Rezension: Ich vermisse euch wie Sau! Eine Auseinandersetzung mit Flucht, Exil und Illegalität


Gabriel Kuhn
Rezension Flucht Exil Illegalität

Sorge und Reflexion

Das Buch Ich vermisse euch wie Sau! Eine Auseinandersetzung mit Flucht, Exil und Illegalität erschien im Herbst 2023 beim Verlag Immergrün bereits in zweiter Auflage. Hinter dem Autorennamen „gata preta“ verbirgt sich eine Gruppe von Freund:innen und Genoss:innen von Ricardo, einem anarchistischen Aktivisten, der aufgrund von Strafverfolgung im Januar 2013 aus Deutschland floh und vier Jahre in Mosambik verbrachte, bevor er sich dort im Dezember 2017 das Leben nahm. Seine Freund:innen und Genoss:innen erzählen in dem Buch die Geschichte Ricardos und reflektieren über Flucht, Exil und Illegalität in einem politischen Kontext. Nicht zuletzt setzen sie sich mit ihrer eigenen Solidaritätsarbeit auseinander.
Ricardo wurde 1986 in der DDR geboren und wuchs in Dresden auf, mit familiären Verbindungen nach Mosambik. Früh bewegt er sich in aktivistischen Zusammenhängen. Früh macht er auch Erfahrungen der Inhaftierung, in einer Justizvollzugsanstalt und einem Jugendknast verbringt er insgesamt ein Jahr und acht Monate. Als ihm 2013 aufgrund der angeblichen Verletzung eines Polizeibeamten während einer Razzia eine neuerliche Haftstrafe droht, setzt er sich nach Mosambik ab. Ricardo, dessen Leidenschaften neben der Politik Graffiti und Musik sind, findet es nicht leicht, Fuß zu fassen und sich eine Existenz aufzubauen. Davon zeugen nicht zuletzt die Emails von ihm aus jener Zeit, die im ersten Kapitel des Buches, Flucht, abgedruckt sind. Das Kapitel beinhaltet neben der persönlichen Geschichte Ricardos Information zum Land Mosambik sowie den Bericht von einer Reise, den Freund:innen und Genoss:innen von ihm nach seinem Tod dorthin unternahmen.
Das zweite Kapitel, Exil, beinhaltet Reflexionen auf Solidaritätsarbeit, stark geprägt von den Erfahrungen der Freund:innen und Genoss:innen Ricardos, sowie ein längeres Interview mit einem Anwalt, der Erfahrungen mit Fällen linker Angeklagter hat.
Kapitel drei, Illegalität, besteht aus weiteren Interviews, dieses Mal mit Genoss:innen zu Erfahrungen von Flucht von Exil. Interviewt werden eine anonyme Person, die einen Anarchisten unterstützte, der sich eine Zeitlang der Strafverfolgung in seinem Heimatland entzog; das ehemalige RAF-Mitglied Margrit Schiller; die ehemaligen K.O.M.I.T.T.E.E.-Mitglieder Bernd und Thomas; sowie ein ehemaliges Mitglied der baskischen Befreiungsorganisation ETA.
Ich vermisse euch wie Sau ist in doppelter Hinsicht berührend. Einmal durch das Schicksal von Ricardo, und dann durch die kollektive Trauerarbeit seiner Freund:innen und Genoss:innen, die das Buch prägt. Wenn „Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit, Selbstreflexion und Vertrauen Grundpfeiler solidarischen Verhaltens sind“ (so die Autor:innen in ihrem Text „Solidarität“ in Kapitel zwei), dann steht dieses Buch auf solidem Grund. Die Sorge der Autor:innen wird genauso spürbar wie das Bemühen, daraus für sich und für die Bewegung zu lernen.
Ich vermisse euch wie Sau ist auch jenseits des Gedenkens an Ricardo ein wichtiges politisches Buch. Zu Auseinandersetzungen mit Fluchtgeschichten „anders herum“ (nicht nach Deutschland, sondern weg von dort) kommt es im linken Milieu selten. Dabei sind diese Geschichten ein wichtiger Teil der linken Historie, und, wie die Geschichte Ricardos zeigt, sind diese Zeiten nicht vorbei. In Ricardos Geschichte verbinden sich politische, soziale und juristische Fragen in einer Weise, die besondere Betrachtung erfordert.
Welche der in dem Buch enthaltenen Interviews den Leser:innen besonders zusagen werden, hängt von deren persönlichen Interessen ab. Ich freute mich besonders über das Interview mit Bernd und Thomas vom K.O.M.I.T.T.E.E., da ich ihre Geschichte seit Mitte der 1990er Jahre verfolgte, als das K.O.M.I.T.T.E.E. aktiv war. Denn auch ich gehöre zu der „AktivistInnengeneration“, die, wie Thomas im Interview meint, „damals im Begriff war auszusterben.“ Er erklärt: „Die Mauer war gefallen, die nationalen Befreiungsbewegungen hatten sich nicht als das herausgestellt, was wir uns erhofft hatten, und ein Modell extremer Konfrontation revolutionärer Linke gegen den Staat, einschließlich der bewaffneten Kämpfe, lag in den letzten Zügen. Es war also eher eine Zeit der Neubestimmung als eine aktive Kampfphase und für viele auch eine Zeit des Rückzugs ins Private.“ Das Interview weckt Erinnerungen, macht manchmal vielleicht etwas wehmütig, inspiriert aber auch, weil es politische Biografien nachzeichnet, in denen Genoss:innen sich trotz widriger Umstände treu bleiben.
Viel zu denken gibt auch das Interview mit der anonymen Person, die einen anarchistischen Genossen während seines Exils in der Illegalität unterstütze. Es weckt Fragen, die unseren politischen und persönlichen Alltag betreffen, nicht zuletzt jene, wie weit die Bereitschaft geht, sich in solchen Situationen einzubringen. Das Gespräch macht auch deutlich, welche Schwierigkeiten sich daraus ergeben, wenn die entsprechende Verantwortung an Einzelne abgewälzt wird, wenn die kollektive Strukturen fehlen, um die Aufgabe zu übernehmen.
Sehr interessant fand ich auch das Interview mit dem Anwalt in Kapitel zwei. Es trägt zur Klärung einiger in diesem Kontext relevanter juristischer Fragen bei und macht die juristischen Grauzonen deutlich, in denen man sich hier oft bewegt.
Margrit Schillers Erinnerungen sind bereichernd, Leser:innen ihrer autobiografischen Bücher Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung und So siehst du gar nicht aus jedoch bekannt. Das Interview mit dem ehemaligen Mitglied der ETA stärkt die internationalistische Perspektive des Buches.
Ich vermisse euch wie Sau ist eine rundum gelungene und wichtige Publikation. Den Autor:innen ist hoch anzurechnen, ihre Trauer in dieser Weise kollektiv bearbeitet zu haben. Der Kampf geht weiter.

Das Buch: Das Buch ist beim Immergrün Verlag erhältlich.

Gabriel Kuhn

Gabriel Kuhn ist Schriftsteller und Autor von Büchern, die sich mit sozialistischer Theorie und Geschichte und sozialen Bewegungen beschäftigen. Er veröffentlicht Werke in deutscher und englischer Sprache.

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