Interview von Gabriel Kuhn mit Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung, zuerst erschienen in „Arbetaren“, Nr. 38/Mai 2026. Hier die deutsche Fassung:
Die größte Motivation kam erst, als ich beim Schreiben der Kapitel erkannte, dass es konzeptionell möglich ist, die thematischen und organisatorischen Schwerpunkte der anarcho-syndikalistischen Bewegung komplett aus femininer Sicht darzulegen. Denn anfangs hielt ich es nicht für möglich, genügend Biographien von Anarcho-Syndikalistinnen veranschaulichen zu können, um sie mit den Sachkapiteln zu verflechten. Dafür gab es historisch zu wenige weibliche Funktionärinnen in der Bewegung, wovon wiederum zum großen Teil die Quellenlage abhängig ist. Eigentlich fing alles ganz schlicht an, indem ich eine spannende Archivakte zur Widerstandsaktivistin Erna Sauerbrey (1913-1985) entdeckte, die unter anderem in meiner Heimatstadt Bremen lebte. Da mir ein kurzer Artikel über sie leicht von der Feder ging und sich mein Kopf in einer kreativen Phase befand, schrieb ich locker weitere Essays über andere Anarcho-Syndikalistinnen in Deutschland. Zunächst dachte ich damit eine kleine Broschüre an, die als Reiselektüre unterhaltsam wäre oder die Wartezeit beim Arzt angenehm verkürzen könnte. Erst nach etwa zehn biographischen Kapiteln schoß es mir mit immenser Freude durch Hirn und Herz, dass das scheinbar Unmögliche, ein weibliches Panorama des Anarcho-Syndikalismus, schaffbar sei. Nun ist ein angenehm lesbares Buch mit 28 abwechslungsreichen Kapiteln auf 400 Seiten entstanden. Die Kunstmalerin Johanna Teske hat viele der Protagonistinnen hervorragend gezeichnet.
Für das schwedische Publikum könnte im deutschsprachigen Wirkungskreis Gretel Leinau (1905-1980) interessant sein, da sie im Buch die „Föderation freiheitlicher Sozialisten“ repräsentiert, die Nachfolgeorganisation der alten Gewerkschaft „Freie Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD). Beide waren Schwestergewerkschaften der SAC innerhalb der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“ (IAA). Als organisatorischer Kopf der FFS hatte Gretel Leinau Kontakte zu Helmut Rüdiger (1903-1966), der die SAC repräsentierte und versuchte, den Anarcho-Syndikalismus in neuen Formen zu revitalisieren. Andere Lebensläufe spielen im Exil, vor allem in Spanien. Viel ist überliefert von Martha Wüstemann (1908-1992), die in Barcelona 1936 eine anarchistische Buchhandlung leitete und in der französischen Resistance kämpfte. Sie repräsentiert im Buch mit ihrem immens spannenden Lebenslauf die „Gruppe Deutsche Anarchosyndikalisten“ (DAS). Die Schriftstellerin Etta Federn-Kohlhaas (1883-1951) baute zur gleichen Zeit in Blanes bei Barcelona „Freie Schulen“ im Sinne Francisco Ferrers auf. Eine ihrer Schülerinnen war Annemarie Götze-Dagermann.
Sie ist mit Jahrgang 1924 die jüngste der 28 portraitierten Anarcho-Syndikalistinnen und starb erst 2016. Bei den Recherchen hatte ich nicht selten das Problem, dass ich die Frauenbiographien entlang der ihrer Ehemänner schreiben mußte, da sie selbst zu wenig von sich überlieferten. Das ist zwar bei Annemarie Götze für ihre Zeit in Spanien zunächst nicht der Fall, aber organisatorisch und thematisch waren die Buchkapitel bereits besetzt, beispielsweise die „Freien Schulen“ von Etta Federn-Kohlhaas. Was lag also näher, als sich anhand der Biographie von Annemarie die Exilbedingungen in Schweden anzuschauen? Das ging zunächst auch ganz gut, bis ich merkte, dass ich eigentlich über Stig Dagermann (1923-1954) schreibe. Dann kürzte ich das ganze und schnitt es wieder stärker auf Annemarie zu mit dem Ergebnis, dass es ein eher kurzes Kapitel im Buch ist. Es gibt zwar ein ausführliches Interview mit ihr von Per Lindblom und Albert Herranz. Leider erzählt sie darin wenig über ihre letzten 60 Jahre in Schweden. Beleuchtet hätte ich zudem gerne Dora Rüdiger, aber auch zu ihr fehlt mir (noch) Quellenmaterial.