Gegen Ende des vergangenen Jahres, insbesondere im Vorfeld der Tarifverhandlungen im sogenannten Gesundheitswesen, entstanden in den meisten größeren Städten Initiativen, Arbeitsgruppen und Aktionsbündnisse des Stationspersonals. Diese Organisierungsversuche bildeten sich neben der Gewerkschaft “Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“ (ÖTV) und orientierten sich teilweise an den Arbeitskämpfen der GesundheitsarbeiterInnen vor allem in Frankreich. (Ausführliche Berichte und Einschätzungen dazu bzw. auch zu den Kämpfen in Großbritannien, Italien, in der Zeitschrift Wildcat ab Nr. 44).
Der vorliegende
Erfahrungsbericht beschreibt Arbeits- und Wirkungsweise des Aktionsausschusses
der Frankfurter Krankenhäuser und Pflegeheime, der sich am 3. Dezember 1988
gründete. Es ist ein bewußt mikroskopischer Blick und kein Versuch die Gesamtbewegung
des Stationspersonals zu analysieren. Der Artikel beschränkt sich auf den
Aspekt der “autonomen Organisierung“ bzw. der Kampfmöglichkeiten, die von
diesem Aktionsausschuß ausgegangen bzw. verhindert worden sind. Die Aspekte
der Arbeitsbedingungen und der Umstrukturierung in den weißen Fabriken, die
Unmöglichkeit von “Pflege“ in Krankenhäusern überhaupt, und die damit verbundenen
völlig kaputten Begriffe von Gesundheit, Pflege und Leben mit kranken Menschen,
können nur am Rande gestreift werden. Es soll vor allem gezeigt werden, wieviel
auch die “Etablierten“ von den Streiks der französischen GesundheitsarbeiterInnen
gelernt haben und gegen eine “autonome Organisierung“ umzusetzen wußten, auch
wenn gleichzeitig mit den “Tarifauseinandersetzungen“ ein nur schwer einzuschätzendes
Selbstbewußtsein beim Stationspersonal erwacht zu sein scheint.
Die erste Äußerung, die ich
vom “Aktionsausschuß der Krankenhäuser und Pflegeheime in Frankfurt“ mitbekam,
war ein Aufruf vom 19. Januar 1989. Dieser wirkte ziemlich entschlossen und
zog mich von daher sehr an.
Ich hatte viel mitbekommen,
über den ganzen Bereich der “Pflege“ in den weißen Fabriken, mich über diesen
merkwürdigen Begriff “Pflegenotstand“ gewundert, der so selbstläuferisch durch
die Medien geisterte (Zentrale Pflege in High-Tech-Gesundheitsfabriken ist
immer ein Notstand - selbst bei besten Arbeitsbedingungen) und schließlich
bekam ich über Freunde und Freundinnen viel über die Arbeitsbedingungen mit,
von denen ich längst glaubte, daß diese überwunden wären.
Die psychischen Belastungen
einer 14-Tage-Woche, des darin enthaltenen, zermürbenden Wechsels von Tag-
und Nachtschichten, des Stresses, den Frauen in diesem Beruf mit permanenter
Anmacherei haben, der Konflikte mit den Ärzten, des akkordgemäßen Arbeitstempos,
des Umgangs mit Scheiße, Pisse, Eiter und Blut, Leichen, fIatternden Herztönen
und Patriarchen, des Operierens am Fließband, um die Profitrate der Professoren
zu steigern und all das zu denkbar miesester Bezahlung. An 16. Stelle in Europa)
(Natürlich wiegt kein Gehalt
diese Belastungen gänzlich auf).
Schließlich und endlich trug
ich auch eine festgelegte Vorstellung von den Menschen, die in den weißen
Fabriken arbeiten müssen, mit mir herum. Ich hinterfragte die Vorstellung
von den duldenden Männern und Frauen, die nur ihre HelferInnensyndrome ausleben
wollen, kaum. Für mich waren das Menschen, die es gut und human meinten und
deren Ideale sehr schnell an den besagten Bedingungen scheiterten, was dann
entweder einen Ausstieg aus diesem Beruf zur Folge hatte, oder aber die murrende,
schweigende und ganz individuell abgestimmte Anpassung.
Aus all diesen Gründen war
ich, als mir das Flugblatt des Aktionsausschusses in die Hände fiel, neugierig
geworden.
"Frankfurter Aktionsausschuß!"
Das klang nach Entschlossenheit
und Bewegung. Das paßte nicht in mein Bild der sanften Weißen. Hier wurde
signalisiert, daß nun Schluß mit diesem Bild und diesen Bedingungen sein soll.
Am meisten reizte mich aber
die Vorstellung, daß diese Menschen, die sich hier organisierten, ganz offensichtlich
der ÖTV nicht über den Weg trauten. Nur 10-15% des Stationspersonais ist in
der ÖTV organisiert. Streik- und Aktionsgruppen aber entstanden steppenbrandmäßig
in allen größeren Städten.
Eine mehr oder weniger spontane
Organisierung, unabhängig von der Gewerkschaft und damit nicht friedenspflichtig?
Und das hier im Lande der Vereins- und Parteimeierei, im Land der Vorstände
und Geschäftsführer, Satzungen und Statuten.
Und obendrein noch im Frankfurt
“postmoderner Versöhnlichkeit“, wie das ein Schreiber in der taz so auszudrücken
wußte.
Das war mehr, als ich mir
vorzustellen gewagt hatte. Und dann fiel mir dieser Aufruf in die Hände:
“Ziel und Aufgabe des Aktionsausschusses
ist es zunächst weitere Mitarbeiter und Mitstreiter (ich wußte bis dahin gar
nicht, daß in diesem Beruf so viele Männer arbeiten) für den Aktionsausschuß
zu gewinnen - vor allem aus bisher nicht vertretenen Häusern und Einrichtungen
- und weitere Aktionen zu planen.“
"Wir die Vertreterinnen
und Vertreter (Aha, also doch) der Einrichtungen im Aktionsausschuß wollen
versuchen, die unterschiedlichen Aktivitäten und Aktionen zu koordinieren
und zu kanalisieren.
Das Wörtchen "kanalisieren"
hatte ich bei dieser ersten Begegnung leider überlesen. Ich sollte noch recht
heftig daran erinnert werden. Stolpern ließ mich erst der nächste Satz, an
dem ich lange Zeit hängen blieb:
“Wichtig finden wir es auch,
die Gewerkschaft ÖTV oder besser deren Funktionäre mit an unseren Tisch zu
bringen. Ihre Mitglieder arbeiten schon im Aktionsausschuß mit.“
Etwas leichtfertig sagte ich
mir schließlich, das die ganze Sache wohl noch nicht ausdiskutiert ist, denn
die darauffolgenden Inhalte wichen erheblich von dem ab, was eine Gewerkschaft,
zumal eine deutsche, fordern würde.
Gut, ich sagte mir, daß es
mit Sicherheit in diesem Aktionsausschuß so zugeht, wie in allen Bündnissen,
ein Ziehen und Schieben verschiedener Strömungen um den “richtigen“ Kurs und
daß, da dieser Ausschuß sich erst gegründet hatte, alles noch offen war.
Und so machte ich mich auf,
mitten hinein in die Bewegung.
· Stellenplanerweiterungen aufgrund von Arbeitsverdichtung und
Arbeitszeitverkürzung,
Arbeitsinhalte
· Voraussetzungen schaffen, in denen wir ganzheitlich pflegen
können.
Finanzen
· Neuregelung der Anlage 1b des BAT; mindestens 2.000,-- DM netto
als Anfangsgehalt,
Freizeit
· Fünf-Tage-Woche
Sonstiges
· Einrichtung von Betriebskindergärten, -horten
Das Treffen, bei dem ich erstmalig
zugegen war, fand im Kantinenraum des Nord-West-Krankenhauses statt. Gekommen
waren etwa achtzig Menschen, meist Frauen. Viele dieser Menschen wirkten unsicher,
saßen schweigend und abwartend da, hatten offensichtlich auch Angst vor so
vielen anderen Leuten zu reden. Sie Iießen teilweise Dampf ab, erzählten von
ihren Stationen, und daß sie aus Betroffenheit und Neugierde gekommen wären.
Es entstand eine Atmosphäre des Tastens, des Sichkennenlernens. Für viele
war es mit Sicherheit das erste Mal, daß sie sich “politisch“ überhaupt betätigten.
Gestört wurde diese Stimmung
schließlich von einem Mann, der einen dicken Aktenordner mit sich schleppend,
sofort alle meine klassischen Vorurteile auslöste, die ich mir denken kann.
Er begrüßte die Anwesenden
recht professionell und forsch jovial mit den Worten:
“Ich bin dafür jetzt anzufangen,
also, ich möchte euch recht herzlich zur 4. ordentlichen Sitzung des Frankfurter
Aktionsausschusses begrüßen.“
Was war das denn?
Dann trug er noch einen gepflegten,
d. h. ausrasierten Vollbart, graue Hosen und ein kariertes Flanellhemd. Ein
beständiges, aber politikerhaft gefrorenes Lächeln ging ihm nicht aus dem
Gesicht, während er gleichzeitig äußerst bestimmt vortrug, was er für wichtig
hielt und unbedingt nach dem Abend als erledigt abgehakt hatte.
Für mich war klar, wer so
über die Bedürfnisse der anderen Leute hinweggeht, sofort die “Führung“ übernimmt,
daß muß einer von der Gewerkschaft sein, von einer Partei oder sonst so ein
Schnösel.
Es schien ihm völlig gleichgültig
zu sein, wie die Menschen, die im Halbrund saßen, auf ihn reagierten. Ihr
Schweigen wertete er prompt als Zustimmung und ging beständig weiter im Text.
Mit großen Gesten, beschwörend, auffordernd, zurückweisend, ganz smarter sanft
gewalttätiger Agitator, leitete er die Diskussion, an der von all den Menschen,
vielleicht 5-10 Leute teilnahmen.
Unterstützt wurde Michael
Altmann von Margit Kraich und Christoph Jentsch. Margit Kraich, Kandidatin
der Liste “Für das Europa der ArbeitnehmerInnen und der Demokratie‘ in der
Europawahl und Christoph Jentsch, Arzt und Personalrat des Nord-West-Krankenhauses,
bildeten mit Michael Altmann, der, wie sich später herausstellte SPD-Ortsvorstand
und ÖTV-Funktionär ist, das “Trio lnfernale“ des Frankfurter Aktionsausschusses.
Außer diesen Dreien redeten
noch Margarethe Nimsch von den “Grünen“, die ganz unverhohlen Wahlwerbung
praktizierte... "wenn wir erst eine rot-grüne Mehrheit geschafft haben..."
und Marianne Langen von den Grauen Panther.
Christoph Jentsch hielt endlose
Tiraden, warum wohl niemand etwas sagen würde und erklärte, typisch Arzt,
diesen Umstand auch gleich mit.
Es ging den Dreien an diesem
Abend darum, sofort Aktionsgruppen zu bilden. Die Tarifverhandlungen der ÖTV
würden vor der Tür stehen, also müßte “man“ sich beeilen und begleitende und
unterstützende Aktionen auf die Beine stellen. Nebenbei bemerkt hatte Michael
Altmann schon am ersten Versammlungsabend die Beitrittserklärungen der ÖTV
mitgebracht und verteilt.
Eine kritische Frau, die einwarf,
es müßte erst das Verhältnis zur ÖTV und zu den Parteien diskutiert werden,
bevor überhaupt an Aktionen zu denken ist, wurde recht brüsk vom Diskussionsleiter
Altmann abgebügelt. Er meinte das würde nicht zur Diskussion gehören, diese
Diskussion wäre jetzt verfrüht und würde den Aktionsausschuß zur Zeit noch
völlig überfrachten.
Am Ende des Abends galt denn
auch, im schlechtesten demokratischen Sinn, das als beschlossen, was nur von
drei Leuten als Vorschlag gekommen war. Der Rest der Menschen hatte es nicht,
bis auf wenige Ausnahmen, geschafft, eigene Positionen zu bilden, sondern
war förmlich gezwungen anhand der Vorgaben abzustimmen. Andere Wege der Organisierung
standen nicht zur Debatte. Natürlich fiel das den Leuten auch leicht, es ist
schließlich die gewohnte Form Politik zu betreiben, Zuhören, Schweigen und
Wählen, anhand eines festgelegten Rahmens.
Am Schluß der “Veranstaltung“,
als die Hälfte der Menschen schon gegangen war, erinnerte Altmann in die allgemeine
Aufbruchstimmung, daß noch ein Brief des Aktionsausschusses an die ÖTV unterschrieben
werden könne. Wer das wolle, könne das nun tun.
Natürlich stand der Inhalt
des Briefes als solches nicht zur Debatte. Er wurde am Anfang der Veranstaltung
kurz vorgelesen, es durfte anschließend nur unterschrieben werden. Ganz egal,
wie viele da unterschrieben, der Brief würde so immer eine offizielle Stellungnahme
des Aktionsausschusses sein.
Es war ein Brief, in dem die
Öffnung des Aktionsausschusses gegenüber der ÖTV hervorgehoben wurde, gleichzeitig
mit der Einladung an ÖTV-Funktionäre doch im Aktionsausschuß mitzuarbeiten.
Autonome
Ansätze?
Unmittelbar im Anschluß an
diese debakelreiche Veranstaltung gründete sich eine Gruppe, die sich gegen
diese Form von “Führung“ zur Wehr setzen wollte und bis zur nächsten “Sitzung“
ein Papier verfaßte. Darin wurden Forderungen an den Aktionsausschuß aufgestellt,
die selbstverständlich für ein Umgehen miteinander scheinen, den Bruch zu
etablierten Politikformen aber aufzeigte:
1. Tempolimit
Bevor in irgend einer Form
nach außen gegangen werden kann (Presse, Veranstaltung, Schriftverkehr) muß
die Arbeitsweise und Entscheidungsfindung innerhalb des Aktionsausschusses
diskutiert und beschlossen werden.
2. Entscheidungsprozesse
dürfen nicht durch vorschnelle,
weil inhaltlich nicht ausreichend diskutierte Mehrheitsentscheidungen verhindert
werden.
3. Sprecher/in
Genaue Bestimmung der Funktionen
eines/r Sprechers/in.
4. Adresse
Personenunabhängige Kontaktadresse
(wegen des Informationsvorsprunges, den sich Leute mit dem Sichten der Post
verschaffen könnten) und Offenlegung des bisher gewechselten Schriftverkehrs.
5. Gesprächsverhalten
Kooperatives Gesprächsverhalten
und wechselnde bzw. keine Diskussionsleitung.
6. Öffentlichkeit
Öffentliche Äußerungen, insbesondere
der Presse gegenüber nur nach vorheriger gemeinschaftlicher Beschlußfassung.
7. Regelmäßiges Führen eines
Protokolls.“
Die Forderungen dieser Gruppe
bezogen sich auf die Organisationsstruktur des Aktionsausschusses, nicht auf
den Inhalt der Forderungen des Aktionsausschusses an die Arbeitgeber. Diese
Forderungen wurden als das zunächst höchst möglich Erreichbare akzeptiert.
Die Reaktionen auf diese Vorschläge
waren so unterschiedlich wie die politischen Strömungen innerhalb des Aktionsausschusses.
Michael Altmann selbst schnappte gehörig nach Luft und die Diskussionsleitung
geriet ihm erstmals völlig aus den Händen. Das lag an den nunmehr 50% Mitdiskutierenden,
die sich teilweise sehr heftig einbrachten. Einige fanden die Vorschläge gut
und wichtig, andere meinten, sie fänden es gut, Protokoll zu führen, alles
andere wäre schon in Ordnung.
Wieder andere hatten das ganze
“Gelaber“ satt und wollten lieber an Aktionen reden. Eine Frau meinte, sie
hatte keine Lust darauf, daß der Aktionsausschuß in ein ähnliches Chaos gestürzt
werden würde, wie die russische Wirtschaft (?) und Altmann meinte, als er
die Sprache wiedergefunden hatte, daß diese Forderungen anarchistisch wären.
Beschlossen wurde schließlich,
diesmal nach ellenlanger Diskussion und nahezu einstimmig die Gründung einer
Arbeitsgruppe, die Vorschläge zur Struktur des Aktionsausschusses erarbeiten
sollte.
Im Anschluß an diese Versammlung
kam Altmann entnervt auf die Dissidentengruppe zu und sagte, man “müßte sich
mal in kleinerer Besetzung zusammenfinden und Lösungsmöglichkeiten diskutieren“.
Die Diskussion um die ÖTV und das müßten wir doch einsehen, wäre einfach zu
verfrüht, würde den Aktionsausschuß zu diesem Zeitpunkt überlasten. So weit
wären diese Menschen doch noch nicht, da müßten doch erst Bewußtseinsprozesse
anfangen.
War das nun das alte Spiel
in neuer Auflage. In Mikroform?
Das Angebot zur Regierungsbeteiligung?
Die Gruppe nahm, neugierig
geworden, dieses Angebot an.
Zu diesem Treffen kam denn
auch die Dreierbande des Frankfurter Aktionsausschußes, Michael Altmann, Margit
Kraich und Christoph Jentsch. Wieder wurden nur die verschiedenen Positionen
abgeklopft, zu einer Verständigung kam es nicht.
Jentsch versteifte sich auf
das Argument, daß öffentliche Äußerungen spontan erfolgen müßten, da sich
der Aktionsausschuß sonst selbst lähmen würde.
Das brüske Vorgehen der Drei
in den Versammlungen wurde mit dem immensen Zeitdruck legitimiert, unter dem
der Aktionsausschuß stehen würde, der sich durch die bevorstehenden Tarifverhandlungen
ergäbe.
So hielt Altmann eine Rede
auf einer Demo in Köln, ohne diese Rede vorher zur Diskussion gestellt zu
haben. Er hielt diese Rede aber ausdrücklich im Namen des Aktionsausschusses.
Dort fielen denn auch so denkwürdige
Sätze wie:
“Nur wenn wir selbst zur Kraft
werden, kann die Einheit aller Beschäftigten mit der ÖTV hergestellt werden
für die Durchsetzung unserer Forderungen. Unsere Einheit, das ist der Weg
zum Erfolg.“
Eine der wenigen Erfolge des
Verstoßes der Gruppe “Unabhängigkeit“ war die Tatsache, daß bei der nächsten
Versammlung tatsächlich der Ordner mit dem gewechselten Schriftverkehr durch
die Reihen gegeben wurde.
Dort waren Briefe an den Kreisvorstand
der ÖTV zu finden, die vor Gründung des Aktionsausschusses geschrieben worden
waren und die belegten, daß die Diskussion, die lt. Altmann und Jentsch den
Aktionsausschuß “überfrachten“ würde, längst geführt worden war.
Am 3.12. wurde der Aktionsausschuß
ins Leben gerufen. Am 4.11., also bereits einen Monat vorher, schrieb eine
Initiative zum Aufbau eines Aktionsausschusses an die ÖTV:
“Wir sehen
aber im Moment, daß gerade dieser Bereich erwacht (gemeint ist der unorganisierte
Bereich, d. Red.) und die Kollegen und Kolleginnen beginnen über ihre Arbeitsbedingungen
nachzudenken. Dieses Potential muß von der Gewerkschaft ÖTV erschlossen werden,
um eine nachhaltige Stärkung betrieblicher und damit gewerkschaftlicher Aktivitäten
in den Krankenhäusern zu erreichen.“
Und am 8.12. gabs wieder einen
Brief an den Kreisvorstand der ÖTV, aus dem folgendes Zitat stammt:
“Wir sehen
in der Initiative für einen Aktionsausschuß eine Chance, auch die unorganisierten
Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht zu den ÖTV-Betriebsgruppen oder zum
Arbeitskreis Gesundheitswesen kommen (das ist nun mal Faktum, den man bewerten
kann, wie man will) zu erreichen. Dabei diskutieren wir immer wieder über
die Notwendigkeit der Organisierung in der Gewerkschaft. Die zahlreichen Neueintritte
in den letzten Wochen belegen den Erfolg dieser Methode.“
Diese beiden Zitate sprechen
deutlich für sich. Soweit die Politik der Etablierten.
Aufbrüche?
Natürlich besteht der Aktionsausschuß
nicht nur aus dem Führungstrio und der diese stützende Fraktion.
Natürlich ist die Arbeit des
Aktionsausschusses breiter getragen, als die ÖTV das hätte tun können, wirken
dort ganz unterschiedliche Vorstellungen,
Und trotz der Knebelung des
Aktionsausschusses, trotz des unentwegten Starrens auf die Tarifverhandlungen
der ÖTV (Die Dreierbande fuhr regelmäßig als Delegierte zur ÖTV-Zentrale nach
Stuttgart, ohne jemals von irgendwem delegiert worden zu sein), entwickelten
viele Menschen in den Aktionen, an den Infotischen, während der Warnstreiktage
und Versammlungen politisches Selbstvertrauen und ganz beträchtlich viel Phantasie.
Diese politische Selbstvertrauen ist neu in diesem Bereich und könnte den
“Herrschenden“ vielleicht noch zu schaffen machen.
Eine Bettendemo, Fahrraddemo,
die Blockade einer Hauptverkehrsstraße in Frankfurt zeigten den Menschen,
daß sie etwas tun konnten, daß sie nicht gebannt nach Stuttgart blicken mußten,
warfen überhaupt auch ganz konkret die Frage auf, inwieweit die ÖTV ein Interesse
hat, das Stationspersonal zu ver-Treten. Es wurde durch diese vielfältigen
Aktionen die Lust am Selbstbewußtsein geweckt.
Eine problematische Sache
für die Herrschenden, denn genauso wie die ÖTV anfänglich daran interessiert
war, als Statisten ihrer Politik möglichst viele auf die Straße zu bekommen,
war sie jetzt daran interessiert, das Aufbegehren der Leute wieder zum Schweigen
zu verordnen. Die Warnstreiks nahmen der unabhängigen Bewegung den Wind aus
den Segeln, da sie sich an die Vorgaben den ÖTV halten mußte. Ebenso wie die
ÖTV versuchte über die Köpfe der Menschen hinweg ihre Ziele durchzusetzen,
ist sie jetzt daran interessiert, daß alles wieder brav in den Krankenhäusern
verschwindet. Bis zu den nächsten Tarifverhandlungen.
Eine schwierige Gratwanderung,
die die ÖTV da unternimmt.
Wenn einmal erwachtes Selbstbewußtsein
läßt sich natürlich nicht wieder so leicht eindämmen.
Symptomatisch für diese neue
Lust am Selbstbewußtsein war die Blockade einer Hauptverkehrsader in Frankfurt.
Von Mund zu Mund wurde die Idee zu dieser Aktion weitergetragen und etwa vierzig
Leute in weißer Arbeitskleidung kamen denn auch, um die Straße dicht zu machen.
"Pünktlich um 17.00 h wurde angefangen, wie sich das für deutsche Pfleger
und Pflegerinnen gehört, die Wegezeiten nicht mit einberechnet," sagte
eine Krankenschwester aus dem Nord-West-Krankenhaus, die bei der Aktion dabeigewesen
war.
Den teilweise entnervten Automenschen
wurden Flugblätter überreicht, damit ihnen die Zeit im Stau nicht allzu lang
wurde. “Die Zeit ist überreif“ stand da zu lesen und verschiedenste Reaktionen,
die meisten aber solidarisch, kamen von den Passanten zurück.
Selbstverständlich fehlten
auch nicht die deftigen deutschen Autospießbürger, die freiem mit der freien
Fahrt, und auch nicht die Polizei, die mit einem ganzen Streifenwagen herbeigefahren
kam und höflich darum bat, doch bitte die Straße wieder freizugeben.
Als die Vertreter der Obrigkeit
auftauchten, zeigte sich ziemlich schnell auch der Bruch innerhalb des Aktionsausschusses.
Denn während Margit Kraich beflissen mit den beiden Polizisten diskutierte,
für einen Abbruch der Aktion stimmte und stets betonte, wie freundlich doch
die beiden von der Polizei wären, war von den anderen ein unüberhörbares "Scheiß
drauf!" zu vernehmen, “wir gehen weiter,“ was denn auch gleich in die
Tat umgesetzt wurde.
Als die Polizei den kleinen
Zug am Nibelungenplatz umleiten wollte, wechselten die Leute auf die andere
Seite des Grünsteifens und blockierten die dortigen drei Spuren. Die Polizisten
baten nun endgültig entnervt darum, doch wenigstens einen Fahrstreifen freizugeben,
was ein entschlossenes "Nö, lieber nicht" zur Folge hatte. Als der
nette Herr Polizist dann doch endlich mal die Personalien der den Zug anführenden
Leute haben wollte, gabs noch ein entschiedeneres “Nö“.
Margit Kraich, die noch immer
versuchte, zwischen den Herren von der Polizei und den demonstrierenden Leuten
zu vermitteln, stand schließlich im “Regen“, genauso wie Michael Altmann,
der sich während der gesamten Aktion mißmutig am Rand herumdrückte, immer
eifrig bemüht Einfluß auf den Ablauf der Demo zu gewinnen, was ihm aber mißlang.
Ein Vorgang, der hoffentlich symptomatisch für die Zukunft ist.
Und während Altmann in der
Folgezeit immer wieder “denkwürdige“ Sätze zum Besten gibt und von der Presse
auch stets als “Sprecher“ des Aktionsausschusses zitiert wird (So schrieb
beispielsweise die FAZ am 24.4.89: “Pfleger Altmann (Altmann war nie Pfleger,
d. Red.) umriß die Situation. Obwohl kein Vertreter der Gewerkschaft ÖTV gekommen
sei, gebe es keinen Gegensatz zwischen den organisierten Mitgliedern des Pflegedienstes
und dem Aktionsausschuß. Dieser solle die Einheit herstellen und auch den
Unorganisierten eine Stimme geben..."), begann unterhalb der von Altmann
produzierten “offiziellen“ Ebene des Aktionsausschusses dieses unübersichtliche
Geflecht von Gefühlen, Stimmungen, schließlich Kampfvorstellungen zu entstehen,
daß immerhin eine regelmäßige bundesweite Koordination der einzelnen Gruppen
ermöglichte. Diese Koordination trifft sich monatlich einmal um an einer Weiterführung
des Kampfes in den weißen Fabriken zu diskutieren und in dieser Koordination
den Einfluß den ÖTV und sonstiger Interessenvereine, wie Parteien, weitgehend
zurückzudrängen.
“O.K., der Sommer gehört den
Arbeitgebern, der Herbst und Winter uns..." signalisiert die Stimmung
in dieser Koordination.
Das große
Murren
Wenn sich alle bürgerlichen
Kräfte friededenspflichtigen Hände schütteln, wenn da pflichtbewußt und entspannt
in die Kameras gelächelt wird, wenn überall in den diversen Chefetagen der
Gewerkschaften und der Arbeitgeber einmütige Zufriedenheit herrscht, wenn
die Zeitungen unisono in den Chor der Glückserfüllten einstimmen und wenn
sogar die TAZ sich an bewegtere Zeiten erinnert und zu so flappsigen Worten
greift wie “einfach umwerfend“ (mal ehrlich, wann ist die Sprache der TAZ
so euphorisch als dann, wenn es um eine rot-grüne Regierungsbildung geht,
um einen grünen Parteitag oder um einen Tarifabschluß);
Dann scheint etwas beschwichtigt
werden zu müssen, eingedämmt, was gerade zu Fließen begann, stummgemacht,
was sich auszudrücken lernte.
Diese Situation entstand nach
dem Tarifabschluß den ÖTV im Gesundheitswesen. Während linke und rechte und
mittlere Presse (und die drunter und drüber Presse auch) den “Sieg“ feierten,
begann an der so gebeutelten Basis das große Murren. Eine grundlegende Änderung
der Arbeitsbedingungen liegt in weiter Ferne. Die einstufige Höherbezahlung
bedeutet nur für einen Bruchteil der Menschen in den weißen Fabriken eine
spürbare Besserbezahlung. Für die meisten gibt es etwa DM 100,- brutto mehr.
Ein Murren wird laut, ein
Diskutieren und Grummeln, von dem nicht abzusehen ist, wohin es führen kann.
Als Beispiel dafür ein Zitat
aus dem Flugblatt der Koordination zum Tarifabschluß.
“Nur Trippelschnitte wurden
getan, “für viele nichts, für wenige zu wenig“. Ein Bewährungsaufstieg wurde
erreicht, der viele Probleme aufwerfen wird. Im Gegensatz zum Zeitaufstieg
wird den Arbeitgebern die Möglichkeit gegeben, durch Abmahnungen unbequemen
Mitarbeitern den Aufstieg zu verwehren. Außerdem wird durch die Nichtanrechnung
des Erziehungsjahres die Frau wieder einmal benachteiligt. Die unterschiedliche
Dauer der Bewährung führt zusätzlich zu einer Spaltung des Personals, die
Solidarität wird zerstört.
Der Vorzeigeaufstieg von eineinhalb
KR-Stufen (von 4 nach 5a) wird nur von einigen Pflegekräften erreicht.
Durch die viel zu niedrige
Grundvergütung müssen viele Schwestern verstärkt in den Schicht- und Nachtdienst
flüchten, um durch die Schichtzulage von 70,-- DM brutto und die Zeitzuschläge
(Nacht, Sonn- und Feiertagsarbeit) ihr Einkommen zu verbessern.
Die gesundheitliche Belastung
wird damit noch mehr vergrößert, die Gesundheit des Pflegepersonals verkauft.“
Die Frage ist die, ob die
unter dem Gängelband der ÖTV gemachten Erfahrungen umgesetzt werden können,
innerhalb einen eigeninitiativen bundesweiten Organisierung. Inwieweit entwickelt
sich die Koordination zu einen Ersatzgewerkschaft, die wieder nur Interessen
vertritt und die einzelnen Aktionsgruppen bevormundet oder aber zu einer wirklichen
Koordination, die die unterschiedlichen Ansätze und Kämpfe koordiniert?
Wie wird die Politik der ÖTV
aussehen, wenn sie merkt, daß ihr die Felle davonschwimmen?
Fragen, die sich für die GesundheitsarbeiterInnen
im Herbst stellen werden.
Was den Aktionsausschuß anbelangt,
so ist es um ihn erwartungsgemäß still geworden. Altmann ist müde, ausgepumpt.
Von Streik und Aktionen, die eigentlich jetzt genauso weiter laufen müßten,
ist natürlich keine Rede mehr. Mann hat ja das bestmögliche im Sinne der ÖTV
getan.
Altmann fiel zu der Situation
nach den Tarifverhandlungen nur ein, "man müsse von den städtischen Krankenhäusern
nun einen Zuschlag für das Personal fordern.“ Ein kleiner Ausgleich für den
miesen Tarifabschluß soll damit geschaffen wenden.
Daß mit so einer Regelung
das Pflegepersonal in Frankfurt gespalten werden würde, berücksichtigt Altmann
entweder gezielt, oder aber es fehlt ihm tatsächlich der Weitblick, was so
eine Regelung für zukünftige Arbeitskämpfe für Folgen hätte.
Wenn also überhaupt Impulse
für Arbeitskämpfe hier in Frankfurt ausgehen, dann wahrscheinlich von der
Koordination. Der Aktionsausschuß ist fest in die Abhängigkeit von ÖTV- und
Parteivertretern geraten.
Zum Schluß möchte ich noch
darauf hinweisen, daß die Zeitschrift Wildcat in ihrem Ausgabe Nr. 47 den
Versuch einer Analyse dem Gesamtbewegung unternimmt. Auf die Fragen, die dort
aufgeworfen werden (z. B. inwieweit die Forderungen des Stationspersonals
nach “besseren“ Arbeitsbedingungen denn Umstrukturierungsplänen des Managements
entgegenkommt, welche Rolle das Krankenhaus gesamtgesellschaftlich spielt,
wie überhaupt in der zersplitterten Situation im “Gesundheitswesen“ ein Arbeitskampf
organisiert werden könnte), möchte ich nochmal ausdrücklich verweisen, da
dort eine übergeordnete Gesamt-Rückschau versucht wird, die ich mit diesem
Artikel nicht leisten wollte.
Als letzten Satz dieses Artikels
nochmals eine Überschrift aus einem Flugblatt der Koordination. Ich hoffe,
daß sich die “Wiederaufnahme“ organisieren läßt.
"‘Wir fordern die sofortige
Kündigung des Tarifvertrages und die Wiederaufnahme des Kampfes."
Sumsel Bobbek