Hallo, Liebe Hörerinnen hier sind Falka und Ronevern. Unsere kommende 4. Folge beschäftigt sich mit dem Essay der Philosophin Agnes Heller von der „Utopie zur Dystopie“ von 2016. Aus meiner Sicht für Anarchistis eine interessante Denkerin, die ich als freiheitliche Marxistin verorten würde. Wir werden diesen Text aus anarchistischer Perspektive weiterdenken.
Ein paar Worte über sie, die möglicherweise für viele unbekannt ist. Sie wurde * 12. Mai 1929 in Budapest; † 19. Juli 2019[1] in Balatonalmádi) im See des Balatons ertrunken. Ágnes Heller, die jüdischer Herkunft war, gelang es im Holocaust gemeinsam mit ihrer Mutter immer wieder, teils durch geistesgegenwärtiges Handeln, teils nur durch schieres Glück, der Deportation und Ermordung zu entgehen. Ihr Vater und zahlreiche weitere Verwandte wurden Opfer der Judenverfolgung während der Zeit der NS-Diktatur. Sie studierte zunächst Physik und Chemie, wechselte dann aber unter dem Eindruck einer Vorlesung von Georg Lukács das Studienfach und begann, Philosophie zu studieren. Sie wurde 1955 von Lukács promoviert und schließlich seine Assistentin. Sie war überzeugte Marxistin auch Mitglied der KP und beteiligte sich aktiv an der ungarischen Revolution von 1956, was für Sie Berufsverbot und Ausschluß aus der KP zur Folge hatte. Nach langer Zeit der politischen Unterdrückung emigrierte sie 1977 als Professorin für Soziologie nach Melbourne und wurde 1986 Nachfolgerin von Hannah Arend auf deren Lehrstuhl für Philosophie in New York. 1989 kehrte Heller nach Ungarn zurück und wurde zu einer wichtigen Stimme der Opposition Sie sprach sich entschieden gegen den seit 2010 amtierenden rechtsnationalen, fremdenfeindlichen Ministerpräsidenten Viktor Orban aus, analysierte sie 2015 : "Das das stärkste Gift im 21. Jahrhundert der Nationalismus sei."
Ein Buch, was ich gerne von ihr gelesen habe ist die „Philosophie des linken Radikalismus“ von 1978. Ich mag ihre Ehrlichkeit, wie sie schreibt und ihren Mut im Leben, den sie bis ins hohe Alter zeigte.
In dem Werk „Von der Utopie zur Dystophie“ werde ich sprechen über
Die Utopie der Wünsche finden wir in Ovids „Goldenem Zeitalter“ Alle Bedürfnisse werden befriedigt, ein Leben in Überfluss, keine Richter, keinen Staat oder Gesetz, keine Schwerter oder Kriege. Ein paradiesischer Urzustand, der sich aber verändert. Ovid beschreibt den Wandel in seinen Metamorphosen über den silbernen bis hin zum eisernen Zeitalter. Eine Geschichte von Verfall und der Sehnsucht, dass das goldene Zeitalter irgendwann in der Zukunft, sich wieder realisieren werde. Es gibt Analogien zum Paradies in der Bibel, in dessen Reich man unter gewissen Voraussetzungen nach dem Tode zurückkehren kann. Ein gewisser Trost für Gläubige, trotzdem zeigt sich auch die traurige Seite eines harten Lebens, dass unter irdischen Bedingungen demütigend und unwürdig erscheint. Auch in dem Märchen vom Schlaraffenland, wo die Tauben mit Leichtigkeit richtig zubereitet in den Mund fliegen, zeigt sich nicht nur der Lobgesang auf die Faulheit, sondern die Sehnsucht auf ein sorgenfreies Leben ohne Plackerei und extremer Mühsal.
Ein gänzlich leidfreies Leben ohne Krankheit Tod, Verrat, Hass oder Neid wird es voraussichtlich nie geben. Das Leiden, oder wie wir es überwinden können, ist Teil unserer menschlichen Herausforderung, die wir annehmen müssen. Mal ganz konsequent gedacht, wäre ein Leben im Schlaraffenland möglicherweise langweilig mit der Zeit. Wir würden uns zu dem Niveau eines Kindes zurückentwickeln, wenn wir rund um die Uhr versorgt, und keine eigenen Anstrengungen benötigt werden. Die Utopien der Wünsche, haben sich nach Heller im Kern bis heute nicht verändert. Auch der junge Marx in seinen Ideen vom Kommunismus habe sie geträumt, sich später aber davon distanziert.
Dieser Kommunismus sollte nicht auf Utopien basieren, sondern wissenschaftlich fundiert sein. Während wir Anarchist_innen das Element der Utopie als Teil unserer Identität anerkennen. Erich Mühsam schrieb 1914 in seinem idealistischen Manifest, dass Utopien die Vorbedingung jeglicher Veränderung seien.
Ich komme zur zweiten Art der antiken und mittlelalterlichen philosophischen Utopie. Die des gerechten Staates. „Ein Modell der Gesellschaft, von der man glaubt, dass sie funktionieren könnte, auch wenn sie vielleicht nicht realisierbar ist“. Heller benennt Platon mit seinem Werk „die Politeia“, der Staat 375 v. Chr., Thomas Morus, „Utopia“ 1516, Thomas Campanella „der Sonnenstaat von 1608.
Platons Staat hat wenig mit den Wunschutopien gemein, in denen kein Vergnügen verboten ist und jeder tun und lassen kann, was er/sie möchte. Persönliche individuelle Freiheit ist in Platons Staat ausgeschlossen. In der Biopolitik geht es totalitär zu. Während der Periode der Fruchtbarkeit von Frauen entscheiden Staatsbeamte darüber, wer wen schwängert, um gesunde Kinder zu zeugen. Nach der Zeit der Fruchtbarkeit ist die Liebe frei. Dies wiederholt sich ähnlich Frauenfeindlich auch bei Morus oder Campanella, Frauen haben keine Selbstbestimmungsrechte, ihr Körper und ihre Reproduktionsfähigkeiten gehören dem Staat, der über diese verfügt.
Positiv ist dagegen zu erwähnen, dass bei allen drei Utopien, das Privateigentum und ihre ungerechte Verteilung als Grundübel für Spannungen und Kriege angesehen wird. Darum kennen in Platons Staat und in den zwei anderen Utopien kein Privateigentum, keine Verträge, kein Kaufen und Verkaufen, sowie Handel. Die Bewohner fügen sich den Gesetzen und leben ein bescheidenes Leben.
Zusammengefasst geht es im Kern in den drei genannten Utopien, die als geschlossene Gesellschaften fungieren, um die Durchsetzung einer konstruierten Gerechtigkeit, mit dem Gewaltmonopol eines Staates, der im Gegensatz zu den bestehenden Gesellschaftsordnungen besteht. Morus wie auch Campanella üben indirekt Kritik an den bestehenden Verhältnissen ihrer Zeit. Hierzu kommentiert Heller:
„Hoffentlich gibt es keinen gerechten Staat. Ein gerechter Staat würde ein Staat sein, wo niemand sagt, dass es ungerecht ist. In einer modernen Gesellschaft werden nie alle Menschen, das, was existiert, als gerecht anerkennen. Sie werden immer sagen, ja, das ist gerecht, aber das ist ungerecht. Ein gerechter Staat ist ein Staat, wo niemand sagt, dass es ungerecht ist, weil es Gesetz ist, das der Staat gerecht ist. Das würde eine fürchterliche Sache sein. Ich sage nicht nur, dass ein gerechter Staat nicht möglich ist, ich sage, dass es nicht wünschenswert ist.“
_Bemerkenswert finde ich in den Ausführungen von Platon „Staatsformen und Charaktertypen“ (Bücher VIII und IX), wie er die Staatsform der Demokratie, die sich an der Athener Polis orientierte, ihren Untergang und die Entwicklung zu einer Tyrannis beschreibt. Den Ausgangspunkt dieser Wende bildet der Gegensatz zwischen Armen und Reichen, Die Vermögensunterschiede stehen im Gegensatz zum demokratischen Gleichheitsdenken. Die Masse der relativ Armen ist sich ihrer Macht im demokratischen Staat bewusst. Gern folgt sie einem Agitator, der eine Umverteilung des Reichtums fordert, die Reichen einer oligarchischen Gesinnung beschuldigt und entschlossene Anhänger um sich schart. Die Reichen fliehen oder werden umgebracht. Der Weg zur Alleinherrschaft des Agitators, der nun zum Tyrannen wird, ist frei.77 „_
Ein utopischer Moment ist weder eine Wunschutopie noch eine philosophische Konstruktion. Es ist eine feste Überzeugung zu einer besseren neuen Welt beizutragen. Eines haben alle utopischen Momente gemeinsam: Sie werden von Enthusiasten getragen, die bereit sind, ihr Leben zu opfern, und zwar nicht nur für den Sieg „der Sache“, sondern für die Verwirklichung ihrer Ideen. Heller nennt den Moment „Revolution“. Die eine passiert, die andere findet statt. Jede Utopie enthält eine Art „Anthropologie“, eine Sichtweise der menschlichen Natur als solcher, und die Akteure oder Autoren utopischer Momente bilden da keine Ausnahme. Für unsere anarchistische Utopie könnte in dem Buch von Bregman, „Im Grunde gut“, 2020 so eine Grundlage möglicherweise geschaffen sein: die Idee der positiven Kooperation bildet den Kern des utopischen Moments.
Ich kann mich dieser positiven Ideologie allerdings nicht anschließen. Schauen wir uns mal um in der Welt, dann können wir sehen, dass der Mensch nicht nur gut sein kann. Der Blick in die Wissenschaft sagt, so kann sich der Mensch unter den verschiedensten Rahmenbedingen in die eine oder andere Richtung entwickeln. Eine der größten Schwächen des Menschen ist seine Unfähigkeit längerfristig in die Zukunft zu sehen bzw. die längerfristigen Folgen seines Handelns zu antizipieren. Handlungssteuernd ist leider mehr die kurzfristige unmittelbare Verstärkung, z.B. kurzfristige Gewinne bringen mehr thrills als langfristige. Die Kosten oder negativen Konsequenzen werden in Kauf genommen, so lässt sich leicht die Trägheit bezüglich der Umwelt – und Klimapolitik erklären. Vielleicht sind wir nach Bregman Essay Gut, am Ende ist es dann aber nur gut gemeint und dies halte ich für schlimmer als im Kern „böse“ zu sein. Schlussendlich ist es dann das Leiden an uns selbst, was uns motiviert uns zu verändern. Pädagogik oder grüne Pädagogik ist nur bedingt fähig uns zu leiten. Wer mag schon moralische Oberlehrerhaftigkeit eines richtigen ökologischen Lebens?
Unsere utopischen Momente waren „die Pariser Kommune, (1789 – 1795), der spanische Bürgerkrieg 1936 – 1939 und die Münchener Räterepublik von 1919, die nur einen Monat anhielt. Unsere Revolutionen wurde nicht verraten, sondern wir wurden besiegt. Verlorene Revolutionen können als Utopie in Erinnerung bleiben.
Verschiedene Revolutionen werden nicht im selben Ausmaß oder auf die selbe Weise verraten. Das hängt von zwei Faktoren ab: erstens vom Inhalt, des ursprünglichen Glaubens, ob der Verrat in das utopische Moment bereits eingebaut war oder nicht, zweites davon, ob das Gefühl des „Betrogenseins“ daher kommt, dass nicht alle Versprechungen eingehalten wurden. Oder das Gegenteil der Versprechungen Geschehen ist, sodass die Revolution selbst und ihr utopisches Moment rückblickend wie eine Dystopie aussieht. (Wie dies bei totalitären Revolutionen der Fall ist) Es gab reichlich utopische Bewegungen in Europa, sowie mehrere andere in Lateinamerika oder Asien: Alle wurden verraten oder enttäuschten ihre Anhänger, allerdings nicht ihre Kritiker oder Feinde. Bekanntlich stammt der Ausdruck „verratene Revolution“ von Trotzki. In seinen Augen waren die Matrosen von Kronstadt, Verräter seiner Revolution, die da forderten: Alle Macht den Räten, keine Macht der Partei. Die Niederschlagung von Kronstadt von 1921 ist auch für uns Anarchistinnen ein Datum der Niederlage. Wir haben in unserer Geschichte viele Opfer zu betrauern.
das utopische Moment setzt den Glauben an sozialen Fortschritt voraus - das dystopische Moment bringt den Verlust dieses Glaubens zum Ausdruck. Das ist etwas anderes als die Enttäuschung über die Ergebnisse (die verratene Revolution), denn die Träger des dystopischen Moments haben den Glauben an Revolutionen überhaupt verloren, wie auch an den Fortschritt im Allgemeinen. Heller stellt Utopisten und Dystopisten gegenüber. Das Zitat von Nitzsche: „Gott ist Tod“ wird von Utopisten so interpretiert, dass nach dem Tod Gottes, der Mensch frei ist, seine Zukunft, in die Hand zu nehmen. Bei den Dystopie Gläubigen, hat nach dem Tod Gottes, das Leben seinen Sinn verloren oder das der Abschied vom Göttlichen auf der Erde, ein Leben in Langeweile und Leere zurücklässt. Was des einen Utopie bedeutet, ist des anderen Dystopie.
Dystopien beschreiben Endzeitstimmung, das totalitäre Denken, dass Harmonie erzeugen will durch Gehirnwäsche und dem Verbot individuellen Denken und Leben. Heller beschäftigt sich weiterhin mit den Dystopien, von „Schöne neue Welt“, Aldoux Huxley, (1932) „1984“, George Orwell, (1949) , bis „Unterwerfung“ Michel Houllebecq, (2015). Unterdrückung, Terror, Gewalt in allen Varianten. In der Dichtung wird dieses Gefühls des Unbehagens mit dem Gefühl des Andersseins verbunden. Dem Gefühl in der eigenen Welt, fremd zu sein, ist gemeinschaftlicher Ausgangspunkt in den Dystopien, mit dem Impuls etwas entgegenzusetzen. Der Hölle, in der man lebt, zu entkommen. Das Leben dafür aufs Spiel zu setzen, da sowieso schon alles verloren ist und man nichts mehr zu verlieren scheint und sich für ein besseres Leben einzusetzen. Heller meint, das dystopischer Sex langweilig ist, es fehlen Gefühle und Leidenschaften. Schaut man sich den „Report der Magd“, 1984 von Margret Atwood an, kommen Ekelgefühle auf. Hier wird gut veranschaulicht, was auch in den alten Utopien von Platon, Morus und Campanella beschrieben wird. Den dystopischen Duktus ihrer Frauenfeindlichkeit haben sie dabei nie wahrnehmen können. Der weibliche Körper wird entmenschlicht, Frauen werden als Fortpflanzungsorgane reduziert, wie Tiere gesehen, instrumentalisiert und vom Staat kontrolliert.
Was ist der Sinn von Dystopien? Diese sollen warnen, es werden Orte der Angst beschrieben aber auch Hoffnung auf Befreiung initiiert. Diese geht von einzelnen Personen aus. Menschen, die sich gegen die Regime auflehnen. Zivilcourage zeigen.
Momente des Glücks kann man nach wie vor genießen. Sie sind jetzt die verkörperte utopische Realität.
FierceFalka von Stella Anarris