Gegen-Info

AKTION

Anarchistisches Magazin

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AIs Ex-AKTIONsmitarbeiterInnen wollen wir die Auseinandersetzungen innerhalb der Frankfurter Redaktion des anarchistischen Magazins AKTION ausgelöst durch die Vergewaltigungsdiskussion um einen Redakteur darstellen. Dieser Schritt, bundesweit an die Öffentlichkeit zu gehen und gleichzeitig zum Boykott an einem Projekt aufzurufen, in das wir z. T. seit vier Jahren sehr viel Energie, Kraft aber auch Gefühle investiert hatten, ist uns sehr schwer gefallen. Aber aufgrund der sich verschärfenden Auseinandersetzungen ist eine breite Diskussion notwendig geworden. Zwar scheint es erstmal ”nur” um eine Vergewaltigungsdiskussion zu gehen, aber für uns haben sich noch viele andere Fragen gestellt, wie wir zusammen leben, arbeiten aber auch streiten wollen. Und es ist verdammt schwer, nicht immer wieder in bürgerliche Reaktionsweisen zurückzufallen.

Unsere inhaltliche Kritik zu der AKTIONsdiskussion stimmt mit den Beiträgen eines Mannes aus der Männergruppe und der Frauengruppe des neu zu schaffenden Zentrums in Frankfurt überein. Diese zwei Beiträge sind in der neuen und leider vorerst letzten ”Unzertrennlich”-Doppelnummer von Dezember 1988 nachzulesen. Wir verschicken gegen 1.– DM Kopien dieser Artikel. Daher gehen wir auch nicht mehr größer auf die Auseinandersetzung AKTION – Zentrum ein. Zudem veröffentlichen wir den in der AKTION Nr. 37 überklebten Beitrag der Druckerei und deren neuste Stellungnahme.

Der Gang der Ereignisse innerhalb der AKTION

Wir wollen im folgenden etwas genauer den Werdegang der AKTION beschreiben, damit die Auseinandersetzungen verständlicher werden.

Die AKTION entstand 1980 mit der Konzeption, ein Forum für libertäre Gruppen und Einzelpersonen im Rhein-Main–Gebiet zu sein. Eine Ausgabe sollte nach Bedarf von wechselnden Gruppen gemacht werden. Doch schon bald gab es einen festen Redaktionskreis und die AKTION wurde bundesweit zweimonatlich vertrieben. Schon damals entstanden zwei Redaktionen – eine in Frankfurt und eine in Karlsruhe. Nach Weggängen und einer Zahlungsunfähigkeit gegenüber einer Druckerei erschien Ende '83 bis Anfang '85 keine Ausgabe mehr.

Erst mit der Reorganisation der Frankfurter Szene durch ein Anarcha/o-Plenum 1984 entstand eine fast komplett neue Frankfurter Redaktion mit der auch die finanzielle Gesundung voranging. Zwischen 1985 und 1987 bestand eine ziemlich konstant arbeitende Gruppe in dem von der AKTION mitgegründeten Libertären Zentrum, was sich sowohl inhaltlich als auch von der praktischen Arbeit her positiv auswirkte. Auf den Libertären Tagen 1987, die die AKTION mitinitiierte, gab es viele neue Kontakte und Diskussionen bis hin zu Träumen von einer anarchistischen Tageszeitung.

Kurz danach stieg das letzte Gründungsmitglied nach heftigen Auseinandersetzungen aus der Redaktion aus und etliche neue Leute kamen hinzu. Hierbei entstand eine neue Konfliktlinie zwischen ”alten” und ”neuen” RedakteurInnen. War das ursprüngliche Konzept und die Arbeitsweise der AKTION während den letzten Ausgaben schon immer mehr verloren gegangen, geriet es jetzt durch die Veränderungen in der Redaktion ganz in Vergessenheit. Trotz mehrmaliger Versuche gelang es nicht eine neue gemeinsame Grundlage zu schaffen und die Zusammenarbeit erschöpfte sich in Techniks.

Nach dem 2.11.87 entwickelten wir für zwei Ausgaben nochmals Power, um der staatlichen Repressionswelle im Zusammenhang mit den Schüssen an der Startbahn West etwas entgegenzusetzen. Schließlich waren wir als AKTION und Libertärem Zentrum direkt davon betroffen. Dies verkleisterte für kurze Zeit die sich abzeichnenden Widersprüche und Konflikte.

Die meisten RedakteurInnen können mit der Verdrängung leben. Im Frühjahr 1988 überlegen zwei Frauen, vorläufig nicht mehr bei der AKTION mitzuarbeiten, da sie für sich momentan keine Perspektive einer weiteren Auseinandersetzung und kollektiven Zusammenarbeit sehen.

Konflikte

Im folgenden wollen wir die Konfliktpunkte etwas genauer darstellen:

•  Es besteht kein Kollektiv mehr, da das Vertrauen zueinander verloren ging

•  Der Diskussionsstil ist hart und patriarchalisch.

•  Die inhaltliche Diskussion kommt nicht zusammen, d. h. keine Redaktionsartikel.

•  Der Zeitdruck durch den sechswöchigen Erscheinungsrhythmus ist zu hoch.

•  Wichtige Inhalte werden nicht erarbeitet, sondern übernommen

•  Die AKTION verkommt zur Flugblattsammlung oder zum Forum individueller ”Meinungen” der RedakteurInnen

•  Die verkaufte Auflage sinkt von 2500 auf unter 1700 (Ausnahme: Startbahn-Sondernummer)

•  Die Verankerung in den Regionen trotz Regionalredaktionen ist äußerst schwach (im Rhein-Main-Gebiet werden kaum noch Exemplare verkauft)

Die Schnelligkeit und die Art und Weise wie dieser Entschluß zustandekam, zeigte dann für eine der sich schon im Frühjahr zurückgezogenen Frauen nun endgültig, daß sie sich mit dieser Redaktion nicht mehr auseinandersetzen konnte und zusammenarbeiten wollte.

In diese Situation wiederum kommt ein § 129a-Verfahren wegen angeblichen Werbens für eine terroristische Vereinigung (siehe Rote-Zora-Interview in Nr. 34). Wegen der desolaten Situation der Redaktion wollen wir uns nicht auf einen politischen Prozeß einlassen, obwohl die Ausgangsbedingungen bei einer intakten Gruppe gut gewesen wären. So wurde ein Deal mit der Staatsanwaltschaft gemacht und die Sache abgebügelt.

Die Aktivitäten um die von der Hamburger Redaktion gemachte Nummer 36 verschütteten die letzten Reste der eh schon spärlichen Diskussionen um die Vergewaltigung. In die Zeit September/Oktober fallen dann die Beschlüsse, daß die neue Zentrumsgruppe mit M. nicht zusammenarbeiten will und als Reaktion darauf, daß sich fast die ganze Redaktion von der Zentrumsgruppe distanziert und somit den Weg der Selbstisolierung geht. Mit dem Rücken an der Wand werden die Reaktionen der AKTION auf ihr politisches Umfeld immer heftiger und das Niveau der Auseinandersetzung kann mensch in der Schwerpunktnummer zur Vergewaltigung (Nr. 37) nachlesen. Ein kleines Beispiel am Rande: In dieser Nummer wurde ein Artikel (S. 13f), in dem gegen die Zentrumsgruppe polemisiert wird, mit ”Frauen der AKTION” unterschrieben, wobei Masse vorgetäuscht wird. Tatsächlich gibt es in der AKTION nur noch zwei Frauen, die in der gleichen Nummer nochmals eigene Stellungnahmen geschrieben haben.

Von vielen Frauen und auch Männern kam inzwischen Kritik, daß eine Frau, die vergewaltigt wurde, mit dieser Schwerpunktnummer rein gar nichts anfangen kann. Diese Ausgabe diene eher der öffentlichen Bewältigung interner Psychos, die so keine/r nachvollziehen kann. Ende Oktober/Anfang November verließen dann die letzten zwei Kritiker die AKTION, da die Fronten sich noch mehr verhärteten und es für sie keine persönliche und politische Perspektive mit der Rest-Redaktion mehr gab. Als Konsequenz daraus wollten einige keine neue Nummer nach der Nr. 35 (Mai '88) mehr machen, bis diese ganzen Probleme geklärt sind. Dazu kommt dann die Nachricht, daß ein Redakteur vor jetzt vier Jahren ”seine” damalige Freundin vergewaltigt hatte. Zu guter letzt wurden dem Libertären Zentrum auf Juni '88 die Räume gekündigt und die AKTION stand vor der Diskussion, mit welchen Leuten und Gruppen sie ein neues Zentrum machen wollte. Auf der Redaktionssitzung, bei der die Vergewaltigung zur Sprache kam, erklärt der presserechtlich Verantwortliche, daß er mit M. (steht für Mann = Redakteur, der vergewaltigt hatte) nicht mehr weiter zusammenarbeiten kann. Das war der erste Höhepunkt der vorhandenen Spannungen.

Sehr schnell ist für die anderen Redaktionsmitglieder klar, daß sie erstmal mit M. weiter diskutieren und zusammenarbeiten wollen.

Wir stellen fest, daß hiermit zwar langsam und durch vereinzeltes Ziehen der Konsequenzen das stattgefunden hat, was von Beginn der Konflikte eigentlich vorprogrammiert war, die Spaltung der Redaktion in zwei Teile.

Damit waren fast alle ”alte” RedakteurInnen aus der Redaktion ausgestiegen (worden).

Dieselben trafen sich zu einer Aufarbeitung und stellten dabei fest, daß sich durch ihre unterschiedlichen Hoffnungen in die AKTION zwar unterschiedliche Ausstiegszeitpunkte ergaben. Die Gründe aber lagen bei allen in den oben beschriebenen Konfliktpunkten innerhalb der Redaktion nicht daran, daß die Leute kein Interesse mehr an der AKTION hatten. Es entstand der Entschluß, gemeinsam mit einem neuen Konzept eine neue Zeitung zu machen.

Um einen Kampf darum, wer nun die richtige Redaktion ist und die AKTION weitermacht, zu vermeiden, wurde von uns der Vorschlag eingebracht, die Sach- und Geldmittel (u. a. das Archiv, die Schreibmaschine, der Verteiler, ca. 10.000 DM), die im Lauf der Jahre kollektiv aufgebaut wurden (u. a. durch Selbstausbeutung der Druckerei und der ”alten” RedakteurInnen), zu verteilen. Dies wurde mit Spott und Hohn von Seiten der Rest-Redaktion quittiert. Ganz unanarchistisch wurden alle Vorschläge abgebügelt mit dem Wissen im Hinterkopf, eh am längeren Hebel zu sitzen. Zum Teil war die AKTION plötzlich ganz arm und kurz vorm finanziellen Kollaps, zum anderen wurde von uns ein genau ausgearbeitetes Konzept verlangt und wenn dies den Damen und Herren der Rest–Redaktion zusage, könne mensch auch gnädigerweise 'nen Tausender rüberschieben. Dies ist eine Frechheit, zumal die AKTION selbst z. Z. nicht mal annähernd ein Konzept vorweisen kann. Wir interpretieren die Situation so, daß sich der Rest-Redaktion hier zum ersten Mal die Möglichkeit bot, in eine scheinbare Offensive zu kommen, nachdem die ganze Zeit Druck von außen auf sie zukam (Druckerei, Zentrumsgruppe, inzwischen auch FAU). Diejenigen in der Redaktion, die die Positionen dieser Gruppen teilten und den Druck auf die Redaktion weitergaben, sollten nun nach dem Racheprinzip kaltgestellt werden. Wir konnten argumentieren wie wir wollten, aber mit Scheinargumenten (s. o.) wurde alles vom Tisch gewischt.

Aus dieser frustrierenden Situation entstand die Idee, daß die Hälfte des Geldes in unsere Hände gelangen müßte, damit ernsthaft und gleichberechtigt über die Zukunft der beiden Projekte diskutiert werden könne. So wurden 1500 DM von einem Konto abgehoben, 3500 DM von einem anderen Konto klappte nicht mehr, da dies inzwischen für uns gesperrt war. Außerdem waren wir noch im Besitz der Schreibmaschine, die übrigens nur zur Hälfte von der AKTION finanziert worden war. Als sie diese mit dem Trick holten, ging es der Rest-Redaktion nicht um den Wert, sondern um's Prinzip. Aber egal, rein kapitalistisch gedacht stimmt natürlich der Vorwurf der Rest-Redaktion, wir seien Profiteure, da sie wohl nach bürgerlichem Recht BesitzerInnen all dieser Dinge sind. Aber anarchistisch argumentiert können wir diese Eigentumsverhältnisse, die durch Macht zustande kamen, nicht akzeptieren. Wir haben eine Begriff von Kollektivität und Eigentum, der sich nicht auf das Faustrecht beruft. Wie gesagt, es ging uns erstmal nicht um einen konkreten Betrag, den wir ”abstauben” wollten, sondern um eine gleichstarke finanzielle Situation (so traurig das ist), um gleichberechtigt unsere Interessen vertreten zu können. Dies war uns aufgrund ihrer taktischen Schläue und ihrer Skrupellosigkeit nicht möglich.

Eine weitere Eskalation ergab sich aus einem Vorfall, der die langjährige Druckerei der AKTION betraf. Während des Drucks der Vergewaltigungsnummer wurde die AKTION von den DruckerInnen mit einem Eindruck versehen (näheres siehe Stellungnahme der Druckerei auf diesem Flugie). Da wir kommen sahen, daß dies nicht auf Verständnis stößt und wahrscheinlich – wie auch geschehen – der Eindruck überklebt werden würde, haben wir uns einen Teil der Auflage besorgt, der nun nicht überklebt ist. In diesem Zusammenhang erschienen nun vier Leute der Rest-Redaktion bei einer Ex-Redakteurin und veranstalteten unter heftigen Sturmklingeln eine Art Belagerungszustand vor ihrer Wohnungstür, um mit dieser Drohgebärde die Herausgabe der bei ihr gar nicht vorhandenen sondern nur vermuteten Teilauflage zu verlangen (ein Telefonanruf hätte zur Klärung auch gereicht).

Einen ähnlichen Hammer erlaubten sie sich auch am 18.12., als sie sich mit Bullenmethoden ”ihre” AKTIONsschreibmaschine wiederholten. Um ein Uhr morgens erschien ein sogenannter ”D.” vor der Wohnungstür eines Ex-Redakteurs, um sich für ein Referat die Schreibmaschine abzuholen. Da der Ex–Redakteur nicht zu Hause war, ließ ihn ein aus dem Bett geklingelter ahnungsloser Mitbewohner herein und händigte ihm die Maschine aus. Er dachte, dies sei so abgesprochen. Beim Hinausgehen von ”D.” standen dann wiederum zwei Redaktionsmitglieder und zwei Nicht-AKTIONäre vor der Wohnungstür, die ”D.” dann Geleitschutz gaben.

Wir beschreiben diese Situation so genau, da wir hoffen, daß nicht jede/r Einzelne solche Fehler machen muß, sondern wir auch kollektiv daraus lernen können.

Erstens kannten wir solche Methoden bisher nur von der anderen Seite (tauchen dann auf, wenn mensch es nicht erwartet, am besten wenn wir wie hier fast pennen). Zweitens fanden wir diese Aktion gut vorbereitet, d. h. die Wohnung muß beobachtet worden sein. Wir nehmen an, wenn der Mitbewohner nicht auf die Überrumpelungstaktik reingefallen wäre, daß sie die Maschine mit Gewalt rausgeholt hätten (sonst bräuchten sie keine 4 Personen ”Geleitschutz”). Bei dem Gedanken daran, daß diese Aktion von ehemaligen GenossInnen durchgeführt worden wäre und als Krönung vor einem in dem Zimmer schlafenden Kind sich eine Schlägerei entwickelt hätte, wird uns ganz schlecht. Inzwischen wissen wir, daß nicht die ganze Rest-Redaktion hinter diesen Aktionen stand und sich zwei weitere Redakteure von der Rest–Redaktion getrennt haben.

Es entwickelte sich daraus eine Diskussion, was mensch von seinen Ansprüchen her klar haben müßte (eben niemanden unhinterfragt in die Wohnung lassen und schon gar nicht etwas rausrücken, was nicht abgesprochen war).

Für eine politische Diskussion

Als letzter Weg bleibt uns nun sich mit der Rest-Redaktion politisch auseinanderzusetzen, da uns das primitive aufs-Maul-hau-Niveau nicht paßt. Wir wollen im Gegensatz zu ihnen uns nicht einzelne Leute rausgreifen und diese unter Druck setzen, sondern sie als politische Gruppe, die mit ihren anarchistischen Ansprüchen nichts mehr gemein hat, bloßstellen.

Solchen Leuten sprechen wir das Recht ab, sich anarchistisch zu nennen. Sie schaden mit ihren Verhaltensweisen ganz konkret den anarchistischen Idealen und der Bewegung. Obwohl wir diesen Idealen in unserem Alltag sicher auch nicht gerecht werden können – dafür sind es eben Ideale – gibt es für uns dennoch eine, nicht einheitlich definierte Grenze, bei der wir sagen, mit solchen Leuten wollen wir nichts mehr zu tun haben.

Diese Grenze liegt für uns zum einen da, wo von ihrer Seite ein konstruktive Diskussion verweigert wird, zum anderen dort, wo sie versuchen mit sehr dubiosen Methoden (vorsichtig ausgedrückt) ihr vermeintliches Recht durchzusetzen.

Eine sehr traurige Position hat dabei eben M. inne, an dessen Verhalten ja schließlich die Diskussion eskalierte. Es ist richtig, daß er sich der Vergewaltlgungsdiskussion stellte und sie zum Teil von der Redaktion einfordern mußte. Aber, diese Offensive entsprang nicht dem Bedürfnis nach Bewältigung eigener, patriarchaler Strukturen, sondern eher dem Motto: Flucht nach vorne antreten, Vergewaltigung verarbeiten, ansonsten so weiter machen wie bisher. Dies zeigt sich daran, daß M. nicht bereit war, seine informelle und praktische Mach(k)erposition innerhalb der AKTION in Frage zu stellen. Auf einem Redaktionstreffen im Septermber, als es um Motivationen ging, die AKTION so wie bisher weiterzumachen, war er der einzige, der diese Position mit Vehemenz vertrat. Alle anderen wollten ”so” nicht mehr weitermachen oder waren am überlegen, prinzipiell auszusteigen. Daß jetzt doch ein Teil der Redaktion weiter machen will, hängt zu meinen an der Rücken-an-der-Wand-Situation, zum anderen an der Funktionalisierung der Leute durch M., indem er persönliche Bindungen benutzt, sich nach außen verteidigen zu lassen. Trotzdem sind wir auf die gesammte Rest-Redaktion sauer, da auch jede/r Einzelne für Handeln persönliche Verantwortung übernehmen muß, insbesondere auch M., der genau in seinem Handeln jene Strukturen reproduziert, die an ihm als Mackertum, Egoismus kritisiert werden. In der sich zuspitzenden Auseinandersetzung zeigt sich für uns nun, daß M. eben nur durch äußeren Druck sein Verhalten geändert hat (das ist für uns auch nicht neu an M.) und in Situationen, in denen andere Verhaltensweisen gefragt wären, genau wieder in die alten Strukturen zurückfällt (siehe auch das von ihm entworfene Titelbild der Nr. 37 und seine Stellungnahme.

Wir wissen es nicht genau, aber wir nehmen an, daß M. alle Aktionen gegen uns geplant oder mitgeplant hat, da er auch bei deren Durchführung anwesend war. Trotz alledem wollen wir weiterhin nicht, daß M. und die Rest-Redaktion von ihren sozialen Zusammenhängen isoliert werden. Wir fordern allerdings eine politische Isolierung der AKTION und eine Diskussion darüber. Das ist für uns kein Kleinkrieg zweier Fraktionen einer Zeitung, die mensch von außen amüsiert betrachten kann. Wir fordern von allen Gruppen und Menschen aus dem anarchistisch-autonomen Spektrum, daß sie sich informieren und ein Verhältnis zum politischen und sozialen Umgang mit dieser Situation zu finden.

Schwierig ist dies an all die zu vermitteln, die uns und die Rest-Redaktlon nicht kennen. Mit dem Machtmittel eines finanziell gut ausgestatteten, bundesweiten Mediums ist es für die Rest-Redaktion natürlich einfacher, ihre Position zu powern als für uns, die wir erstmal am Anfang stehen. Trotzdem wollen wir versuchen, ihren Interpretationen der Auseinandersetzung etwas entgegenzusetzen und eine Anlaufstelle für die zu sein, die den jetzigen Zustand der AKTION mit uns so nicht akzeptieren wollen.

Konkret geht die Aufforderung an die WiederverkäuferInnen, genau zu überlegen, ob und warum sie die AKTION weitervertreiben wollen. Zum anderen können sie unsere finanzielle Position dadurch stärken, daß sie mit uns die offenen AKTIONen abrechnen. Da Rest-Redaktion inzwischen so geschrumpft ist, daß wir sie für eine inhaltliche Arbeit nicht mehr für fähig halten, erheben wir für den Fall des Kollaps den Anspruch auf die ganzen Mittel. Im Moment sehen wir für die Rest-Redaktion keine politische Existenzberechtigung, da die AKTION nicht mehr in Diskussionen eingreift, sie auf greift oder sie gar initiiert. Das einzige Argument, das nach wie vor gilt, ist, daß die AKTION das Informationsbedürfnis von Leuten aus den Mittel- und Kleinstädten, so wie auf dem Land befriedigt, die sonst schlecht an Infos rankommen. Aber das allein kann kein Argument sein, dieses Magazin am Leben zu erhalten. Wer kontrolliert die Macht der anarchistischen Medien, wenn nicht die Basis. An die anderen anarchistisch/autonomen Medien geht daher der Aufruf, keine Austauschanzeigen mehr zu veröffentlichen und zu versuchen, das entstehende Infoloch abzudecken.

Zu den Regionalredaktionen

Die Zeit zwischen 1985 und 1987 war die fruchtbarste Zeit der Regionalredaktionen, obwohl auch in dieser Zeit die Redaktionen. immer nur sporadisch arbeiteten. Die einzigen, die sich bis jetzt praktisch und inhaltlich zur Vergewaltigungsdiskussion verhalten haben, waren die drei Hamburger AKTIONäre. Die Göttinger Redaktion hat sich aus inhaltlichen Gründen aufgelöst (Mitarbeit jetzt beim FAU-Organ ”direkte aktion”). Die Rhein-Ruhr-RedaktLon liegt im publizistischen Schlaf und wir wissen nicht, ob's und wie's bei ihnen weitergeht, geschweige denn ihre Position zur Vergewaltigung. Der Darmstädter Redakteur hat sich wohl auch aus persönlichen Bindungen auf die Seite der Rest-Redaktion gestellt. Obwohl er über die Vergewaltigungsschwerpunktnummer informiert war, gibt es bezeichnenderweise keinen Artikel zu diesem Thema aus Darmstadt. Denn gerade als vor einem halben Jahr die Diskussion in der AKTION losging, wurde auch in Darmstadt ein Vergewaltigungsfall innerhalb der Szene öffentlich. Aber dazu steht nichts in der AKTION. Allen Redaktionen gemeinsam ist, daß die inhaltliche Arbeit darniederliegt oder an Einzelpersonen hängt. Das Konzept der Regionalredaktionen ist für uns auf dieser Basis erstmal gescheitert.

Perspektiven

Wie schwierig es ist, bundesweite Zeitungstrukturen aufzubauen, zeigt auch das Beispiel des autonomen Blattes ”unzertrennlich”. Nicht mangels Geld oder wegen Repression, nein, durch die Unfähigkeit selbstbestimmte Strukturen aufzubauen, die kontinuierlich und in der Szene verankert arbeiten, ist das Projekt gescheitert. Im Prinzip gilt für die AKTION das Gleiche, vom ”Freiraum” hören wir ähnliches. Nur bestand bis kurz vor der Vergewaltigungsdiskussion eben eine relativ starke Frankfurter Redaktion der AKTION, die viele Arbeiten leisten konnte. Falls unser Boykottaufruf bundesweit Unterstützung findet, wird es ab 1989 zwei Zeitungen aus dem anarchistisch/autonomen Spektrum weniger geben. Dies ist bedauerlich, da unser Informations- und Diskussionsfluß eh nicht der beste ist. Aber wir vertrauen auch darauf, daß dies ein heilsamer Schock sein könnte und bundesweit nochmal unter nun veränderten Bedingungen sich neu Gedanken gemacht werden, auf welche Weise wir unsere Inhalte unter uns, aber auch nach außen vermitteln können.

Für einige Ex-AKTIONäre ist eine Konsequenz aus den Fehlern und dem Scheitern der AKTION, eine Zeitung aus der Region heraus zu machen. D. h. wir wollen auf alle Fälle weiter Zeitung machen, weil es uns Spaß macht und wir die Vermittlung unserer Inhalte nach außen als sträflich vernachlässigt ansehen. Gerade wieder der Uni-Streik in Frankfurt hat uns gezeigt, daß die Info's und Inhalte des dortigen anarchistisch/autonomen Uni-Plenums sehr neugierig und interessiert von sog. Normala/os aufgenommen wurden. In unserer Konzeption für eine neue Zeitung wollen wir gerade auch solche Leute erreichen. Dies geht aber nur, wenn konkrete Probleme in einer Zeitung angepackt werden, mit denen wir in einer Stadt/Region konfrontiert sind. Die Stärke einer Bewegung läßt sich nur von unten also aus den Städten und Regionen entwickeln.

Wir wollen das alles erst sehr genau diskutieren, bevor wir mit eine m Konzept an die Öffentlichkeit gehen. Dann kommt es nochmals auf die Reaktionen auf dieses Konzept an, bevor wir anfangen wollen, dies umzusetzen. Wir wollen nichts überstürzen und uns in Ruhe auf diese Aufgabe vorbereiten. Vielleicht gibt es uns, falls die Rest-Redaktion der AKTION scheitert, bald wieder unter altem Namen.

Der K(r)ampf geht weiter!

Unsere Kontaktadrease für Interessierte:

AKTION, c/o FKK, Schleusenstr. 17, 6000 Frankfurt

Konto: FKK (AKTION), Postgiroamt Frankfurt, BLZ 500 100 60, Kontonr. 335933-607


Nachtrag

Hier noch eine Stellungnahme, die an dieser Stelle von der Red. nicht vorgesehen war, während des Drucks aber von den Druckerlnnen statt eines Fotos hier eingefügt wurde.

Die Red. wurde gebeten, uns diesen Platz zu überlassen, da dies jedoch aus allen möglichen Gründen für sie nicht möglich war, haben wir ihn uns genommen.

Zur Klärung sei gesagt: Wir arbeiteten bis vor kurzem mit M seit 3 bzw. 2 Jahren ”kollektiv” zusammen. Darüberhinaus kennen wir ihn, uns, auch schon länger, auch z. B. aus der Arbeit in der Red. der AKTION. Um die Chronologie im Innenteil richtig zu stellen: Außerhalb der übrigens fälschlich als ”Au-Frauen” bezeichneten Frauengruppe fingen die Diskussionen um M und die von ihm verübte Vergewaltigung (ob versucht oder vollbracht spielte bei unserer Diskussion keine Rolle, da für uns der gleiche Gedanken dahintersteckt) hier in der Druckerei an. Eigentlich sollte eine öffentliche Diskussion über die Tat von M von Seiten der Frauengruppe gar nicht stattfinden, da die Erfahrungen im Rhein-Main-Gebiet dahin gehen, daß eine Diskussion über Männergewalt in der Szene, die sich an einzelnen Männern festmacht, meist in Scheißeschmeißereien und nicht in ernsthaften Diskussionen endet. Zufällig erfuhr einer von uns von M's ”Spitze des Eisbergs”. Wir konnten so einfach nicht mehr mit M weiterarbeiten und brachten die Geschichte (nach Rücksprache mit der betroffenen Frau) auf unser Druckereiplenum, um zu hören, was M dazu sagt. Entgegen unserer Erwartung versuchte er fast nichts zu beschönigen oder sich rauszureden (andernfalls wäre es sein letzter Tag hier gewesen). ”Seine” Freundin kam zufällig zu dem Gespräch dazu und bestätigte uns auch, daß sie beide bereits vor längerer Zeit darüber geredet hatten und wir hatten am Ende den Eindruck, daß ein Anfang für eine weitere Zusammenarbeit und Auseinandersetzung gemacht sei. Uns war klar, daß das nicht das Ende der Diskussion mit anschließender ”Rehabilitierung” als ”Genosse” sein konnte, haben es aber in den folgenden Monaten nicht mehr geschafft, über Zweier- und Dreiergespräche hinauszukommen, obwohl es unser Anspruch war, als Kollektiv dranzubleiben. Es wäre auch einfacher gewesen, wenn es nicht noch andere Probleme mit M's Sozial/Kollektivverhalten innerhalb der Druckerei gegeben hätte, das im Endeffekt zum Ausschluß aus dem Kollektiv geführt hat. Entgegen anderslautenden Gerüchten war dies der Grund für den Ausschluß und nicht die Vergewaltigung. So einfach haben wir es uns nicht gemacht!

Das Ganze kam nicht aus heiterem Himmel für M, denn die Diskussionen über unsere Probleme sind alt. Auch außerhalb der Druckerei nahmen wir als Teil der Männer- bzw. Frauengruppe der Zentrumsvorbereitungsgruppe an den Diskussionen mit und über M teil. (Es waren auch mehr als zwei Männer an dem Treffen mit M beteiligt, siehe S. 13). Es ist nur ein Detail, aber uns stinken die vielen kleinen falschen Details in den Artikeln der Rest-Redaktion). Schlußendlich ist unsere Einschätzung zu M, daß er es sich nicht einfach gemacht hat. Er hat versucht sich in seinen, unseren Diskussionszusammenhängen der Diskussion zu stellen, wohl auch zwangsläufig, da es ansonsten seine soziale und politische Isolierung gewesen wäre. Doch wie weit seine Auseinandersetzungsfähigkeit ging, zeigen seine mageren 20 Zeilen in dem eh schon kurzen Artikel über seine/die Hintergründe ”es” zu tun, die Überschrift und das Ende.

Es ist in den Diskussionen mit und über M immer klar gewesen, daß es nicht darum geht, ihn als "Einzeltäter" fertigzumachen, sondern in dieser Auseinandersetzung das Verhalten und die Rolle der Männer (auch der der Druckerei) zu erkennen und gemeinsam als solche zu verändern. (Bei einer genaueren, weitergefaßten Definition von Vergewaltigung als Nötigung. zum "Beischlaf" müßte so mancher der linken Männer den bereits gehobenen Stein auf seine eigenen Füße fallen lassen!). An diesem Punkt der Auseinandersetzung, wobei M nur als Aufhänger diente, hat M sich kaum beteiligt. Wir haben nicht den Eindruck, daß es ihm klar ist, daß eine Vergwaltigung kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines prinzipiell gestörten Verhältnisses zu Frauen, Gewalt und Herrschaft ist.

Zur AKTION: Die Stellungnahmen der Red. sind nicht Fisch, nicht Fleisch, wo bleibt ihr selbst? Wo ist die Diskussion nachzulesen, die "seit Monaten geführt" wird?, außer angerissen bei einem Artikel von Petronella am Ende und der Freundin von M, die eine Spalte zum "Thema Vergewaltigung" schreibt und zwei Spalten vorher auf gleicher Höhe ihre Beziehung zu M derartig idealisiert, daß wir in Gedanken daran, was wir mitbekommen haben, blind und taub gewesen sein müssen. Die kleinen, aber häufigen Seitenhiebe auf die. Zentrumsvorbereitungsgruppe .und auf Red.mitglieder, die das Verhalten der Red. in ihren seit langen nicht mehr kollektiven Strukturen sehen und deshalb gegangen sind, ohne sich in diesen Strukturen dafür zu rechtfertigen (deren Gründe aber allen bekannt waren, die es interessierte) plus das, was so alles an Intrigen unterm Teppich abläuft, wie die Diskussion, die AKTION wo anders drucken zu lassen, da die "Terminschwierigkeiten" mit uns sich zu sehr häuften, verbessert natürlich nicht gerade unser Verhältnis und unsere Einschätzung zur AKTION.

Zum Hintergrund weshalb unsere Stellungnahme auf diese Weise zustande kommt folgendes: Wir wurden durchaus aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben. Aus verschiedenen Gründen lief das erstmal nicht. Daß dem so ist, bemerkte einer von uns, als er gerade aus dem Urlaub zurückkam und voll im AKTIONsdruck befindlich feststellte, daß sich die anfänglich diskutierte Stellungnahme sich nicht im Innenteil befand. Wir diskutierten nochmal über die Gründe, warum die anderen Kollektivmitglieder die Stellungnahme nicht an die Red. weitergegeben hatten. Einer davon war die Art, wie sich die AKTION mit der Vergewaltigung auseinandersetzte. Die Aufforderung "Ring frei", die im Editorial so "witzig" die Diskussion eröffnet, ist der Ausdruck genau des Diskussionstils, der für ein anderes Druckereimitglied eine wirkliche Auseinandersetzung mit der AKTION zu diesem Thema als nicht möglich erscheinen ließ. Ein anderer. Grund war der, den Rausschmiß von M aus unserem Druckereikollektiv nicht so vordergründig mit der Vergewaltigung In Verbindung bringen zu wollen, weil dem nicht so war. Daß wir es jetzt so spät doch noch für unbedingt nötig halten, uns zu verhalten und uns deshalb einfach "eindrucken", mag zwar unkonventionell sein und für viele unverständlich, aber für uns, nachdem was wir hier drucken sollen und der dadurch entstanden Diskussion, unbedingt notwendig.

Die Druckerinnen


An alle Aktionsleserlnnen und andere Interessierte!

Diese im Kasten dokumentierte Stellungnahme der Druckerlnnen befindet sich auf allen Aktionen Nr. 37 letzte Seite. Ihr könnt sie leider nicht lesen, denn die Frankfurter Rest-Redaktion der Aktion befand, daß es zu „dreist“ (O-Ton) sei, wenn wir DruckerInnen uns aus dem Dienstleistungsdasein lösen und (wichtig) ohne ausdrückliche Erlaubnis d. Red. eine freie Stelle (Photo) nutzen und als direkt Betroffene (siehe Kasten) unsere Meinung kundtun.

Sicher hätten wir auch bis zur nächsten Nummer warten können, so wie es uns zumindestens bei einem Anruf beim Redaktionstreffen kurz vor Druck geraten wurde oder dort einlaufen und die Redaktion so lange beknien bis sie unseren Artikel außer der Reihe trotzdem reinnimmt, wie es uns im nachhinein vorgeworfen wurde. Wir haben weder das eine noch das andere besonders passend gehalten. Uns war es verhältnismäßig zu wichtig, daß diese Stellungnahme zu diesem Thema in die Sondernr. hineinkommt und hätten sie nicht »hineinknien« wollen! Siehe auch Stellungnahme selber.

Die Verhaltensweisen der Red. nach Feststellen der »Dreistigkeit« war entsprechend: lnhaltlich gab es an der Stellungnahme keine Kritik (Abgesehen von M's Freundin, deren Kommentar zu der sie betr. Zeile nicht druckbar ist.) sondern es wurde rein technisch und moralisch-deutsch an der Art und Weise wie sie hineinkam geredet. Kleine Höhepunkte darin waren das Einsammeln der bereits in Buchläden ausgelieferten Exemplare, der Versuch einer Hausdurchsuchung bei einer Druckerin von 4 Red.-MitgIiederlnnen, weil bei ihr ein Teil der unzensierten Ausgabe liegen sollte, Überkleben des Artikels und als Spitze obendrauf die Forderung an uns, daß wir gefälligst den Druck des aufgeklebten Photo bezahlen zu hätten.

Für uns ist nach all dem (und was drumherum läuft und hier keinen Platz hat) klar, daß wir dieses 'anarchistische' Magazin nach Jahren des kostenlos bis sehr billig Druckens hier nicht mehr sehen wollen und dazu aufrufen es zu boykottieren.

Die DruckerInnen