Ein Inteview mit dem Anarchistischen Bund Leipzig


anarchismus.de Kollektiv
Interview anarchistischer bund leipzig

Was ist der anarchistische Bund und wo verortet ihr euch im Anarchismus?

Der anarchistische Bund ist eine Gruppe, die wir gegründet haben, weil wir mit der Strukturlosigkeit und Unfähigkeit der anarchistischen Bewegung in Leipzig unzufrieden sind. Wir sehen unsere Gruppe als einen Startpunkt, um uns als Anarchist:innen zu organisieren. So möchten wir dazu beitragen, eine anarchistische Bewegung in Leipzig aufzubauen, die unsere Interessen als Proletarier:innen vertreten kann. Wir verstehen uns als Anarchist:innen ohne Adjektive, d.h. wir ordnen uns keiner einzelnen bestehenden Strömung des Anarchismus zu. Wir orientieren uns stattdessen völlig undogmatisch an den anarchistischen Ideen, die wir in unserer gegenwärtigen Situation als zweckmäßig und moralisch vertretbar empfinden. Unser langfristiges Ziel ist die proletarische Selbstbefreiung, deshalb ist es uns wichtig, nicht nach einer vorgefertigten Ideologie zu handeln, um unsere Offenheit gegenüber unseren Klassengenoss:innen zu wahren und ihnen dort zu begegnen, wo sie gerade sind.

Unser kurz-und mittelfristiges Ziel ist es die Grundlagen zu schaffen, mit denen sich unsere Genoss:innen schnell und effektiv selbst-organisieren können, ob im Betrieb, in der Schule, Nachbarschaft, im Krankenhaus/Psychatrie etc. Anders ausgedrückt: Wir wollen Menschen dazu inspirieren, ihre eigenen Strukturen zu gründen. Das möchten wir durch unsere eigene Arbeit beispielhaft und wiederholbar aufzeigen.

Welchen Charakter hat eure Organisation, seid ihr eher lose, informell ausgerichtet, oder legt ihr wert auf formelle Strukturen?

In der anarchistischen Bewegung gibt es lange schon eine Debatte, in der es um einen (angeblichen) Widerspruch zwischen formellen und informellen Organisationsformen geht. Diese wird mitunter sehr heftig geführt und die Organisationsform einer Gruppe wird schnell zu einer ideologischen Trennlinie erklärt, was natürlich nicht gerade hilfreich für unsere Bewegung ist. Wir möchten also darauf, zum besseren Verständnis der Problematik, ein wenig genauer eingehen:

Unter formellen Organisationen verstehen wir Gruppen, die sich anhand klar ausformulierter Regeln organisieren und somit viel Energie für Verwaltung der eigenen Organisation aufwenden, aber unabhängig von den einzelnen (Gründungs-)Mitgliedern langfristig existieren können. Informelle Organisationen existieren dagegen überall und bestehen aus den sozialen Beziehungen zwischen Menschen, diese sind einfacher aufzubauen und flexibler, erfordern aber ein hohes Maß an Organisation, Erfahrung und Kommunikation zwischen den einzelnen Mitgliedern, da sie sonst sehr strukturlos und kopflos agieren. Wir sind der Meinung, dass beide Formen der Organisation Vorteile und Nachteile beinhalten und es deshalb vom Kontext abhängt, wo und wann sie sich als nützlich darstellen.

Für den Kontext in dem wir uns befinden, also Leipzig, mussten wir feststellen, dass außer der FAU keine formellen anarchistischen Gruppen existieren und die informellen Gruppen vereinzelt, zerstritten, ineffektiv, elitär und schwer zu erreichen sind. Da informelle Gruppen überall existieren, auch in formellen Gruppen eine wichtige Rolle einnehmen und weil wir schon viel Erfahrung mit informeller Organisation haben, haben wir uns erst einmal eher informell aufgestellt. Wir sind der Meinung, dass ohne eine starke informelle Organisierung der Bewegung, eine formelle Organisation keine Chance auf Erfolg hat. Deshalb möchten wir in diesem Feld ersteinmal Aufbauarbeit leisten, Anarchist:innen zusammenbringen - zur Organisierung und Koordinierung der Bewegung beitragen, um überhaupt erst einen Startpunkt für radikale Veränderungen zu erreichen. Wir versuchen grundsätzlich kleine Brötchen zu backen und sind der Meinung, dass dies gerade auch in Leipzig notwendig ist. Das Selbstbild der linken Szene und ihre tatsächlicher Handlungsfähigkeit klaffen weit auseinander und anarchistische Gruppen neigen oftmals zur Selbstüberschätzung, deshalb wollen wir uns auf unsere Erfahrungswerte konzentrieren und darauf langsam aber stetig aufbauen. Inwiefern wir uns auch stärker formell organisieren, wird sich dann herausstellen, je nachdem ob dies für das Erreichen unsere Ziele notwendig ist.

Das wird von den Umständen abhängig sein denen wir zukünftig in Deutschland ausgesetzt sind, deshalb wollen wir dazu noch keine feste Vorhersage treffen, sondern uns flexibel an die Verhältnisse anpassen. Die informelle Organisation, die wir anstreben, ist aber weder lose, noch strukturlos, angesichts der unabdingbaren Notwendigkeit einer klaren Organisationsgrundlage, da wir im Kampf vorankommen und bestimmte Ziele erreichen wollen. Wir verstehen uns also als Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Polen der Bewegung und wollen unsere Genoss:innen zusammenbringen, indem wir mit gutem Beispiel voranschreiten.

In euren Grundlagen legt ihr einen eurer Schwerpunkte auf Anti-Zionismus, warum?

Die Palästinenser:innen werden von den „westlichen“ Staaten als Versuchsobjekt genutzt, um Befreiungsbewegungen global zu unterdrücken. Die Polizeieinheit GSG-9 ist vom israelischen Militär ausgebildet worden und alle möglichen Formen der Massenüberwachung und KI-Kriegsführung stammen ursprünglich von dort. Israelische und südafrikanische Wissenschaftler haben zu Zeiten der Apartheid zusammen Chemie-Waffen entwickelt, die zum Mord von Oppositionellen und Anti-Rassist:innen weltweit gedient haben.

Den Genozid in Gaza betrachten wir als Höhepunkt dieser faschistoiden Entwicklung innerhalb bürgerlicher Demokratien. Die Selbstbefreiung in Palästina ist durch den globalen Kapitalismus eng mit unserer Selbstbefreiung verknüpft. Zum Beispiel hat die Bundeswehr jetzt auch offiziell mit dem israelischen Militär eine Partnerschaft und probt schon regelmäßig die „Aufstandsbekämpfung“, eine Umschreibung für Massaker an der Zivilbevölkerung. Wir sehen den Anti-Zionismus nicht nur als eine moralische Frage, sondern auch als essentiell für unser Überleben in einer Demokratie, die jede außerparlamentarische Opposition rücksichtslos bekämpft.

Unsere Genoss:innen in Palästina haben diese Entwicklung schon in den 60er Jahren erkannt und sich mit vielen Widerstandsgruppen in Europa verbündet. Durch eine Repressionswelle, also die Jagd auf bewaffnete Widerstandsgruppen in der BRD - sowie den Untergang der Sowjetunion/DDR, wurde dieses wichtige Bündnis von vielen Gruppen aufgegeben. Wer einmal ein Geschichtsbuch aufgeschlagen hat, weiß was mit Kommunist:innen und Anarchist:innen gemacht wurde, wenn der Staat sie als ausreichende Gefahr für das kapitalistische System einschätzt, also wenn sie erfolgreich genug sind. Sie wurden verhaftet, gefoltert und ermordet. Wenn wir eine Befreiungsbewegung in Deutschland aufbauen wollen, so müssen wir mit Unterdrückungsmaßnahmen rechnen, Israel ist dabei Vorreiter. Die Palästinenser:innen sind Vorreiter im Widerstand, deshalb ist ein Bündnis sinnvoll.

In euren Grundlagen sprecht ihr davon das man nicht "alle Formen der Unterdrückung überwinden könne, wenn man sich Selbst verleugnet und sich einer vorgefertigten "Arbeiter" Bewegung der Partei-Funktionäre unterwerfen würde". Könnt ihr genauer ausführen was ihr hiermit meint?

Wer schon einmal den Versuch unternommen hat, sich gegen den Kapitalismus zu organisieren, wird früher oder später auf eine der roten Sekten stoßen, die sich auf den Leninismus beziehen. Sie behaupten, es bräuchte eine Führung und eine sklavische Masse von Parteisoldaten, die sich immer der Führung unterwerfen muss. Wenn man sich nicht unterwerfen will, so wird man von ihnen als Konterrevolutionär beschimpft. Die Arbeiter:innen brauchen aber keine Parteibonzen oder Chefs, die wissen schon selber wie der Laden läuft. Es fehlt aber an zugänglichen Alternativen zum jetzigen System und vor allem an vertrauenswürdigen Möglichkeiten um sich zu organisieren.

Im Gegensatz zu den meisten klassenkämpferischen Gruppen, wollen wir den Leuten nicht erzählen, was sie zu tun haben oder die neueste, „beste“ Analyse oder Theorie andrehen. Wir sind davon überzeugt, dass die lokalen Unterschiede der Unterdrückung sich in verschiedenen Formen äußern und nicht von einer Führungsriege überblickt, geschweige denn verstanden werden können. Die Leute kennen ihre Probleme selbst und haben dementsprechend auch die Möglichkeit Lösungsansätze für ihre spezifischen Probleme zu entwickeln, deshalb ist die Selbsterkenntnis und Selbstorganisation der einzige Weg in die Freiheit. Dabei wollen wir unsere Erfahrungen und Analysen teilen, da Selbstorganisation in einer fremdbestimmten Gesellschaft nicht selbstverständlich ist. Unser Motto ist dementsprechend: "Kommt zu euch selbst" nicht "Her zu uns!"

Wie würdet ihr den Stand des Anarchismus in Deutschland und darüberhinaus beschreiben?*

Der Stand des Anarchismus variiert global sehr stark. Seit dem Untergang der Sowjetunion hat sich der Anarchismus global verbreitet und steht heute so zahlreich und vielschichtig wie nie zuvor vor uns. Gerade in Chile, Mexiko, Thailand und Indonesien hat die anarchistische Bewegung viele Erfolge in den letzten Jahren verzeichnet. Der Anarchismus hat es endlich geschafft, aus dem "westlichen Kontext" auszubrechen, was wir sehr begrüßen. Im "Westen" und gerade in Deutschland hat der Anarchismus aber starke Rückschritte gemacht, ist allgemein in Strukturlosigkeit und inneren Streitereien gefangen, während sich unsere Feinde immer stärker aufstellen. Trotzdem besteht immer noch eine anarchistische Idee, auch wenn diese nur noch von Wenigen ernsthaft vertreten wird. Wir sehen dies aber als einen Vorteil für die Mobilisierungsfähigkeit der Bewegung an, da wir von Null anfangen, also neue Wege gehen können. Gleichzeitig können wir aber auch auf den Erfahrungsschatz der anarchistischen Bewegung in Europa zurückgreifen, da viele Genoss:innen in den letzten Jahren nach Deutschland gezogen sind. Die Geschichte hat uns immer wieder gezeigt, dass die richtigen Ideen zur richtigen Zeit Millionen erreichen können. Wir sollten also unbeirrt unserer jetzigen kleinen Anzahl weiterhin den Weg zur Freiheit gehen - Wenn wir uns strategisch und organisatorisch gut aufstellen, können wir alles erreichen!

An welchen Texten, Aktionen, Veranstaltungen arbeitet ihr grade? Worauf können wir uns in nächster Zeit von euch freuen?

Wir arbeiten an mehreren längeren Texten zur Organisation von anarchistischen Gruppen und ihrer Praxis. Wir haben eine (etwas polemische) Kritik an den Verhältnissen in Leipzig verfasst und möchten nun unseren Gegenvorschlag zu den bisherigen Ansätzen präsentieren. Wir freuen uns über Kritik und Einzelpersonen und Gruppen, die sich näher mit diesen Ansätzen befassen möchten. Wir arbeiten auch an einem Vortrag zu Antisemitismus in der Linken. Gleichzeitig arbeiten wir auch an der anarchistischen Vernetzung innerhalb Leipzigs, deshalb veranstalten wir monatlich ein „Anarchistisches Abendmahl“, bei dem wir zusammenkommen, Texte austauschen und üppige Abendessen verspeisen. Wir möchten uns zuerst auf die Wissensweitergabe und auf die Bewegungsvernetzung konzentrieren. Deshalb werden wir versuchen, möglichst regelmäßig in Erscheinung treten, um ein beständiger Teil der Bewegung zu sein.

Kann man bei euch mitmachen und wenn ja wie?

Wir sind immer offen für neue Leute, natürlich auch für Leute, die wenig Erfahrung haben. Wenn ihr an Zusammenarbeit interessiert seid - eine offizielle Mitgliedschaft haben wir nicht - dann kommt zu einer unserer Veranstaltungen und lernt uns kennen. Eine enge Zusammenarbeit kann aber nur funktionieren, wenn wir uns (halbwegs) verstehen, erfordert Zuverlässigkeit und eine grundsätzliche mit unseren Ideen. Falls die engere Zusammenarbeit sich als schwierig herausstellt, ist es dennoch möglich weiterhin auf einem etwas distanzierterem Level zusammenzuarbeiten, oder es passt halt nicht und wir gehen getrennte Wege. Wenn ihr im Prozess seid, selbst eine Gruppe zu gründen, können wir euch dabei auch unterstützen. Natürlich können Anfragen auch an unsere E-Mail geschickt werden, wir können dann weitere Schritte besprechen.

Vorheriger Beitrag