Während des Unistreiks haben
wir uns einen Raum für uns Studentinnen erstreikt (Uni Frankfurt, Wintersemester
1988/89, romanistisches Institut, d. Red.), in dem wir uns treffen können.
Der Raum ist nicht groß noch dazu ein Bibliotheksraum mit Bücherregalen an
allen Wänden. Aber jetzt UNSER Raum. Und auch wieder nicht: denn wir haben
keinen Schlüssel dazu und sollten auch keinen bekommen, denn als Studentinnen
haben wir kein Recht darauf, bestimmen zu können, wann und wozu wir
uns an der Uni treffen wollen. Meinen diejenigen, die Schlüssel haben, nämlich
die Profs. Wir meinen: wir haben ein Recht darauf. Fast ein halbes Jahr lang
haben wir es auf dem Weg über die Gremien, brav nach den “demokratischen“
Spielregeln versucht. (Die Demokratie besteht darin, daß die StudentInnen
als größte Gruppe an der Uni die wenigsten Stimmen haben.)
Donnerstag, halb sechs, in
ner halben Stunde
ist sonst immer Sense hier,
Feierabend. Nicht heute.
Müde von VorlesungenSeminarenSeminaren
kommen wir in unsern nichtunsern
Raum.
Schlafsäcke, Saft, Brot, Bier,
Kekse irgendwohin
füllen den Raum mit ein paar
Fetzen Leben.
Ruhe vor dem Sturm. Plaudern,
rauchen und lachen.
(Draußen ein warmer stürmischer
Sommertag. Drin
stickige Luft: hier wird auch
im Sommer geheizt hier gibt es
keine Jahreszeiten)
Sechs Uhr: Wir stehen in der
Tür, damit sie
nicht abgeschlossen wird.
Wir stehen einfach da. Die Tür
bleibt offen.
Zwei Stunden später
taucht der verantwortliche
Prof auf,
nach einer Weile reden wir
mit ihm.
Heute abend hat er kein Heimspiel,
er ist auf Niemandsland, unserem Land
und WIR reden, nehmen uns
das Wort,
löchern Autorität, die Mauer,
mit Witz und Ironie.
Er merkt: wir wissen was wir
wollen, wünscht uns eine gute Nacht und geht.
Ähnliche Szenen später mit
Hausmeistern und Unikanzler.
Dann sind wir unter uns und
reden über das was war
und wie es weitergehen soll.
Mitternacht. Wir legen, erschöpft
vom Diskutieren, Musik
zum Tanzen auf. Die Nacht
fängt an.
Von dem bißchen Bier kann
ich
so besoffen nicht sein wie
ich mich fühle.
Vielleicht liegt es daran
daß ich
mit jemanden reden konnte
vertrauter als sonst an der Uni vielleicht daran
daß die Besetzung gut läuft
vielleicht an der Musik.
Im Dunkeln verschwinden die
Bücherregale.
Der Bibliotheksboden ist glatt,
gut zum Tanzen,
die Luft voll Blütenstaub,
ich muß niesen
von aufgestapeltem Wissen,
Rio singt
wann wenn nicht jetzt
wo wenn nicht hier
wie wenn ohne Liebe
wer wenn nicht wir
Vier Uhr, Morgengraun, Vogelgezwitscher.
Noch Musik auf dem Flur.
Wir in den Schlafsäcken, müde
und wach
lauschen dem Märchen vom cappucetto
rosso
das eine auf italienisch erzählt.
Sie ahmt die Stimmen nach
von Rotkäppchen, Großmutter,
Jäger und Wolf.
Ich kann kein Italienisch.
Ich versteh jedes Wort
das sie sagt.
Rosa Roterpanther