Autor: Têkoşîna Anarşîst
Seit Anfang Januar 2026 haben mit der syrischen Übergangsregierung (Syrian Transitional Government - STG) assoziierte bewaffnete Gruppen eine massive Offensive gegen Stellungen in Nordostsyrien (North-East Syria - NES), auch bekannt als Rojava, gestartet.
Leben und Widerstand sind auf den Straßen von Rojava zwei Blumen, die zusammen blühen. Während wir diese Zeilen schreiben, befindet sich die Hälfte unserer Freund:innen an der Front. Die andere Hälfte ist in den Städten, wo sie Barrikaden bauen und sich vorbereiten, auf das, was kommt. Es ist kalt, aber an jeder Ecke steht dampfender Ҫai mit Tonnen von Zucker bereit, um deine Hände und Seele zu wärmen. Die allgemeine Stimmung ist von hoher Bereitschaft geprägt, junge Genoss:innen patrouillieren auf den Straßen, während ihre älteren Brüder und Schwestern an der Front ausharren. An den Diesel-Heizungen und Lagerfeuern auf der Straße sprechen und diskutieren Freund:innen offen über die aktuellen Entwicklungen. Die Menschen nehmen überall ihre Ausrüstung und ihre Waffen mit. In den letzten Tagen war die Stimmung gedrückt, aber jetzt steigt sie wieder und die Menschen sind hochmotiviert, sich den Angreifern zu stellen. Der Feind kommt, aber jeder weiß, was zu tun ist. Wir haben uns schon lange darauf vorbereitet.
Also ja, in Syrien droht erneut Krieg. Und ja, für das kurdische Volk ist es wieder einmal ein Krieg ums Überleben. Diejenigen, die heute die Revolution angreifen, tragen neue Uniformen und kämpfen unter anderen Flaggen, aber sie vertreten dieselben Ideen, die der Islamische Staat (IS) bereits vor zehn Jahren durchzusetzen versuchte. Sie werden auf denselben Widerstandsgeist treffen, der bereits Kobane befreit hat, der bereits das Kalifat des IS besiegt hat, der bereits jeden Zentimeter Land befreit hat, den sie zu erobern versuchten. Und am Ende werden wir tanzen.
Wir sind uns bewusst, dass die Welt nicht mehr dieselbe ist wie vor zehn Jahren. Auch unsere Reaktion wird nicht dieselbe sein. Wir müssen bedauern, dass Krieg für immer mehr Menschen jedes Jahr zur Realität wird und dass der Krieg in Syrien nicht mehr die Aufmerksamkeit hat, die er früher hatte. Dennoch ist das kein Grund, nicht für das Richtige zu kämpfen. Rojava zeigt, dass eine andere Welt möglich ist, dass sich eine andere Art der Gesellschaftsorganisation selbst aus den Trümmern der dunkelsten Zeiten entwickeln kann. Jetzt müssen wir diese Errungenschaften mehr denn je verteidigen.
Die Vereinbarungen für einen friedlichen Übergang, die Ahmed al-Sharaa und Mazlum Abdi im März 2025, kurz nach dem Zusammenbruch des al-Assad-Regimes, unterzeichneten, haben nicht zu praktischen Lösungen für ein demokratisches Syrien geführt. Heute sind die Spannungen größer denn je. Ein neuer Krieg wird geführt, um die Revolution zu vernichten. Die STG startet mit voller Unterstützung des türkischen Staates und ihrer Söldner einen brutalen Angriff auf die Selbstverwaltung in NES.
In den ersten Januartagen waren die historisch kurdischen Viertel von Aleppo die ersten Gebiete, die unter den Angriffen der dschihadistischen Kräfte zu leiden hatten, die jetzt Damaskus regieren. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die sich für eine Verhandlungslösung einsetzen, um ein massives Blutvergießen zu vermeiden, stimmten einem Waffenstillstand zu und zogen sich aus Aleppo und anderen nahe gelegenen Gebieten zurück. Es bestand weiterhin Hoffnung, dass die Verhandlungen eine Rückkehr zum Krieg verhindern könnten, aber die STG-Kräfte setzten ihre Angriffe fort. Sie überfielen die sich zurückziehenden SDF-Kräfte und griffen über die im Waffenstillstand vereinbarten Linien hinaus an.
Am 19. Januar traf sich Mazlum Abdi, Oberbefehlshaber der SDF, mit Ahmed al-Sharaa und anderen Vertretern der STG. Ermutigt, durch den teilweisen Rückzug der SDF und die Vorstöße der mit der Regierung verbündeten Streitkräfte, forderten sie die vollständige Kapitulation der SDF. Mazlum Abdi erklärte, dass solche Forderungen inakzeptabel seien, dass die SDF dieVorstöße der Revolution nicht aufgeben und die enormen Opfer nicht vergessen werde, die bereits gebracht wurden, um diesen Punkt zu erreichen. Die Revolution wurde auf dem Widerstand gegen Unterdrückung aufgebaut, um ein freies Leben nicht nur für das kurdische Volk, sondern für alle Menschen in Syrien und im gesamten Nahen Osten zu schaffen. Die Völker in NES wollen Frieden und Demokratie, aber sie sind immer bereit, sich zu erheben und gegen Unterdrückung zu kämpfen.
In einer Welt, die langsam in den Wahnsinn der Verzweiflung abgleitet und jedes Jahr mehr auf einen scheinbar unvermeidlichen Dritten Weltkrieg von ungeahntem Ausmaß zusteuert, ist es die Verantwortung jede:r Revolutionär:in, die Errungenschaften und Lehren von Rojava zu verteidigen. Die kurdische Befreiungsbewegung hat bewiesen, dass sie in der Lage ist, eine Zukunft aufzubauen, in der bewaffneter Kampf und revolutionärer Volkskrieg Hand in Hand mit der Befreiung der Frauen und ökologischen Werten wachsen. Kommunen, Genossenschaften und Akademien sind das Rückgrat einer solchen Revolution, die sich der Logik der Zentralisierung und des Monopols des Kapitalismus und des Nationalstaates entzieht.
Rojava wird kämpfen. Die Revolution wird alles tun, um sich zu verteidigen. Der Kampf wird weitergehen. Die Schlachten von heute werden der Boden sein, auf dem die Revolutionen von morgen gedeihen werden. Die Genoss:innen, die in diesen Schlachten fallen, werden die Inspiration für neue Generationen von Revolutionär:innen sein. Es gibt kein Ende der Geschichte, denn Geschichte ist das, was wir mit jeder Entscheidung, jeder Handlung, jedem Schritt, den wir tun, gestalten. Denn Sieg oder Niederlage sind niemals das Ende von irgendetwas, es gibt immer ein Danach. Was zählt, ist, wie viel wir daraus lernen können, wie sehr wir uns verbessern und weiter wachsen können.
Wir als Anarchisten, als Internationalisten, die all die Jahre an der Seite unserer kurdischen, arabischen, assyrischen und armenischen Genoss:innen gekämpft haben, werden weiterhin unseren Platz auf den Barrikaden von Rojava einnehmen. Wir gehören zu dieser Revolution, so wie diese Revolution zu uns gehört. Internationale Solidarität und gegenseitige Hilfe sind nicht nur ein Slogan, sondern tägliche Praxis. Wir rufen alle revolutionären Kräfte dazu auf, ebenfalls ihren Platz im Widerstand einzunehmen, diese Revolution zu verteidigen und weiter für den Aufbau der Welt zu kämpfen, in der wir leben wollen. Denn Revolution ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. Und wir müssen dafür kämpfen.
Berxwedan jiyane e! – Widerstand ist Leben! Biji Soresa Rojava! – Es lebe die Revolution in Rojava!
Têkoşîna Anarşîst, January 2026
