Anarchistisch feministisch autonome Zeitung (AFAZ)

Linksradikales Magazin aus dem Rhein-Main-Gebiet

Anmerkung: Mit einem gefalteten A3-Flugblatt, das im Folgenden dokumentiert wird, ging die neugegründete AFAZ-Redaktion 1989 erstmals an die Öffentlichkeit.


Selbstverständnis

Wir treten ein für eine herrschaftsfreie (anarchistische) und selbstbestimmte (autonome) Gesellschaftsordnung. Dieser Utopie wollen wir sowohl durch Politische Organisierung als auch durch persönliche Änderung jetzt schon näher kommen, d. h. in einem sozialrevolutionären Prozess ökonomische und patriarchale Strukturen der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen durch Menschen abzuschaffen. Selbstbewusste Menschen, die in Freiheit und sozialer Gerechtigkeit und in Achtung der natürlichen Lebensgrundlagen zusammenleben sind unsere Ziel.

Mit dieser Zeitung wollen wir diesen Prozess fördern und Menschen für den Kampf zur Erreichung dieser Ideale gewinnen.


Das Gerücht wird Wirklichkeit. Wir halten unser Versprechen. Wie einige vielleicht mitbekommen haben, trifft sich seit Ende letzten Jahres eine Gruppe, die eine neue linksradikale Zeitung aus dem Rhein-Main-Gebiet heraus machen will. Nach langen Diskussionen hat sich ein Konzept herausgeschält, das wir hiermit zur öffentlichen Diskussion stellen wollen.

Mit dem neuen Zeitungsprojekt wollen wir versuchen, unsere zum Teil langjährige Erfahrungen beim Zeitungsmachen zu verarbeiten, wollen an Kontakte und Themen aus der Region anknüpfen. Vor allein während der staatlichen Repression nach den Startbahnschüssen am 2.11.1987 wurde uns klar, wie wichtig es ist, Möglichkeiten zu haben, unsere Positionen unverfälscht vermitteln zu können. Mit einer geschickten Gegenöffentlichkeit hätten wir sicher mehr erreichen können. Unsere Veröffentlichungen blieben in einer Abwehrdiskussion stecken.

Die neue Zeitung werden wir auch bundesweit vertreiben, weil wir denken, dass die Diskussionen und Aktionen, die in dieser sich ausweitenden Metropolenregion stattfinden, ohne abheben zu wollen auch für die Gesamtentwicklung in der BRD bedeutend ist.

Rückblick auf Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet

Für die radikale Linke gibt es in der Rhein-Main-Region schon länger keine Zeitung in ehr, die Diskussionen verbindet und ihre Positionen einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt. Alle Ansätze in den letzten zehn Jahren blieben unbedeutend.

Der "Pflasterstrand", 1976 als linksradikale Spontizeitung gegründet, machte schnell einen aggressiven Schwenk ins grün-bürgerliche Lager und jagt nun immer ein Schritt dahinter - dem Zeitgeist hinterher. Intellektuelles Gelaber mischt sich mit knallharter grüner Realopolitik. Seit neustem besteht sogar die Chance durch die rot-grüne Stadtregierung in Frankfurt sich zum halbamtlichen Regierungsorgan weiterzuentwickeln. Wir werden sehen. Für eine authentische linksradikale Diskussion können wir den "Pflasterstrand" getrost abhaken. Bei einer Auflage von ca. 20.000 Exemplaren wird der "Plasterstrand" vor allem wegen seinem Terminkalender und den Kleinanzeigen gekauft, die für eine gewisse Szene auch wegen der 14-tägigen Aktualität interessant sind.

Die ebenfalls 1976 gegründete "Andere Zeitung" (AZ) mit einer Auflage von 36.000 Exemplaren erscheint monatlich. Sie hat keine direkte parteipolitische Ausrichtung, doch die inhaltliche Berichterstattung bleibt auf eine in oberflächlichen Niveau. Hier dominiert linker Lifestyle.

Stadtillustrierte wie "Auftritt" (24.000 Auflage) und "Skyline" (42.000 Auflage) sind eh völlig abgedreht und formulieren auch keinen politischen Anspruch.

Das seit 1978 erscheinende "Frankfurter Frauenblatt" (Auflage 1.300) ist weniger Sprachrohr radikaler Frauenzusammenhänge als vielmehr Ausdruck der links-bürgerlichen Frauenbewegung.

Die "Brennessel" erschien 1983 nur kurze Zeit und sollte Sprachrohr verschiedenster Initiativen in Frankfurt sein, ging aber aus diversen Gründen wieder ein. Info-Ansätze gab es dann in der Startbahnbewegung auch über das Thema Startbahn hinaus ("BI-Info", "Bulletäng", "Hau-Ruck", "Das Wort zum Sonntag" oder jetzt das "Rhein-Main-Info" und der "Rhein-Main-Info-Dienst"). Aber auch hier blieben die Diskussionen und die Informationen auf ein gewisses Spektrum begrenzt.

Aus dem anarchistisch-autonomen Spektrum erschienen Anfang der achtziger Jahre für etwa zwei Jahre die "Vollautonom", 1983-1985 die "Krasse Zeiten - Grauer Morgen" (Frankfurt/Wiesbaden) und seit Ende 1988 die monatliche Rhein-Main-Flugiesammlung "Swing".

Mit dem anarchistischen Magazin AKTION (Auflage 2.500), aus deren Zusammenhang die meisten Leute des neuen Zeitungsprojektes kam wen, wäre eigentlich die Chance dagewesen, eine Zeitung zu nutzen, um Infos auszutauschen und Strukturen aufzubauen. 1980 wurde die AKTION ursprünglich als Regionalzeitung Rhein-Main aufgebaut, doch mit der Fixierung auf das bundesweite Erscheinen wurde die praktische und inhaltliche Arbeit vor Ort vernachlässigt. Im wer nur sporadisch und nicht aufeinander bezogen wurden Themen aus der Region angegangen (Anti-Faschismus, Flughafenausbau, Demos). Zudem war die Aufmachung zu plakativ (der STERN der Anarcha/os).

Inhaltlicher Rahmen

Wir formulieren einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch auf die Selbstverwaltung aller Produktionsmittel und lehnen jegliche HERRschaftsstrukturen von Menschen über Menschen aber auch über die Natur ab. Diese Fundamentalopposition gegenüber kapitalistischen als auch totalitär-sozialistischen Staatssystem wen weckt bei vielen Menschen Neugierde, da sie in der Überwindung dieser Systeme und der Möglichkeit eines Zusammenlebens in Freiheit die Lösung vieler ihrer Probleme sehen. Doch wird diese Neugierde erst dann zur praktischen Organisierung, wenn die Menschen das Gefühl haben, diese Vorstellungen einer HERRschaftsfreien Gesellschaft kollektiv angehen und auch schrittweise durchsetzen zu können.

Wo diese Perspektive fehlt, bleiben die Massen in spontanen Revolten stecken und können durch kleine Zugeständnisse oder auch durch Repression im wer wieder in autoritäre Lebensstile reintegriert werden. Eine neue Zeitung müsste versuchen, Ausdruck der verschiedensten radikalen Kämpfe zu sein. In ihr können die Kämpfe und das Alltagsleben analysiert, aufeinander bezogen und untereinander verbunden werden. Menschen, Gruppen und Bewegungen sollten in ihrer Theorie und Praxis dahingehend hinterfragt werden, inwieweit sie das Ziel einer selbstbestimmten, HERRschaftsfreien Gesellschaft gemeinsamen haben und ob sich die Wege dahin gleichen. D. h. es geht weniger darum Themen und Gruppen zu beschreiben, sondern eher diese mit kritischer Solidarität zu hinterfragen.

Unsere Äußerungen von Lebensgefühlen (Kultur) sollten in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt werden, um Leere, Vereinzelung und Perspektivlosigkeit zu durchbrechen. Was für Ängste sitzen da in unseren Köpfen, wenn wir nur zögernd über unsere Gefühle und Schwächen reden können und wollen?

Die wirklichen Probleme unseres Alltags dürfen nicht nach außen dringen. Wir wollen über unsere Schwächen gerade auch in der Öffentlichkeit reden, denn nur dadurch können wir eine wirkliche Stärke erreichen. D. h. gleichzeitig das Spannungsfeld zwischen sogenannten "politischen" und "privaten" Angelegenheiten neu zu diskutieren und nicht großmäulig zu behaupten, es existiere für uns nicht mehr. Befriedigung von Bedürfnissen wird immer noch als "privat" angesehen. Doch wir können in allen Lebensbereichen unsere Vorstellungen von einem erfüllten, HERRschaftsfreien Zusammenleben der Menschen vermitteln. Dazu brauchen wir keine Politdates.

Wen wollen wir ansprechen?

Die Antwort auf diese Frage ist erst mal kurz und einfach - nämlich alle Menschen -‚ muss aber wahrscheinlich genauer erklärt werden. Denn von unserem Menschenbild aus müssen wir jedem Menschen die Chance auf Veränderung zugestehen.

Und dann wollen wir auch bestimmte Gruppen von Menschen ansprechen. Die Zeitung soll also in zweierlei Hinsicht konzipiert werden. Sie soll sowohl eine persönliche Ebene ansprechen als auch nach außen auftretende Gruppen.

Was die Einzelwesen anbelangt, so meinen wir hier ganz schlicht die versprengten radikalen Elemente, die in allen Ritzen und Ecken dieses Systems sitzen und - aus welchen Gründen auch immer - so vor sich hindämmern.

Die Gestolperten beispielsweise, die einst die "Szene" bevölkert hatten, als das BAFÖG noch gesichert bzw. die Unterstützung der Eltern noch geflossen und die Auseinandersetzung mit dem Alltag am eigenen Leib noch nicht zu spüren war. Deren radikale Karriere endete denn auch recht prompt mit den Notwendigkeiten materiellen Existierens wie Miete, Futter usw. Die zwar aufgrund dieser Unterdrückungsmechanismen und dem Zwang zur Lohnarbeit ins Knie gebrochen, aber trotzdem nicht in die Netze grüner Parteipolitik geraten sind. Viele von denen wurden zu Berufszynikerlnnen, mit der Strategie, aus dem ganzen maroden Laden für sich persönlich noch das Beste herauszuholen, oder in die innere Emigration zu gehen.

Die Zurückgezogenen dann, die sich von etwas zu eng gesetzten Grenzen einer zur Abgrenzung gezwungenen Szene haben verzweifeln lassen, die heute in ‚der Kunstszene herumhängen und dort ein Schattendasein fristen. Psychologisiert, atomisiert und im Ganzen perspektivlos immer noch wütend ihre E-Gitarren oder Schlagzeuge hämmern, das Schreien noch nicht verlernten und denen Schicki-Mickis ebenso im Bauch liegen wie uns.

Die Resignierten, die von Knüppel, Knast und Kummer überrollt wurden und alleine dastehen, und aufgrund der Härte staatlichen Vorgehens glauben, hes ließe sich sowieso nichts ändern. Die sich vielleicht heute mit Tarotkarten herumschlagen oder mit dem Tibetanischen Totenbuch oder den Wendezeitaposteln oder sonstigen Sphären, in denen es. weniger körperlich zugeht.

Dann natürlich diejenigen, die im Räderwerk hängen, Unzufriedene also, in den Parteien, den Gewerkschaften oder in anderen Bereichen nach neuen Landschaften suchen, die kurz vor de m Ausbruch stehen, kurz vorm alles hinwegfegendem Urgrunzen (vgl. Themroc im Klo). Von diesen Leuten gibt es wahrscheinlich eine ganze Menge in ganz unterschiedlichen Gegenden.

Die Einsamen, die irgendwo in der Pampa hängen, weit entfernt von den klassenbewussten Metropolensubjekten sich bei den Jusos organisieren müssen, weil die das linksradikalste sind, was sich im Umkreis von hundert Kilometern finden lässt.

Schließlich alle die, die eh schon beinahe dazugehören und das von sich noch nicht wissen. Die Tastenden, die irgendwie, irgendwo echt checken, das etwas völlig beschissen läuft, die aber noch fern von Konsequenzen sind, die eben dabei sind, ganz vorsichtig so was wie Sehnsucht nach Freiheit zu wittern. Es ist überall spürbar, dieses Schnuppern...

...und letztenendes natürlich alle diejenigen, die sich weder haben aufsaugen noch unterbuttern lassen, die im m er noch nicht korrumpiert sind und deshalb immer weiter kämpfen und lachen und heulen und schreien und streiten und die trotz allem unentwegt versuchen, sich ihr Leben Tag für Tag zurückzuerobern, die Widerstand meinen und nicht Protest.

Tja, und dann haben wir viele, viele Gruppen, mit denen wir hoffen, über die Zeitung Diskussionen führen zu können. Da gäbe es die ‘Linken in den Grünen" beispielsweise, bestehend aus Fundis, Radikalökologlnnen, Ökoanarchistlnnen, deren parlamentarische Seiltänze spannend sein können, von denen wir mehr hören möchten, über Interviews oder Diskussionsbeiträge.

Dann gibt es so eine merkwürdige Erneuerungsströmung innerhalb der DKP, von denen einige mit den "Blauen in den Ortsbeirat Bockenheim" von sich reden machten und absolute Nonsensforderungen aufstellten, Flugis verteilten und Plakate klebten und irgendwie so scheinen, als brächen sie einige Brücken ab.

Immer wieder tauchen auch oppositionelle Gewerkschafterlnnen auf, denen die Reformpolitik der Gewerkschaften auf den Geist und Körper geht, die schärferes suchen und mehr wollen als die turnusmäßigen 3% Lohnerhöhung und sich von den Gewerkschaftsbossen im wahrsten Wortsinn vertreten fühlen.

Und da ist noch das bunte und manchmal etwas laue Spektrum der verschiedenen Bürgerinitiativen, die Verkehrs- und Bauminis, die Bundesgartenschau- und Autobahngegnerlnnen, Stadtteilinis und was sonst noch jetzt und in Zukunft an unterschiedlichsten Bewegungen hochkeimt. Und die Studies natürlich, denen der Streik geschmeckt hat und die Hunger auf mehr bekommen haben.

Diese Gruppen und Menschen treffen wir gelegentlich bei. Demos und Aktionen. Mit einer Zeitung könnten wir sie in Diskussionsprozesse einbinden. Natürlich geht es nicht darum, dass wir inhaltlich mit ihnen übereinstimmen wollen, sondern um die Diskussion, um das Konfrontieren mit unseren Inhalten.

Wie wollen wir ansprechen?

Wenn Menschen und Gruppen unterschiedlichster Herkunft und Bereiche angesprochen werden sollen, brauchen wir natürlich auch eine Sprache, die weitestgehend verstanden wird. Sie sollte nicht allzu platt, aber auch nicht zu intellektuell sein.

Jede Szene formt ihre eigene Sprache, hat eigene Begriffe und oft genug sind gleichlautende Worte mit ganz verschiedenen Inhalten gefüllt. Diese Inhalte sind dann teilweise untereinander so klar, dass überhaupt nicht mehr verstanden wird, was denn an einem Begriff unverständlich sein könnte.

Klar, wir sind politisch, wir bekämpfen - wie auch immer — die bestehenden HERRschaftsverhältnisse (?) und sind in dieser Weise auch gezwungen, da sich diese HERRschaftsverhältnisse als komplex erweisen, entsprechend komplizierte Begriffe zu benutzen, um Analysen anfertigen zu können. Allein schon der Begriff "Imperialismus" oder etwa "Klasse" würde ganze Diskussionsrunden füllen und setzt etliche Semester Politikerfahrung voraus. Auf der einen Seite ist klar, dass wir eine kämpfende und angreifende Sprache brauchen, mit der wir uns abgrenzen können. Auf der anderen Seite aber grenzt so eine Sprache auch zu leicht aus, da wir oft genug nur noch untereinander reden und da meist klar zu sein scheint, was gemeint ist, wenn z. B. von Militanz die Rede ist.

Für die neue Zeitung bedeutet dieses Dilemma des einerseits und andererseits zunächst eine Sprache zu verwenden, die so wenig wie möglich auf Fremdwörtern beruht, bzw. solche in Fußnoten ausreichend erklärt. Das bedeutet weiter auf szeneinterne Abkürzungen, Floskeln und Inhaltsbezüge zu verzichten, die wir nur untereinander aufgrund gemeinsamer Geschichte und Erfahrung interpretieren können.

Dann soll es natürlich eine herrschaftsfreie Sprache sein, frei von Unterdrückungsmechanismen, frei von Ausgrenzungen, weder durch stilistische Mittel, noch durch patriarchale Ausdrucksformen.

Wir wollen innerhalb der Redaktion Kriterien für Artikel entwickeln, aufgrund derer schreibende Menschen sich einklinken können. Das beginnt bei einfachen formalen Ansprüchen wie Übersichtlichkeit (fetzige Überschriften, einleitende Sätze mit Inhalt und Ziel des Artikels, eventuell Zwischenüberschriften, Zitate zur Verdeutlichung und Auflockerung, ansprechendes Layout etc.) und soll zu so einer Art Schreibwerkstatt führen, in der wir uns gegenseitig das Schreiben beibringen können. Dazu wird es eine sprachliche Werkzeugkiste geben (erscheint als Artikel in der Nullnummer), aus der jede und jeder schöpfen kann, einfache technische Schreibtricks, mit denen Artikel endlich diese ewig sich einschleichende Langeweile verlieren.

Die Zeitung könnte, neben allen politischen Ansprüchen, auch Zeitung der Schreibund sonstigen Lust werden, die mal ein bisschen unsere vorn Kampf in den Metropolen verstaubten Gehirne durchpustet, in der nicht nur Informationen und Diskussionen oder Einschätzungen vermittelt werden, sondern in der gesponnen, gewitzelt und gekritzelt werden kann, die nicht nur ein privates Kampfverhältnis wiederspiegelt, sondern auch unser leider sehr privates Verhältnis zu Leben, Lust, Leidenschaft und Rattentanz.

Lust, die sich befreit, ist im in er auch Angriff. Wäre natürlich schön, wenn diese Lust nicht nur auf das Schreiben beschränkt bleibt.

Ansatz der Zeitung wäre also unter anderem, ein bisschen mehr an Lebensäußerungen nach außen zu bringen, nicht auf einer extra "KünstlerInnen-" oder "Kulturseite", sondern als integraler Bestandteil jedes Artikels.

Das hört sich schwerer an als es ist. Es geht nur um das Zusammenführen von Lust und Ernsthaftigkeit, von Leichtem und Schwerem, von der Ebene der Ironie und der Analyse, worin sich unser ganzes Aufbegehren wiederspiegeln kann.

So, und zum Schluss diese Abschnitts soll gesagt sein, dass jedeR natürlich schreiben soll, wie er oder sie kann bzw. will. Das mit der Schreibwerkzeugkiste ist nur ein Angebot, eine Möglichkeit. Auf keinen Fall wollen wir einen Erwartungsdruck produzieren und damit keimhafte Kreativitätsschübe abwürgen. Deshalb ist der Abschnitt über die Möglichkeiten sprachlich abwechslungsreicher Formen, wie alle anderen Abschnitte auch, zur öffentlichen Diskussion gestellt.

Zusammensetzung und Struktur der Redaktion

In der Zeitung soll es mehrere Möglichkeiten der Mitarbeit geben. Zum einen natürlich die Möglichkeit, dass alle mitwirken können, denen das Zeitungsmachen als Hauptaufgabe zu viel ist, z. B. können diese ab und an mal einen Artikel schreiben, Fotos und Collagen machen, Comics zeichnen oder sich punktuell bei technischen Arbeiten wie Tippen, Layout, Vertrieb, Werbung etc. einbringen. Wir dachten an eine Axt zweiten Mitarbeiterlnnenkreis, der sich eventuell einmal im Monat oder pro Ausgabe trifft, ansonsten in acht und schreibt und tut. Hier könnte der inhaltliche Rahmen der Zeitung abgesteckt und in Rückkopplung mit der Szene weiterentwickelt werden.

Die Kernredaktion, bestehend aus höchsten 10 bis 15 Leuten, sollte dann inhaltlich redaktionell koordinieren und den technischen Rahmen der Zeitung am Laufen halten. Unabhängig davon könnten sich auch zu bestimmten Bereichen Arbeitsgruppen bilden, denkbar auch neben der eigentlichen Redaktionsarbeit. Eine spezielle Frauen- oder Männerredaktion soll es nicht geben, da wir den Anspruch haben alle Themen so weit als möglich gemeinsam zu reden. Allerdings können wir uns vorstellen, dass an bestimmten Punkten es zu heftigen Konflikten kommen kann und Männer und Frauen getrennt diskutieren wollen.

Aus der Erfahrung einiger Leute mit der Redaktion der AKTION steht der Satz, sich eine Arbeit in der Redaktion nicht mit jedem und jeder vorstellen zu können. Das klingt erst mal nach Auswahlverfahren, ist es teilweise auch, da es ganz bestimmte Personen gibt, mit denen wir eine Zusammenarbeit nicht mehr wollen. Was andere Menschen anbelangt, die jetzt dazukommen, stellen wir uns eine möglichst genaue Auseinandersetzung vor, anhand der wir uns näher kennenlernen. Wir stellen uns hierzu in der Redaktion einen Diskussionsstil vor, in dem bestimmtes Gesprächsverhalten nicht mehr geduldet wird. Das vielstrapazierte Wort "Solidarität" ist hier gefragt. Diskussionen, in denen Einzelnen, die sich vielleicht unglücklich ausdrücken, die noch nicht zehn Jahre Politikum miterlebten, die vielleicht auch erst kurze Zeit in der "Szene" herum wuseln, nicht von vorneherein das denkbar schlechteste, was sie gemeint haben könnten, unterstellt wird. Oft genug haben wir - auch an uns - miterlebt, dass Diskussionen, in denen Meinungen aufeinander prallten, zu Machtkämpfen wurden, in denen auch mit üblen Methoden gearbeitet wird.

Damit nichts falsch verstanden wird: Es geht nicht um ein seichtes und angepasstes und unkritisches Miteinander, sondern bei entgegengesetzten Meinungen um ein Gefühl von Grundsolidarität, von ein bisschen mehr Offenheit und Zuhören, letzteres vor allen Dingen.

Wirr hoffen, dass sich anhand solcherart geführten Diskussionen eine Redaktion heranbildet, die miteinander arbeiten und sich auf einer solidarischen Basis dann auch heftig kritisieren bzw. annehmen kann.

Schließlich und endlich sollen sich die Leute, die da mitarbeiten wollen nicht als JournalistInnen im üblen Wortsinn verstehen. Darunter verstehen wir Leute, die mit dem, was sie beschreiben, nichts zu tun haben. Die nur "über" berichten und selbst vielleicht meilenweit schon von alle in entfernt sind, die dann auf Demos rennen, nicht wegen des Inhalts einer Demo, sondern um "geile" Fotos zu machen, oder eben mehr oder weniger narzisstisch auf Sensationen aus sind, um sich selbst etwas mehr Glanz im schwarzen Einerlei zu verschaffen.

Klar, Schreiben hat vielleicht im in er ein bisschen was mit Narzißmus (Selbstgefälligkeit) zu tun, trotzdem fänden wir es wichtig, nicht als Außenstehende über etwas zu schreiben, sondern als Betroffene und Beteiligte.

Position der Zeitung zum zukünftigen anarchistisch-feministisch-autonomen Zentrum in Frankfurt

Die Redaktion ist eine eigenständige Gruppe und ist somit keine Sprachrohr des Zentrums. D. h. das Zentrumsplenum kann nicht in die Autonomie der Redaktion eingreifen. Wir sehen uns jedoch als integraler Teil des Zentrums, indem wir erstens einen Raum darin nutzen wollen und zweitens das politische Konzept des Zentrums mittragen und mitentwickeln wollen. So wollen wir auch die inhaltlichen Diskussionen nach außen vermitteln. Den Gruppen im Zentrum stände daher mit der Zeitung ein hervorragendes Mittel zur Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung.

 

Der technische Rahmen der Zeitung

Im Prinzip sollte jedeR alles machen können, aber wenn jemand Lust auf bestimmte Arbeiten hat, sollte er/sie nicht daran gehindert, werden, sie verantwortlich (als Koordinatorln) zu übernehmen.

Wenn möglich sollten so viele Arbeiten wie möglich nach außen verlagert werden, z. B. Tippen, Drucken, Vertrieb, so dass wir nicht durch unnötige Technik verschlissen werden. Welche Arbeiten dann bezahlt werden, muss sich nach unseren finanziellen Möglichkeiten richten.

Das folgende sind Vorschläge für die Technik:

Die ersten Ausgabe

Diese soll möglichst noch vor der Sommerpause erscheinen, spätestens aber im September.

Folgende Beiträge sind bereits in Planung: Zu den Startbahnprozessen, Hungerstreik der politischen Gefangenen, Hochschulen, Ursachen von Männergewalt, Rot-Grünes Frankfurt... Wenn ihr eigene Ideen dazu habt oder eigene Sachen von euch oder euren Gruppen veröffentlichen wollt, meldet euch bei unserer Kontaktadresse.

AFAZ
c/o FKK e.V.
Schleusenstr. 17
6000 Frankfurt

Redaktionsschluss: 13.6.1989