Vorspann

Das Libertäre Zentrum ist tot. - Es lebe das neue Zentrum! Am 1.9.89 tauchen wir wieder auf. Nach über einem Jahr haben wir jetzt neue Räume:
Hinter der Schönen Aussicht 11a, 6000 Ffm. Unterstützt uns durch Mitarbeit und Spenden.

Editorial

Tja, nun ist sie da - die erste Ausgabe der AFAZ. Wir hoffen, daß sie bei Euch gut ankommt. Falls ja, suchen wir Unterstützung bei Euch, indem ihr Euch inhaltlich beteiligt bzw. uns beim Vertrieb helft. Wer die AFAZ als Wiederverkäuferln vertreiben will, erhält ab drei Exemplaren 30% Preisnachlaß. Das gilt natürlich auch für Cafes, Buchläden, Infoläden, Zentren etc...

Wir haben die erste Auflage niedrig angesetzt, so daß wir erstmal bei einem Preis von 4.- D M drauflegen. Bei reger Nachfrage - hoffentlich auch viele Abos - müßte sich die Zeitung dann selbst tragen.

Die erste Nummer weicht von dem geplanten Seitenumfang von 40 Seiten ab, damit ein besseres Bild entsteht, wie wir versuchen, unser Konzept umzusetzen.

Regionalteile soll es erstmal nicht geben, gleichwohl suchen wir Kontakte zu Personen außerhalb des Rhein-Main-Gebietes, die unsere Zeitung unterstützen wollen.

Je nach Wunsch werden die Artikel persönlich, mit Pseudonym oder als Gruppe gekennzeichnet.

Menschen, die in den Knästen gefangen gehalten werden, erhalten selbstverständlich Freiabos.

Der Redaktionsschluß für die nächste Nummer ist Ende September.

Wir über uns

Im folgenden drucken wir auszugsweise unser AFAZ-Konzept ab, das Euch auf Wunsch in ganzer Länge zur Verfügung gestellt wird. Es ist das vorläufige Diskussionsergebnis einer Gruppe, die sich seit Ende 1988 um eine neue linksradikale Zeitung aus dem Rhein-Main-Gebiet heraus bemüht. Die “Kernredaktion“, die die Techniks regelt, besteht z. Z. aus drei Frauen und vier Männern. Es gibt keine spezielle Frauen- oder Männerredaktion, da wir den Anspruch haben, über alle Themen möglichst gemeinsam zu reden. Bisher (während der gesamten Vorbereitung der Nullnummer!!) war es noch nicht nötig, in getrennten Gruppen zu diskutieren.

Natürlich sind wir keineswegs ein geschlossenes Klübchen: Zu nennen sind hier alle noch freieren Mitarbeiterinnen: SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, PhilosophInnen, Fotograflnnen, SetzerInnen, DichterInnen und DenkerInnen...

Es gibt also viele Möglichkeiten der Mitarbeit bei unserer Zeitung. Was andere Menschen anbelangt, die jetzt noch dazukommen, stellen wir uns eine möglichst genaue Auseinandersetzung vor, anhand der wir uns näher kennenlernen. Wir versuchen in der Redaktion einen Diskussionsstil zu entwickeln, in dem bestimmtes autoritäres Gesprächsverhalten nicht mehr geduldet wird. Damit nichts falsch verstanden wird: Es geht nicht um ein seichtes, angepasstes und unkritisches Miteinander, sondern bei entgegengesetzten Meinungen um ein Gefühl von Grundsolidarität, von ein bißchen mehr Offenheit und Zuhören, letzteres vor allen Dingen. Als Beispiel für eine unserer Redaktionsdiskussionen sei der geneigten Leserin und dem geneigten Leser die Lektüre des Artikels "Wie die AFAZ zu ihrem Namen kam“ anempfohlen...

Die Gesamtredaktion begreift sich als eigenständige Gruppe; gleichzeitig ist sie integralen Bestandteil des zukünftigen anarchistisch-feministjsch-autonomen Zentrums in Frankfurt. Wir sind jedoch keineswegs das “Sprachrohr des Zentrums".

Politisches Selbstverständnis

Wir treten ein für eine herrschaftsfreie (anarchistische) und selbstbestirnmte (autonome) Gesellschaftsordnung. Dieser Utopie wollen wir sowohl durch politische Organisierung als auch durch persönliche Änderung jetzt schon näher kommen. Es gilt in einem sozialrevolutionären Prozeß ökonomische und patriarchale Strukturen der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen durch Menschen aufzubrechen und abzuschaffen. Wir wollen selbstbewußte Menschen mit “aufrechtem Gang“ werden, die in Freiheit und sozialer Gerechtigkeit und in Achtung der natürlichen Lebensgrundlagen zusammenleben. Mit dieser Zeitung wollen wir diesen Prozeß fördern und Menschen für den Kampf zur Erreichung dieser Ideen gewinnen.

Wir formulieren einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch auf die Selbstverwaltung aller Produktionsmittel und wenden uns gegen jegliche HERRschaftsstrukturen. Diese Fundamentalopposition gegenüber kapitalistischen und totalitär-sozialistischen Staatssystemen macht viele Menschen neugierig. Doch erst wenn sie das Gefühl haben, mit diesen Vorstellungen einer HERRschaftsfreien Gesellschaft nicht allein zu sein, kann aus dieser Neugierde gesellschaftsverändernder praktischer Widerstand werden. Fehlt die kollektive Perspektive und die “zähe Vernunft“, die ein schrittweises Vorgehen in Richtung Utopie rät, bleibt es meist bei wenig effektiven spontanen Revolten. Unsere Zeitung wird versuchen, Ausdruck der verschiedensten in diesem Sinne wirklich radikalen Lebensformen und Kämpfen zu sein. In ihr können diese unterschiedlichen Widerstandsformen und unser oft kränkliches Alltagsleben analysiert, aufeinander bezogen und miteinander vermittelt werden.

Menschen, Gruppen und Bewegungen sollen in ihrer Theorie und Praxis in kritischer Solidarität hinterfragt werden, inwieweit sie das Ziel einer selbstbestimmten, HERRschaftsfreien Gesellschaft befördern und ob bzw. inwiefern sich ihre Wege dahin unterscheiden.

Unsere Äußerungen von Lebensgefühlen (Kultur) sollen in ihrer ganzen Vielfalt Platz finden, um Leere, Vereinzelung und Perspektivlosigkeit zu durchbrechen. Was für Ängste sitzen da in unseren Köpfen, wenn wir nur zögernd über unsere Gefühle und Schwächen reden können und wollen?

Wen wollen wir ansprechen?

Die Antwort auf diese Frage ist erst mal kurz und einfach - nämlich alle Menschen - muß aber wahrscheinlich genauer erklärt werden, Immerhin wollen wir jedem Menschen die Chance auf Veränderung zugestehen...

Insbesondere wollen wir z. B. die versprengten radikalen Elemente erreichen, die in allen Ritzen und Ecken dieses Systems sitzen und - aus welchen Gründen auch immer - als Einzelwesen so vor sich hindämmern..

Dann natürlich alle die, die eh schon beinahe dazugehören und das von sich noch nicht wissen. Die Tastenden, die irgendwie, irgendwo echt checken, das etwas völlig beschissen läuft, die aber noch fern von Konsequenzen sind, die eben dabei sind, ganz vorsichtig so was wie Sehnsucht nach Freiheit zu spüren... Und letzten Endes alle diejenigen, die sich weder haben aufsaugen noch unterbuttern lassen, die immer noch nicht korrumpiert sind und deshalb immer weiter kämpfen und lachen und heulen und schreien und streiten und die trotz alledem unentwegt versuchen, sich ihr Leben Tag für Tag zurückzuerobern, die Widerstand meinen und nicht Protest.

Und dann sind da noch viele Gruppen, mit denen wir hoffen, über die Zeitung Diskussionen führen zu können. Alles, was sich da so linksradikal nennt: Neben Bürgerinis, Fundis und sich radikal nennenden Grüppchen innerhalb der Grünen stehen so merkwürdige Erneuerungsströmungen in der DKP, von denen einige mit den “Blauen in den Ortsbeirat Bockenheim" von sich reden machten und absolute Nonsensforderungen aufstellten. Und die Studies natürlich, denen der Streik geschmeckt hat und die Hunger auf mehr bekommen haben.

Wie wollen wir ansprechen?

Wenn Menschen und Gruppen unterschiedlichster Herkunft und Bereiche angesprochen werden sollen, brauchen wir natürlich auch eine Sprache, die weitestgehend verstanden wird. Deshalb werden wir versuchen, so wenig Fremdwörter wie möglich zu verwenden. Ebenso soll womöglich auf szeneninterne Abkürzungen, Floskeln und Inhaltsbezüge verzichtet werden, die wir nur aufgrund gemeinsamer Geschichte und Erfahrungen richtig interpretieren können. Durch Fußnoten sollen so entstehende Unklarheiten beseitigt werden...

Die Zeitung könnte, neben allen politischen Ansprüchen, auch Zeitung der Schreib- und sonstigen Lust werden, die mal ein bißchen unsere vom Kampf in den Metropolen verstaubten Gehirne durchpustet, in der nicht nur Informationen und Diskussionen oder Einschätzungen vermittelt werden, sondern in der gesponnen, gewitzelt und gekritzelt werden kann, die nicht nur ein privates Kampfverhältnis wiederspiegelt, sondern auch unser leider oft allzu privates Verhältnis zu Leben, Lust, Leidenschaft und Rattentanz.

Lust, die sich befreit, ist immer auch Angriff. Wäre natürlich schön, wenn diese Lust nicht nur auf das Schreiben beschränkt bliebe...

Ansatz der Zeitung wäre also unter anderem, ein bißchen mehr an Lebensäußerungen nach außen zu bringen, nicht auf einer extra "KünstlerInnen-" oder ‘Kulturseite“, sondern als integraler Bestandteil jedes Artikels.