»Was machst‘n so?!«

 Ein Beitrag zur Diskussion um Entwicklung politischer Identität

von Sumsel Bobbeck

Ich bin nicht oft hier.
Es liegt wohl an diesem unerträglichen Gefühl ein Gefangenenlager zu betreten, dem ich selbst vor einigen Jahren glaubte entfliehen zu können.

Ein Gefangenenlager, das ohne Mauern und Stacheldraht auskommt, ohne Wärter und Wärterin, ohne Waffen, das nicht einmal Videokameras braucht, weil es sich auf seine Gefangenen verlassen kann. Verlassen darauf, daß die Männer dieses Lagers die Frauen unterdrücken, die Männer sich gegenseitig nichts zu sagen haben und die Frauen schweigen, verlassen darauf, daß sie dem stummen und überaus gewalttätigen täglichen Zwang gehorchen werden, obwohl das Lager frei zu- und abgänglich wäre.

Im Grunde müßte ich diese Menschen lieben können, weil ich sie trotz der verronnenen Zeit noch immer zu kennen glaube, ebenso wie die Pappeln, die mit mir gewachsen sind, aber rechtzeitig, bevor eventuelles Leben in ihren Kronen würde wuchern können, um ihre prächtigsten Äste gestutzt wurden.

Ich merke, wenn ich hier durch die Straßen gehe, vorsichtig, um nirgends meine Erinnerungen anzustoßen, denn das wäre schmerzhaft, daß diese Menschen einen “Teil meiner Geschichte“ ausmachen und wir vieles gemeinsam haben.

Auch wenn dieses ‘Gemeinsam‘ ein Fremdwort ist. Und ich merke, daß ich mehr als nur ein Fremder geworden bin.

Als käme ich aus einer gänzlich anderen Welt werde ich bewundert von wenigen, bemitleidet, ängstlich und argwöhnisch belauert, oder, in letzter Zeit zunehmend gehaßt.

Wenn ich sage hier, dann meine ich diese sechs Mietskasernen, Marke "sozialer Wohnungsbau", in denen 192 Familien in Wohnhaft genommen wurden. Sechs Fabriken, in sich unterteilt in Erholungs- (Wohnzimmer), Versorgungs- (Küche), Menschenproduktions- (Schlafzimmer), und Weltbildabteilungen (Fernsehapparat), von denen mit mehr oder minder hoher Effektivitätsrate die Wiederherstellung der Arbeitskraft produziert wird. Schließlich brauchen die anderen Fabriken ihr Humankapital, erholt und funktionstüchtig.

Von den 192 Gemeinschaftszellen aus, lassen Menschen sich vom stummen Zwang täglich durch Tunnel, Röhren und Schächte jagen, an die modernen Opferstätten. Dort, an den Altären der Wirtschaftlichkeit, des Profits, der Konkurrenz, des Fortschritts, haben sie sich lebenslänglich auszuliefern.

Und die Gefangenschaften nehmen kein Ende. Auf der Parkgarage sehe ich Mittelklassewagen, die sich in dieser Wohnhaftsiedlung niemand “leisten“ kann, in den Wohnzellen stehen nur unerheblich sich voneinander unterscheidende Schränke, Polstergarnituren, Kücheneinrichtungen, Doppelbetten, Videogeräte, Kinderzimmer. Für diese Zelleneinrichtungen lassen sich die Männer und Frauen des Lagers Geld aufschwätzen, von den Banken, für die sie oft mehr als ein Jahrzehnt in die Fabriken gezwungen sind. Sie kaufen chemieverseuchtes Essen, weil sie anderes nicht bezahlen können, sie zahlen Miete, weil sie es dulden, daß Raum, um als Mensch zu leben, das Eigentum anderer sein darf, sie zahlen Versicherungsbeiträge, weil sie sich selbst nicht helfen können, sie sitzen allein in ihren Zellen. Das Traurige daran ist, daß sie sich frei fühlen, weil sie alle Jahre wieder ein Kreuzchen machen dürfen, was ihnen das Gefühl von Wichtigkeit verleiht und doch so gleichgültig ist.

Trauer ist es, weswegen ich dann immer wieder die Spurensuche beginne. Spuren der Hoffnungen, die in diesen 192 Gemeinschaftszellen zerrieben wurden. Trauer, um die noch immer brach-liegenden Möglichkeiten, dieses mörderische “System“ und Leben abzuschütteln ... Trauer, weil jede/r dieser Menschen mit so viel Eifer begonnen hatte “leuchtende Pfade“ zu beschreiten, und diese Pfade in vielfacher Gefangenschaft endeten.

"Viele von ihnen haben schon längst im Herzen mit diesem Staat gebrochen, trauen sich nur keine eigenen Schritte zu tun."

Trauer darüber, daß sie in ihren Zellen sitzen und warten... warten..., bis dieses mühselig sich dahinschleppende Leben ein Ende findet.

Trauer darüber, daß so wenige davongekommen sind, erstmal nur räumlich, und zurückschlagen.

Warum das so ist, suche ich dort zu finden und deshalb komme ich manchmal doch hierher. Ich suche in meinen Bildern, zwischen den Mülltonnen beispielsweise, die belanglos dastehen in diesem grauen, kleinen Häuschen, in dem wir als Kinder mit Tennisbällen Fußball spielten und uns einen Dreck um das Verbot scherten, dort nicht spielen zu dürfen. Auch den Spielplatz holten wir uns, der umzäunt ist, noch ein Knast im Knast, und nur zu bestimmten Tagen und Zeiten geöffnet. Selbstverständlich war das Betreten des Rasens verboten, und das Lärmschlagen, und das Laufen, und das Ballspielen, und die Liebe, jede nur denkbare Lebensäußerung.

Ich merke dann, wenn ich durch diese Straßen gehe, in denen mir jeder Pflasterstein vertraut zu sein scheint, während ich die Fenster der Häuser betrachte, daß ich das Kind, daß ich einmal gewesen hin, glücklicherweise noch nicht verloren habe.

Den Angstschweiß beispielsweise, der uns wegen der Verfolgung durch die Hausmeister auf der Stirn stand, diesem Angstschweiß der Freiheit, ist mir sehr vertraut geblieben. Wir wußten damals ganz gut von selbst, was für uns gut war. Wir brauchten dazu keine Parlamente, keine Wohlfahrtsinstitute, keine Werbeindustrie oder Pfaffen, auch keine revolutionären Floskeln. Das grenzte schon ans Traumwandlerische, wie wir uns täglich das lebensnotwendige Quentchen Freiheit erkämpften.

Auch das verbindet das Kind und mich noch heute.

Manchmal gehe ich auf den Dachboden, stelle mich zwischen die sorgsam abgedeckten Möbel und es beschleicht mich wiederum ein sehr bekanntes Gefühl. Und ich muß lächeln, ein ganz tiefes beruhigtes Lächeln.

Hier auf diesem Dachboden hatte ich das erste Mal in meinem Leben empfunden, was es bedeutet ihnen davongekommen zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit. Was das bedeutet, keine von den Hausmeistern, Eltern, Lehrmenschen gesetzten Regeln mehr befolgen zu müssen.

Was es bedeutet, eigene Regeln aufstellen zu können, die auf einem gemeinsamen Willen entstehen, aus der Verantwortung für die Menschen, die das mit mir teilten. Wir waren schon sehr verantwortlich, wir Kinder, denn dieser Dachboden war der erste “rechtsfreie“ Raum unseres Lebens.

Der Speicher lockte uns Kinder mit geheimer Anziehungskraft. Innerhalb der weißen Linien, die die Abschnitte für die einzelnen Familien markieren sollten, sammelte sich der ganze triste Bodensatz dieser Lebenskultur, ausrangiertes, weggeschobenes, der Mode geopfertes, abgelegtes, Schrankwände und Sessel, Nierentische und Bügelbretter, Glaskugellampen und Klamotten, Besteck, Spielzeug, Geschirr, Tücher, Bücher und Stehlampen, Nachtkästchen, Ehebetten und Holzverschalungen, Vogelkäfige, Schuhe, Nachtgewänder und Blumentöpfe, Fotoalben, Tagebücher, Fernsehapparate, Teppiche, Fahrräder, Roller, Ritterburgen und Marmorfiguren. Und über allem ein feines Leichentuch aus Staub.

Walter, der Junge aus unserer Bande mit dem hausmeisterherzinfarktfördernsten Idee, ein Junge, den ich für seine kompromißlose Freiheitsliebe sehr heimlich bewunderte, schlug vor, unser Aktionsfeld von den verbotenen Wiesen der abgearbeiteten Wohnhäftlinge auf den Dachboden zu verlagen. Dort würde ohnehin kaum jemand vorbeikommen, denn kein Mensch wühlt in abgelegten Erinnerungen, so lange es neue zu kaufen gibt.

Und so kam es, daß von allen Vernünftigen unbemerkt, sich auf dem Speicher einer dieser Mietskasernen wieder etwas zu regen begann. Schrankwände rückten zu kleinen Burgen zusammen, aus Tischen und Sesseln wurden Berge und Täler und Höhlen, Quadrate aus Würfeln. Licht und Farben und jede Menge geheimnisvoller Kleidungsstücke. Eine verwunschene Welt war da entstanden, bevölkert von Prinzen, Feen, Elfen, von Hexen, Teufeln, Kobolden und Rittern, von Prinzessinnen, Baronessen und Königen, von Ärztinnen und Chemikerinnen.

Damit wuchsen auch die Träume und es wurde reichlich voll dort oben, auf dem Friedhof bürgerlicher Bedürfnisse. Bill Bo und seine Bande, die rote Zora und ihre Bande, um Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Pippi Langstrumpf und Winnetou und unzählige weniger berühmte Gespenster.

Sie alle gaben sich ein Stelldichein und keinem von all diesen Besuchern und Besucherinnen hatte etwas dagegen, wenn wir uns vorsichtig auszogen, versteckt in einer der Höhlen und uns nach langem Ansehen irgendwann auch trauten zu berühren. Wir fühlten tagelang schlechtes Gewissen und Neugier, bevor wir Vertrauen zueinander fanden. Erst dann wurde das gegenseitige Betasten schön, ohne Angst.

Auch nachts sind welche oben gewesen, wahrscheinlich die Älteren, die davon wußten. Wir bemerkten das an der Unordnung, die sie hinterließen, an zerwühlten Decken und an den Flecken. Zwei hatten wir mal erwischt..., morgens, wir hätte gerne zugesehen, aber die waren schnell verschwunden.

Die Zeit blieb stehen für uns, dort oben, wir bewegten uns im zeitlosen Raum, während außerhalb unserer “Trauminsel“ die männlichen und weiblichen Ribosomen staatlicher Keimzellen weiterhin von Gefangenschaft zu Gefangenschaft gejagt wurden, und sich gegenseitig jagten, verfolgt, überwacht und ausgepreßt von einem Heer von Vermietern, Hausmeistern, Werkschützern, Beamten, Polizisten, Bankmanagern, Abteilungsleitern, Sektionsleitern, Inhabern, Vorarbeitern, Ärzten, Psychiatern und... und... und...

Dem Hausmeister muß unser Abtauchen merkwürdig vorgekommen sein. Wo waren sie hin? Die fünfzehn Kinder, die seine Herzklappen so gefährdeten? Es mußte ihm aufgefallen sein, daß etwas nicht stimmte.

Diesem Hausblockmeister, Hauswart, Blockwärter!
Blockwart?
Blockwarte sind gründlich und tun ihre Pflicht.

Wir hatten uns nicht abgesichert. Damals bauten wir noch keine Barrikaden, hatten auch nichts in den Händen, womit wir wirksam hätten drohen können, um uns die Träume zu erhalten. Wir waren selbstvergessen glücklich und ohne jede Strategie.

An jenem Tag lagen mehrere Matratzen nebeneinander und wir darauf. Wieder knöpften wir uns gegenseitig die Hemden und Blusen auf, so viel trauten wir uns schon. Die Kleider lagen bald im Raum verteilt und wir betrachteten uns erst lange, wie wir das immer taten. Lagen nur da, während es schien als würden tausend von Ameisen über unsere Körper huschen. Wir hatten Gänsehäute, davon...

Und deswegen müssen wir ihn überhört haben, den Hausmeister.

Breitbeinig stand er in der Tür, wie alle breitbeinigen Männer, die glauben sie wären wichtig. Ein blauer Overall, ein dicker kurzer Hals, ein Fleischkopf, rot, ist mir noch in Erinnerung.

“Ihr Drecksäue, ihr kleinen verdammten Schweine, hab ich euch endlich erwischt, was, habt wohl gedacht ihr könntet schlauer sein, wie? Euch werd ich...“

Walter, der gerade in seine Hosen springen wollte, bekam eine reingedroschen, so daß ihm Blut aus der Nase lief, und gleich noch eine. Walter verhedderte sich in seinen Hosenbeinen und fiel hin. Der Hausmeister stürzte auf Angelika los, aber wir anderen hatten inzwischen die Klamotten überstreifen können, es war Sommer, wir trugen nicht viel. Es gelang uns zu türmen, auf die Straße, er setzte uns nach, unvergessen das Geräusch seiner Schuhe auf dem Asphalt, ein Geräusch, an das ich mich gut erinnere.

Ein Geräusch auch, daß ich später noch oft zu hören bekommen sollte.

Er krallte schließlich Angelika.

“Hab ich dich, du Drecksau, du Miststück, du kleine Hure, na dir werd ich... und er packte sie, hob ihr den Rock hoch und schlug ihr auf den Hintern. Angelika schrie und weinte und wimmerte, als er einige Male zugeschlagen hatte. Wir anderen überwanden unsere Furcht und Walter warf einen Stein nach dem Hausmeister, der von Angelika abließ und uns erneut verfolgte. Glücklicherweise gelang es uns endgültig abzuhauen.

Stunden später erst schlichen wir uns nach Hause und “zu Hause“ saß er dann schon, in unserer Küche, der Hausmeister, ehrbarster Beruf aller Deutschen, am Küchentisch meiner Eltern. Sie schnitten alle furchtbar wichtige Grimassen, zerschnitten damit die drückende Stille. Vater meinte, ich müßte einsehen, daß ich jetzt bestraft werden würde...


Was ist normal?
Ein normaler Mensch
tut lebenslang
nicht was er will.
So stark genießt er die
Pflicht. Je besser
es ihm gelingt, nicht
er selber zu sein,
desto mehr bekommt er.
Mit 65 wird der normale
Mensch pensioniert
(auf Antrag mit 63).
Jetzt hat er Zeit für sich
doch hat er sich
leider vergessen

Heiner Kipphardt
"März"


Am nächsten Tag mußten wir Kinder unter Aufsicht des Hausmeisters und einiger Mütter den Dachboden wieder “aufräumen“, denn jede Familie hatte ein Feld markiert bekommen, für ihren Besitz. Es durfte nichts durcheinanderkommen, beim abgelegten Eigentum, Die Ordnung war wiederhergestellt.

Ich bin wieder in dieser Gegend,
manchmal ein bischen müde,
vom Laufen, das seit damals angehalten hat.

Ein Streifenwagen biegt um die Ecke. Hält am Häuserblock, nebenan.
Es dauert eine Zeit, bis ich erkenne, wer da aussteigt und mich aufmerksam trachtet.

Vor mir steht Walter. Er trägt eine frisch gewaschene Uniform, weiße Dienstmütze, Landeswappen am Oberarm und eine furchtbar wichtige Miene. Es scheint, als überlegt er, ob er näherkommen soll, oder einfach so tun, als hätte er mich nicht gesehen. Fluchtversuch?

Was haben sie mit ihm gemacht?

Meine Augen klammern sich schon zu fest an ihn, als daß er ohne Erklärung hätte ausweichen können.
"Ja, sowas, das man dich mal wiedertrifft, wie gehts dir denn, was machstn so?"

(Was machstn so? Was mnachstn so?)
Eine der Fragen, die mich von allen Fragen, die gestellt werden könnten, am meisten trifft.
Was will er wissen? Was kann er verstehn?
Interessiert ihn, daß ich radikaler Verweigerer geworden bin? Nichts mehr zu tun haben will, mit allem?

Soll ich ihm sagen, kann ich ihm sagen, daß ich alles in meinen Möglichkeiten stehende tun werde, jene, die andere foltern, quälen, demütigen, verwalten, vergewaltigen, einen längst fälligen Tritt verpassen? Kann ich ihm sagen, daß ich aus der Schiene geglitten bin, den Pfaffen beispielsweise und unzähligen wie Stechmücken herumschwirrenden Christkindern, mit dümmlichen Wunschzetteln im Maul, Ordensschwestern in diversen Kinderzuchtanstalten und barmherzigsten Krankenhäusern, dann fressenden Zombies und Karl-Heinz-Köpcke, Nikoläusen, Pförtnern und Osterhasen, den halbnackten Puppen aus Holz, die schrecklich daherstarren, mit Blut an Händen und Füßen, was mich schon als Kind bis zur Unerträglichkeit verängstigte, Goethes kraftloser Schul-Faust schließlich und gänsehäutender Schultafeln, Stechuhren und Psychiatern, vom allem aber jenem völlig ausgetickten FAZke namens Gott, der alles absaufen läßt, nur weil n paar Leute halt mal gern nen Spaß haben wollen, schließlich und endlich dem Frau Antje und ihrem Schimmel aus Holland und neuerdings auch ganz gewiß dem Joschi Fischi mit seinen reformverseuchten Turnschuhen.

Kann ich ihm sagen, daß ich mich zu wehren begonnen habe, daß ich es nicht ausdrücklich für andere tue. Nicht aus übertriebenen Altruismus, oder weil ich mir dabei sehr gefalle.

Nicht weil ich Rubin Hood sein will, oder Karl Marx.

Wird er verstehen können, wenn ich ihm von der zermürbenden Kluft in mir erzähle, die dadurch entsteht, daß ich mich mit den Menschen, der Natur, und der Geschichte versöhnen würde, gleichzeitig es aber nicht fertig bringe mich in meine lkea-Couch zu versenken, um von dort mit wohlwollender und kritisch-betagter Miene die Geschehnisse dieser Welt zu dokumentieren. Eine Kluft zwischen der Liebe am Leben und dem Wissen dieser Liebe niemals begegnen zu können, solange auch nur ein einziger Mensch um des Profits anderer willen zu leiden hat.

Wird er verstehen, daß ich dieses Leben ganz für mich allein gewählt habe und mich dennoch auf andere beziehen kann. Einen Ausgleich spüre, zwischen meinen Bedürfnissen und den Bedürfnissen anderer? Er wird wohl nicht verstehen, daß ich nicht Egoismus meine.

“Mein Leben gehört nur mir allein. Aber es wird nicht von mir bestimmt, die Lebensbedingungen bestimmen andere. Den Kampf um meine Selbstbestimmung führe ich mit anderen. Ich kann ihn auch nur gemeinsam mit anderen gewinnen.“

Du müßtest Dich doch noch erinnern! Du hast augenscheinlich aufgehört dich zu erinnern, nicht wahr?

Wenn Du fragst, was ich so irische, dann möchtest du nichts von mir wissen, dann möchtest du wissen, wie nützlich ich bin. Du willst wissen, welche Funktion ich übernommen habe, die diesen Laden stützt.

Soll ich Dir erzählen, daß ich alles menschenmögliche tue, um gerade nicht nützlich zu sein und wie schwer das vor allem ist. Wirst Du Dich denn noch erinnern können, an dein Erlebnis auf dem Dachboden, deine erste und so wie es aussieht auch letzte Hausbesetzung? Hat diese eine Ohrfeige eine solche Wirkung bei dir erzielen können, oder wie viele Ohrfeigen hast du noch einstecken müssen, daß du zum Polizisten geworden bist, zum Hausmeister der Herrschenden?

Weißt du, ich kann mir vorstellen, wie das kam. Du wirst geglaubt haben, es sei etwas ausnehmend Gutes für Recht und Ordnung zu sorgen. Menschen zu beschützen, Gewalt zu verhindern, die Cartwrights haben das ihre dazu getan, ein Leben in Gerechtigkeit, wie John Wayne? Du warst sehr idealistisch. Aber du hast dich wahrscheinlich bis heute nicht gefragt, wessen Recht und Ordnung. Du hast bis heute wahrscheinlich nicht erkannt, daß Du gemacht worden bist, so wie ich, so wie alle anderen auch.

Würdest Du wirklich verstehen, wenn ich Dir sagen würde, was ich mache? Du müßtest mich festnehmen.

“Legal-ilegal-scheißegal... heißt die Parole, die ein neues Bewußtsein von Recht und Unrecht auslöst.“

Verweigern, mein Lieber, bedeutet nicht nur NEIN zu sagen, sondern heißt auch Entzug, “ihnen“ nichts mehr zu geben von mir, sondern zurückzuholen, was sie uns täglich abpressen.

“Dazu gehören Klauen, Plündern, Schwarzfahren, Häuser besetzen, Volksstrom benutzen, Krankfeiern. Was wir brauchen, müssen wir uns nehmen, Kampfformen, die die Herrschenden treffen, ihnen schaden, sie lächerlich machen, Strukturen aufdecken, sind Schritte organisierten Handelns“.

Sich verweigern heißt Handeln.

“Dies kann z. B. heißen, die kleinen Feinde des Volkes (Werkschützer, Meister, Ärzte, Wohnungsmakler, Hausbesitzer, Bullen, Ämterbürokraten usw.) nicht nur propagandistisch, sondern ganz persönlich anzugreifen und ihnen ihr Handwerk zu legen.“

“Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht, Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht.“

“Ich studiere“
“Du studierst?“
“Ja, ich studiere“
“Was denn?“
“Soziologie“
“Und da kannst du was werden?“

(Was kann ich werden, was kann ich sein? Für ihn bin ich noch nichts! Wenn Du wüßtest, wenn Du nur ahnen würdest, was ich bin)

“Wenn Du Berufsaussichten meinst, da siehts nicht gut aus. Vielleicht Lehrer.“

“Wer kennt nicht den Lehrer, der sich für den Schulstreß statt mit einer Bombe mit einer mehrwöchigen Erholungsreise auf den Spuren des europäischen Kolonialismus revanchiert, um sie dem nachsetzenden neokolonialen Massentourismus zu erschließen.(...) Daß Ulrike durch Verrat aus den Reihen der nunmehr verbeamteten Linken ans Messer geliefert werden konnte, ohne daß es zum Eklat kam, eindrucksvoller hätte sich der moralische Verfall nicht inszenieren lassen.“

“Lehrer? Na das paßt ja zu Dir, Du hast damals ja schon immer viel Bücher gehabt.“
“und Du?“
“Was?“
“Was ist mit Dir?“

"Mir gehts gut, wie du siehst. Bin halt bei der Polizei gelandet. Aber du mußt nicht falsch denken, ist halt ein sicherer Job, war erst arbeitslos, weißt du, bin auch verheiratet, hab zwei Kinder, inzwischen, und ich hatte ganz schön Glück, denn ich hab die Wohnung meiner Eltern gekriegt, die sind woanders hingezogen. Ist wirklich ein guter Job bei der Polizei."

(Bilder von schreienden Menschen, die Frau auf dem Boden, die Frau, die von vier “Polizisten“ in den Unterleib getreten wird, “Du fickst nicht mehr“, der Beamte, der einer Frau seinen Knüppel zwischen die Beine schlägt, von hinten, der Mann, der im Polizeipräsidium an den Handschellen durch das Treppenhaus geschleift wird, der Mann, dem sie mit einem Holzknüppel in die Hoden stechen, natürlich so, daß es niemand sieht, blutige Köpfe dann von Menschen, Menschen die Galle spucken, vom Gas, Bilder von Hubschraubern die Granaten in die Menge schießen, Gasgranaten auf Würstchenbuden, auf die Rot-Kreuz-Station, auf Kinderwägen, Bilder von Wasserwerfern, die in die Menge rasen, ohne auf die Menschen zu achten, Bilder von stundenlangen Kesseln, rechtswidrig, aber wen juckts, Bilder von Hausdurchsuchungen, selbstverständlich ohne Durchsuchungsbefehl, weil stets Gefahr im Verzug ist, zertrümmerte Wohnungen, zertrümmerte Seelen, Bilder von Verhören, nachts, bei denen Frauen Vergewaltigung angedroht wird, wenn sie nicht sprechen...
Bilder... Bilder... und Stimmen...
nicht mehr wegzudenkende Stimmen.)

“Hast du keine Angst, mal bei so Sachen eingesetzt zu werden, wie kürzlich in Wackersdorf,oder Brokdorf?“ Er schaut mich bei dieser Frage sehr aufmerksam an, ich trage schwarze Jacke und schwarze Motorradhosen.

“Angst? Nee, Angst nich, ich bin doch dafür da, daß das Gesetz eingehalten wird und tu nur meine Pflicht. Außerdem müssen ja die, die schwerste Gewalttaten begehen auch bestraft werden, nicht, dazu bin ich da. Ich habs eigentlich ganz gut erwischt. Ich arbeite im Osten, weißt du, kennst das Viertel ja, hab da nen Schreibtischjob, ganz gut, kann ich nur sagen.“
“Im Osten? Das ist doch aber eigentlich ein recht unruhiges Viertel.“
“Ja, ist manchmal ganz schön heiß, kann ich dir sagen, das kommt davon, daß da fast nur Türken wohnen, und und Ausländer und Kommunisten halt.“
‘‘Wie?“
“Ja, da gibts nur Türken, Ausländer und Kommunisten, Kommunisten sind Leute, die in so Wohngemeinschaften leben. In einer Kommune eben.“
“Ach so, solche.“
“Ja, mit denen haben wir ganz besonders viel zu tun. Gerade wegen Wackersdorf und so, besprühen da auch die Wände und so...‘‘
“Ach so, ja, dann...“

"Ich würde Dir das gern mal näher erklären, weil ich sehe, daß Dich das interessiert, aber ich hab nur kurz Mittagspause und meine Frau hat Essen gemacht, aber wenn Du mal wieder hier bist, dann meld Dich doch mal."
‘‘Weiß nicht, vielleicht.“
“Wir könnten dann mal von früher reden, und von all den Sachen.“
‘‘Ja, vielleicht, ja...“
"Ja, Servus dann..."
“Machs gut.“

Er schließt jetzt erst die Tür des Streifenwagens ab, unter dem Schnauzer steht wieder ein unverbindliches und wie mir scheint, leicht befreites Lächeln. Er hebt als Gruß nochmal kurz die Hand und streift mit seinem Blick wieder meine Jacke.

“Angriffe gegen zentrale staatliche Institutionen halten wir zur Zeit für politisch unmöglich Wir können die Machtfrage nicht stellen! Wir führen keinen Krieg! Wir stehen vielmehr immer noch am Anfang eines langwierigen, mühseligen Kampfes um die Köpfe der Menschen - nicht in irgend einer militärischen Etappe um einen militärischen Sieg! Wir bezeichnen dies als Defensivstrategie, wenngleich der Kampf für uns durchaus offensiv sein kann.“

Walter und ich schaun uns nochmal in die Augen, kurz, Bruchteile von Sekunden nur, ganz flüchtig, wird sie sichtbar, die Spur von Erinnerung auch in seinem Gesicht, eine Nuance im Zucken feiner Muskelstränge um die Augen, der Blick löst die Zeit auf, verwischt unversöhnliche Grenzen.

Für einen Hauch von Augenblick stehen da zwei Kinder neben uns, und schaun sich lachend an, ha, wir haben ihm wieder eins ausgewischt, dem Hausmeister,

bevor wir uns
jeder für sich
umdrehn
und auseinandergehn.