Anarchismus und Krieg


Alexander Amethystow
Krieg Anti-Kireg Friedenspolitik Frieden

Fragen, die wir klären sollten, bevor der große Krieg beginnt

Was ist passiert?

„Markus Lanz setzt Maria Aljochina, eine der wichtigsten russischen Oppositionellen, in ein Studio mit Sahra Wagenknecht“, schreibt die FAZ vom 31.10.2025. Maria Aljochina ist Mitglied bei Pussy Riot, eine Anarcha-Feministin könnte man sagen. Der Einfluss des Anarchafeminismus scheint massiv gewachsen zu sein. Nicht nur ihm wird Forum bei einer der wichtigsten deutschen Talk-Shows gegeben. Angeblich ist die Aktionskünstlerin Aljochina auch „einer der wichtigsten Oppositionellen“ in Russland. Wäre gerade keine Diktatur, würden die Wähler:innen bestimmt Frau Aljochina in die Regierung wählen, was sie als Anarchistin bestimmt ablehnen würde. Die FAZ zollt ihr auf jeden Fall Respekt. „Man kann Maria Aljochina durchaus dafür bewundern, dass sie sich überhaupt in eine Talk-Show mit Sahra Wagenknecht setzt“, schreibt die FAZ-Journalistin Frauke Steffens.1

Man kann es auch lassen. Denn der Beitrag Aljochinas besteht darin, dem Gastgeber Lanz sein Weltbild zu bestätigen und Wagenknecht zu attestieren, dass sie „wie russische Propaganda klingt“. Wenn Putin sagt, der Ukraine-Krieg habe irgendwas mit Handlungen der NATO zu tun, dann gehört es sich nicht, die Aussage zu prüfen, der Anstand gebietet es, bloß nicht „wie Putin zu klingen“. In Russland wird man für Kritik (oder wie es Aljochina nennt „Wahrheit“) bestraft – in der Bundesrepublik nicht. Damit ist die Frage nach den Gründen für den Krieg und Sinn bzw. Unsinn der Parteiname schon erledigt. Lanz bricht in Tränen aus, er und Aljochina sprechen über die tollen russischen Oppositionellen, wie zum Beispiel den Neoliberalen Wladimir Kara-Mursa oder den im Haft umgekommenen Alexei Nawalny.2

Aljochina, deren politisches Gewicht in der Opposition in Wirklichkeit minimal ist, denn sie wird weder von den Linken, noch von den Liberalen so richtig ernst genommen, hat ihren großen Auftritt, wenn sie mit ihrer Kritik an der russischen Propaganda die NATO-Propaganda unterstützt. Dann hören ihr auch mal gern Lanz und die FAZ zu.

Etwas weiter hat es ihre Pussy-Riot-Mistreiterin Nadeschda Tolokonnikowa  gebracht. Sie ist nun Mitglied der im Januar 2026 von der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) ins Leben gerufenen Plattform der Russischen Demokratischen Kräfte im Exil.3 Wer dabei sein darf, hat die PACE selbst entschieden – die Mitglieder wurden von oben ausgesucht, nicht von unten gewählt. Tolokonnikowa hat aber viel zu tun, denn wie die „Blätter für deutschnationale...äh, deutsche und internationale Politik“ schreiben, spricht Tolokonnikowa „sich entschieden für eine militärische Unterstützung der Ukraine aus und sammelte zu diesem Zweck selbst Gelder in Millionenhöhe.“4 Sie selber macht sich Sorgen, dass die Stimmen für den „Sieg der Ukraine“ nicht genug zu Wort kommen.5 Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Kryptounternehmer John Caldwell rührt sie weltweit die Werbetrommel für die Aufrüstung.6

Wenden wir uns kurz von der großen Politik ab und schauen uns die Basisarbeit an: „Das Prager Kollektiv Solidrones sammelt Spenden und fertigt damit Kamikaze-Drohnen an. Die schicken sie in die Ukraine, um antifaschistische Soldat:innen dabei zu unterstützen, sich gegen die russische Invasion zu wehren.“7 (Jungle World, 2026/15) Natürlich nennen sich die Erbauer von Mordinstrumenten „antiautoritär“ und haben niedliche schwarze Kätzchen auf ihrem Insta.8

Noch näher dran an Geschehen ist der Fernsehsender ARTE, der uns die Reportage über den ukrainischen Anarchisten Dmytro Dokunov „Ein überzeugter Pazifist zieht in den Krieg. Er will sein Land, die Ukraine, nicht im Stich lassen – und gleichzeitig er selbst bleiben.9.

Wie konnte es soweit kommen?

Anscheinend haben sich viele Menschen als anarchistisch gelabelt und sich dabei ziemlich schräge Vorstellungen über den Staat und die Herrschaft zu eigen gemacht. Vielleicht haben sie sich auch nie für eine Klärung von „abstrakten Theoriefragen“ interessiert. Oder sie wären einfach gern bei jeder Rebellion dabei gewesen und nehmen es dabei nicht so wichtig, ob sie sich überhaupt mit den anderen einig sind. Auf jeden Fall zahlen wir jetzt alle den Preis dafür. Für die Naivität, für die Toleranz gegenüber gefährlichem Quatsch, für die Verachtung des Wissens und die blinde Bewunderung für mutige, aber verwirrte Aktionen.

Ja, niemand möchte als dogmatisch gelten, glaubt nicht an irgendwelche Gesetze der Geschichte und möchte jeder Stimme gegen den Staat Plattform bieten. Aber wenn gar keine Prüfung stattfindet, wie die Aussage zur Realität steht, bringt es nichts. Ja, auf dem Papier sind diese ‚Anarchist:innen‘ alle irgendwie gegen den Staat, gegen die Herrschaft und für alles Gute gegen alles Schlechte. Nützt nichts, wenn es keine Verständigung darüber gibt, wer was darunter versteht.

Was lässt sich dagegen machen?

Jetzt, wo die Staaten sich darauf vorbereiten, (noch mehr) Menschen in den Krieg zu schicken, wo Inflation deutlich spürbarer wird, wo auf allen Seiten an „unsere Werte“ erinnert wird, wäre es nicht an der Zeit, sich zu vernetzen, um wichtige Fragen zu klären?

Zum Beispiel, ob der Staat ein Instrument nur einer Klasse sei? Oder ein umkämpftes Schlachtfeld? Oder eine von der Gesellschaft getrennte Gewalt? Oder doch eine Verdichtung der Kräfteverhältnisse? Denn unterschiedliche Antworten führen zu unterschiedlichen praktischen Schritten.

Es gibt in Deutschland Debatten, die in Belarus, Ukraine, Russland kaum bekannt sind – und umgekehrt. Aber häufig sind ganze Themenblöcke, wie zum Beispiel die Ursachen der Inflation oder Folgen der Sanktionen nur zwischen verschiedenen Strömungen des Marxismus und Keynesianismus diskutiert. Sind die neuen Kriege etwa eine Folge von Wirtschaftskrisen oder eher deren Verursacher? Warum schwankt die Höhe der Inflation und welche Rolle spielen politische Entscheidungen dabei?

Die Illusionen über die Demokratie haben sicherlich eine wichtige Rolle bei der Entscheidung vieler Anarchist:innen für diese Herrschaftsform in den Krieg zu ziehen. Wer die nationale Befreiung in den anderen Regionen romantisiert, kann eines Tages zum Schluss kommen, auch Deutschland habe das Recht „sich zu wehren“ und sich freiwillig in die Bundeswehr oder irgendwelche Milizen begeben. Das ist gar nicht mehr so ein undenkbares Szenario, wie noch vor zehn Jahren.

Wer anfängt, dem Staat dafür dankbar zu sein, dass er einem immerhin dieses oder jenes erlaubt, wird vielleicht schon morgen Verständnis für Kriegszensur und Kampf gegen feindliche Agenten entwickeln.

Wer Fairness, Gerechtigkeit und Harmonie als Forderungen an die Akteure brutalster Konkurrenz stellt, wird immer wieder einen „Schuldigen“, der „zuerst angefangen hat“, suchen und sich ignorant gegenüber den Ursachen des Elends verhalten.

Es wäre besser, jetzt mit Klärung, Vernetzung und auch, wo nötig, Abgrenzung zu beginnen. An der Front und auf der Flucht wird keine Zeit mehr dafür sein.


  1. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/talkshow/sahra-wagenknecht-und-maria-aljochina-bei-markus-lanz-accg-110758283.html
  2. https://www.youtube.com/watch?v=ZM7sSxPq9Fw
  3. https://pace.coe.int/en/files/35684
  4. https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/maerz/strategisch-vereint-russlands-exil-demokraten
  5. https://meduza.io/feature/2026/03/27/mne-heyt-kak-s-gusya-voda
  6. https://johnfcaldwell.com/bio/
  7. https://jungle.world/artikel/2026/15/wir-bauen-antifa-drohnen-gegen-den-russischen-imperialismus
  8. https://www.instagram.com/solidrones/
  9. https://www.arte-magazin.de/ukraine/

Alexander Amethystow

Vorheriger Beitrag