Eine Streitschrift zum 8. März 2026



Debattenbeitrag Feminismus Feministische Randale 8märz

We can learn to love again? – Pink, 2013

To be left outside alone, when its cold out here. – Anastacia, 2004

Wir befinden uns in einer Situation permanenter Krisen, angeheizt durch die imperialistischen(1) Kriege, ihre Brutalität in Form von Landnahme, Zerstörung und Millionen von Toten. Faschist*innen und Patriarchen in Regierungen und auf den Straßen führen einen internationalen Raubzug gegen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen und Queers. Sie entrechten, plündern und morden. Dennoch ist keine organisierte Kraft in Sicht, die diese Barbarei(2) beenden könnte.

Heute, am 8. März 2026, gehen wir als Feminist*innen auf die Straße. Aber so wütend unsere Protestrufe auch sein mögen, so boshaft sind auch die Streitigkeiten unter uns. Auch wenn es gelingt an wichtigen Tagen kollektiven Widerstand auf die Straßen zu tragen, führen diese –​​​​​​​ teils intern-verschwiegenen, teils öffentlich ausgetragenen –​​​​​​​ Unstimmigkeiten vor, während und nach den Protesten zwischen den beteiligten Personen und Gruppen zu Entsolidarisierung und Zersplitterung. Von inhaltlichen über strategische hin zu persönlichen Widersprüchen: All das wird nicht nur im Rahmen von internen Diskussionen ausgetragen, sondern oft auch im digitalen und öffentlichen Raum.

Nicht zuletzt durch die Veröffentlichung der Epstein-Files wurde deutlich, dass der politische Gegner gut vernetzt, materiell beispiellos aufgestellt und schlagkräftig ist. Diese Sachlage erfordert eine gemeinsame organisatorische Praxis im Spannungsverhältnis der Differenzen. So hoffnungsvoll das auf dem Papier klingen mag, stellt sich die aktuelle Situation feministischer Initiative(n) leider nicht dar. Wir stehen als Feminist*innen (frustriert) vor einem Haufen zersplitterter Strukturen. Oftmals nur an losen Fäden regional oder thematisch vernetzt.

Es stellt sich die Frage, wie wir an diesen Punkt gelangt sind, wie sich die feministische Lage in Deutschland konkret darstellt und welche Veränderungen möglich wären. Als Teil der feministischen Bewegung –​​​​​​​ bzw. des feministischen Stillstands –​​​​​​​ wollen wir diese Diskussionen weiterführen, um einen Ausweg aus der aktuellen Ohnmacht zu finden. Dieser Text ist Teil davon. Er will und kann keine Lösung bieten und erhebt auch keinen Anspruch auf absolute Wahrheit. Vielmehr kann er als Zwischenstand unserer Erkenntnisse verstanden werden. Wir wünschen uns Kritik, Ergänzungen, Veränderungsvorschläge. Lasst uns gemeinsam streiten –​​​​​​​ der Veränderung willen!  –​​​​​​​ Feministische Randale (Hannover) und Feministische Front (bundesweit), 8. März 2026 

Historischer Kontext

That‘s the way love goes. – Janet Jackson, 1993

Die Entstehungsgeschichte des Feminismus ist geprägt von grundsätzlichen Differenzen, z.B. in Bezug auf die Frage nach dem feministischen Subjekt oder was die Positionierung zu gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Bezüge zu feministischen Fragestellungen und Politiken angeht. Im Folgenden soll ein kurzer Abriss dieser historischen Spaltungen erfolgen, um unsere jetzige Situation anhand der geschichtlichen Entwicklungen einzuordnen.(3)

Einen der ersten Widersprüche stellt der Konflikt zwischen sozialistischem und bürgerlichem Feminismus dar. Auch wenn es Mitte des 19. Jahrhunderts verbindende Ansätze durch Personen wie Flora Tristan gab, entstanden Reibungen, die zu der Entstehung der bürgerlichen Frauenbewegung führten. Während die bürgerlichen Feminist*innen für Gleichberechtigung im bestehenden System kämpfen, ist für die Sozialist*innen die Frauenfrage zwangsläufig mit der Klassenfrage verbunden. So stellen sie dem individualistischen Subjekt der isolierten Staatsbürgerin das einer ökonomisch ausgebeuteten Arbeiterin entgegen.

Während des Ersten Weltkriegs verschärft sich dieser Konflikt als die bürgerliche Seite Frauen –​​​​​​​ scheinbar als emanzipatorischen Schritt –​​​​​​​ in den Kriegseinsatz integrieren will, während die proletarische Frauenbewegung die Frau als Unterdrückte in einem Netzwerk komplexer, struktureller Ausbeutungsverhältnisse begreift. Unter keinen Umständen soll diese eine Komplizinnenschaft mit imperialistischen Strukturen eingehen.

Parallel zeigt sich im US-amerikanischen Kontext ein weiterer grundlegender Bruch in Form einer rassistischen Verengung des feministischen Subjektes auf die weiße, bürgerliche Frau. Insbesondere von der Suffragetten-Bewegung werden Schwarze Frauen exkludiert. In Folge existieren Schwarz-feministische Gruppen nun als getrennte, parallele Strukturen und das feministische Subjekt wird erstmals als rassifizierte Kategorie sichtbar. Die Konsequenz ist auch eine theoretische Neubestimmung, die deutlich macht, dass Geschlecht nicht isoliert analysiert werden kann.

Things fall apart, but nothing breaks like a heart. – Miley Cyrus, 2018

In der zweiten feministischen Welle analysiert der lesbische Separatismus Heterosexualität als Manifestierung patriarchaler Machtverhältnisse und spricht sich dementsprechend für einen totalen Bruch mit „der Männerwelt“ aus. Damit wurde der Grundstein für den heute vielerorts geläufigen FLINTA*-Begriff(4) gelegt.

Die „Sex Wars“ der 1970er und 1980er Jahre führen die Auseinandersetzungen über Sexualität fort, jedoch bezogen auf die analytische Frage, ob Sexarbeit als Ausdruck sexueller Autonomie und Selbstermächtigung oder als strukturelle Gewalt und Symptom eines ausbeuterisch-patriarchalen Systems gedeutet werden kann.

In der dritten feministischen Welle wird die Frage nach dem feministischen Subjekt durch die Auseinandersetzung mit trans*inklusiven Positionen explizit fortgeführt. Trans*exkludierende Strömungen definieren Geschlecht im biologisch-essentialistischen Sinne und binden das feministische Subjekt an körperliche Merkmale innerhalb eines binären Geschlechtersystems. Trans*inklusive Ansätze verstehen Geschlecht hingegen als sozial geformte, selbst zu bestimmende Kategorie, die u.a. durch alltägliches Handeln, Sprache und Verhalten stilisiert wird. Der Fokus verschiebt sich hier von einem klar definierten, abgegrenzten Subjekt hin zu einer Solidarität mit allen, die vom binären Geschlechtersystem unterdrückt werden.

Love is a losing game. – Amy Winehouse, 2006

Vor dem Hintergrund dieses historischen Abrisses wird deutlich, dass viele der aktuellen Spaltungen bzw. Spaltungsursachen als Fortführungen historischer Konflikte zu verstehen sind. Wenn wir uns also die feministische Szene heute anschauen, müssen wir anerkennen, dass die aktuellen Verwerfungen kein neues Phänomen sind, sondern auch aufgrund von Machtgefällen innerhalb der Bewegung entstehen. Denn oft zeichnen sich daran noch immer andauernde Kämpfe marginalisierter Gruppen um (politische) Anerkennung und Selbstermächtigung ab. Selbstermächtigung bedeutet in diesem Kontext nicht selten das Loslösen von alten Ansätzen, indem Bestehendes radikal hinterfragt und verworfen bzw. mit neuen Inhalten gefüllt wird

Aktuelles

Only love can hurt like this. –​​​​​​​ Paloma Faith, 2014

Um den aktuellen Stand der feministischen Bewegung besser fassen zu können, beziehen wir uns auf die Ergebnisse einer im Jahr 2025 bundesweit durch die Feministische Front durchgeführte qualitative Umfrage. Dafür wurden sowohl Fragebögen als auch Workshopangebote und Interviews durchgeführt. Von Göttingen bis in den Schwarzwald – was erleben Feminist*innen? Angesichts der Spaltungshistorie sind die Ergebnisse nicht überraschend: Auch heute ist das Gefühl von Fragmentierung, Generationenkonflikten und Spaltungslinien unangefochten am häufigsten vertreten, gefolgt von der Wahrnehmung von Barrieren. Es wird über eine grundsätzliche Unzugänglichkeit feministischer Politkontexte berichtet, wobei insbesondere die Unsichtbarmachung von BIPoC-Personen thematisiert wird. Feministisch-aktivistische Teilhabe sei außerstädtisch schwer, vor allem auch ohne Wissen in Bezug auf linke Codes. Streit über verschiedenste Inhalte sei zudem an der Tagesordnung. 

Warum bleiben Feminist*innen trotzdem am Ball? Bestärkung komme in erster Linie durch das Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität zustande. In den Momenten, in denen diese Qualitäten spürbar werden, ist das tatsächlich enorm bestärkend und ermutigend. Zusätzlich würde man der Bewegung nicht gerecht werden, wenn nur Konflikte thematisiert würden. Denn es gibt durchaus auch Erfolgserlebnisse, größere Demonstrationen oder Orte der Gemeinschaft. Eine zusätzliche emotional treibende Kraft sei, so sagen Feminist*innen, die Wut über die aktuellen Zustände und der Unmut über die eigene Betroffenheit von eben diesen.

When it hurts so bad. – Ms. Lauryn Hill, 1998

Was soll und kann sich also verändern? Feminist*innen sagen, dass zunächst einmal verschiedene Ziele erreicht werden sollen, darunter unter anderem das Ende von Gewalt und Femi(ni)ziden(5), das Schaffen neuer Familienkonzepte und Rollenbilder. Die Inhalte sollen dabei selbst gesetzt werden, da man sich nicht von rechten Stimmen in eine Richtung drängen lassen will. Darüber hinaus brauche es Zugangsmöglichkeiten, d.h. einfache Anlaufstellen zur Teilhabe, zum Mitwirken. Sich in geheimen Räumen zu treffen ist da eher hinderlich. Wer bewegt sich (noch) nicht selbstverständlich in feministischen Räumen in Deutschland? Welche Kämpfe können und müssen verbunden werden? 

Zu guter Letzt träumen Feminist*innen von einer Zukunft, die Gemeinsamkeiten und Vernetzung ins Zentrum rückt. In diesem feministischen Traum werden Spaltungen überwunden, Uneinigkeiten akzeptiert, offen diskutiert, Kompromissbereitschaft gezeigt. All das, um am Ende gemeinsame Ziele in die Tat umzusetzen – nicht nur reden, sondern auch machen.

Durch diese Bestandsaufnahme zieht sich ein roter Faden: Alle scheinen zu wollen, niemand scheint zu können. Das Interesse an gemeinsamer Arbeit und gemeinsamem Kampf ist groß, aber die Gräben scheinen (zu) tief. Es mangelt an Möglichkeiten und Strukturen zur Vernetzung. 

Kontext Hannover 

Too little too late. – JoJo, 2006

Was wir zuvor als strukturelles Problem beschrieben haben, zeigt sich nicht nur abstrakt. Die Zersplitterung von feministischen Bewegungen lässt sich zum Beispiel in Hannover konkret beobachten. Und genau darum geht’s, um die Praxis, die Konflikte nicht aufklärt, sondern eskaliert – und dabei das kaputt macht, was wir eigentlich aufbauen wollen. Pünktlich zur Planung des 8. März kamen wir in den Genuss, dies hautnah miterleben zu dürfen. Wo wir uns vergangenes Jahr mit Zehntausenden gemeinsam die Straßen genommen haben und für eine feministische Revolution laut waren, gibt es dieses Jahr mindestens vier verschiedene Demonstrationen (Stand Februar 2026). FLINTA-only hier, Frauenkampftag dort. Selbst die FLINTA-Perspektive kommt nicht über das vermeintlich weiblich-normative Erscheinungsbild hinaus. Oft wird FLINTA* gesagt, aber Frauen gemeint – wie auch immer eine Frau aussieht... Die üblichen Lager. Getrennte Mobilisierung, getrennte Sichtbarkeit. Getrennte Kämpfe. 

In Planungstreffen zum Feministischen Kampftag trafen Gruppen und Einzelpersonen mit unterschiedlichen politischen Schwerpunkten aufeinander und es war geplant, gemeinsame Grundsätze, im Sinne eines Minimalkonsenses, zu vereinbaren. Es ging nicht darum, dass alle dieselbe Meinung zu den Themen haben, sondern darum, dass wir zusammenarbeiten können. Wir waren optimistisch und erwarteten von unseren Genoss*innen ein solidarisches Miteinander. Es geht um Empathie, Offenheit und Respekt – auch bei Themen, die einem nahegehen. Nicht zu viel verlangt, oder?

Eine queerinklusive feministische Praxis, in der wir aufeinander achten, schien bei einigen wenig Anklang zu finden. Lieber wurden Wortmeldungen für langanhaltende, lautstarke Monologe gekapert, auf welche wirklich kein Mensch mehr Lust hatte zu antworten. Die Luft war zum Schneiden dick. Anmerkungen der Moderation und Awareness-Struktur zum Redeverhalten wurden ignoriert. Reflexion hat nicht stattgefunden. Inhaltliche Diskussionen auf Augenhöhe waren kaum möglich. Statt auf konkrete Argumente einzugehen, wurden so wahrgenommene Gegner*innen eingeschüchtert. Dies geschah durch zur Rede stellen in Einzelgesprächen nach dem Plenum, Drängen auf Knopfdruck-Argumente, Schreien während Diskussionen oder Nachäffen. Personen, die die eigene Meinung nicht teilten, wurden angegangen, diffamiert und teilweise beleidigt. Die Kompromisslosigkeit hatte Folgen: Es kamen immer weniger Menschen zu den Treffen. Kein Wunder, denn niemand möchte sich einem solchen Kreuzfeuer aussetzen. 

Woher kommt dieser starke Kontrast zum letzten Jahr? Die Zuspitzung der aktuellen politischen Lage, die Gefahr eines autoritär-faschistischen Wandels, scheint in den Treffen ein Ventil gefunden zu haben. Man passt sich an den patriarchalen Stil der Machthabenden an – entgegen allen solidarischen Bemühungen. Vertrauen in die guten Absichten der anderen: Fehlanzeige. Stattdessen zog sich eine missbilligende Verteidigungs-/Angriffshaltung durch die Treffen.  

Words. –​​​​​​​ Natasha Bedingfield, 2004

Nicht nur in Verhaltensweisen wurde eine solidarische Praxis untergraben, sondern auch inhaltlich. In Planungstreffen zum Tag gegen patriarchale Gewalt am 25.11. waren queerinklusive feministische Themen ein heißes Eisen. Zu kompliziert für die breite Gesellschaft, zu spezifisch, zu akademisch, zu "westlich". Wie können es nicht alle selbsternannten Feminist*innen alarmierend finden, wenn queeres Leben immer häufiger und härter angegriffen wird? Warum soll diese Realität ausgerechnet in feministischen Räumen relativiert(6) werden? Hinweise, dass wir nicht nur für Frauen kämpfen, wurden ignoriert. Das Anerkennen queerer Identitäten neben dem alleinigen Subjekt Frau würde den eigentlichen Kampf verwässern, so hieß es. Dabei wird uns als queerinklusiven Feminist*innen oft vorgeworfen, wir würden uns nur auf uns selbst beziehen und Identitätspolitik(7) betreiben. Als wäre pluralistische(8) Politik ein Luxusproblem, das man sich erst später irgendwann, oder eben gar nicht, leisten kann. Die sogenannte breite Gesellschaft wird hier benutzt, um die eigene Angst oder Ignoranz zu vertuschen. Deswegen müsse man Inhalte vereinfachen und verkürzen – der Gewinn geht dann auf Kosten derer, die ohnehin am stärksten von patriarchaler Gewalt, ökonomischen Unsicherheiten und staatlicher Kontrolle betroffen sind. Das ist nicht strategisch klug, das ist Bequemlichkeit. Dass es Menschen gibt, die über das Leiden queerer Menschen wenig wissen, sollte kein Hindernis sein, dieses zu benennen. Es ist, und war schon immer, die Aufgabe der feministischen Bewegung, Bewusstsein für Gewalt- und Unterdrückungsverhältnisse zu schaffen. 

Diese ermüdende Spaltung ist nicht willkürlich und scheint sich in das gesamtgesellschaftliche Verlangen nach einfachen Lösungen einzureihen – sie spielt dem Patriarchat direkt in die Karten. Aber wir können uns das nicht leisten! Wir müssen uns gegenseitig zuhören und auch den Willen haben, einander zu verstehen. Wie Rosa Luxemburg einst sagte, "Freiheit ist immer [die] Freiheit des Andersdenkenden".

Konflikt

I wanna ruin our friendship. – Studio Killers, 2013

Wenn wir über Konflikte in feministischen Räumen sprechen, stellen wir folgende Dinge fest:

1) Der eigentliche Konflikt ist ein Machtkonflikt um Deutungshoheit (9).

Viele Auseinandersetzungen drehen sich weniger um unüberbrückbare inhaltliche Gegensätze als um die Frage: Wer definiert, was „Feminismus“ ist? Wer setzt Themen? Welche Perspektiven gelten als legitim? Frei nach Jo Freeman eskaliert der Ton, sobald Differenz als Bedrohung der eigenen Definitionsmacht erlebt wird – und so wird politische Vielfalt zur Konkurrenz.

2) Wir haben nicht gelernt, Konsens zu finden.

In vermeintlich individualistischen Gesellschaften, wie man sie oft in sogenannten Industriestaaten, wie z.B. Deutschland und in den USA vorfindet, wächst man mit dem Bild auf, selbst das Zentrum jeglichen Handelns zu sein. Die Identität stützt sich aufs eigene Schaffen, Denken, Sein und nicht etwa auf eine kollektivistische Abhängigkeit von anderen. Was wir dadurch auch lernen, ist, unsere Positionen als Alleinstellungsmerkmal zu begreifen, das es zu verteidigen gilt. Oft hindert uns das daran, Ein- und Zugeständnisse machen zu können, denn das würde tief an unserem Stand als Individuum rütteln. So wäre es zum Beispiel als Gruppe unerträglich, die eigene Analyse nicht in ihrer Gänze in der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen durchzusetzen. Und diese fehlende Kompromissbereitschaft hält auch andere davon ab, einen Schritt zu machen. Teilweise geht es scheinbar so weit, dass man Angst davor hat, mit anderen in bestimmten Punkten übereinzustimmen – Schwarz-Weiß-Denken vom Feinsten.

3) Patriarchale Streitpraxis soll mit allen Mitteln verhindert werden.

Unsere Erfahrungen im Patriarchat lehren uns von klein auf: Streiten zerstört. Konflikte gelten grundsätzlich als negativ, gewaltvoll und vor allem, entgegen der Produktivität. Feminismus baut darauf auf, das Patriarchat zu verurteilen und abschaffen zu wollen: Wir wollen nicht genauso machthungrig, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne emotionale Perspektive argumentieren und uns an die einsame Spitze vorkämpfen. Stattdessen dreht sich in einer feministischeren Praxis der Spieß um: Gefühle bekommen einen besonderen Fokus. In Extremfällen brechen Diskussionen dann ab, wenn eine Verletzung geäußert wird. Das abrupte Beenden von Gesprächen ohne eine Aussicht auf die nächsten Schritte versetzt uns quasi in eine kollektive Ohnmacht. Es fehlt an Wissen, wie mit Streit umgegangen werden kann. Wir sprechen nicht mehr darüber, woher die Verletzung kommt oder wann und wie wir auf inhaltlichen Ebenen weiterkommen könnten. Jedoch kommt die Handlungsunfähigkeit vielmehr durch Hilflosigkeit beim Klärungsversuch, als durch den Konflikt selbst. 

4) Streiten schickt sich nicht.

Vor allem für Menschen, die in die Rolle "Frau" hineinerzogen werden, gehört es sich nicht zu streiten. Lieber soll frau verträglich sein, sich um andere kümmern. Eine eigene Meinung wird manchmal nur geduldet und nicht etwa gerne gehört oder erwartet. So lernt man im Umkehrschluss auch nicht, Argumente und Gefühle gleichermaßen in Diskussionen aufzufangen. Sich zu streiten bedeutet, im sozialen Gefüge der Verträglichkeit abzusteigen. Grundsätzlich möchte niemand die „nicht-gemochte“ Person sein. Das heißt, man schweigt, man ist nicht ehrlich –​​​​​auch aus Angst, ausgeschlossen zu werden. Außerdem weiß man ja auch um die schwer auszuhaltende Schwebephase nach einem Streit – wann und wie wird man sich vertragen können? Ein sachlicher, lösungsorientierter Austausch findet oft nicht statt. 

Bust your windows. – Jazmine Sullivan, 2008

Was passiert also, wenn das soziale Gefüge dann doch einmal „gestört“ wird? Wenn beispielsweise länger zum eigenen Standpunkt monologisiert wird, andere Diskussionsteilnehmende aktiv angesprochen oder gar kritisiert werden. Es gibt Stress, aber hinter vorgehaltener Hand. In dieser Person kann man plötzlich jeglichen Verrat des Patriarchats beschwören – sie verrate schließlich den gemeinsamen, feministischen Wertekompass und wird dann dafür augenscheinlich doppelt so hart bestraft. Wenn nämlich bei einem x-beliebigen politischen Treffen dasselbe Verhalten von einem cis-männlichen Genossen an den Tag gelegt wird, dann gibts zwar auch hinter verschlossenen Türen Kritik, aber mit weniger Schärfe in der Verurteilung, wenn nicht sogar leiser Anerkennung ("Endlich sagts mal einer"). Es wird mit zweierlei Maß gemessen.

Die Konsequenz sollte natürlich nicht sein, diese Verhaltensweisen auch in explizit feministischen Räumen zur Gewohnheit werden zu lassen – wir wollen uns ja als Bewegung tatsächlich nicht regelmäßig sinnlos in patriarchaler Manier an den Kragen gehen. Wenn es jedoch mal passiert, macht es auch hier Sinn, sich die individuelle Geschichte der Person anzuschauen: Wenn man das System sprengt, kann das genauso gut ein "Überlebensmechanismus" sein, den man sich im Patriarchat quasi aneignen musste, um Gehör zu finden. Oder man ist vielleicht besonders betroffen und fühlt sich nicht gehört. Schlussendlich sollte auch dieser Zustand benannt, erfragt und mit Wohlwollen aufgearbeitet werden.

Aufschlag für eine revolutionär-feministische Streitpraxis

This will be (an everlasting love) – Natalie Cole, 1975

Angesichts der Umfänglichkeit und Tiefe der analysierten Probleme sind wir derzeit leider nicht dazu in der Lage, einen finalen Lösungsvorschlag zu geben. Sowieso maßen wir uns nicht an, einen allgemeingütigen Überblick oder die perfekte Analyse zu haben. Dennoch möchten wir einige Impulse geben, die hilfreich sein könnten, um diese Missstände zu beheben bzw. nachhaltig zu verändern –​​​​​​​ und so eine andere, solidarischere und widerstandsfähigere feministische Praxis zu gestalten.

Die nachfolgenden Impulse kommen aus verschiedensten Richtungen und sind vornehmlich geprägt von Erfahrungen in den Bereichen Mediation, Awareness-Arbeit (Sensibilisierung, Prävention und Unterstützung bei grenzüberschreitendem Verhalten), Tekmil (einer kurdischen Selbstkritikpraxis und Kritik-Rundenmethode) und weiteren Praxisansätzen.

Zunächst einmal eine kleine Bestandsaufnahme: Wenn man versucht sich durch den Wald an Streitschriften zu schlagen, wird die Axt schnell stumpf. Das heißt konkret, es gibt viel Streit, aber wenig Methoden. Eine gemeinsame Wertebasis lässt sich intern in einer Gruppe eventuell noch verhandeln, obwohl es auch dafür nicht gerade einen Katalog an hilfreichen Techniken gibt. Sobald es in den Austausch mit anderen Gruppen geht, scheinen allen die Hände gebunden zu sein. Selbst Mediator*innen verzweifeln auf der Suche nach Praxisaufschlägen.  

We belong together. – Mariah Carey, 2005

Es wäre wünschenswert, die unterschiedlichen politisch-aktivistischen Ansätze der einzelnen Akteur*innen als Chance und Gewinn für eine feministisch-pluralistische Bewegung zu sehen. Voraussetzung hierfür ist allerdings die grundsätzliche Offenheit gegenüber den Schwerpunkten anderer. Zudem auch die Fähigkeit, selbst einen Perspektivwechsel vorzunehmen – es gibt abgesehen von den eigenen eben auch andere Betroffenheiten, die im Kampf wichtig sind!

Was dieser Haltung jedoch manchmal im Weg steht: Politische Mittel für die Durchsetzung der eigenen Zwecke und Ziele benutzen, z.B. gemeinsam getroffene Entscheidungen durch ein Veto blockieren, weil sie nicht mit der eigenen Position übereinstimmen. Das könnte man auch Instrumentalisierung nennen. Eigene Leitlinien dürfen natürlich auch mal vehement vertreten werden. Anderen die eigene Meinung kompromisslos überzustülpen ist jedoch etwas anderes. Wir schlagen vorsichtig vor, solche Situationen auch anzusprechen, wenn sie passieren. Wir wünschen uns, dass feministische Räumen gemeinsame Lernräume sein können. 

Oft scheinen feministische Begegnungsräume mit einer "Es geht um alles oder nichts"-Atmosphäre durchzogen zu sein. Die eigene Daseinsberechtigung als Gruppe wird hier im Besonderen durch das Beharren auf Unterschiede zu anderen Gruppen gerechtfertigt. "Wir denken anders über Gender, Prostitution/Sexarbeit und Materialismus als ihr!". Zwar scheint die gemeinsame Verbindung, der gemeinsame Kampf im Feminismus noch im Vordergrund zu stehen; gleichzeitig machen wir direkt zu, wenn ein aus unserer Perspektive negativ konnotiertes Buzzword verwendet wird. Das gilt es (auch und vor allem in Bezug auf sich selbst!) zu hinterfragen. Natürlich geht es um alles oder nichts. Aber es geht nicht um den Kampf gegen andere Feminist*innen, sondern um den Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Das patriarchal-kapitalistische System mit imperialistischem Bestreben, welches machthungrig Unterdrückung und Ausbeutung ausübt. Um hier ein bekanntes Fantasy Franchise zu zitieren: „Vergiss nicht, wer der wahre Feind ist!“

Was verstehen wir, die Autor*innen dieses Textes, also unter einer revolutionär-feministischen Streitpraxis? 

Fight for this love. – Cheryl, 2009

Eine solche Praxis erfordert vor allem zwei Dinge: Bestimmte Verhaltensmuster verlernen und Wohlwollen erlernen. Mit diesem Wohlwollen ist nicht etwa ein kritikloser Umgang gemeint, indem man sagt: "Das haben die bestimmt nicht so gemeint", sondern eher, das ehrlich-interessierte Nachfragen à la: "Habe ich das richtig verstanden? Was genau meinst du damit?"  Der von vielen Menschen wahrgenommenen unfreundlichen Stimmung kann eventuell auch durch eine recht banal wirkende Praxis entgegengewirkt werden. Man muss nicht mit allen Menschen, mit denen man politisch zusammenarbeitet, gut befreundet sein. Dennoch kann es sicherlich nett sein, sich bei einem zufälligen Aufeinandertreffen beim Drogeriemarkt vor den WC-Reinigern gegenseitig mindestens zuzunicken. Wir müssen uns als Kompliz*innen begreifen, als Verbündete in einem gemeinsamen Kampf, dessen inhaltliche und strategische Ausrichtung unterschiedliche Erscheinungen haben kann. Unabhängig von der aufgeladenen Stimmung, die in feministischen Räumen teilweise präsent ist, ist meistens davon auszugehen, dass Menschen mit grundsätzlich guten Absichten in diese Räume kommen. Daran müssen wir uns regelmäßig erinnern. Diskussionen unter Genoss*innen sind nicht immer angenehm, aber eine feministische Praxis bedeutet auch zu lernen, dass ehrlicher Streit wichtiger ist als scheinheiliger Konsens. 

Um diese Erinnerung nicht nur theoretisch zu beschwören, kann es hilfreich sein, in verschiedenen Formaten miteinander zu sprechen. Beispielsweise im Rahmen einer unabhängig moderierten Runde oder, spannender und nervenaufreibender, bei selbstinitiierten Austauschtreffen. Aller Anfang ist schwer, ja, aber je mehr ehrliche Gespräche zur Routine werden, desto leichter wird es. Die Fähigkeit, Streit zu navigieren wurde uns nicht in die Wiege gelegt, aber will und kann erlernt werden. Streitfähigkeit bedeutet auch, sich als feministische Bewegung „nach Innen“ in die Haare zu kriegen und auf der Straße trotzdem gemeinsam aufzutreten. Das bedeutet, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir nebeneinander existieren können, wenn auch nicht im Gleichschritt.

Anmerkung: Wir nehmen uns von dieser Kritik nicht aus und haben uns in Vergangenheit auch teilweise nicht lösungsorientiert verhalten. An dieser Stelle möchten wir auch nochmal erwähnen, dass einige Konflikte nicht zu überwinden sind und sagen klar: Pro-israelische Positionen sind feministisch nicht vertretbar.

Knapp zusammengefasst: 

Aktive Maßnahmen 

  1. Um der Vereinzelung entgegenzuwirken, braucht es regelmäßige Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten. Zum Diskutieren benötigt es Räume, die Diskussionen einladen und aushalten.
  2. Es braucht ein Grundverständnis dafür, dass wir im Kampf verbündete Mitstreiter*innen sind –​​​​​​​ und gegen einen gemeinsamen Feind antreten.
  3. Solidarität beruht auf Respekt und Ehrlichkeit im Umgang miteinander.

Quellen:

  1. Der Imperialismus ist ein besonderes historisches Stadium des Kapitalismus. Im Imperialismus versucht das Staatswesen bzw. die politische Führung, in anderen Ländern oder bei anderen Völkern politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu erlangen, bis hin zu deren Unterwerfung und zur Eingliederung in den eigenen Machtbereich.
  2. Den Begriff der Barberei nutzen wir hier im Kontext frei nach Rosa Luxemburg, „Sozialismus oder Barbarei“. In ihrem Verständnis wird die Fremdbezeichnung der „Barberei“ als Legitimationsstrategie für Imperialismus herangezogen, während es die Imperialisten selbst sind, die die sogenannte „Barbarei“, in Form eines globalen Kapitalismus schaffen.
  3. Die nachfolgend dargestellten geschichtlichen Ereignisse sind extrem verkürzt dargestellt, wir erheben damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr geht es darum, die in unseren Augen einschneidendsten Konflikte und Spaltungen darzustellen.
  4. FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-Binär-, Trans-, Ageschlechtlich. Das Sternchen am Ende zeigt weitere Diversitäten von Geschlecht auf. 
  5. Ein Femizid ist ein Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist oder von der Gesellschaft als Frau wahrgenommen wird. Dabei geschieht dieser Mord aus frauen\feindlichen Motiven. Diese Morde sind keine Einzelfälle. Sie haben System. Der Begriff wurde zu Feminizid erweitert. Die zusätzliche Silbe -ni- steht dafür, dass die Gewalt im Aufbau der Gesellschaft verankert ist. Somit tragen auch Staat, Institutionen und gesellschaftliche Strukturen eine Mitschuld. Dazu gehören auch z.B. die Straflosigkeit der Täter oder tödlich endende illegale Schwangerschaftsabbrüche.
  6. Man betrachtet etwas nicht für sich allein, sondern im Vergleich mit anderen Dingen. Dadurch wirkt es weniger stark oder weniger eindeutig.
  7. Identitätspolitik bezieht sich auf politisches Handeln, das die Interessen und Identitäten bestimmter Gruppen in den Vordergrund stellt, um Diskriminierung zu bekämpfen und Anerkennung zu fordern. Oftmals wird kritisiert, dass es Identitätspolitik an Systemkritik fehlen würde.
  8. Pluralistische Politik beschreibt, wie verschiedene politische Weltanschauungen gleichzeitig stattfinden und um politische sowie soziale Teilhabe ringen.
  9. Manche Menschen oder Gruppen bestimmen, wie andere ein Ereignis, eine Meinung oder einen Begriff verstehen. Das beschreibt Deutungshoheit.

Die Feministische Randale ist eine feministische Gruppe aus Hannover, die Feministische Front ist überregionales feministisches Netzwerk im Aufbau. Die Feministische Randale organisiert feministische Initiativen wie Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen uvm. in Hannover und die Feministische Front streitet für einen Feminismus der kollektiv statt vereinzelt, sozialistisch statt liberal und in kritischer Solidarität statt blutig ist."

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