Zuerst dokumentieren
wir das Flugblatt der Frauen zur Besetzung. Danach folgt der Bericht einer
Frau als “Innenansicht“, dem sich
die “Außenansicht“ eines Mannes anschließt. Die Artikel entstammen der gemeinsamen
Nachbesprechung der beiden AutorInnen.
Frauen besetzen
das Uni-Koz
Frauen werden durch direkte
bzw. unterschwellig immer vorhandene Gewalt aus Räumen wie z. B. dem Koz ausgeschlossen.
Deshalb schliessen wir heute Männer aus.
Während sich Männer dort “ungezwungen“
verhalten, wird die ritualisierte Gewalt, die im Koz stattfindet, für Frauen
zum Spießrutenlauf. Deshalb erobern wjr Frauen uns heute das Koz zurück!
Gewalt findet nicht nur im
Koz statt. Für Frauen ist sie ebenso präsent in Aufzügen, langen Gängen usw.
Oft steigen Frauen eher aus, wenn sie alleine mit einem Mann im Aufzug fahren,
weil sie sich bedroht fühlen. Diese Bedrohung muß nicht immer durch eine real
vorhandene Gefahr bedingt sein, sondern erwächst auch der subjektiven Wahrnehmung,
die geprägt ist durch tatsächliche Erfahrungen bzw. die allseitige Möglichkeit
von Gewalt.
Gewalttätig ist ebenso das
typische Redeverhalten von Männern in Seminaren. Durch ein aggressives Redeverhalten
oder durch Pseudowissenschaftlichkeit von Redebeiträgen werden Frauen aus
Diskussionen verdrängt. Zusätzlich verschleiert die sogenannte Allgemeingültigkeit
der Lehrinhalte, daß Wissenschaft, wie sie jetzt stattfindet, zumeist von
Männern sowohl in der Wissenschaftsproduktion als auch in ihren Untersuchungsobjekten
geprägt ist. Die Lebensrealität von Frauen kommt in der Wissenschaft nicht
vor.
Weil Gewalt durch Männer Alltag
für Frauen ist, ist es für uns oft umso schwerer Gewalt überhaupt als solche
zu erkennen. Viel eher zweifeln wir an unserer eigenen Wahrnehmung oder an
unseren Fähigkeiten, uns durchzusetzen.
Voraussetzung dafür, daß wir
uns wehren ist, daß wir Gewalt erkennen, daß wir darüber reden. Deshalb laden
wir alle Frauen ein; ins Koz zu kommen, mit uns zu reden und zu feiern.
Die Besetzerinnen
Eindrücke
einer Besetzerin
Aufgrund bekannt gewordener
Vergewaltigungen während des Unistreiks im Winter 1988 in Berlin (darunter
mindestens eine während des UNi-MUT-Kongresses vom 6. bis 9.1.89) mußte Gewalt
gegen Frauen sowohl in Berlin direkt als auch an der Frankfurter Uni thematisiert
werden. In Berlin sprengten Frauen den Kongreß und in Frankfurt fanden sich
Frauen zusammen, um eine Vollversammlung zu organisieren. In einzelnen gemischten
(Frauen und Männer) Gruppen fanden ebenfalls Diskussionen dazu statt.
In der Vollversammlung wurden
zunächst Redebeiträge verschiedener einzelner Frauen und Frauengruppen gehalten
(dazu gibt‘s ein Reader, der über den AStA, Jügelstr. 1, 6000 Frankfurt
bestellt werden kann).
In der Vollversammlung, die
zunächst Frauen das alleinige Rederecht einräumte, aber Männer zuließ, orientierten
sich die Diskussionen letztendlich immer wieder am Verhalten der Männer, stillschweigende
Unterstützung usw.
Und als dann auch Männer sprechen
durften, gingen die Beiträge von "Ich bin kein Vergewaltiger“ bis hin
zu “Ich bin das Schwein“ und “Ich habe viel von Frauen gelernt".
Letztendlich fand keine Auseinandersetzung
statt - weder unter den Frauen als auch unter den Männern.
Die Nachbereitungsgruppe der
Vollversammlung entwickelte sich zur Vorbereitungsgruppe für einen Aktionstag
von Frauen gegen Gewalt gegen Frauen.
Warum wurde
das Koz besetzt?
Orte, an denen sich unsere
Ängste und unsere Strategien der Verdrängung festmachen, gibt es viele. An
der Uni sind es der Turm, das Koz, der Campus... Vor allem in der Nacht, aber
eben auch tagsüber in der Öffentlichkeit, die eben nicht unsere Öffentlichkeit
ist. Männer bestimmen das Bild, die Stimmung und auch unser Verhalten. Die
Koz-Besetzung am 6.6.89 ist eine Antwort auf die vielen Situationen, in denen
wir uns hilflos fühlten, oder die wir gar nicht mehr wahrnehmen, weil wir
eh nicht mehr alleine irgendwo sind. In der Regel beziehen wir uns als Männer,
weil dann ‘‘wirken“ wir auch “besetzt“. Kein Mann nimmt uns mehr als “allein“
war, sind wir mit Frauen unterwegs.
Das Koz ist an der Uni der
Ort, wo sich zumindest ein Teil der “Szene“ trifft. Die Leute, die in "freierer"
Atmosphäre als beispielsweise in der Cafeteria Kaffee trinken und dort auch
länger sitzen wollen. Andererseits ist es ein öffentlicher Raum, der nicht
Nische ist, unbemerkt sowohl von Frauen als auch von Männern.
Verlauf der
Besetzung
Die Besetzung begann am 8.30
Uhr mit 20/30 Frauen, die voller Tatendrang und guter Laune begannen, die
Örtlichkeiten in und um das Koz umzugestalten. Fenster wurden verhängt, Transparente
gemalt, Flugblätter auf dem Campus verteilt. Als dann die ersten Männer kamen,
gingen die Reaktionen von Erstaunen über “was geht mich das an“ bis “wo soll
ich meinen Kaffee trinken?“. Die meisten nahmen das Flugblatt und gingen wieder.
Je mehr Männer vorm Koz zusammenkamen,
desto mehr veränderte sich die Situation. Nachdem sie sich in ihrer Selbstherrlichkeit
gegenseitig bestätigen konnten, wurden auch die Angriffe massiver. Triumphierend
ließen sie Frauen Kaffee aus dem Koz rausholen und machten Frauen so zu ihrem
Dienstmädchen. Ihrem Stolz, damit die Absichten der Besetzerinnen zu unterlaufen,
ließen sie freien Lauf.
Gegen 12 Uhr begannen im Koz
Selbstverteidigungsvorführungen, bei der ca. 70 Frauen anwesend waren. Jede
Möglichkeit von außen zu spannen, ein Blick zu erhaschen, wurde genutzt. Man(n)
war sich nicht zu schade durch die kleinste Ritze zu spähen. Die Kommentare
drückten letztendlich aus, was viele wohl dachten: Jetzt rüsten die Frauen...
Danach begann die Frauenvollversammlung,
die von Anfang an gestört wurde, indem es draußen immer lauter wurde, und
drinnen das Gefühl der Bedrohung aufkam. Ein Gespräch kam nur schleppend in
Gang, einige Frauen wollten, sind vor die Tür, suchten damit auch die Konfrontation.
Der permanente Angriff, der
sich optisch daran festmachte, daß 20-30 Frauen direkt vorm Eingang wich bereit
machten, Frauen vom Campus aus sich zunächst durch eine aggressive Männermasse
quetschen mußten, die sexistischen Sprüche immer massiver wurden, immer wieder
versucht wurde, einzelne Frauen zu verunsichern.
Bei uns entwickelte sich ein/e
extreme Wut/Hass bis hin zu denn Gefühl, die Männer zum Schweigen bringen
zu müssen. Wegen anderer Frauen mußten wir unsere Wut aber zurücknehmen, auch
lernen damit umzugehen.
Die erste positive Solidarität
kam von einem ausländischen Kommilitonen, der unser Recht auf Selbstbestimmung
als politische Gruppe hervorhob und sich damit einer Militanzdiskussion von
seiten anderer Männer aussetzte. Immer wieder wurde uns vorgeworfen, Diskriminierung
mit Diskriminierung zu beantworten. Gewalt gegen Frauen würde durch
Gewalt von Frauen ausgetauscht.
Letztendlich liefen fast alle
Gespräche, Sprüche und Kommentare darauf hinaus, uns Frauen spalten zu wollen:
wir sollten uns von Militanz distanzieren, die Anspielungen auf Ansehen, Schönheit,
Attraktivität sollten uns verunsichern.
Unsere Stärke ließ ihnen wohl
keine andere Wahl.
Die Vorbereitungsgruppe hatte
sich den Dienstag gewählt, weil abends im Koz Kneipenabend ist, eine selbstorganisierte
Möglichkeit, sich auch abends zu treffen. Obwohl wir es uns ursprünglich abends
härter vorgestellt hatten als tagsüber, fanden wir abends eine Atmosphäre
vor, in der wir uns mit anderen Frauen, die wir zum Teil kaum oder gar nicht
kannten, unterhalten konnten. Schade war, daß das Fest so nicht stattgefunden
hat- die meisten von uns waren schlichtweg erschöpft. Die wenigen Männer,
die abends kamen, griffen unserer Wahrnehmung nach zur Selbsthilfe und hielten
sich abseits. So konnten wir damit leben. Gerüchteweise haben wir gehört:
auch dieses Verhalten hatte eine Provokation sein sollen...
Die Koz-Besetzung ist für
uns eine gemeinsame Antwort auf die permanente Gewalt gegen Frauen. Sie war
bestimmt als Möglichkeit, Männer mit unserer Wut zu konfrontieren, uns offensiv
zu verhalten und uns nicht in unsere von Männern zugestandener Nischen zurückzuziehen.
Auf daß wir uns nicht mehr in unsere Nischen zurückziehen und uns die Räume
nehmen, die wir wollen!
Schwarze Fee
Draußen vor
der Tür
Warum ich als Mann mit anarchistischem
Anspruch zur Koz-Besetzung was schreibe? Ganz einfach, weil die Aktion der
Frauen gegen ein bestimmtes Männerverhalten gerichtet war und sie dadurch
unser Männeralltagsverhalten an das Licht der Öffentlichkeit zerrten.
Und es ist bei weitem nicht
so, daß sich alle Männer in ihrer traditionellen Männer/Mackerrolle wohl fühlen.
Deshalb habe ich mich spontan
gefreut, als ich sah, daß die Frauen das Koz besetzt hatten, aber ich wußte
auch gleichzeitig, daß das eine Kritik auch an mir selbst bedeutete.
Ich stellte mich also flugs
unter .die abgewiesenen Männer vor dem Koz, um die Reaktionen mitzubekommen.
Zuerst mußte ich innerlich
grinsen, wie jämmerlich einige Männer reagierten, sich aufplusterten, aus
ihrer gewohnten Rolle geworfen zum Teil deftige Witze über die Frauen rissen.
Sie spielten sich aber auch als Frauenbeschützer auf und schickten, ganz hinterhältig
befreundete Frauen zum Kaffee holen ins Koz und amüsierten sich noch darüber,
daß diese Frauen die Frauensolidarität dadurch durchbrachen (“den Emanzen
haben wir‘s aber gezeigt“).
Es gab aber auch erstaunlich
viele Männer, die verwirrt das Flugblatt der Frauen entgegennahmen, es in
Ruhe lasen und noch etwas irritiert durch die Gegend schauten, aber dann doch
die Besetzung akzeptierten bzw. tolerierten und sich wortlos von dannen trollten.
Als allerdings gegen Mittag
eine größere Menge Männer vor dem Koz standen, schaukelten sich diese durch
markige, sexistische Sprüche gegenseitig hoch (“komm, wir Stürmen den Laden“,
“wie sieht denn die aus", “eigentlich geh‘ ich nie in‘s Koz, aber heute
will ich rein“), so daß die Stimmung laut und aggressiver wurde. Einige überlegten
gar, das Koz zu stürmen.
Als ich diese Entwicklung
mitbekam, schlug bei mir die freudige Stimmung in Wut um und ich spürte, daß
ich mich dazu verhalten mußte, nicht als Beschützer der Frauen, sondern aus
dem ureigenen Bedürfnis heraus, diesen Knalltüten ein anderes Männerbild/verhalten
entgegenzusetzen.
Da noch einige andere Männer
aus der Männergruppe des Plenum von AnarchistInnen und Autonomen and der Uni
Frankfurt anwesend waren, denen es genauso ging wie mir, stürzten wir uns
in die verschiedenen Grüppchen, die immer noch erregt gegen die Besetzerinnen
polemisierten. So erreichten wir zumindest, daß ein Teil der Aggressionen
abgezogen wurden, die sich dann aber zum Teil auf uns richteten. Wie tief
die Verunsicherung der Männer durch die Kritik von uns Männern saß, läßt sich
daran erkennen, daß z. B. ein Mann einen von uns als Schwulen bezeichnete.
Ein altes Klischee, das ein bezeichnendes Bild über sein Verständnis von Sexualität
zeichnet. Zudem müssen ja Männer, die sich so verhalten schwul sein, und wenn
sie dann noch eine Männergruppe machen erst recht.
Ich traf aber auch auf ein
kumpelhaftes Anbiedern, in dem der Sexismus verteidigt wurde (“jeder Mann
guckt doch ‘ne Frau von oben bis unten an, was sie dran hat“). Und außerdem
seien die Frauen heutzutage so selbstbewußt, daß sie den Männern in den Discos
in den Arsch kneifen oder gar an die Eier gehen. Was für Männerphantasien,
die zugegebener Maßen auch von Frauen verinnerlicht werden können. Aber was
sind das für zwischenmenschliche Verhaltensweisen, was für eine Sexualität
oder gar Erotik!
Am schwierigsten fand ich
die Diskussion mit einer Frau, die die Männer verteidigte und die Frauenaktion
angriff und ich mich in eine Frauenverteidigungsposition drängen ließ. Verkehrte
Welt!
Als sehr selbstbewußt und
dominant auftretende Frau wollte sie sich von keinem/r vorschreiben lassen,
was sie zu tun oder zu lassen hat (sie wollte Kaffee für ihren Freund holen
und wurde dabei von Frauen angerempelt, ob aus Absicht oder nicht, konnten
wir nicht klären, doch so verkehrte sich ihre anfängliche Sympathie für die
Besetzung in das Gegenteil). Mit Mühe konnte ich ihr erklären, daß ihre Wut,
ihr persönlicher Frust sich nicht gegen die Aktion an sich bzw. gegen das
Ziel (das Thematisieren von Männergewalt) richten dürfe.
Was für mich in den ganzen
Diskussionen wichtig war, ist das Zurückgreifen können auf Diskussionen, die
ich in verschiedenen Männerzusammenhänge schon geführt hatte. Und so konnte
ich auch ein Verständnis dafür entwickeln, daß Männer sich teilweise so beschissen
verhalten können. Das hat natürlich viel mit Eigenbeobachtung zu tun, wie
man(n) als Mann, auch wenn man(n)‘s nicht will, immer wieder in patriarchale
Verhaltensweisen zurückfällt.
In einer Männergruppe lassen
sich diese Probleme und die Suche nach einer neuen, HERRschaftsfreien Männeridentität
besser angehen. So kann dann auch eine Männersolidarität mit Frauen geleistet
werden, ohne sich an Frauen anbiedern zu wollen.
Wir Männer haben, wenn auch
wohl etwas spät, aktiv in das Geschehen vorm Koz eingegriffen. Wir haben klar
als Männer gegen Männergewalt Position bezogen, uns und andere durch Erfahrungen
und Diskussionen verändert. Was wir uns gewünscht gehabt hatten, es aber nicht
gepackt hatten zu organisieren, wäre eine Männer-Vollversammlung zur gleichen
Zeit gewesen als sichtbares Zeichen der Solidarität von Männern und als Bedürfnis
zur eigenen Veränderung.
Ich denke und hoffe, daß etliche
Männer durch diese Aktion der Frauen zum Thema “Männergewalt“ und daher auch
zu sich selbst sensibilisiert wurden. Auf daß es noch viele weitere Frauenbesetzungen
gibt und daß auch mal Männer Aktionen zu diesem Thema machen.
Thomas Mann