Selbstverwaltung als Antwort auf demokratische Defizite


Daria
Selbstorganisation Theorie

Im Zuge von Debatten zwischen linksliberalen Progressiven und libertären Sozialist:innen, rund um die Effektivität unserer Demokratie, kommen auch immer wieder antiautoritäre Ansätze wie Selbstorganisierung und Selbstverwaltung zur Sprache.
Während einige Einwände gegen diese außerparlamentarischen Strategien reflektiert werden sollten, um die moderne anarchistische Arbeit zu stärken, sind mir vermehrt Kritikpunkte begegnet, die auf Unklarheiten und Fehlinterpretationen beruhen.

Vernetzt euch - Bildet Banden?

“Dann bildet halt Banden, aber was ändert das?”

Dass sich bei Bedarf Menschen in der Not zusammenschließen, ist nicht als einzige von Anarchist:innen vorgeschlagene Alternative zu den Parlamenten zu begreifen, sondern als ein Symptom eines defizitären Parlamentarismus, der den Menschen schlichtweg schadet. Mangelt es zB. an staatlicher Unterstützung, vernetzen sich Menschen, um sich gegenseitig Rückhalt zu geben.

Leider wird diese Form der gelebten Solidarität in Debatten häufig verzerrt dargestellt. So als sei es das einzige, was moderne Anarchist:innen meinen, wenn sie sagen: Organisiert euch!

Die eigentlichen Strategien der Selbstverwaltung und Selbstorganisierung werden dabei schlicht verkannt, ihre historischen sozialen Gewinne ausgeblendet und der Wert von aktuellen Projekten unterschätzt. Im Gegenzug werden von liberaler Seite legislative Reformen erhöht, obwohl sich diese immer nur an die Vorgaben halten können die, aus unverblümterer Sicht, zu den tiefer verwurzelten Ungleichheiten führen.

Dabei geht es aber aus antiautoritärer Sicht nicht immer darum, sich vollständig von parlamentarischen Prozessen abzuwenden. Linkslibertäre betonen dabei lediglich die Notwendigkeit von Selbstorganisation und außerparlamentarischen Bewegungen, im Zuge einer umfassenden positiven sozialen Entwicklung.

Kein Entweder-oder

Ein Zusammenspiel von parlamentarischen und außerparlamentarischen Kräften führt in der Praxis häufig zum Ziel.

Denken wir an selbstbestimmte Nachbarschaftsräume, die durch das Entgegenkommen von Ämtern erst ermöglicht werden. An juristische Beschlüsse im Klimakampf, die erst durch den Druck der Bewegung zustande kamen. Oder an Bürgerbewegungen in Krisengebieten, die sich mit Hilfe von Militärs Autokraten entledigen.

Die Liste an Beispielen ist lang und verdeutlicht, dass die Frage nach Ablehnung von staatlichen Strukturen nicht zwingend binär ist. Wenn ein Staat einer sozialen Bewegung nutzen kann, warum sich dogmatisch jeder parlamentarischen Hilfe entsagen? Wenn ein Staat aber einer sozialen Bewegung schaden kann, warum überhaupt auf Hilfen aus den Parlamenten setzen?

Für mich ist klar: Sich nicht einzig und allein auf parlamentarische Wahlen zu verlassen, sondern aktiv an der Selbstorganisation und dem Aufbau von autonomen Strukturen teilzunehmen, ist elementar für wirksame politische Arbeit!

Gewerkschaften, politische Gruppen sowie Nachbarschaftsorganisationen und viele weitere kollektive Zusammenschlüsse unterschiedlichster Art sind die notwendigen Mittel zum erreichen sozialer Ziele und politischer Veränderung. Eine Veränderung, die unabhängig von Umsturzgedanken, auch jetzt schon stattfindet und auf lange Sicht den unerlässlichen Unterbau für eine nachhaltige soziale Transformation darstellt.

Teilhabe gegen staatliche Macht

Selbstverwaltete Strukturen fördern Partizipation, da dort betroffene Personen direkt in die Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Dadurch können verschiedene Hintergründe und Blickwinkel berücksichtigt werden, was die Inklusion marginalisierter Gruppen erleichtert. Die Diversität wird erhöht, da unterschiedliche Lebensrealitäten besser repräsentiert werden können.

Konkret führt dies unter anderem zu Verbesserungen im Arbeitsrecht, zu vielfältigerer Bildung und mehr ökonomischer und sozialer Teilhabe. Und das in einem Umfang den staatliche Institutionen, die rein repräsentativ-demokratisch arbeiten, niemals leisten können.

Selbstverwaltung kann als emanzipatorischer Prozess verstanden werden, indem Menschen durch die aktive Mitgestaltung ihrer Lebensumstände versuchen, eine Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung zu schaffen. Eine Sozialgemeinschaft, in der es auf die Bedürfnisse der Menschen ankommt.

Eine demokratische Staatsform, die aber Profite über Bedürfnisse stellt und dessen Institutionen diese positiven sozialen Entwicklungen systematisch verhindern, werden zu einem Problem für diese Bewegung und deren sozialen Ziele.

Vor allem Liberale, die sich für eine Gesellschaft der Gleichberechtigung und Teilhabe einsetzen, aber den Parlamentarismus nicht als Problem sehen wollen, müssten also endlich die Versuche, in denen Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut und erprobt werden, zwingend anerkennen und unterstützen. Ansonsten entleert sich ihre aufgebrachte politische Energie weiterhin in die gleichen kleinen Modernisierungsschritte die, wenn sie mal nach vorne gehen, immer nur den Rahmen stärken, der eine konsequente soziale Transformation eben zu verhindern weiß.

Macht abbauen - Zukunft prägen

Aus libertär-sozialistischer Sicht soll die Macht der staatlichen Institutionen nicht nur anders und möglichst gerechter verteilt werden. Das Staatswesen wird als ein zentrales Machtzentrum erkannt und sollte dementsprechend in seiner Wirkung auf die Gesellschaft minimiert oder sogar vollständig aufgelöst werden. Durch die Prinzipien der Selbstverwaltung und dezentralisierten Entscheidungsprozessen wird diese Befreiung aus den staatlichen Hierarchien angestrebt. Die zentrale Herausforderung ist es also, die bestehenden Machtstrukturen abzubauen und Formen der Organisation und Zusammenarbeit zu entwickeln, die auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität basieren.

Es ist für liberale Progressive an der Zeit, die demokratischen Defizite unseres parlamentarischen Systems anzuerkennen und aktiv nach Lösungen zu suchen, die über bloße Reformen hinausgehen. Wir alle sind gefragt uns nicht nur auf die Legislative zu verlassen, sondern die Kontrolle über unsere Lebensumstände selbst in die Hand zu nehmen und sich dort zu engagieren, wo Initiativen die Basis für einen umfassenden sozialen Wandel schaffen.

Lasst uns gemeinsam die Möglichkeiten der Selbstverwaltung erkunden und unterstützen. Jeder Schritt in Richtung Selbstorganisierung ist ein Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung, sozialer Teilhabe und einer gerechteren Gesellschaft.

Bauen wir die Strukturen auf, die wir für eine bessere Zukunft benötigen. Organisiert euch und seid Teil des Wandels!

Daria

Als Arbeiterkind im Ruhrgebiet der 80er Jahre geboren und in früher Jugend subkulturell anarchistisch geprägt, politisierte sie sich im Laufe des Lebens intensiver und setzt sich heute für libertär-sozialistische Projekte ein.
Sie ist als freie Künstlerin tätig und ihr Leben als Elternteil und neurodiverser Mensch aus prekären Verhältnissen beeinflusst dabei ihre Sichtweisen.

Vorheriger Beitrag