Der unverstandene Rechtsruck der BRD und die sogenannten Intellektuellen


Moritz Q. Flink
Aktuelles Wahlen BRD Rechtsruck

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD über 40 Prozent der Stimmen erhalten. Das Resultat wird nun umfangreich analysiert werden. Es wird um TikTok gehen, um Desinformation, politische Bildung, Russland, Migration, schlechte Kommunikation und die Frage, weshalb demokratische Parteien und ach so aufklärerische Medienformate nichts an der monoton wachsenden Wählerquote der AfD ändern können.

Die vielleicht angenehmste Erklärung lautet: Wir haben es den Menschen einfach noch nicht gut genug erklärt. Sie hat einen erheblichen Vorteil. Wenn das gesellschaftliche Problem ein Informationsproblem ist, braucht man die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu verändern. Man braucht lediglich bessere Kommunikation.

Vielleicht noch eine Informationskampagne. Vielleicht noch ein Faktencheck. Vielleicht noch ein Erklärvideo darüber, warum die AfD schlecht für fast alle in der BRD wäre. Nur könnte es sein, dass die Menschen längst verstanden haben, wie das System funktioniert. Oder sollte ich besser sagen, sie fühlen da etwas?

Aufklärung verändert nicht zwangsläufig den Entscheidungsraum

Politische Bildung basiert häufig auf einem impliziten Modell: Menschen besitzen falsche oder unvollständige Informationen. Gibt man ihnen bessere Informationen, verbessern sie ihr Weltmodell. Mit einem besseren Weltmodell treffen sie anschließend bessere Entscheidungen. Diese Vorstellung ist nicht vollständig falsch. Sie übersieht nur einen ziemlich wichtigen Zwischenschritt.

Menschen können ausschließlich aus ihrem Entscheidungsraum wählen. Ich kann einem Menschen ausführlich erklären, wie der Wohnungsmarkt funktioniert. Davon sinkt seine Miete nicht. Ich kann einer alleinerziehenden Mutter erklären, wie wichtig politische Partizipation ist. Davon bekommt ihr Tag keine zusätzliche Stunde. Ich kann einem Menschen auf dem Land erklären, weshalb eine gut ausgebaute öffentliche Infrastruktur gesellschaftlich wünschenswert wäre. Wenn der Bus trotzdem nicht fährt, hat sich an seinem Entscheidungsraum nichts verändert. Ich kann einem Arbeiter erklären, dass wirtschaftliche Transformation langfristig notwendig ist. Wenn die einzige unmittelbar erfahrbare Transformation daraus besteht, dass seine reale Kaufkraft sinkt und die Eigentümer seines Unternehmens gleichzeitig Vermögen akkumulieren, wird auch dieses Wissen seine materielle Position nicht verbessern.

Bildung verändert zunächst das Weltmodell. Emanzipation müsste den Entscheidungsraum verändern. Wir haben in unserer tollen Herrschaftsstruktur aber eine ganz wesentliche Trennung: die zwischen Eigentümer und Besitzer. Ohne bewusstes Augenmerk auf diesen realen Zusammenhang braucht man gar nicht weiterzulabern. Und das ändert das ganze Paradigma. Laut Pareto-Boltzmann-Verteilung sind in den meisten westlichen Industrieländern circa 5 % der Bevölkerung tatsächlich imstande, Entscheidungen zu treffen, die ihre Umstände ändern. Die unteren 95 % würden das nur schaffen, wenn sie aus ihrem lokalen Nash-Gleichgewicht gingen und Kombinationen mit anderen Entscheidungen hin zu informellen Kooperationen tätigten.

Eine Gesellschaft ohne Skin in the Game

Die Tragödie der Allmende, die Annahme dass man Menschen nicht die Verantwortung für ihre Umgebung geben kann ist der Kern herrschaftlicher Ideologie. Empirisch gesehen Bullshit, aber eben genau so “einleuchtend” wie Lord of the Flies oder sonstige vulgäre Annahmen über die angebliche Natur des Menschen.

„Skin in the game“ wird üblicherweise dafür verwendet, dass Menschen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen selbst tragen sollen. Interessanter ist vielleicht die umgekehrte Frage:

Wie viele Menschen haben überhaupt noch ausreichend Macht, damit ihre Entscheidungen relevante Konsequenzen für das System haben?

Demokratie erzählt eine Geschichte politischer Gleichheit. Jeder hat eine Stimme. Jeder darf eine Partei gründen. Jeder darf demonstrieren. Jeder darf seine Meinung äußern. Formal besitzen die Menschen eine bemerkenswerte Anzahl an Freiheitsgraden. Materiell sind diese Freiheitsgrade allerdings höchst unterschiedlich gewichtet. Ein Milliardär kann eine Zeitung kaufen. Ein gewöhnlicher Arbeitnehmer kann einen Leserbrief schreiben. Ein Konzern kann eine Lobbyabteilung unterhalten. Ein Bürger kann seinem Abgeordneten eine E-Mail schicken. Ein Immobilienfonds kann zehntausende Wohnungen kaufen und damit die Lebensbedingungen zehntausender Menschen beeinflussen. Der einzelne Mieter kann umziehen – sofern er eine andere Wohnung findet. Formal treffen alle Entscheidungen. Nur erzeugen diese Entscheidungen offensichtlich nicht dieselben Systemantworten.

Finanzielle Ungleichheit ist deshalb mehr als die ungleiche Verteilung von Konsummöglichkeiten. Vermögen ist die Erhöhung des eigenen Entscheidungsraums. Wer über Kapital, Immobilien, Unternehmen, Medieninfrastruktur oder große Organisationen verfügt, kann auf Entscheidungsräume anderer Menschen zugreifen. Ebenfalls gestattet es mehr Zugriff auf Rohstoffe und Maschinen. Für mich als Physiker sind das übrigens alles im Wesentlichen Negentropie-Reservoirs. Herrschaft ist für mich ein regelungstechnischer Sonderfall den ich als Rewardhack für ein bestimmtes Kontrollparadigma interpretiere. Aber das sind wirklich nur akademische Spielereichen, SORRY!

In einer hinreichend ungleichen Gesellschaft bedeutet der per Rechtsstaat zugesicherte Zugriff auf die Reservoirs jedenfalls zunehmend, dass viele Menschen über die Verwaltung einer Organisationsstruktur abstimmen, über deren wesentliche Stellschrauben wenige verfügen. Wer jetzt noch begreift, dass Verwaltung nur dann „funktioniert“, wenn Abläufe schlicht von allein ablaufen, der kann auch bei der Idee mitgehen, dass solch ein System nicht „funktioniert“. Zumindest dann nicht, wenn es eigentlich darum geht, in die Dynamik der Gesellschaft zielführend einzugreifen.

Mit anderen Worten: ich bin davon überzeugt, dass Wirtschaft und Menschenwürde nicht vereinbare Dinge sind. Menschen die aufgrund ihrer Erfahrung glauben, dass es doch funktioniert, ignorieren typischerweise pfadabhängige Ausbeutungseffekte entlang von Lieferketten die zwangsläufig Gebühren enthalten die von der Eigentümerseite als Profit verrechnet werden. Diese Effekte sind sehr leicht zu übersehen. Aufgrund der sogenannten Arbeitsteilung und dem schmückenden Beiwerk sogenannter Wirtschaftswissenschaftler, deren Job es ist eben diesen Herrschaftskontext zu verschleiern und alle am Prozess beteiligten zu gaslighten. Es gibt bis Dato keine saubere wissenschaftliche Beschreibung des Wirtschaftssystems.

Der Gini-Koeffizient ist nicht nur eine Zahl über Geld

Richard Wilkinson und Kate Pickett haben in The Spirit Level einen wichtigen Zusammenhang herausgearbeitet. In reicheren Gesellschaften erklärt zusätzliches durchschnittliches Einkommen viele soziale Unterschiede irgendwann erstaunlich schlecht. Sehr viel aufschlussreicher ist häufig die Verteilung.

Ungleichere Gesellschaften weisen unter anderem weniger Vertrauen, geringere soziale Mobilität und größere soziale und gesundheitliche Probleme auf. Die späteren Arbeiten von Wilkinson und Pickett stellen insbesondere die Statuskonkurrenz in den Mittelpunkt: Je ungleicher eine Gesellschaft wird, desto wichtiger wird die Frage, wo man selbst innerhalb ihrer Hierarchie steht. Außerdem: auch die schönen und reichen sind in solchen Gesellschaften unzufriedener als sie müssten. Hohe Ungleichheit ist für alle ein Verlust.

Das ist eigentlich nicht besonders überraschend. Wenn gesellschaftliche Unterschiede klein sind, ist Verlieren weniger gefährlich. Wenn Unterschiede groß sind, wird gesellschaftlicher Abstieg existenziell. Damit verändert sich die Payout-Matrix des sozialen Gefangenendilemmas.

Die empfundene Alternativlosigkeit, die tatsächliche Reduktion der Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Kombination von Entscheidungsräumen mit anderen Menschen, die steigende Unzufriedenheit – all das erhöht den Drang danach, in die Umgebung das zu projizieren, was ich das Modell der bösen Absicht nenne. Aus einem Nachbarn wird leichter ein Konkurrent. Aus Migration wird leichter Konkurrenz. Aus Sozialleistungen wird leichter die Frage, weshalb „die Anderen“ etwas bekommen. Alles wird eingebettet in ein Klima des Verteilungskampfes. Das ist eine folgerichtige Entwicklung in einer Gesellschaft, die es schafft, jedes Jahr mehr und mehr Menschen ihrer realen Möglichkeiten zu berauben und das auch noch Wirtschaft zu nennen.

Interessanterweise ergaben die Befragungen zur aktuellen Wahl in Sachsen-Anhalt, dass sich 51 Prozent der Menschen gegenüber anderen Deutschen benachteiligt fühlen. Unter AfD-Anhängern sind es 66 Prozent. 70 Prozent der Befragten äußerten die Sorge, irgendwann ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Sachsen-Anhalt weist zugleich im Ländervergleich besonders niedrige durchschnittliche Nettoeinkommen auf.

Nun kann man diesen Menschen alles erklären, aber es geht ihnen weiterhin schlecht. Sie haben eben eine Unzufriedenheit, die sich nur ändern könnte, wenn ihre realen biologischen und psychologischen Grundbedürfnisse gestillt würden (nach Grawe lauten sie: Kontrolle, Selbstwert, Lustgewinn und Bindung). Doch das steht sogar im Widerspruch zum System aus Konsum, Abhängigkeit, Marketing und all dem Kram, den wir mit dem Herrschaftssystem namens Wirtschaft identifizieren.

Die falsche Kausalrichtung

Hier trifft sich The Spirit Level auf interessante Weise mit Sarah Stein Lubranos Don't Talk About Politics. Beide Bücher glänzen durch ein massives Fundament an empirischer Forschung. Keine Prosa, sondern die Analysen von Messungen sind es, die eben einen Mehrwert liefern.

Der klassische Aufklärungsansatz denkt ungefähr so:
falsches Narrativ → falsche politische Einstellung → falsche Wahlentscheidung.
Vielleicht verläuft ein wesentlicher Teil der Kausalität aber anders:
erfahrener Kontrollverlust → soziale und materielle Unsicherheit → Suche nach einem geeigneten Weltmodell → Narrativ → politische Entscheidung.

Dann ist das Narrativ nicht die eigentliche Krankheit. Es ist ein Symptom.

Menschen leben jahrelang in Regionen, in denen Infrastruktur verschwindet, Löhne niedrig bleiben, junge Menschen abwandern, Vermögen andernorts konzentriert ist und wesentliche Entscheidungen von Organisationen getroffen werden, auf die sie praktisch keinen Einfluss haben.

Anschließend kommt eine politische Kraft und sagt:

Du hast recht. Du wirst kontrolliert. Du wirst übergangen. Das System interessiert sich nicht für dich. Wir geben dir die Kontrolle zurück. Wir machen dir gute Gefühle, schau hier: Es gibt eine Ingroup, in der du dich zugehörig fühlen kannst. Dass diese Partei andere Menschengruppen zum Problem erklärt, macht ihre Diagnose nicht insgesamt korrekt. Im Gegenteil. Gerade darin liegt ihr autoritärer Charakter. Aber sie liefert etwas, das der liberale Status quo immer weniger glaubwürdig liefern kann:

eine Geschichte politischer Selbstwirksamkeit und damit auch mehr Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse.

Der Extremismusforscher Matthias Quent beschrieb ausgerechnet den AfD-Slogan „Alles ist möglich“ vor der Wahl als Versprechen von Selbstwirksamkeit für Menschen, welche die Verhältnisse lange als unveränderbar erlebt haben. Und dabei kann man eigentlich nicht dümmer für sich werben. Der Witz ist: Alle haben sich bereits daran gewöhnt, dass Werbung Verarsche ist. Die meisten wollen schlicht nur noch den kleinen Glückskeks, weil keine Aussicht auf eine Verbesserung des Lebens real erscheint. Der vom Lebensanfang an eingeschränkte Entscheidungsraum des Wahlviehs wird Teil der Ideologie, aus der Menschenfeindlichkeit schon immer kam. Der wahre Schuldkult war und ist die Leistungsgesellschaft, und da sind sich eben auch alle sogenannten Demokraten einig. Alle, wie sie da stehen. Kein noch so aufgeklärter Lehrer, Journalist und nur die allerwenigsten Intellektuellen sprechen aus, was jeder, der in der BRD aufwächst, fühlt: Dass alle immer zuerst in einem Herrschaftskontext stattfinden und anschließend die Entscheidungsfindung stattfindet.

Eine anti-emanzipatorische Gesellschaft

Vielleicht liegt hier der eigentliche blinde Fleck. Eine Gesellschaft ist nicht allein deshalb emanzipatorisch, weil ihre öffentlich vorgetragenen Werte emanzipatorisch sind. Marketing kann vieles, z. B. auch total woke sein. Gesellschaft hingegen ist emanzipatorisch, wenn Menschen tatsächlich über relevante Teile ihres Lebens verfügen können und nicht nur blumige Fiktionen über diese Gesellschaft davon sprechen, wie sehr sich doch alle Beteiligten angeblich darüber einig sind. Das erkennt man vor allem daran, dass den meisten eben nicht klar ist, dass sie sich in einem abgekarteten Spiel namens Wirtschaft befinden. Es gibt da keine Würde, sondern nur Konsumprodukte, die kurzweilig die Bedürfnisse nach Würde stillen sollen. Würde übersetze ich hier mal ganz frei als das Anerkennen der Entscheidungsräume von Menschen.

Wenn Vermögen (Erhöhung des Entscheidungsraumvolumens) immer stärker konzentriert wird, Wohnraum und öffentliche Infrastruktur zum Auspressen von mehr und mehr Anteil des monatlichen Einkommens wird, Arbeitsplätze hierarchisch organisiert bleiben und Menschen einen immer größeren Teil ihrer Lebenszeit verkaufen müssen, um Zugang zu den grundlegenden Notwendigkeiten ihrer Existenz zu erhalten, dann lässt sich schwer behaupten, dass ihre Entscheidungsräume wachsen.

Man kann gleichzeitig Regenbogenflaggen auf Ministerien hängen und eine Gesellschaft organisieren, in der die meisten Menschen kaum Kontrolle über ihre Arbeitszeit, ihren Wohnraum, ihre Infrastruktur oder ihre wirtschaftliche Zukunft besitzen. Und man kann auch eine rot-grüne Besserwessi-Regierung haben und dennoch knallharte Unionspolitik machen.

Die unmündige Gesellschaft kann also vom Marketing her liberal und materiell anti-emanzipatorisch sein. Vielleicht ist gerade dieser Widerspruch politisch explosiv. Denn wenn Emanzipation hauptsächlich noch als korrekter Sprachgebrauch, Repräsentation und individuelle Haltung sichtbar wird (also innerhalb einer reinen Marketingkultur), während sich an den Machtverhältnissen wenig ändert, entsteht ein ideales Angriffsziel für die extreme Rechte. Sie kann reale Ohnmacht nehmen und ihre Ursache umlabeln.

Es ist bezeichnend, dass die Linke es nie schafft, sich als rebellische Alternative zu zeigen. Vermutlich, weil sie es nicht ist. Die repräsentative Demokratie weiß sich eben zu verteidigen. Alles, was so aussieht, als würde es den Abstand zwischen Eigentümer und Besitzer verringern wollen, wird bekämpft. Solange das Paradigma des monoton wachsenden Gini-Koeffizienten stets die relevante Nebenbedingung ist, kann und wird sich nichts in Richtung Menschenwürde verändern. Die AfD ist hierbei nur ein Symptom. Aus meiner Perspektive gäbe es auch unter der SPD und den Grünen irgendwann Arbeitslager. Denn Wirtschaftswachstum in gesättigten Märkten kann nur durch mehr Gewaltausübung erzeugt werden. Als Gewalt bezeichne ich übrigens jegliches Einschränken von Entscheidungsräumen.

Hören wir jetzt den gewöhnlichen Rechten zu, werden sie sagen:

Nicht das Machtgefälle ist schuld. Nicht Eigentum. Auch nicht die Verteilung gesellschaftlicher Entscheidungsräume. Sondern Migranten. Feministen. Bürgergeldempfänger. Die Grünen. Brüssel. Journalisten. „Woke“.

Nur wird eine Ersatzfunktion optimiert. Eine, die sich eben gut anfühlt. Und darum geht es bei Marketing. Jeder weiß das, aber die wenigsten wollen daraus auch mal eine Schlussfolgerung ziehen.

Der autoritäre Kurzschluss

Und natürlich ist das Unangenehme, dass die angebotene Lösung genau jene Struktur verstärkt, aus der das Problem hervorgeht. Menschen erleben Ohnmacht und fordern deshalb Kontrolle zurück. Je größer der gesamtgesellschaftliche Enttäuschungsmoment empfunden wird, desto größer wird das Bedürfnis nach mehr Sicherheits und somit Herrschaft. Es ist schlicht nicht bekannt, dass Herrschaft die gemeinsame Ursache der Probleme ist.

Und na klar, autoritäre Bewegungen übersetzen diese Forderung nicht in Dezentralisierung von Macht, sondern in stärkere Zentralisierung.

Mehr Polizei. Stärkere Grenzen. Härtere Strafen. Stärkere Führungsfiguren. Weniger Widerspruch. Weniger institutionelle Beschränkungen.

Alles Dinge, die nicht Partizipation, sondern noch mehr Ungleichheit (Gini-Koeffizient) erzeugen. Das ist im Übrigen genau der Gedanke, den sogenannte Anarchokapitalisten nicht haben können. Ihr Bedürfnis nach Wettbewerb erzeugt immer eine Kontrollstruktur. Ob wir die nun Amazon, Google oder Nationalstaat nennen, spielt keine Rolle. Alle sehen auf der Datenebene aus wie Verwaltung.

Mehr Staat also – mehr Gini – mehr Staat.

Mehr Staat und eben wiederum mehr Gini. Versteht ihr? Ein emanzipatorischer Ansatz müsste dazu führen, Menschen zu ermächtigen. Ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Probleme selbst zu lösen. Staaten hingegen operieren auf dem Paradigma der bösen Absicht. Menschen müssen eingeschränkt werden. Die Entscheidungsräume der Menschen werden dadurch nicht größer. Stattdessen bekommt eine andere Machthierarchie mehr Möglichkeiten, Entscheidungsräume einzuschränken.

Das ist der autoritäre Trick:

Die Erfahrung realer Machtlosigkeit wird mobilisiert, um noch mehr Macht abzugeben.

Damit ist der Erfolg der extremen Rechten kein Gegenbeweis für die Bedeutung von Emanzipation. Er könnte gerade eine Konsequenz ihres Fehlens sein. Und das liegt eben daran, dass selbsternannte aufgeklärte Aufklärer und intellektuelle Medienmenschen nicht checken, dass ihre sogenannte Bildung nichts wert ist, wenn sie keinen sauberen Herrschaftsbegriff hat.

Das eigentliche Versagen der Aufklärung

Der Vorwurf an Medien kann deshalb nicht lauten, sie hätten die AfD nicht energisch genug widerlegt.

Sie widerlegen permanent. Sie überprüfen Aussagen. Sie erklären Statistiken. Sie rekonstruieren Netzwerke. Sie weisen auf Rassismus hin. All das kann richtig und notwendig sein.

Die relevante Frage lautet nicht ausschließlich:
Warum glauben Menschen diese Geschichte?
Sondern:

Welche gesellschaftliche Struktur macht diese Geschichte für Millionen Menschen anschlussfähig?

Eine Gesellschaft kann nicht jahrzehntelang materielle Macht konzentrieren, soziale Mobilität reduzieren, Menschen durch Märkte und Bürokratien kontrollieren, ihre Infrastruktur nach Rentabilitätskriterien organisieren und ihnen anschließend erklären, sie seien politisch souverän, weil sie alle paar Jahre ein Kreuz setzen dürfen. Das Gelaber über Demokratie ist eben Double Bind, aber keine ernst gemeinte Vision. Und irgendwann kollidiert die Geschichte mit den Beobachtungen eben immer weiter.

Dann reicht es nicht, die Geschichte noch besser zu erzählen. Offenbar besteht Aufklärung gerade darin, diesen Widerspruch anzuerkennen.

Die AfD hat Sachsen-Anhalt nicht deshalb gewonnen, weil über 40 Prozent der Bevölkerung plötzlich zu wenig Informationen bekommen haben. Zumindest wäre das eine erstaunlich beruhigende Erklärung. Die unangenehmere Möglichkeit lautet:

Eine anti-emanzipatorische Gesellschaft hat begonnen, eine explizit anti-emanzipatorische Politik hervorzubringen.

Es ist lediglich eine ehrlichere Selbsterzählung. Ehrlicher als die angeblichen Christen und die angeblichen Sozialdemokraten und die angeblichen umweltbewussten Pazifisten jemals waren. Und wenn das stimmt, brauchen wir nicht zuerst bessere Erklärungen für die bestehende Ordnung. Wir bräuchten eben eine Ordnung, die sich besser erklären lässt.

Und nicht nur das. Die Erklärung müsste mal aufs Marketing scheißen und nicht permanent Menschen gaslighten, nur weil sie sich nicht im Marketing-Sprech artikulieren.

Aber davon sind wir eben weit entfernt. Vielen wird langsam klar, dass der Staat nicht ihr Freund ist. Ich denke, ihr könnt ruhig weiter wählen gehen, wenn es euch was bringt, aber viel wichtiger ist das Leben in realen Netzwerken zwischen Menschen, die gemeinsam arbeiten. Nicht für Eigentümer, versteht sich. Das Freischalten von Entscheidungsräumen ist spieltheoretisch nur über die Kombination mit anderen möglich. Der Staat wird euch immer weniger helfen. Und das empirisch unabhängig davon, welche Geschichte sich die Regierung über sich selbst erzählt. Der monoton wachsende Gini-Koeffizient ist es, der sie alle eint. Ihr alle werdet beherrscht. Je eher ihr das erkennt, desto eher könnt ihr versuchen, in eurem Leben etwas zu bewirken, unabhängig davon, welche Gute-Nacht-Geschichte sich gerade die sogenannten Erwachsenen in Medien und Politik über ihre Copingstrategien erzählen.

Deshalb: Erkundigt euch mal nach SoLaWis in eurer Gegend. Wo gibt es die nächste Küfa und welches alternative Wohnprojekt könnt ihr unterstützen? Wo tun Menschen was für andere Menschen, ohne dass dabei ein stiller Teilhaber profitiert?

Denn: Es gibt eigentlich noch echte Probleme zu lösen. Das ganze Verwalten des Elends (was Regierung tut), das medienwirksame Kommentieren desselben, das pseudoaufklärerische Herumlabern von Intellektuellen und Journalisten, die zu glatt sind, zu raffen, wie so etwas scheinbar Triviales wie Gewalt definiert werden könnte, all das trägt nicht dazu bei, auch nur eins der wirklichen Probleme der Menschheit als Ganzes zu lösen. Welche, fragt ihr? Neben Klimawandel und dem sechsten Massenartenaussterben noch so Kleinigkeiten wie der Tatsache, dass wir womöglich 50 % des Sauerstoffnachschubs der gesamten Erde verlieren.

Es gilt, eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Eine, die außerhalb der Nebenbedingung stattfindet, jemandem Unbeteiligten zu helfen, die Biosphäre zu zerstören und sich selbst scheinbar zu bereichern. Der homoerotische Todeskult, den wir Wirtschaft nennen, wird sterben, und er wird vieles mit sich reißen. Nur das Bewusstsein darüber kann euch helfen, nachhaltig damit zu copen. Lasst euch nicht einlullen von toxischer Hoffnung. Weder Linksliberale noch Rechte haben mehr anzubieten als wohlklingende Narrative. Sucht euch mal einen Freund oder eine Freundin und bemüht euch, Entscheidungsräume zu kombinieren. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes alternativlos.

Anbei noch einige Links für mehr Perspektive:
https://www.bring-together.de/de/plattform
https://foodforest.network/
https://radar.squat.net/en
https://www.fau.org/
https://www.permakultur.de/netzwerk/
https://www.transition-initiativen.org/
https://criticalmass.de/
https://geo.coop/story/fact-sheet
https://youtu.be/V2H_Op5cHgk
https://youtu.be/8G1aJ0euxnY

Moritz Q. Flink

Arbeiterklasse, ostdeutsch, Diplom-Physiker, Doktor-Ingenieur, Programmierer, Autor (Moritz Q. Flink), Vlogger (morf mit Meinung), Herrschaftskritiker, Vater und verlässlicher hilfreicher Mensch

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