von Sumsel Bobbeck
Ich bin nicht oft hier.
Ein Gefangenenlager, das ohne
Mauern und Stacheldraht auskommt, ohne Wärter und Wärterin, ohne Waffen, das
nicht einmal Videokameras braucht, weil es sich auf seine Gefangenen verlassen
kann. Verlassen darauf, daß die Männer dieses Lagers die Frauen unterdrücken,
die Männer sich gegenseitig nichts zu sagen haben und die Frauen schweigen,
verlassen darauf, daß sie dem stummen und überaus gewalttätigen täglichen
Zwang gehorchen werden, obwohl das Lager frei zu- und abgänglich wäre.
Im Grunde müßte ich diese
Menschen lieben können, weil ich sie trotz der verronnenen Zeit noch immer
zu kennen glaube, ebenso wie die Pappeln, die mit mir gewachsen sind, aber
rechtzeitig, bevor eventuelles Leben in ihren Kronen würde wuchern können,
um ihre prächtigsten Äste gestutzt wurden.
Ich merke, wenn ich hier durch
die Straßen gehe, vorsichtig, um nirgends meine Erinnerungen anzustoßen, denn
das wäre schmerzhaft, daß diese Menschen einen “Teil meiner Geschichte“ ausmachen
und wir vieles gemeinsam haben.
Auch wenn dieses ‘Gemeinsam‘
ein Fremdwort ist. Und ich merke, daß ich mehr als nur ein Fremder geworden
bin.
Als käme ich aus einer gänzlich
anderen Welt werde ich bewundert von wenigen, bemitleidet, ängstlich und argwöhnisch
belauert, oder, in letzter Zeit zunehmend gehaßt.
Wenn ich sage hier, dann meine
ich diese sechs Mietskasernen, Marke "sozialer Wohnungsbau", in
denen 192 Familien in Wohnhaft genommen wurden. Sechs Fabriken, in sich unterteilt
in Erholungs- (Wohnzimmer), Versorgungs- (Küche), Menschenproduktions- (Schlafzimmer),
und Weltbildabteilungen (Fernsehapparat), von denen mit mehr oder minder hoher
Effektivitätsrate die Wiederherstellung der Arbeitskraft produziert wird.
Schließlich brauchen die anderen Fabriken ihr Humankapital, erholt und funktionstüchtig.
Von den 192 Gemeinschaftszellen
aus, lassen Menschen sich vom stummen Zwang täglich durch Tunnel, Röhren und
Schächte jagen, an die modernen Opferstätten. Dort, an den Altären der Wirtschaftlichkeit,
des Profits, der Konkurrenz, des Fortschritts, haben sie sich lebenslänglich
auszuliefern.
Und die Gefangenschaften nehmen
kein Ende. Auf der Parkgarage sehe ich Mittelklassewagen, die sich in dieser
Wohnhaftsiedlung niemand “leisten“ kann, in den Wohnzellen stehen nur unerheblich
sich voneinander unterscheidende Schränke, Polstergarnituren, Kücheneinrichtungen,
Doppelbetten, Videogeräte, Kinderzimmer. Für diese Zelleneinrichtungen lassen
sich die Männer und Frauen des Lagers Geld aufschwätzen, von den Banken, für
die sie oft mehr als ein Jahrzehnt in die Fabriken gezwungen sind. Sie kaufen
chemieverseuchtes Essen, weil sie anderes nicht bezahlen können, sie zahlen
Miete, weil sie es dulden, daß Raum, um als Mensch zu leben, das Eigentum
anderer sein darf, sie zahlen Versicherungsbeiträge, weil sie sich selbst
nicht helfen können, sie sitzen allein in ihren Zellen. Das Traurige daran
ist, daß sie sich frei fühlen, weil sie alle Jahre wieder ein Kreuzchen machen
dürfen, was ihnen das Gefühl von Wichtigkeit verleiht und doch so gleichgültig
ist.
Trauer ist es, weswegen ich
dann immer wieder die Spurensuche beginne. Spuren der Hoffnungen, die in diesen
192 Gemeinschaftszellen zerrieben wurden. Trauer, um die noch immer brach-liegenden
Möglichkeiten, dieses mörderische “System“ und Leben abzuschütteln ... Trauer,
weil jede/r dieser Menschen mit so viel Eifer begonnen hatte “leuchtende Pfade“
zu beschreiten, und diese Pfade in vielfacher Gefangenschaft endeten.
"Viele
von ihnen haben schon längst im Herzen mit diesem Staat gebrochen, trauen
sich nur keine eigenen Schritte zu tun."
Trauer darüber, daß sie in
ihren Zellen sitzen und warten... warten..., bis dieses mühselig sich dahinschleppende
Leben ein Ende findet.
Trauer darüber, daß so wenige
davongekommen sind, erstmal nur räumlich, und zurückschlagen.
Warum das so ist, suche ich
dort zu finden und deshalb komme ich manchmal doch hierher. Ich suche in meinen
Bildern, zwischen den Mülltonnen beispielsweise, die belanglos dastehen in
diesem grauen, kleinen Häuschen, in dem wir als Kinder mit Tennisbällen Fußball
spielten und uns einen Dreck um das Verbot scherten, dort nicht spielen zu
dürfen. Auch den Spielplatz holten wir uns, der umzäunt ist, noch ein Knast
im Knast, und nur zu bestimmten Tagen und Zeiten geöffnet. Selbstverständlich
war das Betreten des Rasens verboten, und das Lärmschlagen, und das Laufen,
und das Ballspielen, und die Liebe, jede nur denkbare Lebensäußerung.
Ich merke dann, wenn ich durch
diese Straßen gehe, in denen mir jeder Pflasterstein vertraut zu sein scheint,
während ich die Fenster der Häuser betrachte, daß ich das Kind, daß ich einmal
gewesen hin, glücklicherweise noch nicht verloren habe.
Den Angstschweiß beispielsweise,
der uns wegen der Verfolgung durch die Hausmeister auf der Stirn stand, diesem
Angstschweiß der Freiheit, ist mir sehr vertraut geblieben. Wir wußten damals
ganz gut von selbst, was für uns gut war. Wir brauchten dazu keine Parlamente,
keine Wohlfahrtsinstitute, keine Werbeindustrie oder Pfaffen, auch keine revolutionären
Floskeln. Das grenzte schon ans Traumwandlerische, wie wir uns täglich das
lebensnotwendige Quentchen Freiheit erkämpften.
Auch das verbindet das Kind
und mich noch heute.
Manchmal gehe ich auf den
Dachboden, stelle mich zwischen die sorgsam abgedeckten Möbel und es beschleicht
mich wiederum ein sehr bekanntes Gefühl. Und ich muß lächeln, ein ganz tiefes
beruhigtes Lächeln.
Hier auf diesem Dachboden
hatte ich das erste Mal in meinem Leben empfunden, was es bedeutet ihnen davongekommen
zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit. Was das bedeutet, keine von den Hausmeistern,
Eltern, Lehrmenschen gesetzten Regeln mehr befolgen zu müssen.
Was es bedeutet, eigene Regeln
aufstellen zu können, die auf einem gemeinsamen Willen entstehen, aus der
Verantwortung für die Menschen, die das mit mir teilten. Wir waren schon sehr
verantwortlich, wir Kinder, denn dieser Dachboden war der erste “rechtsfreie“
Raum unseres Lebens.
Der Speicher lockte uns Kinder
mit geheimer Anziehungskraft. Innerhalb der weißen Linien, die die Abschnitte
für die einzelnen Familien markieren sollten, sammelte sich der ganze triste
Bodensatz dieser Lebenskultur, ausrangiertes, weggeschobenes, der Mode geopfertes,
abgelegtes, Schrankwände und Sessel, Nierentische und Bügelbretter, Glaskugellampen
und Klamotten, Besteck, Spielzeug, Geschirr, Tücher, Bücher und Stehlampen,
Nachtkästchen, Ehebetten und Holzverschalungen, Vogelkäfige, Schuhe, Nachtgewänder
und Blumentöpfe, Fotoalben, Tagebücher, Fernsehapparate, Teppiche, Fahrräder,
Roller, Ritterburgen und Marmorfiguren. Und über allem ein feines Leichentuch
aus Staub.
Walter, der Junge aus unserer
Bande mit dem hausmeisterherzinfarktfördernsten Idee, ein Junge, den ich für
seine kompromißlose Freiheitsliebe sehr heimlich bewunderte, schlug vor, unser
Aktionsfeld von den verbotenen Wiesen der abgearbeiteten Wohnhäftlinge auf
den Dachboden zu verlagen. Dort würde ohnehin kaum jemand vorbeikommen, denn
kein Mensch wühlt in abgelegten Erinnerungen, so lange es neue zu kaufen gibt.
Und so kam es, daß von allen
Vernünftigen unbemerkt, sich auf dem Speicher einer dieser Mietskasernen wieder
etwas zu regen begann. Schrankwände rückten zu kleinen Burgen zusammen, aus
Tischen und Sesseln wurden Berge und Täler und Höhlen, Quadrate aus Würfeln.
Licht und Farben und jede Menge geheimnisvoller Kleidungsstücke. Eine verwunschene
Welt war da entstanden, bevölkert von Prinzen, Feen, Elfen, von Hexen, Teufeln,
Kobolden und Rittern, von Prinzessinnen, Baronessen und Königen, von Ärztinnen
und Chemikerinnen.
Damit wuchsen auch die Träume
und es wurde reichlich voll dort oben, auf dem Friedhof bürgerlicher Bedürfnisse.
Bill Bo und seine Bande, die rote Zora und ihre Bande, um Knopf und Lukas
der Lokomotivführer, Pippi Langstrumpf und Winnetou und unzählige weniger
berühmte Gespenster.
Sie alle gaben sich ein Stelldichein
und keinem von all diesen Besuchern und Besucherinnen hatte etwas dagegen,
wenn wir uns vorsichtig auszogen, versteckt in einer der Höhlen und uns nach
langem Ansehen irgendwann auch trauten zu berühren. Wir fühlten tagelang schlechtes
Gewissen und Neugier, bevor wir Vertrauen zueinander fanden. Erst dann wurde
das gegenseitige Betasten schön, ohne Angst.
Auch nachts sind welche oben
gewesen, wahrscheinlich die Älteren, die davon wußten. Wir bemerkten das an
der Unordnung, die sie hinterließen, an zerwühlten Decken und an den Flecken.
Zwei hatten wir mal erwischt..., morgens, wir hätte gerne zugesehen, aber
die waren schnell verschwunden.
Die Zeit blieb stehen für
uns, dort oben, wir bewegten uns im zeitlosen Raum, während außerhalb unserer
“Trauminsel“ die männlichen und weiblichen Ribosomen staatlicher Keimzellen
weiterhin von Gefangenschaft zu Gefangenschaft gejagt wurden, und sich gegenseitig
jagten, verfolgt, überwacht und ausgepreßt von einem Heer von Vermietern,
Hausmeistern, Werkschützern, Beamten, Polizisten, Bankmanagern, Abteilungsleitern,
Sektionsleitern, Inhabern, Vorarbeitern, Ärzten, Psychiatern und... und...
und...
Dem Hausmeister muß unser
Abtauchen merkwürdig vorgekommen sein. Wo waren sie hin? Die fünfzehn Kinder,
die seine Herzklappen so gefährdeten? Es mußte ihm aufgefallen sein, daß etwas
nicht stimmte.
Diesem Hausblockmeister, Hauswart,
Blockwärter!
Wir hatten uns nicht abgesichert.
Damals bauten wir noch keine Barrikaden, hatten auch nichts in den Händen,
womit wir wirksam hätten drohen können, um uns die Träume zu erhalten. Wir
waren selbstvergessen glücklich und ohne jede Strategie.
An jenem Tag lagen mehrere
Matratzen nebeneinander und wir darauf. Wieder knöpften wir uns gegenseitig
die Hemden und Blusen auf, so viel trauten wir uns schon. Die Kleider lagen
bald im Raum verteilt und wir betrachteten uns erst lange, wie wir das immer
taten. Lagen nur da, während es schien als würden tausend von Ameisen über
unsere Körper huschen. Wir hatten Gänsehäute, davon...
Und deswegen müssen wir ihn
überhört haben, den Hausmeister.
Breitbeinig stand er in der
Tür, wie alle breitbeinigen Männer, die glauben sie wären wichtig. Ein blauer
Overall, ein dicker kurzer Hals, ein Fleischkopf, rot, ist mir noch in Erinnerung.
“Ihr Drecksäue, ihr kleinen
verdammten Schweine, hab ich euch endlich erwischt, was, habt wohl gedacht
ihr könntet schlauer sein, wie? Euch werd ich...“
Walter, der gerade in seine
Hosen springen wollte, bekam eine reingedroschen, so daß ihm Blut aus der
Nase lief, und gleich noch eine. Walter verhedderte sich in seinen Hosenbeinen
und fiel hin. Der Hausmeister stürzte auf Angelika los, aber wir anderen hatten
inzwischen die Klamotten überstreifen können, es war Sommer, wir trugen nicht
viel. Es gelang uns zu türmen, auf die Straße, er setzte uns nach, unvergessen
das Geräusch seiner Schuhe auf dem Asphalt, ein Geräusch, an das ich mich
gut erinnere.
Ein Geräusch auch, daß ich
später noch oft zu hören bekommen sollte.
Er krallte schließlich Angelika.
“Hab ich dich, du Drecksau,
du Miststück, du kleine Hure, na dir werd ich... und er packte sie, hob ihr
den Rock hoch und schlug ihr auf den Hintern. Angelika schrie und weinte und
wimmerte, als er einige Male zugeschlagen hatte. Wir anderen überwanden unsere
Furcht und Walter warf einen Stein nach dem Hausmeister, der von Angelika
abließ und uns erneut verfolgte. Glücklicherweise gelang es uns endgültig
abzuhauen.
Stunden später erst schlichen
wir uns nach Hause und “zu Hause“ saß er dann schon, in unserer Küche, der
Hausmeister, ehrbarster Beruf aller Deutschen, am Küchentisch meiner Eltern.
Sie schnitten alle furchtbar wichtige Grimassen, zerschnitten damit die drückende
Stille. Vater meinte, ich müßte einsehen, daß ich jetzt bestraft werden würde...
Was ist normal?
Heiner Kipphardt
Am nächsten Tag mußten wir
Kinder unter Aufsicht des Hausmeisters und einiger Mütter den Dachboden wieder
“aufräumen“, denn jede Familie hatte ein Feld markiert bekommen, für ihren
Besitz. Es durfte nichts durcheinanderkommen, beim abgelegten Eigentum, Die
Ordnung war wiederhergestellt.
Ich bin wieder in dieser Gegend,
Ein Streifenwagen biegt um
die Ecke. Hält am Häuserblock, nebenan.
Vor mir steht Walter. Er trägt
eine frisch gewaschene Uniform, weiße Dienstmütze, Landeswappen am Oberarm
und eine furchtbar wichtige Miene. Es scheint, als überlegt er, ob er näherkommen
soll, oder einfach so tun, als hätte er mich nicht gesehen. Fluchtversuch?
Was haben sie mit ihm gemacht?
Meine Augen klammern sich
schon zu fest an ihn, als daß er ohne Erklärung hätte ausweichen können.
(Was machstn so? Was mnachstn
so?)
Was will er wissen? Was kann
er verstehn?
Soll ich ihm sagen, kann ich
ihm sagen, daß ich alles in meinen Möglichkeiten stehende tun werde, jene,
die andere foltern, quälen, demütigen, verwalten, vergewaltigen, einen längst
fälligen Tritt verpassen? Kann ich ihm sagen, daß ich aus der Schiene geglitten
bin, den Pfaffen beispielsweise und unzähligen wie Stechmücken herumschwirrenden
Christkindern, mit dümmlichen Wunschzetteln im Maul, Ordensschwestern in diversen
Kinderzuchtanstalten und barmherzigsten Krankenhäusern, dann fressenden Zombies
und Karl-Heinz-Köpcke, Nikoläusen, Pförtnern und Osterhasen, den halbnackten
Puppen aus Holz, die schrecklich daherstarren, mit Blut an Händen und Füßen,
was mich schon als Kind bis zur Unerträglichkeit verängstigte, Goethes kraftloser
Schul-Faust schließlich und gänsehäutender Schultafeln, Stechuhren und Psychiatern,
vom allem aber jenem völlig ausgetickten FAZke namens Gott, der alles absaufen
läßt, nur weil n paar Leute halt mal gern nen Spaß haben wollen, schließlich
und endlich dem Frau Antje und ihrem Schimmel aus Holland und neuerdings auch
ganz gewiß dem Joschi Fischi mit seinen reformverseuchten Turnschuhen.
Kann ich ihm sagen, daß ich
mich zu wehren begonnen habe, daß ich es nicht ausdrücklich für andere tue.
Nicht aus übertriebenen Altruismus, oder weil ich mir dabei sehr gefalle.
Nicht weil ich Rubin Hood
sein will, oder Karl Marx.
Wird er verstehen können,
wenn ich ihm von der zermürbenden Kluft in mir erzähle, die dadurch entsteht,
daß ich mich mit den Menschen, der Natur, und der Geschichte versöhnen würde,
gleichzeitig es aber nicht fertig bringe mich in meine lkea-Couch zu versenken,
um von dort mit wohlwollender und kritisch-betagter Miene die Geschehnisse
dieser Welt zu dokumentieren. Eine Kluft zwischen der Liebe am Leben und dem
Wissen dieser Liebe niemals begegnen zu können, solange auch nur ein einziger
Mensch um des Profits anderer willen zu leiden hat.
Wird er verstehen, daß ich
dieses Leben ganz für mich allein gewählt habe und mich dennoch auf andere
beziehen kann. Einen Ausgleich spüre, zwischen meinen Bedürfnissen und den
Bedürfnissen anderer? Er wird wohl nicht verstehen, daß ich nicht Egoismus
meine.
“Mein Leben
gehört nur mir allein. Aber es wird nicht von mir bestimmt, die Lebensbedingungen
bestimmen andere. Den Kampf um meine Selbstbestimmung führe ich mit anderen.
Ich kann ihn auch nur gemeinsam mit anderen gewinnen.“
Du müßtest Dich doch noch
erinnern! Du hast augenscheinlich aufgehört dich zu erinnern, nicht wahr?
Wenn Du fragst, was ich so
irische, dann möchtest du nichts von mir wissen, dann möchtest du wissen,
wie nützlich ich bin. Du willst wissen, welche Funktion ich übernommen habe,
die diesen Laden stützt.
Soll ich Dir erzählen, daß
ich alles menschenmögliche tue, um gerade nicht nützlich zu sein und wie schwer
das vor allem ist. Wirst Du Dich denn noch erinnern können, an dein Erlebnis
auf dem Dachboden, deine erste und so wie es aussieht auch letzte Hausbesetzung?
Hat diese eine Ohrfeige eine solche Wirkung bei dir erzielen können, oder
wie viele Ohrfeigen hast du noch einstecken müssen, daß du zum Polizisten
geworden bist, zum Hausmeister der Herrschenden?
Weißt du, ich kann mir vorstellen,
wie das kam. Du wirst geglaubt haben, es sei etwas ausnehmend Gutes für Recht
und Ordnung zu sorgen. Menschen zu beschützen, Gewalt zu verhindern, die Cartwrights
haben das ihre dazu getan, ein Leben in Gerechtigkeit, wie John Wayne? Du
warst sehr idealistisch. Aber du hast dich wahrscheinlich bis heute nicht
gefragt, wessen Recht und Ordnung. Du hast bis heute wahrscheinlich nicht
erkannt, daß Du gemacht worden bist, so wie ich, so wie alle anderen auch.
Würdest Du wirklich verstehen,
wenn ich Dir sagen würde, was ich mache? Du müßtest mich festnehmen.
“Legal-ilegal-scheißegal...
heißt die Parole, die ein neues Bewußtsein von Recht und Unrecht auslöst.“
Verweigern, mein Lieber, bedeutet
nicht nur NEIN zu sagen, sondern heißt auch Entzug, “ihnen“ nichts mehr zu
geben von mir, sondern zurückzuholen, was sie uns täglich abpressen.
“Dazu gehören
Klauen, Plündern, Schwarzfahren, Häuser besetzen, Volksstrom benutzen, Krankfeiern.
Was wir brauchen, müssen wir uns nehmen, Kampfformen, die die Herrschenden
treffen, ihnen schaden, sie lächerlich machen, Strukturen aufdecken, sind
Schritte organisierten Handelns“.
Sich verweigern heißt Handeln.
“Dies kann
z. B. heißen, die kleinen Feinde des Volkes (Werkschützer, Meister, Ärzte,
Wohnungsmakler, Hausbesitzer, Bullen, Ämterbürokraten usw.) nicht nur propagandistisch,
sondern ganz persönlich anzugreifen und ihnen ihr Handwerk zu legen.“
“Protest
ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht, Widerstand ist, wenn ich dafür
sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht.“
“Ich studiere“
“Ja, ich studiere“
“Was denn?“
“Soziologie“
“Und da kannst du was werden?“
(Was kann ich werden, was
kann ich sein? Für ihn bin ich noch nichts! Wenn Du wüßtest, wenn Du nur ahnen
würdest, was ich bin)
“Wenn Du Berufsaussichten
meinst, da siehts nicht gut aus. Vielleicht Lehrer.“
“Wer kennt
nicht den Lehrer, der sich für den Schulstreß statt mit einer Bombe mit einer
mehrwöchigen Erholungsreise auf den Spuren des europäischen Kolonialismus
revanchiert, um sie dem nachsetzenden neokolonialen Massentourismus zu erschließen.(...)
Daß Ulrike durch Verrat aus den Reihen der nunmehr verbeamteten Linken ans
Messer geliefert werden konnte, ohne daß es zum Eklat kam, eindrucksvoller
hätte sich der moralische Verfall nicht inszenieren lassen.“
“Lehrer? Na das paßt ja zu
Dir, Du hast damals ja schon immer viel Bücher gehabt.“
“Was?“
“Was ist mit Dir?“
"Mir gehts gut, wie du
siehst. Bin halt bei der Polizei gelandet. Aber du mußt nicht falsch denken,
ist halt ein sicherer Job, war erst arbeitslos, weißt du, bin auch verheiratet,
hab zwei Kinder, inzwischen, und ich hatte ganz schön Glück, denn ich hab
die Wohnung meiner Eltern gekriegt, die sind woanders hingezogen. Ist wirklich
ein guter Job bei der Polizei."
(Bilder von schreienden Menschen,
die Frau auf dem Boden, die Frau, die von vier “Polizisten“ in den Unterleib
getreten wird, “Du fickst nicht mehr“, der Beamte, der einer Frau seinen Knüppel
zwischen die Beine schlägt, von hinten, der Mann, der im Polizeipräsidium
an den Handschellen durch das Treppenhaus geschleift wird, der Mann, dem sie
mit einem Holzknüppel in die Hoden stechen, natürlich so, daß es niemand sieht,
blutige Köpfe dann von Menschen, Menschen die Galle spucken, vom Gas, Bilder
von Hubschraubern die Granaten in die Menge schießen, Gasgranaten auf Würstchenbuden,
auf die Rot-Kreuz-Station, auf Kinderwägen, Bilder von Wasserwerfern, die
in die Menge rasen, ohne auf die Menschen zu achten, Bilder von stundenlangen
Kesseln, rechtswidrig, aber wen juckts, Bilder von Hausdurchsuchungen, selbstverständlich
ohne Durchsuchungsbefehl, weil stets Gefahr im Verzug ist, zertrümmerte Wohnungen,
zertrümmerte Seelen, Bilder von Verhören, nachts, bei denen Frauen Vergewaltigung
angedroht wird, wenn sie nicht sprechen...
nicht mehr wegzudenkende Stimmen.)
“Hast du keine Angst, mal
bei so Sachen eingesetzt zu werden, wie kürzlich in Wackersdorf,oder Brokdorf?“
Er schaut mich bei dieser Frage sehr aufmerksam an, ich trage schwarze Jacke
und schwarze Motorradhosen.
“Angst? Nee, Angst nich, ich
bin doch dafür da, daß das Gesetz eingehalten wird und tu nur meine Pflicht.
Außerdem müssen ja die, die schwerste Gewalttaten begehen auch bestraft werden,
nicht, dazu bin ich da. Ich habs eigentlich ganz gut erwischt. Ich arbeite
im Osten, weißt du, kennst das Viertel ja, hab da nen Schreibtischjob, ganz
gut, kann ich nur sagen.“
‘‘Wie?“
“Ja, da gibts nur Türken,
Ausländer und Kommunisten, Kommunisten sind Leute, die in so Wohngemeinschaften
leben. In einer Kommune eben.“
“Ach so, solche.“
“Ja, mit denen haben wir ganz
besonders viel zu tun. Gerade wegen Wackersdorf und so, besprühen da auch
die Wände und so...‘‘
“Ach so, ja, dann...“
"Ich würde Dir das gern
mal näher erklären, weil ich sehe, daß Dich das interessiert, aber ich hab
nur kurz Mittagspause und meine Frau hat Essen gemacht, aber wenn Du mal wieder
hier bist, dann meld Dich doch mal."
Er schließt jetzt erst die
Tür des Streifenwagens ab, unter dem Schnauzer steht wieder ein unverbindliches
und wie mir scheint, leicht befreites Lächeln. Er hebt als Gruß nochmal kurz
die Hand und streift mit seinem Blick wieder meine Jacke.
“Angriffe
gegen zentrale staatliche Institutionen halten wir zur Zeit für politisch
unmöglich Wir können die Machtfrage nicht stellen! Wir führen keinen Krieg!
Wir stehen vielmehr immer noch am Anfang eines langwierigen, mühseligen Kampfes
um die Köpfe der Menschen - nicht in irgend einer militärischen Etappe um
einen militärischen Sieg! Wir bezeichnen dies als Defensivstrategie, wenngleich
der Kampf für uns durchaus offensiv sein kann.“
Walter und ich schaun uns
nochmal in die Augen, kurz, Bruchteile von Sekunden nur, ganz flüchtig, wird
sie sichtbar, die Spur von Erinnerung auch in seinem Gesicht, eine Nuance
im Zucken feiner Muskelstränge um die Augen, der Blick löst die Zeit auf,
verwischt unversöhnliche Grenzen.
Für einen Hauch von Augenblick
stehen da zwei Kinder neben uns, und schaun sich lachend an, ha, wir haben
ihm wieder eins ausgewischt, dem Hausmeister,
bevor wir uns