden, können sie ihre Macht entfalten. Eine Spezifische Organisation strebt deshalb explizit nicht an, die materielle Führung der Menschen zu werden, sondern ihre Ideen auf Augenhöhe in die Klassenkämpfe einzubringen.

Gründet anarchistische Aufbaugruppen!

Werden wir zum Ende also ganz konkret: Wer diese Argumente einleuchtend findet, sollte sich daran machen, eine anarchistisch-kommunistische Aufbaugruppe zu gründen. In der Analyse der Weltlage sehen wir, dass uns die Zeit für strategielosen Freizeit-Aktivismus fehlt. Es braucht jetzt stringenten, gut geplanten Aufbau von Gegenmacht. Wir müssen raus aus der Szenepolitik, rein in die Klasse, wir müssen uns auf Krisen und Revolten vorbereiten, ihnen die richtigen Ideen und Strukturen bieten, um sich auszubreiten. Wir müssen von den Massen lernen, ihr Leben und ihre Kämpfe teilen. Wir müssen uns als Revolutionär:innen bilden, austauschen und Strukturen schaffen, die uns erlauben, unser Leben diesem Kampf zu widmen, ohne dafür reihenweise zu verbrennen. Wir müssen unsere lokalen Verhältnisse verstehen und lokale Strategien entwickeln, wir müssen uns international vernetzen und beiseite stehen. Wir müssen Programme entwickeln, die den Lagen unserer Klassen entsprechen und sie vor den Irrwegen des Parlamentarismus, rechten Ideologien und Führungskulten abbringen.

Eine Spezifische Organisation hat hohe Ansprüche an sich selbst (hohe theoretische Einheit, ein ausführliches Programm und Strategien, usw.), deshalb kann man sie kaum aus dem Boden stampfen. Lokale anarchistische Aufbaugruppen können sich mit schon zwei oder drei Leuten gründen und diesen Ansprüchen schrittweise näher kommen. Solche Aufbaugruppen sollten besonderen Wert auf gemeinsame Bildung und Diskussion legen, sich zugleich aber schon aktiv in den existierenden Kämpfen einbringen. Zudem kann uns nur eine enge Vernetzung mit verwandten Gruppen vor Isolation und Betriebsblindheit bewahren. So ist ein Wechselverhältnis des Lernens auf jeder Stufe gesichert.

Versucht, die vernünftigen Teile der Szene zu überzeugen, vertretet aber genauso an den Orten eures alltäglichen Lebens eure Ideen. Versteht eure lokale Lage und baut passende Basisstrukturen auf. Strukturen rund um Arbeit, Nachbarschaft und Bildung halten wir dabei für am vielversprechendsten. Wichtig ist, dass sich die Menschen dort nicht primär um ihre politischen Ideale, sondern ihre materiellen Interessen sammeln. Nur so eine Massenverankerung kann uns vor subkultureller Bedeutungslosigkeit bewahren. Einen anarchistischen Aufbau zu gründen heißt keineswegs, alle an deren Aktivitäten einzustellen. Im Gegenteil soll uns ja gerade die spezifische Organisation die Stärke geben, in anderen Kontexten gut wirken zu können. Wir haben gute Gründe für unsere Kritik und wenn wir nicht zögern, sie zu verbreiten, werden wir auf kurz oder lang andere finden, die das auch erkennen. Von hier aus ist der Grundstein für den weiteren Aufbau gelegt, von hier aus können theoretische Bildung, Agitation und Basisarbeit ihren Lauf nehmen.

Wir rufen daher alle, die wie wir einen Sozialismus ohne Herrschaft wollen, auf: Startet den Aufbau anarcha-kommunistischer Initiativen! Bildet euch und andere! Organisiert euch, brecht aus der Szenelogik aus und verankert euch in den Leben und Kämpfen unserer Klassen! Eine andere Welt ist möglich!

Anmerkungen:

  1. Neoliberalismus: Ideologie im Kapitalismus, die für freie Märkte, minimale Eingriffe durch Staaten und Individualisierung steht.
  2. Kapitalismus: Global vorherrschende Wirtschaftsordnung, die auf Privateigentum und Warentausch basiert. Wenige besitzen hier die Produktionsmittel (Eigentümer-/Kapitalist:innenklasse), die Mehrheit muss ihre Arbeitskraft ausbeuten lassen, um zu überleben (Arbeitende Klasse). Die Logik des Privateigentums zwingt alle in ein Konkurrenzverhältnis, der oberste Zweck ist nicht Bedürfnisbefriedigung sondern Wachstum.
  3. KI Bubble: vgl. https://jacobin.com/2025/12/hype-artificial-intelligence-vc-capital
  4. Klassen: Die ökonomischen Klassen im Kapitalismus (Kapitalist:innen- und Arbeiter:innenklasse) haben grundsätzlich entgegengesetzte Interessen. Die einen wollen so viel wie möglich ausbeuten, die anderen so wenig wie möglich ausgebeutet werden. Dieser Klassenkampf wird ständig, mit ökonomischen, staatlichen und ideologischen Mitteln, von oben geführt. Nicht immer gibt es eine organisierte Antwort von unten. Den Klassenkampf kann man nicht befrieden, er kann nur durch die Abschaffung der Klassengesellschaft selbst beendet werden.
  5. Protektionismus: staatliches Eingreifen in den freien Handel um nationales gegenüber ausländischem Kapital zu stärken
  6. USA Strategie EU-Spaltung: vgl. www.derstandard.at: US-Sicherheitsstrategie plant angeblich mit Österreich für Spaltung der EU
  7. Klima-Kipppunkte: vgl. https://global-tipping-points.org/resources-gtp/, https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/kippelemente
  8. Nationalismus, Hetero-Patriarchat und Autoritarismus: Nationalismus erfindet eine Volksgemeinschaft, die man gegen andere durchsetzen soll. Grundlage von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, verdeckt die realen Unterschiede zwischen Herrschern und Beherrschten. Hetero-Patriarchat konstruiert falsche Geschlechterrollen, 'korrekte' Sexualität und materielle Arbeitsteilung, zB. Lohnarbeit als männlich, Sorgearbeit als weiblich. Soll den Zugriff auf gebärfähige Körper zum Nachschub, Aufzucht und Pflege von Arbeitskraft sichern. Autoritarismus spricht den Menschen die Fähigkeit zur gemeinsamen Selbstorganisation auf Augenhöhe ab, verhindert sie aktiv und schürt Gehorsam und Glauben in zentrale Führung.

ankom*a

ankom*a - Anarcha-Kommunistischer Aufbau Innsbruck

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