Hier dokumentieren wir, welch kreative Assoziationen der Begriff Anarchisten bzw. Anarchie hervorbringen kann.


3. APRIL 1999, DIE ZElT Nr.16, INSIDER (188)

Anarchisten

Als was mußten sie sich nicht schon beschimpfen lassen, die armen Börsenspekulanten. Lustmolche hat man sie genannt, weil sich hinter ihrer Gier nach Geld nichts anderes verberge als ein Übermaß an unbefriedigtem Sex. Auch Mörder, nur weil ein Franzose namens Vidermann einmal geschrieben hat, Geld sei das Blut der Gesellschaft. Und wer übermäßig viel davon an sich bringen wolle, werde von unbewußten Tötungswünschen getrieben.

Selbst wenn daran etwas Wahres wäre, es ist extrem bösartig, ausgerechnet die Spekulanten damit in Verbindung zu bringen. Wer sich in der Szene auskennt, der weiß, daß sie ebenso gute Menschen sind wie du und ich. Vielleicht sogar bessere: Denn sie haben den Kampf für eine andere Gesellschaft, für mehr Freiheit und Gerechtigkeit noch nicht aufgegeben. Unermüdlich stellen sie sich gegen das System.

Gut, sie legen nur selten eine Bombe. Und auch Phrygiermützen hat man an der Börse lange nicht mehr gesehen. Aber das täuscht. Die Spekulanten sind Anarchisten, wie sie im Buche stehen: in einem Buch von Fernando Pessoa nämlich, dem portugiesischen Dichter. In den meisten seiner Werke frönt Pessoa ja einem unergründlichen Weltschmerz, unter dem seine Landsleute, besonders die dichtenden, leiden. Aber in einem Buch hat Pessoa sich mit der großen Frage beschäftigt, wie der Kampf des Anarchismus gegen das Kapital zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden kann: "...wie sich", fragt er, "seinem Einfluß und seiner Tyrannei entziehen, ohne ihm aus dem Weg zu gehen?" Die einzige Methode, so schlußfolgert Pessoas Hauptfigur mit, der Kraft ihrer anarchistischen Überzeugung, ist folgende: Es zu erwerben, in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar" werden kann.

Wer sich befreien will, hat also nur eine Chance: spekulieren, was das Zeug hält. Auch in Deutschland scheinen das immer mehr zu kapieren. Während anarchistische Anschläge deutlich nachlassen, steigt das Interesse an der Börse zusehends. Und wenn der Dax mitspielt, dann ist der Sieg der Anarchie nicht mehr fern.

Udo Perina