A im KreisRedebeitrag für die

Libertäre Tage - Demonstration am 10. April 1993

gehalten an der Hauptwache in Frankfurt/Main


Hallo!
Liebe Anwesende, hört mal genau her. Ich sage Euch eins: Anarchie. Habt Ihr mich verstanden? Anarchie. Hey, Ihr da hinten, hört Ihr mich:

A - nar - chie.

Seid Ihr noch nicht alle in Ohnmacht gefallen? Jeder anständige Mensch versteht doch unter Anarchie Terror, Gewalt, Unordnung, Chaos, Krieg, Unterdrückung, Ausbeutung usw.

Aber halt, so sieht die Welt doch heute aus. Diese Zustände wurden doch von Staaten geschaffen, die jeden Quadratmeter der Erde beanspruchen, mit Staatsformen wie Monarchien, faschistischen und kommunistischen Diktaturen, aber auch Demokratien. Selbst Planwirtschaft oder Marktwirtschaft in den unterschiedlichsten Staaten konnten und wollten an den bestehenden ungerechten, unmenschlichen Zuständen auf diesem Erdball nichts ändern.

Das alles hat überhaupt nichts mit Anarchie zu tun. Das Wort Anarchie kommt aus dem Griechischen und bedeutet "ohne Herrschaft". Und eine herrschaftsfreie Welt haben wir nun wirklich nicht, denn Anarchie bedeutet: Ordnung ohne Herrschaft.

Doch nun zu unserer parlamentarischen Demokratie: Die bei uns Herrschenden sagen, wir hätten Demokratie, und alle könnten mitbestimmen. Aber haben wir denn hier wirklich etwas zu sagen? Alle vier Jahre Wahlkreuzchen machen, fertig aus. Ist das alles? Wenn wir wenigsten alle vier Jahre unsere Chefs oder Chefinnen in den Betrieben frei, geheim und selbstbestimmt wählen könnten? Oh nein, das geht nicht. Vor den Toren der Betriebe hört diese Pseudo-Demokratie schon auf.

Lassen wir uns das Wort Demokratie mal auf der Zunge zergehen. Volks - Herrschaft. Volk und Herrschaft. Nun, wer ist denn das Volk?

Alle Menschen, die auf einem von den Herrschenden bestimmten Gebiet, genannt Staat, leben?

Oder, ganz völkisch gedacht diejenigen, die, natürlich von den Herrschenden definiert, zum Beispiel deutscher, algerischer, chilenischer oder indonesischer Abstammung sind?

Oder einfach alle, die dieselbe Muttersprache haben? Der Begriff des Volkes ist sehr diffus und wird je nach Gutdünken eingesetzt.

Und dann das Wort Herrschaft. Was ist daran so positiv?

Finden wir es etwa toll, wenn Menschen über Menschen herrschen, Menschen andere Menschen ausbeuten und unterdrücken?

Also nochmal: Demokratie ist Volksherrschaft. "Wir sind das Volk!" riefen die Menschen in der Ex-DDR. Wenn wir alle das Volk wären und gleich viel zu sagen hätten, wer herrscht dann noch über wen und warum überhaupt?

Ist das dann Basisdemokratie?

Wir könnten dann höchstens noch über andere Völker herrschen wollen. Wohin das führt, wissen wir bestens aus der Geschichte dieses Landes. Wenn jede und jeder aber selbst herrschen kann, es also niemand mehr gibt, über den geherrscht wird, dann haben wir doch auch keine Herrschaft mehr, sondern wohl Anarchie, also Herrschaftsfreiheit.

Sobald also Demokratie sich wirklich ernst nähme und alle gleichviel zu sagen hätten, wäre das Anarchie. Wenn Demokratie sich aber nicht ernst nimmt, ist sie, wie wir es ja täglich erleben, eine einzige gigantische Propagandashow zur Einnebelung der Menschenhirne und zur Herrschaftssicherung.

Doch nun zur Anarchie. Viele, die sich auf eine ernsthafte Diskussion über Anarchie einlassen, meinen, Anarchie sei eine Utopie. Wir würden eine herrschaftsfreie Gesellschaft nie erreichen. Der Mensch sei nun mal so, wie er ist.

Mag sein, daß wir Anarchie im Idealzustand nie erreichen werden. Anarchie jedoch fängt im Hier und Jetzt an, bei jedem einzelnen Menschen. Jede und jeder kann im kleinen, in seinem Alltag gegen Herrschaft angehen.

Nichts ist vorbestimmt und nichts bleibt ewig.

Anarchie ist das Ziel, Anarchie ist Freiheit. Anarchie ist aber auch schon der Weg hin zur Freiheit.

Die Geschichte ist voll von Beispielen, wie Menschen selbstbestimmt und solidarisch, herrschaftsfrei und selbstverwaltet gelebt und gearbeitet haben. Warum soll das nicht auch heute und bei uns möglich sein?

Ich denke, Anarchie ist unsere einzige Chance, wenn wir unser Überleben auf diesem Planeten sichern wollen. Wir brauchen das Engagement und die Kompetenz jedes und jeder Einzelnen, um drohende ökologische und soziale Desaster abwenden zu können. Dazu brauchen wir keine apathischen und resignierten Menschen.

Doch geschenkt wird uns von den Herrschenden und Profitsüchtigen nichts. Wir sollten unser Leben in die eigene Hand nehmen, eigene herrschaftsfreie Lebensbedingungen schaffen. Dann wird es möglich sein, daß unsere Nachkommen eines Tages  so leben können, wie wir es jetzt nur erst mal träumen können - in Anarchie.

Laßt uns zusammen mit voller Lebensfreude dafür kämpfen!

Freiheit und Glück!
Liebe und Anarchie!

Thomas
Libertäres Forum Frankfurt


zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Dokumentation

zurück zur Anfangsseite