Interviews von Helge Döhring mit drei Gruppen der anarcho-syndikalistischen Jugend in Deutschland


Helge Doehring
Interview Geschichte ASJ

Die folgenden Interviews können als kritische Bestandsaufnahme gesehen werden und mögen der weiteren Entwicklung hilfreich sein. Entnommen und leicht ergänzt aus: Helge Döhring: Kein Befehlen, kein Gehorchen! Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend in Deutschland seit 1918, a-propos-Verlag, Bern 2011

1. Organisation

_Wie seid ihr strukturiert, wie sind die Aufgaben bei euch verteilt? Gibt es Vorsitzende, Kassierer, Schriftführer, Archivare und andere Funktionen?

ASJ-Berlin: Die ASJ-B[erlin] hat ca. 20 Mitglieder. Die V[oll]V[ersammlung] ist ihr Endscheidungsorgan. Sie ist untergliedert in A[rbeits]G[emeinschaften] und Mandatierte, die für einen festen längeren Zeitraum bestimmte Aufgaben übernehmen. Für die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen entsenden wir Delegierte. Die VVs werden mit einer T[ages]O[rdnung], die einige Tage vor der VV per Email rumgeschickt wird, vorbereitet. Die TO hat als feste Punkte: Die aktuellen AGs und Mandate, FAU und Sonstiges. Die AGs werden zu bestimmten Themen, Ereignissen oder Projekten gegründet. Sie erledigen alle ihrem Mandat enthaltenen Aufgaben, wie Veröffentlichungen, Veranstaltungen und die inhaltliche Auslegung derselben. Auf jeder VV berichten sie der ASJ-B den aktuellen Arbeitsstand. Die Veröffentlichungen der AG in Namen der ASJ-B müssen von der VV bestätigt werden. Widersprechen diese den Ideen, Strukturen bzw. Beschlüssen der ASJ-B, kann die VV dem Einhalt gebieten. In ihrer Arbeitsweise ist die AG jedoch vollkommen unabhängig von der VV.

Vorsitzende, wie zum Beispiel SekretärInnen oder PressesprecherInnen haben wir in der ASJ-B nicht. Wir haben jedoch folgende imperative Mandate, die teilweise ähnliche Funktionen erledigen:

KassiererIn, dessen Mandat auf ein halbes Jahr gewählt ist. (Verwaltung der Finanzen der ASJ-B, das heißt Einnahmen und Ausgaben, Mitgliedsbeiträge, etc.).

ArchivarIn, dessen Mandat auf unbestimmten Zeitraum verliehen wird. (Archivierung von Protokollen, Flyern, Fotos, Videos).

Mandat für Außenkommunikation => Aufgeteilt in die Beantwortung von externen Anfragen per Email und die Weiterleitung von Mails an die GenossInnen, die Verwaltung unseres Internetblogs, die Verwaltung unserer sekundären Internetpräsenz, wie Facebook und Youtube (wird als Propagandamittel für Veranstaltungen und ähnliches genutzt) und

das Innenkommunikationsmandat (hierbei handelt es sich um die Verwaltung unseres internen Emailverteilers. Die/der Mandatierte trägt zum Beispiel neue Mitglieder in den Verteiler ein, damit sie die TOs, Protokolle und die über das Außenkommunikationsmandat erhaltenen Informationen zu bekommen). Dieses Mandat ist auf ein halbes Jahr gewählt und wird von drei Personen übernommen, die sich die Aufgaben untereinander aufteilen.

Eine/n festen SchriftführerIn haben wir nicht, die/der ProtokollantIn wird auf jeder VV oder bei jedem Treffen der AGs neu gewählt. Dennoch haben wir das Plenumsvorbereitungsmandat (PleVoMat), dessen Aufgabe darin besteht, die Tagesordnung inklusive relevanter Termine drei Tage vor der VV an die Mitglieder zu schicken, Abstimmungen so vorzubereiten, dass die zur Abstimmung stehenden Vorschläge der VV vorliegen und das Protokoll rechtzeitig, vollständig und verständlich in der Wortwahl an die GenossInnen geschickt wird. Dieses Mandat ist auf ein halbes Jahr gewählt.

Des Weiteren arbeiten wir mit Delegierten, die von der ASJ-B auf die Treffen von Bündnissen oder Kampagnen geschickt werden. Dort versuchen sie einerseits, die Meinung/Position der ASJ-B einzubringen, leiten aber auch Information beziehungsweise getroffene Beschlüsse an die ASJ-B zurück und entscheiden, je nachdem, wie es die VV der ASJ-B beschlossen hat, welche Aufgaben die ASJ-B im Rahmen der besagten Kampagnen oder Bündnisse übernehmen kann. Das Prinzip der Delegierten gewährleistet eine produktive Zusammenarbeit und einen Informationsfluss, ohne dass alle ASJ-B-Mitglieder auf dem Treffen anwesend sein müssen.

Bonn: Wir sehen uns als basisdemokratische Gruppierung, sodass es bei uns keine Kader oder Ämter wie Vorsitzender, Schriftführer oder Kassierer gibt. Trotzdem sind wir arbeitsteilig organisiert, sodass die Personen, die an Technik interessiert sind, sich nach Absprache mit der Gruppe um die Internetpräsenz kümmern, andere GenossInnen kümmern sich um die Verwahrung der Gruppenfinanzen, welche aber nicht das klassische KassiererInnen-Amt bedeutet.

Das Amt der SchriftführerIn existiert bei uns nicht, das mitschreiben der Plena und anfertigen von Protokollen ist eine Aufgabe, die rotiert, sodass jede Person ProtokollantIn ist.

Mainz: Wir versuchen alle Abläufe so basisdemokratisch wie möglich zu gestalten, das heißt, jeder kann - muss aber nicht mitreden. Jeder kann sich einbringen. Niemand wird runtergemacht, und jeder kann ohne Bedenken seine Zweifel äußern. Meistens übernehmen bestimmte Personen bestimmte Aufgaben. Der eine macht alles, was mit Internet zu tun hat, jemand anderes führt die finanziellen Dinge, andere sind „große Denker“. Jeder arbeitet gerade so, wie er will!

_Die ASJ-Gruppen sind eigenständige und unabhängige Organisationen, genauso wie die SAJD-Gruppen. Worin liegen die Vorteile selbständiger Organisation?

Berlin: Durch unsere Selbständigkeit ist es nach unseren Erfahrungen einfacher, Jugendliche für die Ideen, die Konzepte des Anarcho-Syndikalismus zu interessieren und ihnen die Arbeitsweisen nahezulegen, wie unsere Abstimmungsverfahren, das Prinzip von Mandaten und Delegierten. Die Interessen und Bedürfnisse von Jugendlichen, wie Probleme in der Schule und in der Ausbildung würden als Jugend-Sektion der FAU schwerer zu vermitteln sein, da die Jugendlichen dann auch in der kompletten FAU wären. Dies könnte abschreckend wirken, da die FAU in ihren Strukturen sehr komplex ist. Viele Jugendliche haben keinen Bezug zu einer Gewerkschaft, da sie noch SchülerInnen sind, beziehungsweise gerade erst in ihrem ersten Arbeitsverhältnis sind. Außerdem ist unser Mitgliedsbeitrag ein Richtbetrag von 2 €, der der FAU ist wahrscheinlich für Jugendliche, die vom Taschengeld leben, zu hoch.

Bonn: Die Vorteile selbstständiger Organisation sind vielseitig, aber einer der wichtigsten Vorteile für uns ist das zusammenkommen mit Gleichgesinnten, und Menschen, die von denselben oder ähnlichen Problemen betroffen sind.

Die Selbstorganisation bietet uns eine gute Möglichkeit, sich zusammen in das bestehende Herrschaftssystem einzumischen und das Unbehagen und die Wut in produktive Aktionen umzuwandeln.

Des weiteren bietet die Selbstorganisation die bis jetzt beste Möglichkeit, sich hierarchielos, kreativ und solidarisch in die politische Arbeit einzubringen und diese gemeinsam zu reflektieren.

Mainz: Wir sind unsere eigenen Herren. Das ist klasse. Wir können also einen transparenten Austausch garantieren. Wir müssen niemandem imponieren, damit wir unser Geld kriegen. Wir machen, was wir wollen, wann wir wollen, wo wir wollen. Die FAU hilft uns oft - wir auch ihnen, aber wir sind eigenständig. Niemand ist da jemandem verpflichtet.

Während Erwachsene über Jahrzehnte hinaus derselben Organisation angehören können, ist die Verweildauer in Jugendgruppen auf wenige Jahre begrenzt. Das birgt die Gefahr von Diskontinuitäten in der Existenz und den Wirkungsmöglichkeiten von ASJ-Gruppen. Dies kann Nachteile bedeuten, aber andererseits auch Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens und der Herausbildung von Persönlichkeiten aufgrund durch nichts zu ersetzender Eigenerfahrungen in Erfolgen und Misserfolgen. Wie stellt ihr den dynamischen Fortbestand der ASJ in eurer Stadt über Jahre hinaus sicher?

Berlin: Wir haben kein Konzept im Sinne, dass wir uns föderalistisch in Bezirken, Schulen, Universität, oder anderswo organisieren. Dennoch tragen wir unsere Ideen mittels unserer Kulturarbeit wie Lesungen und Vorträge und unsere Workshops über Selbstorganisation in der Schule an die Leute. Demnächst werden wir auch eine Broschüre über Selbstverwaltung in der Schule veröffentlichen. Dies wirkt indirekt als Agitation. Eine Person ist über eine solche Veranstaltung Mitglied bei uns geworden. So stellen wir teilweise unbewusst und indirekt unseren Fortbestand sicher.

Bonn: Dieses Jahr [2011] feiert die ASJ Bonn ihren 2. Geburtstag, seit der Gründung mit 5 Mitgliedern ist die Gruppe auf über 20 aktive Mitglieder angewachsen. Ein festes Konzept haben wir nicht, aber durch kreative Aktionen und offenes Auftreten bleiben wir lokal präsent und attraktiv für interessierte.

Mainz: Wir sind noch eine sehr junge Organisation. Bis jetzt kommen ständig neue Leute. Anarchismus ist wieder gefragt. Alternativen sind wieder gefragt, wir versuchen, die Gruppe möglichst ansprechend und unverpflichtend zu gestalten.

Mit 20 Mitgliedern scheint eine magische Grenze erreicht zu sein, ab welcher eine feste Gruppe nicht mehr anwächst, sich Neumitglieder mit Austrittswilligen die Klinke in die Hand geben. Wie kann man sich strukturell darauf einstellen. Welche Maßnahmen können ergriffen werden, dass in einer Stadt dauerhaft mehr als 30 Mitglieder derselben Jugendorganisation angehören?

Berlin: Keine konkrete Strategie der ASJ vorhanden. Jedoch geben ältere Mitglieder Erfahrung an neuere/jüngere weiter (über Einbindung in Aufgaben, der Zusammenarbeit und Unterhaltungen). So werden nach und nach wichtige Aufgaben/Mandate an die neueren weitergegeben. Die älteren Mitglieder würden dann austreten und zum Beispiel in die FAU gehen oder gründen neue Organisation im Sinne des Anarcho-Syndikalismus (die nicht in Konkurrenz zu den genannten Organisationen stehen).

Bonn: Nach unserem ersten offenen Treffen haben wir durchgehend um die 20 Mitglieder. Prinzipiell haben wir von Anfang an versucht, durch thematische, beziehungsweise projektbezogene AG's die Struktur so zu gestalten, dass jeder sich einbringen und möglichst autonom arbeiten kann. Dabei sollen die AG's möglichst viel Entscheidungsfreiraum haben und sich bei wichtigen oder umstrittenen Fragen mit dem allgemeinen Treffen absprechen, oder auf Initiative des allgemeinen Treffens hin Auskunft geben und gegebenenfalls über unklare/strittige Punkte diskutieren. Durch die Beantwortung dieser Fragen ist diese Problematik bei uns noch einmal diskutiert worden, da dieses Modell in der Praxis bei uns nicht richtig umgesetzt wird.

Mainz: Bis jetzt haben wir formell fast 20 Mitglieder, ungefähr 10 Aktive. Klar freut uns das, wenn neue Leute kommen. Anfangs ist es erstmal wichtig, etwas auf die Beine zu stellen. Mainz ist für politische Gruppen wie die ASJ eine gute Stadt. Weil umliegend viele kleine Städte sind, haben wir uns auch als ASJ-Großraum Mainz gebildet, das heißt, aus den umliegenden Städten (auch der Großstadt Wiesbaden) kommen immer wieder Leute. Wir haben uns eigentlich noch keine Gedanken gemacht, was mal ist, wenn wir 20 Aktive sind, wir hoffen, da mal hinzukommen.

Bezüglich des Gruppenwachstums über die magische Grenze hinaus: Wie geht ihr mit dem klassischen Konflikt um, eine nach außen hin offene Gruppe zu sein, aber gleichzeitig dem unfreiwillig elitär wirkenden Charakter eines geschlossenen Freundeskreises, einer „Verschworenen Gruppe“ entgegenzuwirken?

Berlin: Neue Mitglieder werden mittels Erledigung von einfachen Aufgaben/Tätigkeiten in die Gruppe integriert. So lernen sich die Leute besser kennen, und das neue Mitglied lernt die Arbeitsweise der Gruppe kennen. Gleichzeitig wird dem neuen Mitglied erzählt, was wir bisher in der ASJ-B gemacht haben, und wir versuchen Fragen zu beantworten. Außerdem wird versucht, die Ideen, die neue Mitglieder haben, zu übernehmen. Dies bewirkt auch eine Einbindung in die Gruppe. Dies gestaltet sich bei neuen Mitgliedern aus einem Freundeskreis meistens einfacher, dennoch versuchen wir, „fremde“ neue Mitglieder gleich gut bzw. schnell zu integrieren. Außerdem haben wir ein MentorInnen-System, siehe dazu Punkt 6. (Betreuung von Neumitgliedern).

Bonn: Wir versuchen auf neue Leute einzugehen und durch Veranstaltungen und Aktionen sichtbar und greifbar zu sein, wir bieten monatlich ein offenes Treffen und einen libertären Kneipenabend an. Das offene Treffen soll den Raum bieten, dass Mensch sich Zeit für evtl. Fragen nehmen kann, die jemand hat, der zum ersten Mal zur Gruppe kommt, und dass neue Menschen nicht sofort mit irgendwelchen Themen konfrontiert werden, die bei uns schon seit Wochen oder Monaten besprochen werden. Der Kneipenabend ist nicht öffentlich, sondern Raum für nettes Beisammensein und Kennenlernen, um Kontakt zu halten, wenn man nicht so oft, oder gar nicht zu regulären Treffen kommen kann und auch eine nette Möglichkeit, mit „alten“ Genossen aus der FAU ein Bier zu trinken.

Mainz: Da wir alle aus mega unterschiedlichen Subkulturen, Freundeskreisen, Interessensgebiete kommen, ist es fast unmöglich, dass sich da so was wie eine feste, starre Gruppe ergibt. Glücklicherweise gibt’s in der Gruppe kein Stress, und wenn, können wir drüber reden (wie auch schon vorgefallen). Ab und zu passiert es, dass sich der eine oder andere überarbeitet, aber dann versucht man, drüber zu reden.

Wie geht ihr um mit nichtintegren Interessierten/Mitgliedern? Hattet ihr schon Situationen mit Störversuchen durch Infiltration der ASJ durch gegnerische und konkurrierende Organisationen?

Berlin: Interessierte dürfen jederzeit alle Treffen der AGs oder VVs besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen. Deren Fragen werden beantwortet, gleichzeitig fragen wir nach deren Interessen, um zu schauen, wie sie eventuell eingebunden werden können. Versuche der Infiltration gab es von anderen/gegnerischen Organisationen noch nicht.

Bonn: Für nicht integrierte Mitglieder bieten wir unsere Veranstaltung an, darüber hinaus bieten wir monatliche offene Treffen und die punktuelle Mitarbeit an Projekten an. […] Nein, zum Glück sind wir noch nicht in so eine Situation [Störversuche/Infiltration] gekommen.

Mainz: Wir gehen relativ offen mit neuen Mitgliedern um, wir vertrauen da auf unsere Menschenkenntnis. Bis jetzt hatten wir noch niemanden, bei dem wir gemerkt hatten, dass er der Gruppe schaden will. Wie wir damit umgehen würden, entscheiden wir dann. Es ist wohl erst das beste, den Dialog zu suchen. Es ist die Frage, ob sich jemand dann wirklich mit uns anlegen will, und wie weit er dafür gehen würde.

2. Ausdehnung

Anarcho-Syndikalistische Gruppen existieren meistens in größeren Städten. Gibt es bei euch Überlegungen, wie die Bewegung auch im Kleinstadtbereich und in ländlichen Gegenden Fuß fassen kann. Wenn ja, welche?

Berlin: Zwar haben wir einige Gedanken dazu gesammelt, dennoch haben wir uns auf kein Konzept geeinigt.

Bonn: Bis jetzt gibt es noch keine konkreten Ideen, wie ASJ-Strukturen auch im Kleinstadtbereich und ländlichen Gegenden aufgebaut werden können. Allerdings gibt es im Moment eine Initiative zur Gründung einer ASJ-Gruppe in einer Kleinstadt. Wir versuchen natürlich, neue Gruppen soweit möglich zu unterstützen.

Mainz: Wie gesagt: Mainz ist umgeben von Dörfern, in denen vor allem in ein paar bestimmten immer mal wieder (A)’s angesprayt auftauchen, wenn du verstehst, was wir meinen. Da haben es ein paar Leute geschafft, Jugendlichen, die sich über die Verhältnisse aufregen, Alternativen zu zeigen. Außerdem gibt es in Bingen (Kleinstadt bei Mainz) ein richtig cooles Ju[gend]Z[entrum], das man schon als anarchistisch bezeichnen könnte. Wenn man Leute politisieren will, dann durch genau solche Arbeit in Jugendzentren und so weiter.

Was unternehmt ihr, um flächendeckend ASJ-Strukturen aufzubauen?

Berlin: Im Winter 2010 haben wir eine ASJ-B Rundreise in Hamburg und Teilen Ost-Deutschlands gemacht. Vermutlich hat sich daraus und aufgrund des freundschaftlichen Kontakts zur FAU-Leipzig im November 2010 die ASJ-Leipzig gegründet. Desweiteren haben wir über persönliche Kontakte beim Aufbau der ASJ-Mainz mitgewirkt. Nachdem zwei ASJ-B Mitglieder zum Studieren nach Göttingen gegangen sind, haben die vor Ort die ASJ-Göttingen mit aufgebaut. Auch hier haben wir zum Beispiel bei der Erstellung ihres Internetblogs geholfen. Die Kommunikation/Unterstützung lief über unser Mandat für Außenkommunikation.

Bonn: Regional sind wir schon relativ gut durch die NRW-Lokalföderation vernetzt, in der auch andere anarchistische Gruppen vertreten sind, und bundesweit ist die Vernetzung und die Struktur noch im Aufbau. Wir versuchen durch überregionale Strukturen präsent zu sein und die bestehende bundesweite und internationale Vernetzung weiter auszubauen.

Mainz: siehe vorige Antwort

3. Zusammensetzung der Gruppe und Anwachsen

Euer gemeinsames Merkmal ist die Jugendlichkeit und ein anarcho-syndikalistisches Grundverständnis. Wie ist bei euch die Zusammensetzung der Mitglieder gediehen. Besonders interessiert mich der Anteil und der Einfluß von proletarischen und bürgerlichen Jugendlichen

Berlin: Schätzungsweise haben wir 60-70% Jugendliche aus Familien der Mittelschicht, das heißt bürgerlich, dem Ideal nach aber proletarisch. Außerdem sind wir alle weiß. Hinzuzufügen ist aber, das wir bisher weder für uns in der Gruppe, noch auf die Gesellschaft bezogen reflektiert haben, was genau bürgerlich und proletarisch ist.

Bonn: Es ist uns nicht möglich einfach, in proletarisch und bürgerlich zu unterscheiden.

Mainz: Ob Klassenverhältnisse in einer Jugendgruppe wichtig sind, ist fraglich. Für uns ist wichtig, ob man Unterdrücker oder Unterdrückter ist, also zum Beispiel Schüler. Ein bürgerlicher Jugendlicher ist sicher kein Unterdrücker, genauso wie ein von Armut betroffener Jugendlicher nicht unbedingt ein Proletarier ist.

Mädchen und Jungen

Berlin: Wir haben 6 Frauen von insgesamt etwa 20 Mitgliedern. Dennoch wird von der Gruppe diese Kategorisierung wegen ihrer Heteronormativität kritisiert. Es ist uns daher nicht wichtig, welche Geschlechtsdefinition die Mitglieder der Gruppe für sich selbst haben.

Bonn: in etwa Mädchen 1:2 zu Jungen. Es ist auffällig, dass wir einen großen Anteil an Menschen haben, die einen hohen schulischen Abschluss haben. In der Gruppe gibt es sonst einen großen Anteil an Studierenden, Menschen mit prekären Arbeitssituation und einen geringeren Teil in schulischer Ausbildung.

Mainz: Bei uns gibt es (leider) mehr Jungs als Mädels. Toll wäre es, wenn es ausgeglichen wäre, aber das ist in politischen Gruppen leider selten so.

Wie ist das Verhältnis von materieller und ideeller Motivation und Agitation in eurer Gruppe? Seht ihr euch mehr als Ideen- oder als Interessenorganisation?

Berlin: Die Mitglieder, die arbeiten oder mehr Geld haben, legen desöfteren Geld für Investitionen, wie für Flyer, Transparente und Infomaterial der ASJ-B aus. Als zu Beginn der ASJ-B unsere Kasse nicht sehr voll war, wurde das ausgelegte Geld teilweise gar nicht zurückverlangt. Die ideelle Motivation ist zwar bei den einzelnen Mitgliedern unterschiedlich ausgeprägt, dennoch im Allgemeinen groß. Prinzipiell sind wir mehr eine Ideenorganisation. Aufgrund materieller Motivation, beziehungsweise Not kommen (leider) kaum Leute zu uns. Wir versuchen aber, auf die Interessen der einzelnen Mitglieder einzugehen und sie in unsere Arbeit einzubinden.

Bonn: Wenn man so will, überwiegt die ideelle Motivation in unserer Gruppe, allerdings ist die Unterteilung in Ideen- oder Interessenorganisation auch wieder schwierig für uns.

Mainz: Wir sehen uns als Kultur- und Kampforganisation! Wir veranstalten nun regelmäßig Filmvorführungen, Protestaktionen und versuchen, den Traum der befreiten Gesellschaft zu etablieren.

4. Betriebliche Ambitionen

Ein zentrales organisatorisches Problem in der Geschichte war die Überschneidung von Erwachsenenorganisation und Jugendorganisation auf betrieblicher Ebene. Dabei musste die Jugendorganisation weitgehend hinter der Erwachsenen- und Gewerkschaftsorganisation zurückstehen. Um als Gesamtbewegung trotzdem an einem Strang zu ziehen, konzentrierten sich die SAJD-Gruppen hauptsächlich auf die Erziehungs- und Bildungsarbeit, welche es ihren Mitgliedern früher oder später leichter machte, sich in der Erwachsenenorganisation der FAUD einzubringen und auch Funktionen zu übernehmen. Wenn ihr die heutige AS-Bewegung betrachtet: Wo bestehen diesbezüglich Übereinstimmungen, wo liegen die Unterschiede? Wo sind eure Schwerpunkte?

Berlin: Wir konzentrieren uns primär auch auf die Bildungsarbeit mittels unserer Bildungs-AG. Dennoch haben wir im letzten Jahr sehr stark auch Solidaritätsarbeit geleistet. Einerseits im internationalen Rahmen, aber auch lokal bei der Unterstützung des Arbeitskampfes im Kino Babylon der FAU-B[erlin]. Neu ist die sich vor kurzem gegründete AG zu SchülerInnen-Minijobs. Damit wollen wir, sobald wir an die Öffentlichkeit treten, auf die prekären Arbeitsbedingungen und schlechte Rechtsaufklärung von SchülerInnen aufmerksam machen, die neben der Schule arbeiten. In Betrieben wird desöfteren die Ahnungslosigkeit der Jugendlichen ausgenutzt. Sie werden schlecht bezahlt und sind leicht rumzukommandieren, da sie nicht wissen, wie sie sich wehren können. Diesbezüglich besteht die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der FAU-B im betrieblichen Bereich. (Mehr zur Zusammenarbeit zwischen FAU-B und ASJ-B siehe 5.)

Bonn: Bis jetzt hatten wir keine betrieblichen Ambitionen, Überschneidungen oder Probleme. Wir beschäftigen uns mit vielen Themenbereichen, wie beispielsweise Ökologie, internationalen Arbeitskämpfen, Bildung, Antifaschismus und Umsonstwirtschaft.

5. Politisches

Welches Verhältnis habt ihr zu anderen anarcho-syndikalistischen Organisationen, besonders zur FAU? Wo liegen die Diskrepanzen, wo liegen die Möglichkeiten zu wirkungsvoller Zusammenarbeit?

Berlin: Zu Beginn der Existenz der ASJ-B gab es Skepsis von Seiten der FAU-B. Sie fürchteten eine Konkurrenz und verstanden nicht, weshalb wir uns als Jugendliche unabhängig organisieren wollten, anstatt als Jugendsektion in der FAU. Die Skepsis legte sich später jedoch im Rahmen unserer Unterstützung bei dem Arbeitskampf im Kino „Babylon“ und im darauffolgenden Kampf gegen das Nennverbot der FAU-B. (1) Die Verbots-AG der FAU hatte dann nach einer/m Delegierten von Seiten der ASJ-B verlangt, um die Zusammenarbeit besser zu koordinieren. Die Zusammenarbeit hat sich in Laufe der Zeit intensiviert. So hat die ASJ-B mit der FAU-B zusammen im Jahr 2010 die Aktionen zum Worker‘s Memorial Day und am 1.Mai organisiert.

Möglich wäre auch eine engere Zusammenarbeit im Bereich der Bildung (trotz der Differenzen zwischen StudentenInnen in der FAU-B und SchülerInnen in der ASJ-B). Ein Austausch, bzw. eine Konzeptfindung hat bisher aber noch nicht stattgefunden. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die SchülerInnen-Minijob-AG der ASJ-B mit einer sich gründenden Initiative der FAU-B über prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen zusammenarbeitet.

Bonn: In der Bonner ASJ-Gruppe gibt es Personalüberschneidungen mit der FAU, sowie verschiedene aktionsbezogene Zusammenarbeit wie Infostände, Soliaktionen, Demoauftreten, inhaltliche Arbeit zu lokalen Themen wie Sozialabbau. Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zur FAU oder andern anarcho-syndikalistischen Organisationen, sondern als Ergänzung zu diesen. Allerdings bietet die Jugendorganisation mehr Raum, um eigene Erfahrungen zu machen.

Mainz: Wir haben ein sehr freundschaftliches und gutes Verhältnis zur FAU-[Frankfurt/M.], die haben uns mal sehr geholfen und nichts zurück verlangt. Oft machen die tolle Aktionen. Da machen wir dann mit, aber weil wir das gut finden. Wir haben auch Kontakt zur A[narchistischen] G[ruppe] Mannheim. Eventuell vernetzen wir uns vielleicht bald im A[narchistischen]-Netz Süd.

Sind die Existenz und das Gedeihen der ASJ beeinflusst durch die anarcho-syndikalistische Gesamtbewegung? Und wenn ja, inwiefern?

Berlin: Einen spezifischen Einfluss der anarcho-sydikalistischen-Gesamtbewegung auf die ASJ gibt es nicht. Wir [stellen] für keine eine mögliche “Konkurrenz” dar und [wollen] ein ganz neues Organisationsfeld, die Jugend, abgreifen. Positiv beeinflusst wurden wir durchaus durch bestehende lokale anarcho-sydikalistische Strukturen, z.B. die der FAU-B: Wir können ihr Gewerkschaftslokal mitnutzen, bilden uns durch ihre Veranstaltungen und erhalten Hilfe durch persönliche Zusammenkünfte einiger Mitglieder: Zeitungen, Veranstaltungen und genereller Austausch von Erfahrungen. Außerdem dient uns die Organisationsstruktur der FAU-B zum Teil als Vorlage oder Idee für unsere eigene Organisationsweise.

Bonn: Die ASJ profitiert von bestehenden Anarcho-syndikalistischen Strukturen, wie Räumlichkeiten und Material, aber auch von inhaltlichen Debatten und Erfahrungen. Auch an aktuellen Kämpfen der AS-Gesamtbewegung beteiligen wir uns oder erklären uns mit diesen solidarisch.

Welches Verhältnis habt ihr zur Gewerkschaftsjugend des DGB und zu den Parteijugenden Jusos, SDAJ usw.?

Berlin: Wir haben kein Verhältnis, beziehungsweise Kontakt zu solchen Organisationen.

Bonn: Bis jetzt haben wir noch nicht inhaltlich mit diesen Gruppen zusammen gearbeitet. Grundsätzlich lehnen wir Bündnisarbeit mit diesen Gruppen nicht ab, sind uns aber inhaltlicher Differenzen bewusst. Aus diesem Grund forcieren wir eine Zusammenarbeit nicht.

Mit welchen Jugendgruppen arbeitet ihr zusammen, und habt ihr Erfolg damit?

Berlin: Wir arbeiten punktuell mit Antifa-Gruppen zusammen, die ähnliche anarchistische Ansichten haben. So engagierten wir uns mit diesen Gruppen bei der Antiwahlkampagne 2009 und gegen die Privatisierung und Schließung von Jugendclubs in Berlin. Außerdem arbeiten wir in Bereichen der Bildung, Antifaschismus bei der Gedenkdemo zu Dieter Eich (2) und internationale Solidarität zusammen.

Bonn: Mit keinen Jugendgruppen, abgesehen von den ASJ Gruppen.

Welche Einschränkungen gibt es? Gibt es Beeinträchtigungen durch:
Familie?

Berlin: Einige Interessierte können nicht auf die VVs kommen, da es ihnen von den Familien verboten wird zu kommen. Familiäre Probleme spiegeln sich indirekt auf die Stimmung in der Gruppe wieder.

Bonn: Im Fall von 3 Personen aus unserer Gruppe sind wir uns nicht über die Ausmaße und der genauen Gründe des familiären Drucks sicher, wissen aber, dass es welchen gab.

Schule?

Berlin: Hausaufgaben, Lernen für Klassenarbeiten und Klausuren (in der Uni und Schule) rauben desöfteren Zeit für ASJ-B Arbeit.

Mainz: Als Jugendlicher muss man vielen Zwängen nachgehen. Die können unterschiedliche Stärke und Gründe haben. Am schlimmsten sind da Repressionen in der Schule. Die kommen teilweise einem despotischem System nahe. Da denkt man sich, was da abgeht. Man wird zu unglaublich starkem Gehorsam gezwungen!

Ausbildungsbetrieb?

Berlin: Die Arbeitszeiten und die Arbeitswege hindern einen daran, an Treffen teilzunehmen.

Justiz und Polizei?

Berlin: Polizeiliche Repressionen nach der Soli-Kundgebung für die ASI-Serbien. (3)
Repressionen nach der Anti-Militaristischen Aktion bei der You-Messe. (4)
Repressionen nach dem Flashmob im Kino Babylon, die Anschuldigung: Hausfriedensbruch. (5)

Bonn: Wie jede emanzipatorische Gruppe sind auch wir von Repression durch Polizei und Justiz betroffen, allerdings behindert uns das bis jetzt nicht bei unserer politischen Arbeit.

Mainz: Polizei nimmt manchmal Personalien auf Demos auf. Angeklagt wegen ASJ-Dingen wurde noch niemand bei uns.

Kirchen?

Berlin: Keine Beeinträchtigungen.

Andere Institutionen?

Berlin: Keine Beeinträchtigungen.

Bonn: Davon ausgehend, dass die Frage sich auf direkte Einschränkungen oder Interventionen der oben genannten Institutionen bezieht, und unabhängig vom alltäglichen Zeitverlust durch Beruf und Ausbildung gesehen wird, sind in unserer Gruppe noch keine Beeinträchtigungen der politischen Aktivitäten bekannt.

6. Kulturelles und Bildung

Am Anfang war die Tat, so heißt es. Wenn’s dumm läuft, werden jedoch immer wieder die selben Fehler gemacht, während die Gegner eine breite Tradition von Sammlung und Weitervermittlung von Erfahrungen und Bildung haben, von Aufarbeitung und Theoriebildung, verschiedenen Fachbereiche, einen riesigen Wissensbetrieb insgesamt. Welche Bestrebungen gibt es bei euch, eure Praxis mittels erarbeiteter und weitervermittelter Theorie möglichst wirkungsvoll zu gestalten (Aufarbeitungen, Schulungen etc.)?

Berlin: Wir haben eine Bibliothek, auf die alle ASJ-B Mitglieder zugreifen können. Außerdem verleihen wir untereinander aus unseren Privatbibliotheken Bücher, die in der ASJ-B Bibliothek nicht vorhanden sind, sowie Filme und Musik. Des Weiteren haben wir seit einigen Monaten interne Bildungsvorträge zu den Arbeiterbörsen der FAUD in den 1920er Jahren, einen geschichtlichen Abriss über unterschiedliche anarchistische und anarcho-syndikalistische Bewegungen, wie der FAUD, SAJD, die Machnowschina, der spanische Bürgerkrieg und die ASJ im Großraum Stuttgart 1990-93, die Unterschiede vom Anarcho-Syndikalismus zu anderen politischen Strömungen, die Debatte über Anarchie und Gewalt und die Diskussion zwischen Anti-Deutschen und Anti-Imperialisten. Nicht zu vergessen ist die indirekte Bildung und Austausch über unsere Ideen bei einem Bierchen!!

Bonn: Die von uns gemachten Aktionen werden im Nachhinein zum Teil besprochen und reflektiert. Außerdem versuchen wir uns durch sporadische Workshops, Vorträge und Diskussionen weiterzubilden.

Der Fortbestand von Organisationen hängt meistens von wenigen einzelnen Personen ab. Zwischen diesen und den anderen Mitgliedern der Gruppe existiert ein Gefälle an Wissen, Lernbereitschaft, Verantwortung und Einsatzbereitschaft. Welche Maßnahmen trefft ihr, um dieses Gefälle einzuebnen und damit die Gruppen insgesamt stabiler und langlebiger zu machen?

Berlin: Zurzeit geschieht dies prinzipiell über die internen Bildungsvorträge, was das theoretische Wissen angeht. Zur Verantwortung und Einsatzbereitschaft: Neue Mitglieder werden zunächst mit einfachen Aufgaben betreut, zur Unterstützung dieser steht meistens ein erfahreneres Mitglied zur Verfügung. Nach und nach werden diesen Mitgliedern dann wichtigere Aufgaben anvertraut. Außerdem haben wir ein MentorInnen-System: Jedes Neumitglied kann sich eine/n MentorIn aussuchen, der dann das Neumitglied in unsere Kommunikation einweist, also in unsere Emailkommunikation und in unser Internetforum. Die allgemeine Integration in die Gruppe hängt sowohl von der Bereitschaft des Neumitgliedes ab, aber auch von der/m MentorIn und allen Mitgliedern, die auf das Neumitglied zugehen müssen.

Bonn: Auch hier haben wir noch kein ausgefeiltes Konzept, aber wir versuchen, die regelmäßigen Aufgaben rotieren zulassen, sodass nicht immer die selben Personen die selbe Arbeit machen. Durch ein internes Internetforum versuchen wir, unsere Arbeit für die gesamte Gruppe transparent darzulegen, somit wird versucht, informellen Hierarchien vorzubeugen und jedem die Möglichkeit zu geben, sich gleichberechtigt, aktiv zu beteiligen. Trotzdem gibt es auch bei uns aktivere und unaktivere Menschen, ein Gefälle von Wissen, Lernbereitschaft, Verantwortung und Einsatzbereitschaft, dessen sind wir uns bewusst, bis jetzt versuchen wir, durch Transparenz von Informationen zurückhaltendere Menschen aus der Reserve zu locken

Mainz: Einzelne überarbeiten sich oft bei uns. Das hat sich jetzt aber verbessert, nachdem jemand das mal angesprochen hatte. Dann gab’s einen Dialog, und jetzt hat es sich verbessert. Jetzt haben wir eine gute Aufgabenverteilung, die sich auch durch ein Rise-Up-Forum und neue Einsatzbereitschaft auszeichnet!

Wie betreut ihr die Neumitglieder? Gibt es bei euch dafür ein Handlungsgrundmuster, dass sie in der Lage sind, sich bestmöglich zu integrieren?

Berlin: Wir haben ein MentorInnen-System, das darauf beruht, die neuen Mitglieder in unsere Kommunikation einzuweisen. Inhaltliche Integration findet eher auf zwischenmenschlicher Ebene statt. Dennoch haben wir gerade ein Konzept entworfen, um neuen Mitgliedern über Vorträge und Handouts die Struktur und Arbeitsweisen der ASJ-B nahe zu bringen, das wir ASJ-B „Crashkurs“ nennen.

Bonn: Das Handlungsmuster beschränkt sich darauf, neue Menschen bei ihrem ersten Besuch offen anzusprechen und nach ihren Intentionen und Erfahrungen zu fragen.

Mainz: Für gewöhnlich halten wir einen Erstkontakt diskret in Mails und laden sie dann zu einem Treffen ein und versuchen dann eben, mit den Leuten gut zu arbeiten.

Welche Literatur und welche Filme erachtet ihr für die Weiterbildung als besonders wichtig? Welche Werke sind für einen gemeinsamen Diskussionsprozeß wertvoll?

**Berlin: Wir haben da natürlich keine explizite Gruppenposition, ganze Werke haben wir bisher noch nicht in Betracht gezogen, außer teilweise „Das ist Syndikalismus“ von Franz Barwich.

Bonn: Dazu gibt es verschiedene Einzelmeinungen, doch sehen wir nicht die Möglichkeit, alle hier zu beschreiben.

Mainz: Wir machen bald eine Filmvorführung zu „Rudolf Rocker- Buchbinder und Anarchist“, auch weil er aus Mainz kommt. Wir haben mal eine Bestellung bei FAU-MAT gemacht. (6) Die Hefte und Broschüren verteilen wir jetzt unter den Mitgliedern. Da hat jeder ganz verschiedene Interessen: Feminismus, Bildung, Arbeit. Jeder kann seine Erkenntnisse in unsere Gruppe einbringen.

Was könnt ihr der Jugendbewegung der 1920er Jahre heute noch abgewinnen?

Berlin: Der Jugendbewegung der 1920er Jahre ist vor allem das Klassenbewusstsein und die ökonomische Aktionsbereitschaft abzugewinnen. Das Klassenbewusstsein und somit auch der Klassenkampf verkümmern stark in der heutigen anarchistischen (auch antifaschistischen) (Jugend-)Bewegung. Dazu gehört letztendlich dann auch das verkümmerte (Selbst-) Bewusstsein, durch die eigene Organisierung und ökonomische Aktion bestehende Verhältnisse zu ändern und selbst neu zu organisieren. Das Terrain wird in dieser Hinsicht leider (!) viel zu stark ML-ern (7) überlassen, die mit ihrer relativ konkreten (ökonomischen) Gesellschaftskritik vielen anarchistischen „Laber-“Gruppen zumindest in dieser Hinsicht weit voraus sind. Es ist wichtig, den Weg in die Gesellschaft durch eben solche soziale Themen zu suchen und sich nicht als arrogante „Philosophie-Elite“ abzukapseln. Der Anarchosyndikalismus stellt dabei die direkteste Art des Klassenkampfes dar.

Bonn: In der Gruppe haben wir uns mit dem Thema nicht auseinander gesetzt.

Was sollte heute entgegen der 1920er Jahre unbedingt geändert werden?

Berlin: Es ist sicherlich ratsam, die Agitationssymbolik der heutigen Berufe dieses Landes anzupassen. Hammer und Sichel oder etwa Zahnräder stellen nur noch für wenige einen Bezug zu ihrem alltäglichen Arbeitsleben dar. Auch sollten gewisse Vokabularien in Agitationstexten und -reden dem modernen Sprachgebrauch angepasst werden, gerade vor zu parolenhaften Formulierungen sei gewarnt (unter anderem deswegen, weil bei vielen in Deutschland kein Klassenbewusstsein existiert, schrecken diese im Vorfeld eher ab). Zudem sollte auch die Geschlechterungleichberechtigung mit in den Fokus der Agitationsfelder aufgenommen werden (neben der kulturellen sei vor allem die ökonomische herausgehoben – da sie konkrete Kämpfe ermöglicht).

Bonn: In der Gruppe haben wir uns mit dem Thema nicht auseinander gesetzt.

7. Agitation

Welche Erfolge haben gegenübergestellt.
die persönliche Agitation (Kollegen, Mitschüler, Freundeskreis u.a.)

Berlin: Die Agitation bei uns lief größtenteils über unseren Freundeskreis und MitschülerInnen.

Bonn: Siehe nächste Antwort.

Mainz: Siehe nächste Antwort.

die Agitation über Medien (Flugblätter, Internet, Zeitungen u.a.)?

Berlin: Die Gäste auf unseren VVs sind größtenteils übers Internet auf uns aufmerksam geworden. Außerdem besuchen uns Leute von anderen Organisationen, in denen auch einige Mitglieder von uns sind.

Bonn: Für uns ist die Anzahl der neuen Mitglieder kein Indikator für eine gelungene Agitation. Die Ausmaße der Agitation gehen hoffentlich weit über die wahrnehmbare Reaktion hinaus und sind dementsprechend nicht meßbar.

Mainz: Beides ist und war wichtig: Viele aktive Mitglieder kannten wir schon vor der Gründung. Manche kamen durch unsere Internetseite zu uns, andere durch Flyer, andere durch Mundpropaganda. Gerade heute hat sich jemand bei uns gemeldet, der einen unserer Aufkleber gesehen hat und gerne mitmachen würde. Wenn wir der Welt was sagen wollen, ist ein Twitteraccount gut, neue Mitglieder bringt das nicht.

Macht sich der Kern eurer Agitation eher am Schwerpunkt der Gesamtbewegung und des Anarcho-Syndikalismus fest, also am Betrieblichen? Oder, wenn ihr euch mehr als Kultur- und Bildungseinrichtung, bzw. als Ideenorganisation begreift, habt ihr keine besondere Schwerpunktsetzung in der Agitation?

Berlin: Betrieblich agitieren wir eher weniger, was auch daran liegt, dass in unsere Zielgruppe überwiegend Jugendliche fallen, die noch nicht im Arbeitsleben stecken.

Bonn: letzteres

Mainz: Nein, auf keinen Fall. Wir sind eher ein Kulturorganisation oder eine Kampforganisation zu internationaler Soldarität und Bildung, aber wir machen auch bei Aktionen der FAU mit. Ein guter Mix ist für eine ASJ-Gruppe wichtig.

Welches sind die drei meistgenannten Gründe, warum:
A. Die Interessierten bei euch eintreten

Berlin: Aktionsbereitschaft, Gewissensgründe, Identifikation mit der Ideologie (Freiheit-Gleichheit-Solidarität) und Betrachtung ihrer als einzige Gesellschaftsalternative (+ historischer Beweise der Realisierbarkeit).

Bonn: Oft genannte Gründe, warum sich Menschen in der ASJ organisieren, sind unter anderem die Notwendigkeit, sich frei von Hierarchie, kreativ und solidarisch, politisch zu engagieren, um sich in das bestehende Herrschaftssystem einzumischen und Wut und Fassungslosigkeit in produktive Aktionen umzuwandeln.

Mainz: Welt verbessern. Sich organisieren- Sich informieren.

B. Die Mitglieder langfristig der Gruppe angehören?

Berlin: Bewusstwerden der eigenen Klasse (politische Geschehen in den Kontext zum eigenen Alltag und eigenen Umfeld bringen), Syndikalismus als pragmatische, logische und wirksame Vorgehensweise begreifen, Selbstentfaltung in der Organisationsarbeit.

Bonn: Desweiteren sind schlechte Erfahrungen in anderen politischen Organisationen Grund zu bleiben. Der positive Umgang in unserer Gruppe ist auch häufig ein Grund. Außerdem wird die ASJ als sehr aktive Gruppe in Bonn wahrgenommen.

Mainz: Mitkämpfen. Eine starke Gruppe aufbauen. Anarchismus propagieren.

A. Die Interessierten nicht bei euch eintreten

Berlin: Wir haben von Leuten, die nicht eingetreten sind, so gut wie nie deren Gründe erfahren, daher sind unsere Eindrücke eher erahnt: mangelnde Eigenmotivation und Selbstdisziplin, zu spezifische Arbeit, persönliche Unstimmigkeiten.

Bonn:

    • 6x ASJ auftreten als positiv, aber anarchistische Utopie als unrealistisch gehalten.
    • Grundskepsis gegenüber subkultureller Tendenzen
    • bei ein paar konnten wir nicht nochmal fragen

Mainz: Keine Zeit. Interner Konflikt. Nicht mehr überzeugt.

B. Die Mitglieder wieder ausgetreten sind?

Berlin: Es gab einen offiziellen Austritt. Später haben wir erfahren, dass dieses gegangene Mitglied eine andere anarchistische Gruppe aufgebaut hat. Die meisten Leute, die sich aber von uns abgewendet haben, erschienen nicht mehr auf den VVs und Treffen und waren für Nachfragen, weshalb sie nicht mehr erschienen, schwer bis gar nicht zu erreichen. Wir vermuten also, dass einerseits unser Gesamt-Know-How und Disziplin nicht ausreichte, um sie in der Gruppe zu behalten und andererseits Resignation. Auf der anderen Seite mangelnde Disziplin und Motivation und eventuell persönliche Unstimmigkeiten.

Bonn:

    • 2x Umzug
    • 1x „divergente Weltanschauung“
    • 2x schwer abzuschätzen, ob Austritte oder Ausschluss (politische und persönliche Konflikte verworren)

Mainz: Zu radikal
  Zu wenig Lust zum Denken
Kein politisches Bewusstsein

Sind die gewonnenen Mitglieder für die Jugendlichen, beziehungsweise. eure Zielgruppe repräsentativ? Wo liegen die Defizite, gibt es Einseitigkeiten?

Berlin: Wir organisieren Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, die SchülerInnen, StudentenInnen, Auszubildende, in anderen Arbeitsverhältnissen wie Zivildienst oder Mini-Jobs stecken oder arbeitslos sind. Leider ist in unserer Gruppe zu beobachten, dass die SchülerInnen überwiegend GymnasiastInnen und StudentInnen sind. HauptschülerInnen und arbeitslose oder prekär beschäftigte Jugendliche gibt es bis jetzt bei uns weniger, obwohl diese einen großen Teil der Jugend in Deutschland ausmachen.

Bonn: Wir denken nicht, dass wir wirklich repräsentativ sind, am auffälligsten ist, dass in unserer Gruppe die überwiegende Mehrheit Weiß ist und Abitur hat. Nur 1/3 der Mitglieder sind Weiblich.

Mainz: Tendenziell ja, tendenziell nein: Altersmäßig schon, und wir sind größtenteils auch ganz schöne Normalos [grins]. Aber es ist schon freakig, sich gegen alles zu stellen, auf was diese Gesellschaft aufbaut. Das machen nicht viele!

Wo liegen die Schwierigkeiten in der Agitation bestimmter Jugendlicher (nach Geschlecht, Herkunft, sprachliche Unterschiede, schulische Laufbahn, sozialer Status des Elternhauses/der Erzieher)?

Berlin: Es ist schwer, Frauen zu organisieren. Sind bisher kaum mit jugendlichen AusländerInnen in Kontakt getreten, beziehungsweise hatten nicht die Möglichkeit, solchen von der ASJ-B zu erzählen. Bei Nachfrage, zum Beispiel bei Soli-Kundgebungen erklären wir, was wir sind auf Englisch, Spanisch und Italienisch. Dennoch geschah dies bisher kaum im Rahmen von Agitation von Jugendlichen. Schwierigkeiten gibt es bei der Agitation von Haupt-/RealschülerInnen respektive SchulabbrecherInnen.

Bonn: Keine Schwierigkeit bekannt, da keine gezielte Agitation stattfand.

Welche Symbolik, welche Formen eures Auftretens haben euch bei der Agitation geholfen, was war hinderlich und sollte vermieden werden? (Kleidung, Lieder, Symbole u.a.)

Berlin: Offenes Auftreten, weg von der abschreckenden Black-Block-Kleidung und Verhalten bei Demos und Kundgebungen im Namen der ASJ-B. Eine Form des Auftretens, die wir an den Tag gelegt haben und als besonders gelten könnte, sind unsere Sprüche/Lieder, die wir auf Demonstrationen darbieten. Sie sind untypisch für linke Demonstrationen (hier in Berlin), da sie eher klassenkämpferisch und streikbetont sind. Wir stoßen daher auf Verdutztheit von Seiten der anderen DemonstrantInnen. Natürlich sollte das nicht geändert werden, es ist aber ein Grund, warum der ASJ-B mit Verwunderung begegnet wird.

Bonn: Was bei der Agitation geholfen hat, können wir nicht genau wissen. Wir denken aber, dass uns ein offenes Auftreten bei Veranstaltung hilft.

Ich bedanke mich für die Auskünfte und wünsche euch viel Spaß und Energie. Macht was draus und haut rein!

Anmerkungen:

  • (1) Der FAU-Berlin wurde im Jahre 2009 per Gerichtsbeschluß mit Strafandrohung untersagt, sich den Titel „Gewerkschaft“ zu geben.
  • (2) Im Mai 2000 ermordeten Nazis in Berlin-Buch den Sozialhilfeempfänger Dieter Eich unter der Parole „einen Assi zu klatschen“. Sie schlugen ihn tot. Seither gibt es „Dieter Eich Gedenkdemonstrationen“.
  • (3) Im Jahre 2009 wurden serbische Anarcho-Syndikalisten („Anarcho-Syndikalistische Initiative“) verhaftet. Ihnen wurden „terroristische“ Anschläge vorgeworfen. In mehreren Städten Deutschlands gab es Solidaritätskundgebungen.
  • (4) Die jährlich stattfindende „You-Messe“ in Berlin wirbt damit, „Europas größte Jugendmesse“ zu sein.
  • (5) Die Protestaktionen richteten sich gegen die Geschäftsführung im Zuge des Arbeitskampfes der FAU-Berlin im Kino-Babylon in Berlin-Mitte der Jahre 2009/2010.
  • (6) FAU-MAT steht für FAU-Materialienvertrieb.
  • (7) ML=Marxisten-Leninisten.

Helge Döhring

Helge Döhring, geb. 1972, Historiker und Literaturwissenschaftler, lebt in Bremen. Buchveröffentlichungen zur syndikalistischen und anarchistischen Arbeiterbewegung: „Syndikalismus in Deutschland 1914-1918“ (2013), zum „Anarcho-Syndikalismus in Deutschland 1933-1945“ (2013) und „Organisierter Anarchismus in Deutschland von 1918 bis 1933“ (drei Bände, 2018-2020), sowie zur „Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“ (2011), zu den „Schwarzen Scharen“ (2011); kommentierte Bibliographie zur syndikalistischen Presse in Deutschland (2010). Regionalstudien zum Syndikalismus für Bayern, Baden-Württemberg, Bremen, Ostpreußen, Schlesien und Schleswig-Holstein. Verfasser des Buches „Anarcho-Syndikalismus. Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung“ (2017). Mitarbeiter und Mitbegründer des Instituts für Syndikalismusforschung und Mitherausgeber des Jahrbuchs „Syfo – Forschung&Bewegung“.

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