Erinnerungskultur von Unten in der Woche der Solidarität mit Anarchistischen Gefangenen


zacharias froehlich
Aktuelles Solidarität Week of Solidarity with Anarchist Prisoners Erinnerungskultur

Dieser Artikel entstand ursprünglich für den Potsdamer Blog Schwarze Tinte.

Die „Week of Solidarity with Anarchist Prisoners“ (WOSWAP) findet erneut statt, wie immer vom 23. bis 30. August. Die internationale Kampagne mit dem sperrigen Titel reicht bis 2013 zurück. Ins Leben gerufen hat es das Anarchist Black Cross.

In summer 2013 members of several Anarchist Black Cross groups discussed the necessity of introducing an International Day for Anarchist Prisoners. Given there are already established dates for Political Prisoners Rights Day or Prison Justice Day, we found it important to emphasise the stories of our comrades as well. Many imprisoned anarchists will never be acknowledged as ‘political prisoners’ by formal human-rights organisations, because their sense of social justice is strictly limited to the capitalist laws which are designed to defend the State and prevent any real social change. At the same time, even within our individual communities, we know so little about the repression that exists in other countries, to say nothing of the names and cases involving many of our incarcerated comrades.

Weltweit folgen Anarchist*innen diesem Aufruf nun seit 12 Jahren. Im Archiv der Website sind vergangene Beiträge aus unterschiedlichen Ländern gesammelt. Vielfältig sind dabei auch die Aktionsformen, die sich die Gruppen überlegen. Häufig sind passende Filmvorführungen in der Soliwoche wiederzufinden, oder Kundgebungen vor Gerichten und Knästen, aber auch Fotos mit Solibannern und Graffiti. Im Mittelpunkt steht natürlich die Kontaktaufnahme mit anarchistischen Gefangenen durch das Verfassen von Briefen. Jedes Jahr veröffentlicht WOSWAP eine aktualisierte Liste anarchistischer Gefangenen, dort vermerkt sind Namen, weswegen und wie lange die Personen eingesperrt sind, in welchem Gefängnis sie untergebracht sind und dementsprechend auch die Adresse. Hilfreiche Tipps und Antworten auf rechtliche Fragen stellt die Website auch zur Verfügung, denn auch wenn Gefängnisse (in Deutschland) das Empfangen von Briefen zulassen, ist mit einer Prüfung des Inhalts zu rechnen, das Briefgeheimnis kann aufgelöst werden.

Diese Hürden müssen in Kauf genommen werden, immerhin machen diese Briefe und der Austausch mit der Außenwelt einen riesigen Unterschied für Menschen hinter Gittern. Das Geschriebene müssen auch keine hochkomplexen Überlegungen sein, das überfordert nur alle. Geschichten aus dem eigenen Alltag und simple Informationen über einen selbst können schon helfen, um ein Gefühl außerhalb der Mauern zu bewahren. Wichtig ist die eigene Schreibverfügbarkeit zu markieren. Ist die Bemühung vorhanden, im regelmäßigen Schreibkontakt zu bleiben? Oder handelt es sich um einmalige Solidaritätsbekundungen? Sehr zu empfehlen ist das Mitsenden von Briefmarken (dazu die zulässige Anzahl beim Gefängnis recherchieren), denn dafür müssen Insassen sonst selbst aufkommen.

Briefe an politische Gefangene zu schreiben, in diesem Fall Anarchist:innen, ist eine sehr sinnvolle Praxis. Nicht nur macht es die Zeit im Knast erträglicher, es zeigt auch, dass der Zusammenhalt an den Gefängnismauern nicht endet. Das Prinzip der Strafe ist bereits in seinen Grundzügen unterkomplex, es ist Ausdruck von Unfähigkeit, eine gesellschaftliche Bankrott-Erklärung. Mit Machtdemonstration und Abschreckung verschleiert es die eigene Überforderung. Wenn der Staat straft und Personen für etliche Jahre der „Freiheit entzieht“, dann handelt es sich um Rache mit dem Motiv der moralischen Überlegenheit. Aber unsere eingesperrten Genoss:innen müssen nicht alleine damit klarkommen und es gibt dem auch eine gewisse Sicherheit, zu wissen, dass die menschliche Verbindung nicht aufhört zu existieren, nur weil Knastmauern uns trennen. Es sollte noch selbstverständlicher und vor allem praktisch umgesetzt werden, diese Möglichkeit innerhalb der anarchistischen Bewegung auszuschöpfen. Es lohnt sich, uns gegenseitig zu ermutigen mit dem Briefeschreiben anzufangen. So wird Vertrauen und Zuversicht aufgebaut, bevor es uns selbst erwischt und wir auf die Kontaktaufnahme anderer angewiesen sind.

(…) Es sind die anarchistischen Gefangenen, die daran erinnern, dass Repression immer auch politisch ist. Wer Herrschaft grundsätzlich infrage stellt, bekommt die Macht des Staates in besonders nachdrücklicher Weise zu spüren. Um so wichtiger ist praktizierte Solidarität: Postkarten und Briefe sind ein erster Anfang. Sie vermitteln Gefangenen, dass an sie gedacht wird, sie nicht vergessen sind. Mir haben die vielen Zuschriften sowie der gedankliche Austausch per Brief, auch wenn er von der Haftanstalt streng überwacht wurde, geholfen zu überleben. In manchen Fällen sind sogar Freundschaften daraus erwachsen, die noch heute fortbestehen. Die Internationale Woche der Solidarität erinnert daran, dass wir gemeinsam die Freiheit verteidigen. Für und mit den Menschen hinter Gittern. Es ist unsere Solidarität, welche die Isolation durchbricht. Deshalb ist die Internationale Woche der Solidarität mit anarchistischen Gefangenen auch viel mehr als eine Geste gegenüber Einzelnen. Sie ist eine Erinnerung daran, dass Freiheit unteilbar ist. Dass Mauern nicht nur Gefängnisse umgeben. Ich habe nach fast drei Jahrzehnten in Haft erlebt, wie sehr, die äußeren Mauern in mich eingedrungen sind, seelisch wie körperlich. Sich anschließend hiervon zu befreien, das ist ein langwierige Prozess- doch gelingt dieser in einem solidarischen Umfeld eher, als in der Kälte der Einsamkeit. Die Mauern werden nicht morgen und auch nicht übermorgen verschwunden sein, vermutlich wird es die Internationale Woche der Solidarität noch viele Jahre geben. Manchen Menschen mag es wenig erscheinen was solch eine Soliwoche bewegt. Aber ohne dieses Wenige bleibt alles, wie es ist.

Dieser Auszug stammt von Thomas Meyer-Falk, der 2023 nach 27 Jahren Haft entlassen worden ist und für die diesjährige Solidaritätswoche, seine Gedanken zur Knastsolidarität teilte. Die Woche der Solidarität mit Anarchistischen Gefangenen bietet sich daher perfekt für alle Gruppen an, die diesem Thema die notwendige Aufmerksamkeit geben wollen.

Potsdamer Gruppen beteiligen sich seit einigen Jahren ebenfalls an der WOSWAP, so wurde 2023 der koreanische Film „Anarchist from Colony“ gezeigt. Ein Historiendrama über die Anarchist:innen Kaneko Fumiko und Pak Yol. Anfang des 20. Jahrhunderts, als Korea vom Japansichen Kaiserreich besetzt war, lernen sich die beiden kennen, verlieben sich, planen einen Anschlag auf den japanischen Kronprinzen Hirohito. Als ein Erdbeben die Kanto Region erschüttert, macht die japanische Regierung Stimmung gegen die koreanische Bevölkerung, es wird behauptet, sie zünden Gebäude an und vergiften Brunnen. Daraufhin jagen Reaktionäre alle, die sie als nicht japanisch einstufen. Über 6000 Koreaner*innen werden in einem rassistischen Massaker ermordet. Auch anarchistische und sozialistische Gruppen geraten in die Schusslinie, dabei werden Kaneko Fumiko und Pak Yol verhaftet, sie kommen vors Gericht.

Den Prozess nutzt das anarchistische Paar als öffentliche Bühne um auf das Massker aufmerksam zu machen und die internationale Presse berichtet. Wenige Tage vor der richterlichen Urteilsverkündung, heiraten die Angeklagten. Für Kaneko Fumiko schien das außergwöhnlich, offiziell stand sie der damaligen feministischen Bewegung nie nahe, doch kritisierte sie vehement den gesellschaftlichen Sexismus. Der ihr zugeteilten „Rolle“ als Frau wollte sie sich nicht hingeben, einem Mann nie untergeordnet sein und auch die geschlechtlichen Hierarchien in sozialistischen Gruppen prangerte sie an. Gewertet werden kann diese Entscheidung als ironische Inszenierung. Die durch das japanische Kaiserreich frisch vermählten, hatten von eben dieser Institution die Todesstrafe zu erwarten, ob zu Lebzeiten oder im Tod, ihre Körper gehören der Imperialmacht. In der filmischen Adaption wird darüber hinaus die Eheschließung mit der Möglichkeit begründet, dass Kaneko Fumiko und Pak Yol trotz Trennung während der Haft, nach der Exekution gemeinsam begraben werden müssen, als Verheiratete. Allerdings wird die Hinrichtung verhindert, eine kaiserliche Begnadigung „reduziert“ die Strafe auf lebenslang. Für Kaneko Fumiko eine erschütternde Entwicklung, sie wertet es als scheinheilige Gefälligkeit, als perfide Selbstdarstellung des Kaisers. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Niederlage der Achsenmächte wird Pak Yol von den Alliierten befreit, doch seine Frau ist während der Haft gestorben. Offiziell lautet die Todesursache Suizid. Ihre engsten Vertrauten zweifelten die Begründung an und unterstellten Mord, die Umstände seien zu verdächtig. Selbstmord würde allerdings auch zur Kaneko Fumikos rebellischen Art passen, als Rückgewinnung ihrer Autonomie. Posthum wurden ihre Memoiren veröffentlicht, die sie noch während der Haft verfasst hat. Ins Englische übersetzt findet man die Schrift unter dem Titel „The Prison Memoirs of a Japanese Woman“. Datiert ist ihr Todestag auf den 23. Juli 1926, zufälligerweise genau einen Monat und ein Jahr vor der Hinrichtung der italienischen Anarchist*innen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti.

Am 23. August 1927 wurden Sacco und Vanzetti ermordet, von der US amerikanischen Justiz in Charlestown, Massachusetts, auf dem elektrischen Stuhl. Vermutlich greift der Startpunkt der Woche der Solidarität mit Anarchistischen Gefangenen den Wiedererkennungsfaktor dieses Falls auf. Spätestens 1971, mit Erscheinen des Films „Sacco e Vanzetti“ (der auch gerne während der WOSWAP gezeigt wird), gewann dieses einschneidende Erlebnis der anarchistischen Geschichte erneute Popularität. Besonders dazu beigetragen hat vermutlich der Soundtrack und der darin enthaltene Song „Here’s to You“.

Während Ennio Morricone die melancholische Melodie komponierte, die leicht ins Ohr geht und dort auch bleibt, hat Joan Baez den einprägsamen, aber wirkungsvollen Text verfasst und eingesungen.

Here’s to you, Nicola and Bart
Rest forever here in our hearts
The last and final moment is yours
That agony is your triumph

Vier simple Zeilen, Joan Baez kraftvolle Stimme und eine unverwechselbare Melodie machen dieses Lied zu einer Hymne des Anarchismus und einem Welthit der 70er. Darüber hinaus findet dieser Tribut sich in der Popkultur wieder. Die Videospielreihe Metal Gear Solid ließ extra eine Coverversion vertonen und der Liedermacher Franz Josef Degenhardt sang eine deutsche Interpretation mit fünfter Zeile. Aber besonders schön ist das Beispiel der Ost Punkband „Der Schwarze Kanal“, die die prägnante Melodie in ihren Riffs referieren, um das Konzept der direkten Aktion in den Mittelpunkt ihrer Widmung zu stellen.

Es ist faszinierend, welchen Beitrag künstlerische Aufarbeitungen leisten können zur anarchistischen Gedenkkultur. Vor ihrem Prozess waren Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti nicht die prominentesten Vertreter des Anarchismus. Organisiert waren die beiden Kriegsdienstverweigerer in der Arbeiterbewegung und fielen als italienische Immigranten der rassistischen Willkür des US amerikanischen Justizsystems zum Opfer. Verurteilt für eine Tat, die ihnen nicht nachgewiesen werden konnte, sollten sie auf dem elektrischen Stuhl landen. Damals sorgte das für eine Welle der Empörung und führte zu weltweiten Massendemonstrationen. Einhundert Jahre ist es her und noch immer wird an zwei gewöhnliche Anarchisten in Film, Ton und Lyrik gedacht. Als wahrscheinlich einziger Ort in Deutschland ist in der Gemeinde Birkenwerder im Norden Brandenburgs sogar eine Straße benannt nach Sacco und Vanzetti.

Bemerkenswert ist auch „La ballata del Pinelli“, eine musikalische Auseinandersetzung die auf herzergreifende Art, den tragischen Tod von Giuseppe „Pino“ Pinelli besingt. Bei einem Polizeiverhör in Mailand im Jahr 1969, stürzte der Anarchist und Sekretär der italienischen Sektion des Anarchist Black Cross aus dem vierten Stock des Polizeigebäudes. Verdächtigt wurde er für einen Bombenanschlag, der wie sich später herausstellte, von der neofaschistischen Gruppe „Ordine Nuovo“ ausgeübt wurde. Die drei Polizeibeamten, die ihn illegaler Weise für drei Tage ohne richterlichen Beschluss verhört hatten, wurden des Mordes bezichtigt, aber aufgrund von Mangel an Beweisen freigesprochen. Die offizielle Begründung des Selbstmords wird noch heute zurecht angezweifelt und es wird angenommen, dass die Polizisten, während des Verhörs Pinelli aus dem offenen Fenster trieben. Inspiriert von diesem Ereignis entstand das Theaterstück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ und zu Ehren Pinellis kreierte der Künstler Enrico Baj die Installation „The Funeral of the Anarchist Pinelli“. Künstlerische Würdigungen wie diese halten das Gedenken an unsere Genoss*innen am Leben.

Darin liegt eine Kraft, die wir entfesseln können als Anarchist:innen. Eine allgemeine Solidarität und Erinnerungskultur von Unten, mit der Niemand in Vergessenheit geriet. Schon gar nicht die anarchistischen Gefangenen um die es gehen soll vom 23. bis 30. August.

Schließen wir uns der Woche der Solidarität mit Anarchistischen Gefangenen an, entwickeln Brieffreundschaften, motivieren unsere Genoss*innen es ebenfalls zu tun. Lasst uns kreativ werden, Comix malen, Gedichte schreiben, Theaterstücke inszenieren, damit auch zukünftige Generationen von unserem Kampf erfahren und der Ungerechtigkeit, die unsere gefangenen Geschwister im Knast erdulden müssen. Die Botschaft lässt sich auch direkt auf die Straße transportieren, mit Kundgebungen und Demonstrationen, am besten direkt vor der Haftanstalt. Niedrigschwellig können auch Filmabende organisiert werden, passendes Material gibt es genügend und es lädt zum direkten Austausch ein, über vergangene und gegenwärtige Fälle und welche Art der Unterstützung es bedarf. Ende August finden auch immer die Pirata Wars Potsdam statt. Tagsüber gibt es Pirat:innenspaß und „Seeschlachten“ mit selbstgebauten Booten auf der Havel und abends Konzerte, bei denen letztes Jahr Geld gesammelt wurde für das Anarchist Black Cross Berlin. Aktionen gegen Repression und Gefangenenunterstützung können vielseitig aussehen, direkt oder indirekt funktionieren, mit Spaß verbunden sein, oder den nötigen Ernst behalten. Nutzen wir die Möglichkeiten, die wir haben, ob sie groß sind oder klein, am Ende zählt die Kollektivwirkung und der ausgestrahlte Lichtblick, der den anarchistischen Gefangenen gilt.

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Planst du oder deine Gruppe eine Veranstaltung für die Woche der Solidarität mit anarchistischen Gefangenen, oder habt ein Solifoto, dass ihr, teilen wollt, dann schreibt eine Mail an: tillallarefree(at)riseup.net und wenn es dieses Jahr nichts wird, wird sich in Zukunft bestimmt die Chance ergeben. Leider besteht das derzeitige Herrschaftssystem noch und die Repressionen und Kriminalisierungen von Anarchist:innen werden nur mehr.

Klassenjustiz und die rassistischen Verhältnisse werden zunehmen und die Gefängnisse voller. Doch egal welche Regierung an der Macht ist, der massive Ausbau von Überwachung und Kontrolle ist bereits bei den „demokratischen“ Parteien im vollen Gange. Wir müssen nicht darauf warten, dass es schlimmer wird, schlimm war es schon immer. Eingesperrt wurden unsere Genoss*innen schon vor mehr als zehn Jahren. Wie wollen wir uns gegenwärtig organisieren und auf was hoffen wir für die Zukunft? Vom herrschenden System, den Parteien und dem Parlament haben wir nichts zu erwarten.

Verlassen können wir uns nur auf uns selbst, im Aufbau einer gerechteren, herrschaftsfreien Welt mit unseren Mitmenschen und bis dahin gilt: No one is free, till all are free!

Zacharias Fröhlich

ist aktiv in Potsdam und dort in diversen sozial-anarchistischen Gruppen tätig. Schwarze Tinte repräsentiert anarchistische Stimmen aus Potsdam und Umgebung, über diesen Blog werden regelmäßig Perspektiven aufzeigt und Debatten anregt, durch die wir als Bewegung gemeinsam wachsen können. Der Autor Zacharias Fröhlich ist aktiv in Potsdam, dort in diversen sozial-anarchistischen Gruppen tätig und ist Teil des Autorenteams der Schwarzen Tinte.

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