Bucherscheinung: Bizim Ali - Die Geschichte eines Eisenbahners und des Anarchismus in der Türkei


Perspektive Selbstverwaltung
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Es ist der 10. Oktober 2015. Viele tausend Menschen haben sich vor dem Hauptbahnhof von Ankara auf einer Gewerkschaftsdemonstration versammelt um gegen die Kriegspolitik des türkischen Staates ihre Stimme zu erheben. Nachdem zwei IS-Selbstmordattentäter um 10:04 ihre Sprenggürtel detonieren verschlimmert der Staat das furchtbare Massaker: Krankenwagen werden nicht durchgelassen, Tränengas versprüht und die Überlebenden, Verletzten und Toten werden aktiv angegriffen. Am Ende dieser Kooperation stehen mehr als 500 Verletzte und 103 Tote.

Unter den Ermordeten ist auch Ali Kitapcı, ein Eisenbahner, Gewerkschafter und Anarchist dessen Leben und Wirken in diesem Buch im Zentrum steht. Denn:

„Tatsächlich ist die Geschichte von unserem Ali (Bizim Ali) eine Geschichte die wir von vielen verschiedenen Menschen aus verschiedenen Epochen kennen: Es ist die Geschichte von Oberstufen-Schüler:innen, die bereit sind, das System zu stürzen. Von Linken, die sich umeinander sorgen, sich gegenseitig vertrauen, sich freuen, wüten, hoffen und desillusioniert werden, während sie in der Sakarya- Straße* Bier trinken. Von jungen und frisch-motivierten Anarchist:innen, die kleine Siege feiern, große Niederlagen erleiden und im Dunkel tappend versuchen ihren Weg zu finden – wie auch die der linken Veteranen, die mit ihrem Beharren darauf, dass der Aufbau einer großen und starken Organisation notwendig sei, diesen jungen Anarchist:innen zwar nicht das Rückgrat brechen, aber vielleicht einige gebrochene Herzen hinterlassen. Es ist die Geschichte der öffentlich Angestellten, die das erste jemals versprühte Tränengas der türkischen Polizei schmecken, die Geschichte eines Weichenstellers, dessen größte Sorge es ist, wie er ein Stück Seife und ein Handtuch kaufen kann um sich zu waschen bevor er nach Hause geht. Die Geschichte von den Arbeiter:innen in der ganzen Welt, die Widerstand leisten und die Geschichte derer, die an einem strahlenden Oktobertag ihre Stimmen gegen Krieg erhoben und aus dem Leben gerissen wurden. In anderen Worten: die Geschichte von unserem Ali ist auch die Geschichte von uns.“

Die Geschichte von Ali Kitapcı ist auch die Geschichte von uns. Diese Worte, die der Autor Cem Gök in der Einleitung des Buches findet, treffen den Nagel auf den Kopf, und Alis Geschichte verdient es, teil des kollektiven Gedächtnisses der anarchistischen Bewegung zu sein. Das Buch enthält zahlreiche historische Verweise, wie sie für 50 Jahre politischen Kampf typisch sind. Das beinhaltet Anekdoten aus Alis Zeit bei den „Marxistisch-Leninistischen Bewaffneten Propagandaeinheiten“ (MLSPB) vor dem Militärputsch 1980, der Ausprägung der anarchistischen Bewegung im London der 1980, die Entstehung, Entwicklung, Spaltung und der organisatorischen Debatten innerhalb der Anarchistischen Bewegung in der Türkei und vieles mehr.

Insofern ist es wahrhaft die Geschichte eines anarchistischen Eisenbahners (der Untertitel des türkischen Originals) und des Anarchismus in der Türkei (der Untertitel der deutschen Version), denn die Wege der jungen anarchistischen Bewegung in der Türkei und Alis Leben sind eng miteinander verflochten und werden im Buch kollektiv beleuchtet. Das bedeutet: Das Buch besteht in weiten Teilen aus den unmittelbaren Erinnerungen verschiedener Yoldaşları – Genoss:innen – an Ali, und zwar in ihren eigenen Worten. Da das Buch relativ kurz nach dem Massaker geschrieben wurde, das sein Leben beendete, sind diese Erinnerungen geprägt von Trauer, Wut, Scham, Humor und der gesamten Bandbreite an Gefühlen, die jene empfinden, die an diesem Tag zu »Hinterbliebenen« geworden sind. Von herzwärmenden, lustigen Anekdoten und politischen Analysen bis hin zu Kritik und brutalen Details: Wir sind der Meinung, dass der:die Leser:in einen tiefen Eindruck davon gewinnen kann, wer Ali war und wer er immer noch ist, denn wie es in der Türkei immer skandiert wird: »Ali Kitapçı: YAŞIYOR!« – Ali Kitapçı lebt! Er lebt in unserer Erinnerung und in unserem Kampf weiter. Die Übersetzung des Buches ist ein Beitrag dazu, dass sie nicht verblasst.

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Das Buch erscheint auf Deutsch am 10. Oktober 2016 im Immergrün Verlag.
Am selben Tag findet in Berlin ein Gedenken zum 11. Jahrestag des Ankara-Massakers statt - verbunden mit einer Buchvorstellung von 19:00 bis 21:00 im Mahalle in Kreuzberg.

Perspektive Selbstverwaltung

Perspektive Selbstverwaltung (PS) ist eine anarchistische Organisation, die sich Mitte 2019 gegründet hat. Wir sehen die Probleme dieser Erde und unseres Alltags sich häufen: sei es die Wohnfrage, Bildung, Ökonomische Ungleichheit, die Zerstörung des Planeten, gesellschaftliche Vereinzelung oder, ganz aktuell, ein kaputt gespartes Gesundheitssystem. Wir denken, der Ursprung von alldem sind die Werte und die Logik des sozialen, politischen und ökonomischen Systems in dem wir leben.

Auch wenn Veränderungen innerhalb dieses Systems geschehen, werden sie immer (wieder) auf diesem Wertesystem aufbauen, was unserer Meinung nach keine Lösungen bieten kann, weil genau daher die Probleme kommen.

Aber es sind Zeiten großer Veränderungen. Rechte Kräfte versuchen, sich als Alternative darzustellen, schließen dabei jedoch einen großen Teil der Menschen aus. Gleichzeitig sehen wir, wie neue Solidarität entsteht und sich wieder freiheitlichen Ideen zugewandt wird. Das gibt uns Hoffnung. Gerade jetzt halten wir es für notwendiger denn je, uns als Anarchist:innen zu organisieren, um konkrete Perspektiven sowohl für hier, als auch international zu entwickeln und umzusetzen.

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