Sommer 1936 in Deutschland: Monat um Monat, Jahr und Jahr erfaßte die Schwüle drohender Hoffnungslosigkeit die Genossen. Über drei Jahre erstickte der Faschismus bereits das Leben im Land. Fast alle anarcho-syndikalistischen Funktionäre hatten Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, Verhaftungen, Konzentrationslager und Folter erlitten. Einige überlebten die Haftzeiten nicht, der Bekannteste unter ihnen war der Schriftsteller Erich Mühsam (1878-1934), den die Nazis im KZ Oranienburg ermordeten. Heimlich organisierten die Angehörigen und Genossen Hilfen für die Gefangenen und deren Familien. Einige druckten illegale Zeitungen und verteilten sie. Andere schufen illegale Grenzübergänge für Fluchtwillige. Bis etwa 1935/36 ging das gut. Dann zerschlug die Polizei fast alle anarcho-syndikalistischen Widerstandsnetzwerke.
Doch plötzlich geschah genau das, woran viele schon nicht mehr glaubten. Der Faschismus war besiegbar! Nicht durch neue Wahlen, nicht durch neue Regierungen, nicht durch militärische Befreiung von außen. Was die Anarcho-Syndikalisten überall auf der Welt seit vielen Jahrzehnten herbeisehnten, war Wirklichkeit: Soziale Revolution in Spanien und vielleicht bald auf der ganzen Welt!
Bereits 1932 exilierten die ersten deutschen Anarcho-Syndikalisten dorthin, darunter die Schriftstellerin Etta Federn (1883-1951) und Helmut Rüdiger (1903-1966), beide aus Berlin. Andere bauten in den Niederlanden eine Auslandsorganisation auf, die weitere Flüchtige mit Kontakten und finanziellen Hilfen versorgte. Auf abenteuerlichen und gefährlichen Wegen gelangten Anarcho-Syndikalisten aus ganz Deutschland nach Spanien, um an der Revolution teilzunehmen, die am 19. Juli 1936 begann. Nicht nur die Francofaschisten, die Kapitalisten sowie viele Klerikale wurden vertrieben, sondern die gesamte Produktion sozialisiert. Auch die politische Macht lag mit regionalen Schwerpunkten in Katalonien und Aragonien in den Händen der anarcho-syndikalistischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT). Die kulturellen Wertvorstellungen eines Kropotkin, eines Ferrer, einer Goldman gelangten zu voller Blüte.
Die vor kurzem noch gemarterten und dem Tode entronnenen Deutschen weinten vor Glück, als ihre bewaffneten Spanischen Genossen sie an der Landesgrenze und in Barcelona empfingen. Mehr noch, konnte sich ein Teil von ihnen offiziell als Gruppe deutsche Anarchosyndikalisten (DAS) organisierten und war von der CNT offiziell mandatiert. Sie führten polizeiliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gegen die Auslandsorganisationen der Nazis durch! Aus den beschlagnahmten Materialien entstand 1937 schließlich das „Schwarzrotbuch. Dokumente über den Hitlerimperialismus“, welches vor aller Welt die deutsche Außenpolitik bloßstellte. Mit Kraftfahrzeugen ausgestattet und Maschinengewehren bewaffnet waren dabei Fred Schröder (1904-1984) aus Kassel und Helmut Kirschey (1913-2003) aus Wuppertal, der rief: „So hätten wir es in Deutschland machen müssen!“

Andere kämpften an der Front in den anarcho-syndikalistischen Milizen gegen die Franco-Truppen. Darunter Paul „Pablo“ Czakon (1897-1952) mit dem Decknamen „ Máximo Más“, Kommandeur der Artillerieeinheit „Sacco y Vanzetti“ in der „Columna Tierra y Libertad“ zusammen mit seiner Ehefrau Veronika „Vera“. Die meisten seiner Zähne verlor er bereits vor 1933 in Deutschland beim militanten Kampf gegen die Nazis in Schlesien. Czakon flüchtete im Januar 1933, weil er gegen die befürchtete Diktatur schon 1932 ein Sprengstofflager einrichtete und deshalb polizeilich gesucht wurde. An die Front ging auch der sozialistische Schriftsteller Carl Einstein (1885-1940), der kampfeswillig in Barcelona angekommen, eigentlich bei den Kommunisten anheuern wollte, aber aus Versehen im deutschen Auslandsbüro von Helmut Rüdiger vorstellig wurde. Seitdem kämpfte er in der Kolonne Durruti und hinterließ darüber eine eindrucksvolle Berichterstattung. Heinrich Friedetzky (1910-1998) hingegen gelangte erst 1937 von Schlesien nach Spanien. Da zu dieser Zeit bereits die Kommunisten die Einreisemöglichkeiten ins Land weitgehend kontrollierten, kämpfte er nicht, wie gewünscht, bei den anarchistischen Milizen, sondern wurde an die kommunistischen Internationalen Brigaden überstellt. Willi Paul (1897-1979) aus Kassel hingegen berichtete detailgetreu von den Kampfhandlungen an der Front Seite an Seite mit den anarcho-syndikalistischen Miliz-Genossen.
Am nötigsten für die Revolution waren aber die Fremdsprachenkenner für die Auslandskorrespondenz in Barcelona. Dazu zählte Helmut Rüdiger, inzwischen Sekretär der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“ (IAA), der Rudolf Rocker überglücklich berichtete, mit dem Beginn der Revolution: „große, schöne, unvergessliche Tage!“ erlebt zu haben. Auch Augustin Souchy (1892-1984), vormaliger Sekretär der IAA war im Auslandsbüro tätig. Obwohl beide Persönlichkeiten sich nicht leiden konnten, schweißte ihr Enthusiasmus sie zusammen, während Etta Federn Mitglied bei den Mujeres Libres wurde und in Blanes bei Barcelona als Lehrerin eine Ferrer-Schule aufbaute. Als Sprachgenie erlernte sie 1932 die Landessprache selbst innerhalb nur weniger Wochen. Die Leipzigerin Martha Wüstemann (1908-1992) gelangte 1933 von Düsseldorf nach Barcelona und leitete dort mit Beginn der Revolution in der „Rambla de Catalunya 72“ einen internationalen anarcho-syndikalistischen Buchladen. Das enteignete Gebäude, eine Villa, gehörte zuvor deutschen Faschisten.
Martha Wüstemann, late 1960s. Archiv Hans Jürgen Degen
Mit der schrittweisen Machtübernahme durch die autoritären Kommunisten seit dem Frühjahr 1937 wurden auch deutsche Anarcho-Syndikalisten von deren Geheimpolizei inhaftiert, während die Front immer näher rückte. Nur wenige der berichtenden Anarcho-Syndikalisten aus Deutschland fielen den Faschisten in die Hände, wie Heinrich Friedetzky, dem es zunächst gelang, sich den Faschisten gegenüber als Tschechischer Staatsangehöriger auszugeben, um nicht nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Erst als Deutschland wenige Monate später Tschechien besetzte, wurde Friedetzky enttarnt und nach Deutschland überführt, da seine in Tschechien angegebene Adresse nicht stimmte. Augustin Souchy gelangte kurz vor dem Einmarsch der Franco-Truppen in Barcelona als Verwundeter mit einem LKW über die französische Grenze, die nur wenige Stunden darauf geschlossen wurde. Vom Kommandeur Paul Czakon ist überliefert, dass er die Kampfgenossen seiner Milizeinheit unversehrt nach Frankreich überführte. Von den Kämpfen und der Internierung in französischen Konzentrationslagern gesundheitlich beeinträchtigt und völlig verarmt starb er bereits 1952 in Deutschland.
Jede Flucht aus Spanien war turbulent und die Hoffnungen trübe, denn in Frankreich warteten entweder erneute Illegalität oder der gefürchtete Lageraufenthalt. Und 1940 marschierten deutsche Truppen ein. Martha Wüstemann, die in der Zeit ihrer Exiljahre eine minderjährige Tochter versorgte, schickte diese in Frankreich in eine Schule. Sie selber kämpfte in der Resistance und lebte illegal in einem Versteck. Zweimal mußte sie sich unter Lebensgefahr einer Krankenhausbehandlung unterziehen, heimlich, an den deutschen Wachtposten vorbei geschleust, heimlich operiert und wurde schließlich in ihr Versteck entlassen. Sie lebte nach 1945 in Südafrika und starb 1992 in Deutschland. Auch Etta Federn versorgte im Exil zwei Söhne, mit denen sie zusammen in der Resistance kämpfte. Sie starb in Paris. Helmut Rüdiger, Fred Schröder, Helmut Kirschey und Fritz Benner (1906-1966) emigrierten dauerhaft nach Schweden.
Viel kürzer hingegen währte die Hoffnung des Münchner Anarcho-Syndikalisten Benno Scharmanski (1906-1998), der 1933 eine Haftzeit im Konzentrationslager Dachau überstand. 1936 wählte er mit viel Revolutionshoffnung im Herzen eine unkonventionelle Fluchtroute nach Spanien: Mit einem Kajak überquerte er den Bodensee Richtung Schweiz. Doch die dortigen Behörden griffen ihn auf und wiesen ihn nach Deutschland aus. Bis ins hohe Alter hatte er in Deutschland Kontakte zu jungen Anarcho-Syndikalisten.
Alle diese Genossinnen und Genossen hinterließen uns ihre Erinnerungen. Viele ihrer Berichte und Interviews waren jahrzehntelang in Zeitschriften und in Archiven verstreut. Die meisten und detailreichsten deutschsprachigen Berichte über die konstruktiven Leistungen der Spanischen Revolution stammen von Augustin Souchy, die er unter anderem im Buch „Nacht über Spanien“ (1954) zusammenfasste. Danach bereiste er weitere Revolutionen und emanzipatorische Projekte auf mehreren Kontinenten, besuchte Spanien 1983 nochmal mit einem Filmteam auf den Spuren der damaligen Revolution (Medienwerkstatt Freiburg: „Die lange Hoffnung“) und starb 1984 in München.
Zu 90 Jahren Spanische Revolution habe ich viele deutschsprachige Zeitzeugenberichte ausgehoben und nach folgenden Rubriken zusammengestellt:
Mit diesen originalen „Stimmen aus der Spanischen Revolution“ formt sich eine spannende und lehrreiche Geschichte deutscher Anarcho-Syndikalisten als Teil der dortigen Kämpfe um eine freie Gesellschaft in Freiheit, Gleichheit und in gegenseitiger Hilfe.
Helge Döhring (Hg.): große, schöne, unvergessliche Tage. Stimmen aus der Spanischen Revolution 1936-1939, Verlag Edition AV, Bodenburg 2026, 86 Seiten, ISBN 978-3-86841-362-5, 14 Euro

https://www.edition-av.de/buecher/doehring-stimmen_aus_der_spanischen_revolution.html
Dieser Artikel erschien im Juli 2026 zu erst in der „freedom“ unter dem Titel „German syndicalists in revolutionary Spain. The untold stories of political exiles from Nazi Germany who joined the resistance to Franco“
https://freedomnews.org.uk/2026/07/28/german-syndicalists-in-the-spanish-revolution/