Anarchafeministisches Sommercamp
vom 22. bis 25. Juli 2010 bei Alsfeld

Anarchafeministisches Sommercamp – ein Wochenende gelebte weibliche Freiheit

ein Bericht von Anja Kraus

Vom 22. bis 25. Juli 2010 fand in diesem Sommer das anarchafeministische Sommercamp statt. Historisch war es am richtigen Ort: Die Hofgemeinschaft Galions ist vor über 20 Jahren aus der Projekt A-Bewegung entstanden. – Und vor 17 Jahren wurde aus dieser Bewegung heraus das Anarchafeministinnen-Treffen begründet, dessen Frauen zu diesem Treffen aufgerufen hatten.

Ziel war es für uns, politische Diskussion, Wohlfühlen, Körperarbeit und Vernetzung mit anderen Frauen zu vereinen, und wir waren gespannt auf die angemeldeten Frauen.

Selbst überrascht von der Unterschiedlichkeit der Besucherinnen war auch das Altersspektrum unterschiedlich, von Anfang zwanzig bis weit über fünfzig. Sie hatten sich auf persönliche sowie Interneteinladungen gemeldet, erfreulicherweise aus Ost und West. Sie kamen aus verschiedensten sozialen Bewegungen: Ältere ehemalige Startbahnhüttendörflerinnen und junge Genfeldbesetzerinnen, Antifa-Aktivistinnen, Frauen der Uni-Hochschulpolitik, eine anarchistisch denkende Direktkandidatin der Linken für den Bundestag, zwei Autorinnen des Kommunefrauenbuches, eine Kommunebewohnerin, Theaterschaffende, eine ehemalige Mutlangen-Friedensaktivistin, zwei Syndikalistinnen der FAU und in Nachbarschaftsorganisationen Aktive versammelten sich bei Alsfeld, um sich über verschiedenste Themen und ihre Erfahrungen in der politischen Arbeit auszutauschen.

Da es nach der langen Hitzeperiode nun wie aus Eimern regnete, wurde das Camp kurzerhand in die Baustelle des im Ausbau befindlichen Dachbodens umgelegt, welcher in gemütlichen Sofagruppen eine angenehme, kühle und trockene Diskussionsatmosphäre bot.

Nach dem Kennenlernabend ging es am nächsten Tag weiter nach einer frauenkörperorientierten Venusmeditation mit einer Einführung in das Selbstverständnis des Anarchafeminismus, in dem vor allem der dem Leben zugewandte liebende Aspekt in der Sichtweise weiblicher Freiheit betont wurde, also sowohl Freiheit auf der Beziehungsebene in Partnerschaft und in Bezug auf Alte und Kinder, wie auch im Umgang mit dem eigenen Körper, der Selbstfürsorge sowie in der Fürsorge für Umwelt und BewohnerInnen anderer Länder. In diesem Zusammenhang impliziert eine anarchafeministische Haltung die Ablehnung militärischer Gewalt, Mensch und Natur ausbeutender Herrschafts- und Wirtschaftsverhältnisse sowie rassistischer und sexistischer Denk- und Verhaltensmuster.

Vertiefend können sich LeserInnen im Buch Anarchismus 2.0 (Schmetterling Verlag) und im Kommunefrauenbuch (Edition AV) mit unseren theoretischen Veröffentlichungen befassen.

Dann ging es weiter mit der gewaltfreien Kommunikation (GFK), um im Konfliktfall mit anderen ein Handwerkszeug zur Hand zu haben, an dem wir uns orientieren können. Da die meisten von uns sich damit bereits beschäftigt hatten, sprachen wir in Kleingruppen über erlebte Konflikte, um an diesen zu üben, unsere Bedürfnisse klarer zu äußern und mit klaren Worten andere um das zu bitten, was wir benötigen. Eine anarchistische Gesellschaft, die Bedürfnisse weitgehend erfüllen möchte, braucht Menschen, die geübt haben, diese auch zu äußern. Gerade Frauen werden dazu sozialisiert, statt eigene Bedürfnisse die der anderen zu erfüllen. GFK trainiert unsere Aufmerksamkeit für uns selbst und andere. Voraussetzung für eine gewaltfreie Kommunikation ist die Bereitschaft, die jeweilige Mitte zwischen verschiedenen Positionen zu finden, vom Ego wegzukommen und eine gute Lösung für alle zu finden. Da ist kein Platz für „kein Bock“ oder „mir doch egal“, da ist Platz für das Einüben von echter Demokratiefähigkeit und Konsenssuche, das Üben basisdemokratischer Entscheidungsfindungen.

Nach Thai Chi am nächsten Morgen gab es einen Brustworkshop unter dem Motto„ Sich gut fühlen“. Dieser Workshop entstand aus Vernetzungstreffen feministischer Frauengesundheitszentren in Zusammenarbeit mit dem feministischen Heilpraktikerinnenverband Lachesis, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Verantwortung für den eigenen Körper wieder stärker ins politische Bewusstsein zu holen. Nur wenige wissen, dass für die Einführung der Mammografie-Reihenuntersuchung für Frauen ab 50 („Mammografie-Screening) die Strahlenverordnung des Bundesamtes für Strahlenschutz verändert wurde und dass diese Untersuchung nahezu gleich viele Zellveränderungen auslösen soll, wie diese sie vorsorglich entdeckt.

Auch dass mit dieser Untersuchungsmethode Zellveränderungen zu einem Zeitpunkt diagnostiziert werden, aus denen nur eventuell und vielleicht eine Erkrankung entstehen könnte, und die Frauen mit einer angstmachenden Diagnose zu krankmachenden Behandlungen genötigt werden, ist kaum bekannt. Welche weiß schon, dass ein selbst tastbarer Knoten im Brustgewebe von ca. 1 cm Durchmesser im Durchschnitt bereits 10 Jahre im Gewebe vorhanden ist?

Mit dem Workshop wurde eine Methode zur Brustselbstuntersuchung vorgestellt, die sowohl die Brüste pflegt als auch einen liebevollen Kontakt zu ihnen herstellt und unsere Verantwortung und Wahrnehmung für uns selbst trainiert. Gerade beim Thema Brüste sind wir vom alltäglichen Sexismus in Werbung, Witzen und struktureller Gewalt in Form von Begrabschung und Begaffung betroffen. Umso wichtiger ist es, sie wieder zurückzuerobern als ein Teil weiblichen Befreiungskampfes.

Weiter ging es mit dem Vortrag einer Besucherin über Schadstoffe in Tampons und Binden. Hier sind im Anbau Giftstoffe erlaubt, die in Nahrungsmitteln (auch für Tiere) schon lange verboten sind, und über die Schleimhäute vom Körper aufgenommen werden. Frauen können, ausgelöst von Tampons, Unfruchtbarkeit, Pilzinfektionen bis hin zu allergischen Schocks auf die enthaltenen Schadstoffe entwickeln. Wiederentdeckte und aktualisierte Entwicklung ist hier eine Tasse aus Silicon, genannt “Mooncup“, die uns Frauen eine ökologisch vertretbare Alternative bietet, sowie wiederverwendbare waschbare Binden. Nachmittags trafen sich einige zum kreativen Improtheaterspielen, initiiert von einer jungen Aktivistin.

„Wir bekommen alle soziale Hilfe“

Zu guter Letzt kamen wir zum Höhepunkt der Tage über das „bedingungslose Grundeinkommen“ zusammen, zu dem wir als Referentin Antje Schrupp, Politologin und Journalistin aus Frankfurt, eingeladen hatten.

Sie ist für uns sowohl Freundin als auch Vorreiterin weiblicher Geschichtsforschung und trägt mit ihren Forschungen Großes zur Geschichte politisch kämpfender Frauen bei. Sie ist in mehreren Arbeitskreisen zu „Frauen und Wirtschaft“ aktiv und organisiert die Mailing-Liste www.gutesleben.org mit.

Ihr Einführungsvortrag zum leistungsunabhängigen und somit bedingungslosen Grundeinkommen enthielt auch diesmal wieder interessante Beiträge zur Stärkung der feministischen Sichtweisen.

Beeinflusst von den Mailänder Philosophinnen sind Frauen nicht weiter „Opfer der Verhältnisse“ sondern Utopiebringerinnen und sehen „Feminismus als Weltgestaltung“.

Das Grundeinkommen (GE) könnte eine Basis sein, um in einem größeren Kontext Veränderungen zu erwirken. Es stelle sich die Frage, wie müssten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sein, damit alle gut leben können.

Es handele sich aber auch hier um eine männlich dominierte Bewegung, in der Haus- und Fürsorgearbeit wenig berücksichtigt werden. Antje Schrupp sieht das GE als kulturelles Projekt, bei dem der politische Inhalt eher darauf abzielt, die kulturellen Bedingungen zu schaffen, eine Grundversorgung nicht an Leistung zu koppeln. Die Frauenbewegung müsse demnach eine natürliche Verbündete dieser Bewegung sein, da Frauen die Koppelung Arbeit = Geld historisch selten erlebt haben und reproduktive Arbeit immer unabhängig von Geld gemacht haben.

In unserer Gesellschaft werden 63 Milliarden Stunden Arbeit pro Jahr bezahlt verrichtet. Demgegenüber stehen 93 Milliarden. Stunden unbezahlter Arbeit in Reproduktionsarbeit wie Kinder, Alten- und Krankenversorgung, Hausarbeit oder ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Mit einem Grundeinkommen würden Frauen, die diese Tätigkeiten vorwiegend unentgeltlich verrichten, ökonomisch besser gestellt. Auch Familien erhielten finanzielle Vorteile.

Derzeit gibt es ein Normbild des Männlichen mit dem Irrglauben, Menschen könnten für sich selbst sorgen. Tatsächlich hängt das Wohlbefinden einer Gesellschaft jedoch von der Haus- und Fürsorgearbeit ab. Auch Männer waren einmal Babys, die ohne Bezahlung versorgt wurden.

Auch bei der Aussage „uns geht die Arbeit aus“ handelt es sich nach Antje Schrupp um eine falsche Analyse, denn aus gehe nur die profitträchtige Arbeit. Mit einem Grundeinkommen hätten Lohnkämpfe eine bessere Basisbedingung, da ArbeiterInnen nicht mehr so erpressbar wären. Auch die erniedrigende Behandlung „Empfänger sozialer Leistungen“ hätte ein Ende. Wichtig ist die Erkenntnis, dass auch Reiche Empfänger/innen sozialer Leistungen sind, denn sie nehmen zahlreiche Dienstleistungen in Anspruch.

Antje Schrupp führte weiter aus, dass das Grundeinkommen nicht automatisch die Geschlechterverhältnisse verändert. Alle Anwesenden gingen jedoch davon aus, dass es diese auch nicht unverändert lassen würde. Über die Frage der Finanzierung sollte erst gesprochen werden, wenn wir einen gesellschaftlichen Konsens hergestellt hätten, dass wir dieses Grundeinkommen wollen, denn erst dann werde diese Frage notwendig.

In der Diskussion zum Thema entstanden viele Utopieideen wie zum Beispiel, dass viele Menschen dann jeweils 10 Stunden pro Woche alte Menschen mit Liebe und Zuwendung versorgen würden und nicht wie zur Zeit mit 40 Wochenstunden unter Stress und Überforderung.

Bei vielen von uns wurde eine Sehnsucht deutlich, lieber auf einem niedrigen Konsumlevel grundversorgt einer Arbeit mit wenigen Stunden nachzugehen, die wir mit Freude und Hingabe tun und die uns Zeit für Gesundheit, Kinder, Garten und Hobby lässt.

In der Abschlussrunde am Sonntagmorgen äußerten alle Frauen den Wunsch, sich zur Vernetzung wiederzutreffen. Für eine kontinuierliche politische Arbeit hatten nahezu alle das Bedürfnis, in den Bezügen ihrer jeweiligen Region und im direkten sozialen Umfeld zu wirken.

Dann bis zum nächsten Jahr...

Kontakte: afems60@yahoo.de,

Weitere Infos: www.anarchafeminismus.de, www.antjeschrupp.de, www.fairconomy.de

Anja Kraus

veröffentlicht in: Graswuzelrevolution Nr. 351


Einladung mit Anmeldung anarchafeministischen Sommercamp

Seit nunmehr 15 Jahren treffen sich Frauen zweimal im Jahr zu einer anarchafeministischen Diskussionsrunde.
Um unseren Kreis wieder zu vergrößern und uns mit anderen zu vernetzen, bieten wir in diesem Jahr ein Frauencamp an.

Wir laden interessierte Frauen/Lesben herzlich ein!

Wir zelten vom 22. bis 25. Juli 2010 auf dem Gelände der Galions-Hofgemeinschaft bei Alsfeld.

Anreise: Donnerstag, 22.7.2010, gemeinsames Essen um 19 Uhr

Abreise: Sonntag, 25.7.2010, ca. 14 Uhr.

Der Teilnahmebeitrag ist 60,- Euro (für Zelten, Duschen und biologisches Essen, das wir gemeinsam zubereiten).

Wir selbst bringen u. a. ein:

- Kurze Einführung in unser Selbstverständnis und „Gewaltfreie Kommunikation“

- Film und Diskussion zum „bedingungslosen Grundeinkommen“

- Gesellschaftspolitische Dimension ganzheitlicher Frauengesundheit

- Brustworkshop „Sich gut fühlen“

Wir würden uns freuen über Beiträge zu „Widerstand und Spaß“ wie z. B. praktiziert durch die Clownsarmee.

Alle Anwesenden können eigene Themen einbringen. Weiterhin nehmen wir uns Zeit zum einander Kennenlernen, Spazierengehen und um nach unseren aktuellen Bedürfnissen zu schauen (z. B. Tanz, Massage; See zum Baden in der Nähe)

Wir möchten allen Frauen die Teilnahme ermöglichen und Eure Bedarfe (Kinderbetreuung, Allergien etc.) berücksichtigen. Bitte nehmt Kontakt zu uns auf und teilt sie uns mit.

Anmeldung zum anarchafeministischen Sommercamp vom 22. bis 25. Juli 2010 bei Alsfeld

Über was möchtest Du Dich austauschen?

Welche Themen sind für Dich interessant?

Was möchtest Du ansonsten gerne einbringen?

Name:

Adresse:

Mail/Tel.:


Anmeldung über Mail bis 1. Juli 2010 an: afems60@yahoo.de

Rückfragen per Telefon: Gouine 06421 – 389 65 66